Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/unitymedia-upgrade-beim-kabelstandard-downgrade-bei-fritz-os-2002-146351.html    Veröffentlicht: 11.02.2020 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/146351

Unitymedia

Upgrade beim Kabelstandard, Downgrade bei Fritz OS

Der Kabelnetzbetreiber Unitymedia stellt sein Netz derzeit auf Docsis 3.1 um. Für Kunden kann das viel Arbeit beim Austausch ihrer Fritzbox bedeuten, wie ein Fallbeispiel zeigt.

Der neue Übertragungsstandard Docsis 3.1 ist eigentlich eine feine Sache. Surfen mit Gigabit-Geschwindigkeit wird dadurch im Kabelnetz Realität. Doch vor dem schnellen und zuverlässigeren Internetanschluss steht in der Regel ein Tausch des Kabelrouters. Dass ein Umstieg von der Fritzbox Cable 6490 auf die Fritzbox Cable 6591, wie von Golem.de getestet, nicht immer problemlos möglich ist, zeigt ein Fallbeispiel von Unitymedia. Da mittel- und langfristig alle Kunden auf Docsis 3.1 umgestellt werden, können vielen Nutzern solche Probleme drohen.

Ein Kunde erhielt im November 2019 von Unitymedia unaufgefordert eine Fritzbox Cable 6591 im Austausch für die vorhandene und voll funktionsfähige Fritzbox Cable 6490 zugesandt. Der Kunde ist ein erfahrener und auch privat technikversierter IT-Dienstleister, der mit dem Autor seit Jahren in fachlichem Austausch steht. Im Begleitschreiben erfuhr er, dass der neue Router binnen zehn Tagen einzurichten sei, da der alte Router dann deaktiviert werde. Der alte Router müsse binnen 14 Tagen zurückgeschickt werden, da andernfalls der Restwert von über 100 Euro dem Kundenkonto belastet werde.

Zwangstausch auf Fritzbox Cable 6591

Eine Weigerung, den neuen Router anzunehmen, oder ein Rücksprung auf die Fritzbox Cable 6490 ist nach einem Schreiben des Anbieters (siehe Bild) nicht möglich. Ein Tausch der Fritzbox ist final. Wenn die Fritzbox Cable 6591 angeschlossen und provisioniert wurde, deaktiviert Unitymedia unmittelbar die alte Box im System für Telefon und Internet (MAC Adressfilterung). Kunden, die eine neue Fritzbox Cable 6591 Box erhalten und nicht anschließen, stellen fest, dass die vorhandene Fritzbox Cable 6490 auch ohne Tausch nach zehn Tagen deaktiviert wird.

In seiner Stellungnahme auf eine Anfrage von Golem.de schreibt Unitymedia: "Im Zuge der Netzmodernisierung führen wir auch bei Bestandskunden den Tausch auf ein aktuelles Modem durch, so dass alle Kunden von dieser Maßnahme profitieren können. Betroffen sind die Fritzbox-Modelle 6591 (derzeit mit Fritz OS 07.03) und 6490 (derzeit mit Fritz OS 07.10.)."

Es ist also davon auszugehen, dass dieser Zwangstausch künftig viele Kunden betrifft. Unitymedia-Kunden wird die Fritzbox Cable 6591 inzwischen auch als Komfort-Option angeboten. Dies war jedoch im Fall des oben erwähnten Kunden nicht Anlass des Tauschs. Eine höhere Leitungsgeschwindigkeit oder Vertragsänderung wurde nicht vorgenommen. Nach Aufklärung durch den Unitymedia-2nd-Level-Support "sei jedoch das Docsis 3.0 im örtlichen Verteiler im QAM 256 Downstream überlastet". Hier hoffte der Anbieter Unitymedia wohl durch den Wechsel auf Docsis 3.1 auf Besserung.

Hinterlässt das Ganze auf Grund der engen Fristen und des Zwangstauschs möglicherweise durchaus einige Irritationen, könnte ein Kunde sich mit dem Gedanken: "Prima, durch den Umstieg auf Docsis 3.1 wird mein Internet schneller" trösten.

Firmware-Downgrade bedeutet großen Aufwand

Aktuell stehen Unitymedia-Kunden nach dem Zwangstausch ihres Kabelrouters allerdings vor der unschönen Situation, dass die neue Fritzbox Cable 6591 ein gebrandetes Fritz OS 7.03 hat, während die alte Fritzbox Cable 6490 bereits auf einem gebrandeten Fritz OS 7.10 lief. Das führt beim Wechsel des Kabelrouters und möglicherweise auch im weiteren Betrieb zu Problemen.

Beim Wechsel von der alten auf die neue Fritzbox kann deren Konfiguration übertragen werden. Naheliegend wäre daher, diese aus der alten Cable 6490 zu exportieren, die neue Cable 6591 anzuschließen und dort die gesicherte Konfiguration zu importieren. Dieser Plan scheitert allerdings daran, dass die Übernahme einer alten Sicherung der gebrandeten Unitymedia Cable 6490 in eine neue gebrandete Cable 6591 nicht möglich ist.

Probleme beim Umstieg auf die neue Fritzbox

Unitymedia gibt auf Anfrage in einer Stellungnahme an: "Die Wiederherstellung der Sicherungsdatei (Backup & Restore) von einer neueren Fritz-OS-Version auf eine ältere ist, wie im Forum bemerkt, derzeit leider nur auf kleineren Umwegen möglich. (Selektives Wiederherstellen)." Das besagt aber nichts, denn Betroffene stellen fest: Eine selektive Wiederherstellung eines Fullbackups ist nur auf ungebrandeten Boxen, beziehungsweise bei gleicher oder höherer Fritz-OS-Version auf dem Zielgerät möglich. Dazu schreibt der Betroffene: "Die [Unitymedia] Box ist offenbar so customized, dass ein partielles Backup nicht möglich ist und somit auch kein Restore. Ein partielles Backup ist wohl nur auf ungebrandeten Fritzboxen möglich, um dies dann woanders einzuspielen."

Ohne sauberes Backup und Restore ist die Übernahme komplexerer Funktionen faktisch unmöglich. Unitymedia-Kunden, die auf Docsis 3.1 bei einer 400 MBit oder 1 GBit-Leitung umgestellt werden, gehören, auch auf Grund der Kosten für den Vertrag, eher zu den Power-Usern (beim betroffenen Kunden etwa 150 bis 200 GByte pro Monat). Da ist die simple händische Übernahme der Konfigurationsdaten nicht in zehn Minuten erledigt. Der betroffene Kunde gibt an, dass er als IT-Dienstleister bei einigen Installationen gut und gerne vier bis fünf Stunden zur Einrichtung komplexerer Fritzbox-Konfigurationen (VPN mit Routing, Firewalling, WLAN Repeater, WLAN und LAN MAC-Reservierung, Geräte-Benennung, Smart Home / IoT und Berücksichtigung von VLANs) veranschlagen muss. Das ist bereits der erste Nachteil der Aktion "Zwangstausch des Kabelrouters".

Firmware-Downgrade für Nutzer problematisch

Das Downgrade der Fritz-OS-Firmware von Version 7.10 auf die Version 7.03 bei der neuen Fritzbox Cable 6591 hält für einige Kunden aber noch weitere Überraschungen der negativen Art bereit. Geht man die Änderungen in Fritz OS 7.10 (auf dieser AVM-Seite als Changelog abrufbar) durch, listet AVM eine lange Liste an Fixes und Verbesserungen gegenüber der Vorgängerversion auf. Das reicht vom WLAN Mesh Steering für Geräte über die Unterstützung für SIP-Anlagenanschlüsse (SIP-Trunk) oder DECT-Türsprechanlagen bis hin zu Fehlerbehebungen bei VPN-Einstellungen, Portfreigaben und der Telefonie.

Der erwähnte Kunde kann beispielsweise bestimmte Geräte seit dem Wechsel der Fritzbox nicht mehr zuverlässig betreiben, weil Fritz OS 7.03 dies nicht zulässt. Seit dem Tausch treten durch die ältere Firmware Probleme beim WLAN-Steering und Mesh wegen des automatischen Wechsels zwischen dem 2.4- und 5.0- GHz-Band auf. Diese werden im Changelog der ungebrandeten Fritzbox für Fritz OS 7.12 konkret als behoben aufgeführt.

Auf Anfragte teilte Unitymedia dazu mit: "Wir werden die von Ihren Lesern angefragten Fritz-OS-Versionen voraussichtlich im ersten Quartal 2020 ausrollen." Wohlgemerkt: Die Fritzbox Cable wurde im November 2019 ausgetauscht, während Unitymedia hofft, die aktualisierte Fritz-OS-Version noch bis Ende März 2020 freigeben zu können.

Telefoniestörungen

Der betroffene Kunde dokumentiert bei seinem Internet-Telefonanschluss "Bursts", die bei HD- beziehungsweise regulärer Internettelefonie oft zu starken Gesprächsstörungen im eingehenden Kanal führen.

Unitymedia bekommt diese Störungen trotz gründlichen Technikereinsatzes und nochmaligen Austauschs der Fritzbox und der Verlegung auf einen neuen VoIP-Switch-Port und intensiver 2nd-Level-Analyse nicht in den Griff. Die Aussage der Technik lautete: "Wenn wir eine Referenz für eine perfekt eingepegelte und einstrahlungsarme Docsis-3.0/3.1-Leitung (Layer 1+2) benötigten, würden wir Ihre nehmen." Aktuell ist aber unklar, ob die Störungen auf die Fritz-OS-Version und die Fritzbox-Kabel oder den Unitymedia-Kabelanschluss zurückzuführen ist.

Warum der eigene Router problematisch sein kann

Es gibt zwar die freie Routerwahl in Deutschland und häufig wird geraten, eine eigene Fritzbox ohne Branding zu verwenden. Dies ist zwar technisch möglich und ermöglicht auch schnellere Fritz-OS-Firmware-Upgrades. Dieser Schritt würde mehrere, oben skizzierte Probleme wohl beheben, will aber gut bedacht sein. Der betroffene Unitymedia-Kunde schreibt dazu: "Unitymedia leistet [für die eigenen Fritzboxen] kostenfreien Austausch, wie hier aus internen technischen Gründen oder nach dem Supportende durch AVM oder bei Defekten. Unitymedia übernimmt auch die Gewährleistung für den Netzbetrieb. Gibt es Störungen mit Internet und Telefon, endet die Gewährleistung für das Netz beim Übergabepunkt (Hausverteiler), also vor der eigenen Fritzbox."

Da der vom Zwangstausch betroffene Kunde über technische Probleme (Verbindungsabbrüche, Störung eingehender Gespräche) im Unitymedia-Kabelnetz berichtet, fällt er bei jedem Ereignis, das einen Technikereinsatz auslöst, in die Beweispflicht, dass es nicht am eigenen Router liegt. Und ständig droht dann, dass der Technikereinsatz separat in Rechnung gestellt wird.

Dies ist keine Lösung für ihn. Der Anschaffungspreis eines Kabelrouters liegt bei etwa 230 Euro mit 5 Jahren AVM-Support. Andererseits enthält die Unitymedia-Telefonie-Komfort-Option (5 Euro monatlich) die Miete für die Fritzbox und würde beim Einsatz eines eigenen Routers nicht entfallen. Denn die kostenpflichtige Komfort-Option ist generell erforderlich um SIP (VoIP) mit einer (eigenen) Fritzbox nutzen zu können. Der Kunde trüge also die doppelten Kosten (Kauf und Miete) und könnte die Fritzbox Cable beim Wechsel des Internetanbieters nicht weiterverwenden.  (gb)


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