Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/data-scientist-ein-mann-der-mit-daten-leben-retten-will-2002-146340.html    Veröffentlicht: 06.02.2020 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/146340

Data Scientist

Ein Mann, der mit Daten Leben retten will

Senfgelbes Linoleum im Büro und weniger Geld als in der freien Wirtschaft - egal, der Data Scientist Danilo Schmidt liebt seinen Job an der Charité. Mit Ärzten entwickelt er Lösungen für Patienten. Die größten Probleme dabei: Medizinersprech und Datenschutz.

Programmierern, die Büros mit Cocktail-Freitagen gewöhnt sind, kommt der Arbeitsplatz von Danilo Schmidt sicher deprimierend vor. Er sitzt in einem Krankenzimmer der Berliner Charité mit Neonröhren und senfgelbem Linoleum. Das Zimmer wurde irgendwann einmal für Patienten eingerichtet, dann zog die IT-Abteilung ein.

Schmidt stört das nicht. Auch nicht, dass er weniger verdient als viele Machine-Learning-Kollegen in der freien Wirtschaft. Ihm sei wichtig, dass seine Arbeit Schwerkranken helfe. "Wir wollen heilen. Die Vermarktung unserer Programme ist bei uns kein Thema", sagt er. "Wenn ich etwas programmiere, mit dem die Ärzte besser arbeiten, kommt es den Patienten zugute. Und sei es nur, dass sie kürzer warten."

Danilo Schmidt bringt seine Ideen ein, koordiniert die Projekte und programmiert sie zum Teil selbst. Erfolge teilt sein Team öffentlich mit anderen Forschern. Rund 130 IT-Spezialisten arbeiten mit ihm an Projekten, die bei Erfolg auf den bundesweiten Maßstab skaliert werden könnten. So wurden wohl auch ITler des Gesundheitsministeriums auf Schmidt aufmerksam.

Ärzte und Programmierer sprechen verschiedene Sprachen

Danilo Schmidt besitzt die stoische Freundlichkeit, die es braucht, wenn man in einem bürokratischen Apparat wie einer Klinik neue Technik einführen will. "Früher war ich immer erreichbar und habe Probleme auch aus den Urlauben gelöst", sagt er. Stolz fügt er hinzu, dass er auf seiner letzten Reise nur selten reagieren musste, weil seine Projekte in den vergangenen zwei Jahren "Laufen gelernt haben".

In seiner Elternzeit war Schmidt zwei Monate mit einem alten VW-Bus zum Wellenreiten an der Atlantikküste unterwegs. "Da konnte ich dann auch fast die gesamte Zeit die Projekte mal vergessen. Ein, zwei Anrufe kamen dann doch, aber das hat mich nicht weiter gestört."

Jetzt steckt er allerdings schon wieder knietief in Arbeit. Mit geduldigem Lächeln erklärt er das komplexe Geflecht aus ineinander verwobenen Digitalisierungs-Arbeitsgruppen. Der Data Scientist ist IT-Leiter der "Digitalen Nephrologie". Patienten, die eine neue Niere bekommen haben oder auf Transplantationen warten, befinden sich in seiner unmittelbaren Nähe. So sitzt er direkt an den wertvollen Daten und sieht, wo welche Technik für sie Sinn ergibt. "Am wichtigsten ist dabei, die Sprache der Ärztinnen und Ärzte zu sprechen", sagt er. "Neue Programmierer müssen das erst lernen. Das sind zwei unterschiedliche Sprachwelten."

Schmidt arbeitet seit über zwanzig Jahren an der Klinik und spricht fließend Mediziner-Deutsch. Besonders schwer ist es, die Ärzte dazu zu bewegen, Daten in nutzbarer Form festzuhalten: "Wir mussten lernen, dass das im Routinebetrieb schwierig ist, weil Ärzte lieber frei in ihren Formulierungen sind. Also suchen wir nach Kompromissen."

Ärzte wissen zwar, was sie im Alltag brauchen, das aber in technischen Lösungen zu denken und den Informatikern so mitzuteilen, dass diese daraus Programme entwickeln können, ist nicht immer leicht. Sie bewegen sich eben nicht in standardisierten Mustern durch das Krankenhaus, sondern sind zum Teil sehr unterschiedliche Persönlichkeiten mit ihren ureigenen Arbeitsmethoden. Während die Mediziner außerdem gerne in natürlicher Sprache Arztbriefe verfassen und Diagnosen dazu in ihr Diktiergerät sprechen, sind Informatiker auf knappe, immer einheitliche und an der gleichen Stelle vermerkte Informationen angewiesen.



Sein Interesse für Medizin-Daten kam bei Schmidt mit dem Studium. Er lernte an der Berliner Humboldt-Universität am Lehrstuhl für künstliche Intelligenz, als er für ein Seminar an die Charité kam. Schon damals arbeitete er mit seinem Professor an Methoden, um Daten im Routinebetrieb zu erfassen. Heute will Schmidt unter anderem über Schnittstellen erreichen, dass Blutdruck-Informationen genauso formatiert werden wie das Gewicht, das beim Wiegen gemessen wird.

Sein Traum: ein global einheitliches Gesundheitsdatenmodell. Sorgsam archivierte Informationen zu Krankheiten erlauben Medizinern nämlich präzise Vorhersagen, etwa ob ein Patient nach einer Prostata-OP noch potent ist. Doch oft liegen Arztbriefe als PDF vor und müssen mit Methoden wie Text-Mining mühsam erschlossen werden. Demnächst könnte es einen simplen Weg geben: Per Zuruf sollen Ärzte ihre Diagnosen in einem Sprachverarbeitungssystem automatisch im richtigen Format an passender Stelle abspeichern können.

Der Code, der genutzt wird, um die Daten zu vereinheitlichen, heißt SNOMED-CT. Es gibt ihn schon seit einigen Jahren und er bietet eine gute Grundlage, um Daten auch international lesbar zu machen. Die Charité-IT ist außerdem dabei, den klassischen Arztbrief neu zu konfigurieren, damit er die Anforderungen des International Patient Summary erfüllt. Darüber werden sie über Ländergrenzen hinweg nutzbar.

Regierungseigene IT-Firma hospitiert bei Schmidt

In der Nephrologie der Charité existiert bereits seit 20 Jahren eine elektronische Patientenakte, wie sie ab 2021 bundesweit angeboten werden muss. Darin vermerkt sind Medikamente, Anamnesen, Behandlungsdaten und Laborwerte sowie spezielle Daten zur Nierentransplantation oder seltenen Erkrankungen.

Da das Charité-Modell gut funktioniert, haben andere Kliniken bereits Interesse angemeldet - und das Ministerium für Gesundheit schickt in den kommenden Monaten Vertreter der hauseigenen IT-Firma Gematik zu Schmidt, um bei ihm zu hospitieren. Diese sammelt gerade bundesweit Informationen darüber, wie Anwendungen in Projekten funktionieren, um sie bei Erfolg im großen Stil zu übernehmen.

So wurde die Charité eine Art unfreiwilliges Labor der Digitalisierungsvorhaben des Gesundheitsministeriums. "Natürlich ist das alles in unserer kleinen, abgeschlossenen Welt unserer Projekte entstanden und nicht vergleichbar mit der Gematik, die Technik für ganz Deutschland entwickelt. Das ist vielleicht auch unser Vorteil - die Frage ist dann nur, wie und ob man es skaliert", sagt Schmidt.

Den Informatikern der Gematik dürfte bei ihrem Praxis-Check neben dem Problem der Datenvereinheitlichung folgende Hürde auffallen: die nicht unbegründete Angst der Patienten um ihre sensiblen Daten. Diese führt in einigen Fällen dazu, dass sie die freiwillige Datenabgabe verweigern.

"Ärzte würden sich gerne darauf verlassen, dass sie alle für sie relevanten Informationen in der Akte vorfinden, auf die sie sich im Zweifel bei Entscheidungen verlassen müssen", sagt Schmidt. Doch solange die Bundesregierung ihren Bürgern nicht glaubhaft Sicherheit der Daten garantieren kann, müssen die Mediziner sich wohl erst einmal mit einer lückenhaften Dokumentation zufriedengeben. Aber nicht alle sehen die Datenerfassung skeptisch, wie Danilo Schmidt im Klinikalltag beobachten konnte. "Chronisch Kranke haben großes Interesse daran, damit man sie optimal therapieren kann", sagt er.

"Dafür liebe ich meinen Job"

Neben der elektronischen Patientenakte arbeitet Schmidt an einem Alarmsystem, das Leben retten soll: Das MACSS-Projekt nutzen vor allem Patienten, die eine Niere transplantiert bekommen haben und eine komplizierte Therapie einhalten müssen, damit das Organ nicht abgestoßen wird. Ein britischer Open-Source-Algorithmus diente als Grundlage. Genutzt werden Daten aus der Health-Data-Plattform, einem zentralen Sammelbecken für alle Patienten- und Forschungsdaten der Charité. "Wir wollen in die Hosentasche der Patienten - sie sollen uns per Smartphone Vital-Daten zuschicken. Bisher kamen sie vierteljährlich zur Visite. Wenn sie dort berichten, sie haben seit Tagen erhöhte Temperatur, ist es schon zu spät."

War es früher schwierig, die stark frequentierte Ambulanz telefonisch zu erreichen, haben sie mit dem Programm einen direkten Draht und können über ein Chatprogramm kommunizieren. Das Telemedizin-Team der Charité kontaktiert die Patienten, sobald etwas nicht stimmt, Risikofaktoren werden berechnet und Menschen zum Arztbesuch aufgefordert.

"Das ist das Wichtigste, wenn ich sehe, dass ich den Menschen helfe, behandelt zu werden, solange es noch gute Heilungschancen gibt", sagt Schmidt. "Ich habe schon häufiger erlebt, dass sie nur wegen des Alarms rechtzeitig gekommen sind. Dafür liebe ich meinen Job." In Zukunft soll das Programm auch eine Sepsis oder Blutzuckerentgleisungen erkennen.

Mit Tablet im Wartezimmer

Ein weiteres Projekt, an dem Schmidt gerade arbeitet, ist das "Smart MD-System", das Ärzten helfen soll, seltene Krankheiten zu erkennen. Patienten bekommen schon im Wartezimmer ein Tablet, auf dem sie Fragen über ihre Symptome beantworten - und der Arzt sieht auf seinem Desktop eine Analyse, was nach Lehrbuch die wahrscheinlichste und welche die häufigste Krankheitsursache ist, welche ähnlichen Fälle es bereits gegeben hat und wie diese behandelt wurden.

Dadurch sollen seltene Krankheiten, die oft übersehen wurden, besser berücksichtigt werden. Die IT-Experten der Charité sehen in ihren Digitalisierungsprojekten auch eine Demokratisierung der Medizin. "Patienten haben auch auf dem Land Zugang zu Informationen. Sie gehen dadurch eher zum Arzt. Wenn es dazu noch eine Schnittstelle gibt, weiß dieser schon, warum jemand schnell einen Termin braucht, bevor er oder sie vorgesprochen hat", sagt der Experte. Das spart Zeit und Patienten bekommen schneller Termine.

Im Kleinen hilft sie also schon, die Technik, die Danilo Schmidt seit 20 Jahren für die Patienten entwickelt. In ein paar Wochen bekommt er die Chance, den Informatikern des Ministeriums zu zeigen, worauf es im echten Leben wirklich ankommt. Darauf freut er sich schon.

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