Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/cirrus7-incus-a300-im-test-lautloses-ryzen-genie-aus-deutschland-2001-146202.html    Veröffentlicht: 27.01.2020 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/146202

Cirrus7 Incus A300 im Test

Lautloses Ryzen-Genie aus Deutschland

Passiv gekühlt aus heimischer Produktion: Wer den Incus A300 von Cirrus7 kauft, erhält einen Ryzen-basierten Mini-PC, der durchweg lautlos arbeitet. Besonders die clevere Kühlung ist außergewöhnlich - neben APU und Spannungswandlern hält sie auch zwei SSDs auf Temperatur.

Mini-PCs haben sich längst etabliert, es gibt sie in fast allen denkbaren Varianten. Was in den vergangenen Jahren kaum zu finden war, sind kleine Systeme mit AMD-Chips, zumindest abseits von Thin-Clients für Büros. Mit den aktuellen Ryzen-Modellen jedoch nimmt die Anzahl der kompakten Rechner wieder zu, mit dem Asrock Desk Mini A300 (Test) existiert sogar ein 2-Liter-Mini. Im Betrieb ist der aber nicht lautlos, selbst mit teurem Kühler.

Ganz anders der Incus A300 von Cirrus7, einem deutschen Hersteller mit Sitz im württembergischen Esslingen: Der basiert auf der Hardware des Desk Mini A300, steckt diese in ein vor Ort gefertigtes Gehäuse und kühlt alle relevante Hardware passiv und somit lautlos. Cirrus7 verkauft den Mini-PC in zwei Versionen: Eine misst 195 x 169 x 92 mm und ist für 35-Watt-APUs ausgelegt, das mit 195 x 169 x 124 mm breitere Modell hat mehr Aluminiumlamellen für 65-Watt-Prozessoren. Wir haben uns die größere näher angeschaut und sind von der Leistung sowie von den Detaillösungen ziemlich angetan.

Die Grundidee ist bei beiden Modellen die gleiche, nur der Materialaufwand für das 65-Watt-Gehäuse fällt aufgrund der vier zusätzlichen Lamellen höher aus. Die technische Basis bildet das Asrock A300M-STX, eine Hauptplatine im seltenen Mini-STX-Format mit dem Sockel AM4 für Athlon- und Ryzen-Prozessoren. Das System weist zwei SO-DIMM-Slots für Arbeitsspeicher, zwei NVMe-Steckplätze und zwei Montagepunkte für 2,5-Zoll-Laufwerke auf.

Beginnen wir außen: Aufgrund des Asrock A300M-STX finden sich an der Front zwei USB-3.0-Ports auf, einen als Type A und einen als Type C. Hinzu kommen Klinke für ein Mikrofon und für einen Kopfhörer. Ein blau beleuchteter Power-Button rundet die Vorderseite ab - ohne den wüssten wir nicht, ob das System tatsächlich läuft. Im Vergleich zum Asrock Desk Mini A300 steht die Platine übrigens auf dem Kopf.

An der Rückseite befinden sich der Anschluss für das externe 120-Watt-Netzteil von Acbel, ein Dislayport 1.4 und ein HDMI 2.0a für 4K-Fernseher oder Monitore mit hoher Frequenz, ein guter alter VGA-Port, der RJ-45 für Gigabit-Ethernet, ein weiterer USB-3.0- und ein USB-2.0-Anschluss, eine Öse für ein Kensington-Schloss und die beiden Schraubanschlüsse für die WLAN-Antennen, sofern ein passendes Kärtchen montiert wurde.

Die generelle Verarbeitung des Incus A300 ist hochwertig, die Kanten sind zwar kantig, aber sauber entgratet. Mit 4,75 kg sitzt das Gehäuse mit seinen beiden Gummifüßen stabil auf dem Tisch. In die Hand genommen ruht es satt in dieser - ein gutes Gefühl. Wir hätten uns vorne eine tiefere Einfassung der jeweiligen Ports gewünscht, weil diese jedoch anders als hinten nicht über den Platinenrand hinausragen, dürfte das kaum möglich sein.

Eine Montage oder das Aufrüsten des Mini-PCs gestaltet sich überraschend einfach, wobei uns das clever designte Innenleben viel Freude bereitet hat.

Durchdacht, lautlos, kühl genug

Um den Incus A300 zu öffnen, reicht es, die sich näher an den Anschlüssen befindliche Seitenwand durch Entfernen der vier TX20-Torx-Schrauben abzunehmen. Darunter befindet sich eine Halterung für zwei 2,5-Zoll-Sata-HDD/SSDs, die jeweils per mitgeliefertem Kabel an die Hauptplatine angeschlossen werden - die Strippen liefern Daten und Strom. Die Metallplatte ist mit zwei TX20-Schrauben fixiert, sie fungiert mittels Wärmeleitpad als Kühlung für eine M.2-SSD, wenn diese auf der Rückseite des Mainboards montiert ist. Obacht: Das Asrock A300M-STX läuft nur mit NVMe-M.2-Modellen.

Die Platine ist mit einer mächtigen Backplate verschraubt, erneut hilft ein TX20-Bit. Dann braucht es ein bisschen Fingerspitzengefühl, weil der Prozessor durch die Wärmeleitpaste am Kühler kleben kann - Stichwort Adhäsionskraft - und das Board nur schräg aus dem Gehäuse entnommen werden kann. Toll: Der sehr große Heatspreader bedeckt nicht nur den Chip, sondern auch die Spannungswandler und die zweite NVMe-M.2-SSD vorne auf der Platine, sofern verbaut.

Liegt das Board frei, können wir den den Sockel-AM4-Prozessor wechseln (es sollte eine APU mit integrierter Grafik sein!), den Arbeitsspeicher erweitern oder das M.2-2230-WLAN-Kärtchen tauschen. Vor allem aber ist der Blick frei auf die Kühlkonstruktion: Cirrus7 verzichtet auf Heatpipes, da gerade Sinter-Modelle selten weder absolut glatt noch rund sind, und sie müssen für idealen Wärmetransport eine Mindestlänge aufweisen. Stattdessen verwendet der Hersteller einen großen Block aus Aluminium, in den fünf Kupferstäbe in Passungen eingepresst sind. Das Quintett beginnt einen Millimeter über dem Chip, so dass dessen Hitze an den Stäben entlang transportiert wird.

Auf die Stäbe sind mehrere Aluminium-Lamellen gesteckt, die zugunsten von knapp einem Drittel mehr Leistung gelocht sind - die Perforierung unterstützt trotz Oberflächenverlust die Kühlung durch Luftverwirbelungen und eine bessere Strömung. Um die Wärmeleitung von den Stäben zu den Fins zu verbessern und minimale Unebenheiten auszugleichen, wird Paste verwendet und ein sehr hoher Anpressdruck mittels Verschraubung erreicht. Der Abstand der Lamellen wurde so justiert, dass sich keine Isolationsschicht bildet. Cirrus7 zufolge werden alle Bauteile per CNC-Fräse einzeln in Esslingen produziert.

Unser Testmuster des Incus A300 ist mit einem Ryzen 5 3400G (Test) versehen, der Chip hat laut AMD eine thermische Verlustleistung von 65 Watt. Solange wir nur im Internet surfen, E-Mails schreiben und Musik hören, pendelt sich die Temperatur bei 55 Grad Celsius (Tdie) ein. Erst nach einer Stunde im Render-Betrieb mit Blender steigt sie auf 79 Grad und eine weitere Stunde Prime95 mit Small-FFTs treibt die dann auf 86 Grad.

Auch wenn das Gehäuse fast schon unangenehm warm wird (Hand auflegen klappt noch), die Temperatur des Prozessors und auch der Wandler ist unbedenklich. Belasten wir parallel noch die NVMe-SSD, eine 970 Evo Plus, steigt die auf 91 Grad, das Samsung-Drive aber überhitzt nicht. Das gewählte Szenario dürfte im Alltag sowieso praktisch nie vorkommen.

Solch ein ausgeklügeltes Gehäuse hat allerdings seinen Preis.

Verfügbarkeit und Fazit

Cirrus7 verkauft den Incus A300 als Barebone oder mit vorinstallierter Hardware. Das leere Gehäuse als 45-Watt-Version kostet 200 Euro, das breitere Modell für 65-Watt-Chips wird für 240 Euro angeboten. In diesem Fall müssen sich Interessenten jedoch einen Asrock Desk Mini A300 kaufen, da das Asrock A300M-STX genannte Mainboard leider nicht einzeln verfügbar ist. Cirrus7 gibt drei Jahre Garantie auf den Incus A300.

Wer Hauptplatine samt Prozessor und Speicher schon montiert haben möchte, muss mindestens 500 Euro ausgeben und erhält dafür einen zweikernigen Athlon 200GE und 4 GByte DDR4-2666. Schnellere APUs, bis zu 16 GByte Speicher, bis zu vier SSDS, ac-WLAN und eine Vesa-Halterung kosten entsprechend Aufpreis. Für den Einbau einer Samsung 970 Evo Plus mit 250 GByte Kapazität verlangt Incus rund 100 Euro, einzeln kostet diese mit 80 Euro nicht signifikant weniger.

Fazit

Ganz klar - das Incus A300 ist kein Gehäuse für Jedermann, sondern die Behausung für einen Liebhaber-PC. Der technisch identische Asrock Desk Mini A300 kostet als Barebone inklusive Mainboard nur 140 Euro, dafür gibt es bei Cirrus7 noch nicht einmal das Gehäuse in der 45-Watt-Version. Allerdings benötigt der Desk Mini A300 eine aktive Kühlung und die ist selbst mit teuren Modellen nie lautlos und durch die Mesh-Struktur der Seitenwände anfällig für Staub.

Der Incus A300 ist absolut still und sein Innenleben so clever aufgebaut, dass es neben dem Prozessor und den Spannungswandlern auf dem Mainboard auch noch zwei SSDs auf Temperatur hält. Im Alltagsbetrieb sind diese niedrig und das Gehäuse fühlt sich kalt an, erst unter (unrealistischer) Dauerlast schnellen die Werte nach oben ohne jemals kritische Regionen zu erreichen. Wer einen ungewöhnlichen und vor allem lautlosen sowie aufrüstbaren Desktop-Mini sucht, wird beim Incus A300 definitiv fündig ... wobei uns ja eine mattschwarz eloxierte Version noch besser gefallen würde.  (ms)


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