Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/gesichtserkennung-us-firma-baut-heimlich-datenbank-mit-milliarden-fotos-auf-2001-146138.html    Veröffentlicht: 19.01.2020 21:57    Kurz-URL: https://glm.io/146138

Gesichtserkennung

US-Firma baut heimlich Datenbank mit Milliarden Fotos auf

Während automatisierte Gesichtserkennung auch in den USA umstritten ist, nutzen Behörden seit einiger Zeit eine enorme Datenbank für die Fahndung nach Verdächtigen. Die Nutzer wissen nichts vom Einsatz ihrer Bilder.

Eine bislang kaum bekannte US-Firma hat einem Bericht der New York Times zufolge rund drei Milliarden Bilder von Menschen aus dem Internet zusammengestellt, um eine umfassende Datenbank zur Gesichtserkennung zu entwickeln. Im vergangenen Jahr sei der Zugang dazu mehr als 600 Behörden als Service angeboten worden, schrieb die Zeitung am 18. Januar 2020 unter Berufung auf das Unternehmen Clearview AI.

Für die Datenbank seien öffentlich zugängliche Bilder bei Plattformen wie Facebook und Youtube, dem US-Bezahlservice Venmo sowie von Millionen Webseiten eingesammelt worden, hieß es weiter. Eine Sammlung in dieser Dimension würde bisher bekanntgewordene Datenbanken zur Gesichtserkennung übertreffen. Ein solches "scraping" verstößt allerdings in der Regel gegen die Nutzungsbedingungen von Anbietern wie Facebook oder Twitter.

In den USA etwa prüfen die Behörden die Identität der Einreisenden per Gesichtserkennung - greifen dabei aber auf die Bilder zurück, die speziell dazu aufgenommen wurden. Dem Bericht zufolge verfügt das FBI lediglich über 400 Millionen Bilder. Zudem liefere Clearview bessere Ergebnisse.

Peter Thiel als Geldgeber

Das Unternehmen wurde laut New York Times im Jahr 2016 von dem Entwickler Hoan Ton-That und Robert Schwartz gegründet, der auch für den früheren New Yorker Bürgermeister Rudolph Guiliani gearbeitet hatte. Ein Geldgeber war US-Milliardär Peter Thiel. Der Paypal-Mitgründer und Facebook-Investor ist einer der wenigen erklärten Unterstützer von Präsident Donald Trump aus dem Silicon Valley. Sein Sprecher sagte der Zeitung, Thiel habe Clearview im Jahr 2017 mit 200.000 Dollar unterstützt und dafür einen Anteil bekommen. Er sei ansonsten nicht beteiligt. Da Thiel gleichzeitig im Aufsichtsrat von Facebook sitzt, hat er damit ein Unternehmen finanziert, das bewusst gegen dessen Nutzungsbedingungen verstößt. Ton-That habe dazu lediglich gesagt: "Viele Leute machen das, und Facebook weiß es."

Nachdem das Unternehmen zunächst unschlüssig gewesen sei, wozu die Gesichtserkennungssoftware genutzt werden könne, habe die Polizei im US-Bundesstaat Indiana im Februar 2019 einen Test von Clearview gestartet. Dabei seien innerhalb von 20 Minuten mehrere Fälle aufgeklärt worden. So habe die Polizei in einem sozialen Medium das Gesicht eines Verdächtigen gefunden, von dem ein Zeuge bei der Tat ein Video mit seinem Handy aufgenommen hatte. Schwartz habe seine Kontakte zu den Republikanern genutzt, um das Tool bei den Behörden bekanntzumachen.

Treffergenauigkeit von 98,6 Prozent

In einem dreiseitigen FAQ-Dokument (PDF) nennt Clearview eine Treffergenauigkeit von 98,6 Prozent. Das sei "die höchste der Welt" und bedeute, dass es fast nie Falschtreffer gebe. In dem Dokument wird eine Trefferquote von 30 bis 60 Prozent angegeben. Allerdings verspricht Clearview eine Steigerung auf 80 Prozent, da bis Ende 2019 "Hunderte Millionen neuer Gesichter monatlich der Datenbank hinzugefügt werden".

Dem Bericht zufolge spionierte Clearview offenbar der recherchierenden Journalistin der New York Times hinterher, anstatt deren Fragen zu beantworten. Nachdem einige Polizisten auf Bitten der Journalistin mit ihrem Foto in der Datenbank nach Treffern gesucht hätten, seien sie von Clearview-Vertretern mit der Frage angerufen worden, ob sie mit der Presse sprächen. Der Firma zufolge hat die Software nur Alarm wegen ungewöhnlicher Suchanfragen geschlagen. Außerdem räumte Ton-That auf Anfrage der Zeitung ein, dass Clearview auch den Prototyp einer Computerbrille mit Gesichtserkennungsfunktion entwickelt habe - es gebe aber keine Pläne, diese zu vermarkten.

Der Bericht löste schon am Wochenende erste politische Reaktionen aus. US-Senator Ron Wyden, Mitglied der Demokratischen Partei, zeigte sich besorgt und forderte, Amerikaner müssten wissen, ob ihre Fotos heimlich in einer privaten Datenbank landeten.  (fg)


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