Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/radeon-rx-5600-xt-im-test-amds-schneller-als-erwartet-grafikkarte-2001-146122.html    Veröffentlicht: 21.01.2020 15:05    Kurz-URL: https://glm.io/146122

Radeon RX 5600 XT im Test

AMDs "Schneller als erwartet"-Grafikkarte

Für 300 Euro ist die Radeon RX 5600 XT interessant - trotz Konkurrenz durch Nvidia und AMD selbst. Wie sehr die Navi-Grafikkarte empfehlenswert ist, hängt davon ab, ob Nutzer sich einen Flash-Vorgang zutrauen.

Als sich vor einigen Wochen abzeichnete, dass AMD die Radeon RX 5600 XT veröffentlichen wird, war unsere Erwartungshaltung ehrlich gesagt recht nüchtern. Am technisch spannendsten war noch die Frage, ob AMD einen neuen Chip auflegt (Navi 12) oder einen vorhandenen (Navi 10) zurechtstutzt. Am Ende hat uns AMD aber dann doch überrascht - vor allem bei der Performance.

Die Berichte, wonach AMD kurzfristig neue Firmware-Versionen (vBIOS) an die Partner ausgeliefert hat, sind zutreffend. Durch das überarbeitete vBIOS stiegen die Taktraten für Chip und Speicher der Radeon RX 5600 XT teils signifikant, weshalb die Grafikkarte eine Leistung aufweist, die aufgrund der von AMD genannten Spezifikationen so nicht zu erwarten war. Damit ändert sich auch die Positionierung der Grafikkarte im eigenen Portfolio und verglichen mit der Geforce RTX 2060.



Für die Radeon RX 5600 XT verwendet AMD einen Navi 10, also den Chip der Radeon RX 5700 (XT). Der hat 40 Compute Units, was 2.560 Shader-Einheiten entspricht, und ein 256 Bit breites Interface für GDDR6-Videospeicher. Dieser Vollausbau wird jedoch nur bei der Radeon RX 5700 XT verwendet, bei der Radeon RX 5700 hat AMD die Anzahl der CUs auf 36 reduziert und auch die Radeon RX 5600 XT ist so ausgestattet. Mit 1.375/1.560 MHz statt 1.625/1.725 MHz taktet Letztere laut AMD deutlich niedriger - mit den realen Frequenzen haben die Referenzangaben aber nur bedingt etwas zu tun.

Während sich die Radeon RX 5700 und die Radeon RX 5600 XT also bei den Compute Units nicht unterscheiden, setzt AMD zur Diversifizierung beim Interface an: Das wird von 256 Bit auf 192 Bit verkleinert, zudem wird nur GDDR6-Speicher mit 12 GBit/s anstelle von 14 GBit/s angebunden. Die Radeon RX 5700 hat also 448 GByte/s an Bandbreite, was gleich 56 Prozent mehr sind als die 288 GByte/s der Radeon RX 5600 XT.

Mit dem 192-Bit-Interface einher geht eine andere Speicherbestückung: Statt 8 GByte sind es 6 GByte - theoretisch wären auch 9 GByte oder 12 GByte umsetzbar, praktisch aber nicht. Die 6 GByte passen zudem wunderbar zum Speicherausbau der Konkurrenz, denn auch die Geforce RTX 2060 (ohne Super-Zusatz) hat 192 Bit und 6 GByte.

Vorab sagte AMD noch, die Radeon RX 5600 XT sei schneller als eine Geforce GTX 1660 Ti. Erst gestern folgte eine aktualisierte Aussage: Mit dem neuen vBIOS soll die Navi-Karte die Geforce RTX 2060 schlagen, was AMD auch prompt mit intern angefertigten Benchmarks belegt haben will. Für Kunden bedeutet das zweierlei - und damit zur nächsten Seite.

vBIOS mit Besonderheiten

Wann genau die Entscheidung gefallen ist, die Radeon RX 5600 XT mit einer überarbeiteten Firmware auszustatten, wissen wir nicht. Unserem Verständnis zufolge nach einigen Gesprächen mit Branchenvertretern erfolgte die Umsetzung jedoch sehr kurzfristig, etwa ein bis zwei Wochen vor dem heutigen Launch. Für die Partner bedeutet dies, dass diese kaum Zeit hatten, die höheren Taktraten zu validieren und schnell reagieren mussten.

Die uns vorliegende Sapphire Radeon RX 5600 XT Pulse etwa hat zwei vBIOS-Versionen installiert, die jeweils über die 1.375/1.560 MHz Chip-Takt von AMD hinausgehen: Die Silent-Firmware legt 1.460/1.620 MHz an, die ältere Performance-Version kommt auf 1.560/1.620 MHz und erhöht die Speichergeschwindigkeit von 12 GBit/s auf 14 GBit/s. Die neue Performance-Firmware treibt den Takt gar auf 1.615/1.750 MHz bei ebenfalls 14 GBit/s.

Bedingt durch den höheren Takt bei GPU und Speicher und auch mehr Leistungsaufnahme steigen die Anforderungen an die Platine, den verbauten GDDR6-Memory und die Kühllösung. Einige Partner arbeiten daher an Designs mit einer zusätzlichen Heatpipe, andere verzichten aus Timing-Gründen auf 14-GBit/s-Speichergeschwindigkeit. Die meist per Luftfracht verschickten ersten Chargen an Grafikkarten werden daher noch so ausgeliefert wie ursprünglich vorgesehen. Erst die Folgemodelle, die üblicherweise per Seeweg verschickt werden, sind dann bei Frequenzen und gegebenenfalls Kühlung überarbeitet worden.

Sapphire hat die Radeon RX 5600 XT Pulse offenbar so ausgelegt, dass der höhere Chip- und Speichertakt und der gestiegene Energiebedarf keine Probleme verursachen. Kunden stehen jedoch vor einem Dilemma: Nutzen sie die Grafikkarte im Auslieferungszustand oder spielen sie das vBIOS mit den höheren Frequenzen manuell zugunsten von mehr Performance ein? Denn 1.615/1.750 MHz bei 14 GBit/s liefern eine deutlich höhere Leistung als 1.460/1.620 MHz bei 12 GBit/s, wir messen ein Plus von knapp 9 Prozent.

Grundsätzlich ist der Flash-Vorgang einer Grafikkarte simpel, für den Test stellte AMD eine angepasste Version von AtiWinFlash bereit. Mit wenigen Klicks wird das passende vBIOS geladen und aufgespielt, alternativ klappt das ohne GUI per Kommandozeile. Einige Hersteller liefern das vBIOS gleich samt Befehlsskript aus, dann reicht ein einziger Klick. Das Risiko schätzen wir als sehr gering ein, uns ist in all den Jahren - auch damals bei Mods wie dem Freischalten von Pipelines bei einer Geforce 6800 LE - nie eine Karte gestorben.

Seitens der Partner ist der Plan, den Kunden das vBIOS und eine Anleitung an die Hand zu geben. Bei Fragen soll der Support aushelfen und als letzte Möglichkeit kann die Karte für den Flash-Vorgang zum jeweiligen Hersteller geschickt werden. Sollte beim eigenhändigen vBIOS-Aufspielen ein Defekt auftreten, sei dies durch die Garantie abgedeckt. Dennoch: Selbst flashen trauen sich vermutlich längst nicht alle Nutzer zu.

Die RTX 2060 wird überholt

Für unsere Benchmarks verwenden wir einen Ryzen 7 3800X mit 16 GByte DDR4-3200 auf einem X570-Board mit PCIe-Gen4-Unterstützung. Win10 v1909 befindet sich auf einer Corsair MP600 (PCIe-Gen4-NVMe-SSD), auch Anwendungen und Spiele sind dort installiert und auf dem aktuellen Patch-Stand. Als Treiber kommen der Geforce 441.87 und die Radeon Software 20.1.1 zum Einsatz.

In unseren Diagrammen finden sich gleich drei verschiedene Versionen der Radeon RX 5600 XT: Die mit AMD gekennzeichnete Karte entspricht den Referenztaktraten - hier haben wir 1,4 GHz in Spielen simuliert und den Speicher auf 12 GBit/s eingestellt. Das Silent-vBIOS der Sapphire Radeon RX 5600 XT Pulse wiederum erreicht etwa 1,6 GHz und setzt ebenfalls auf 12 GBit/s. Beim Performance-V2-vBIOS der Sapphire Radeon RX 5600 XT Pulse handelt es sich um die von AMD nachgeschobene Firmware mit mehr Takt: Wir messen etwa 1,7 GHz in Spielen und der Speicher läuft mit 14 GBit/s.

Angesichts der 1,6 GHz des Silent-vBIOS der Sapphire Radeon RX 5600 XT Pulse halten wir die von AMD veranschlagten 1,4 GHz Game-Clock zwar für zu niedrig und uns sind keine Partnermodelle bekannt, die tatsächlich so langsam takten. Dennoch haben wir beschlossen, die Werte als Referenz mitaufzunehmen, da sie einen guten Eindruck vermitteln, wo eine solche Grafikkarte landen würde - nämlich leicht hinter der Geforce RTX 2060.

Mit dem Silent-vBIOS hingegen schafft die Radeon RX 5600 XT fast einen Gleichstand zur Nvidia-Grafikkarte, selbst wenn wir den 4K-Einbruch der Geforce RTX 2060 in Wolfenstein Youngblood außen vor lassen. Die Karte mit dem Silent-vBIOS rechnet etwa 6 Prozent schneller als das simulierte 1,4-GHz-Referenzmodell. Dieser vergleichsweise geringe Unterschied lässt sich durch die Speicherbandbreite erklären, denn die ist ja gleich - und unser Parcours profitiert deutlich davon.

Das zeigt sich gut bei der Radeon RX 5600 XT mit Performance-V2-vBIOS, denn hier steigt der reale Takt um 6 Prozent, der Speicher hat aber gleich 17 Prozent mehr Geschwindigkeit. Der Performance-Zuwachs relativ zur Silent-vBIOS-Karte fällt mit 9 Prozent entsprechend anständig aus, die Geforce RTX 2060 wird um 7 Prozent überholt. Um das einzuordnen: Die Leistung ist mit einer Geforce GTX 1080 oder Radeon RX Vega 64 vergleichbar. Eine Radeon RX 5700 bleibt mit durchschnittlich 8 Prozent bis maximal 15 Prozent in Front, was bei über 50 Prozent mehr Bandbreite und gleicher Shader-Anzahl bei ebenfalls real knapp 1,7 GHz Chiptakt aber auch nicht überrascht.

Hinsichtlich der Leistungsaufnahme machen sich die unterschiedlichen Taktraten, mit denen die Sapphire Radeon RX 5600 XT Pulse betrieben wird, ziemlich bemerkbar: Mit Referenztakt sind es unter Last nur 129 Watt, mit dem Silent-vBIOS gute 137 Watt und mit dem Performance-V2-vBIOS immerhin 159 Watt. Letzteres ist gleichauf mit der Geforce RTX 2060 Founder's Edition, sprich die Radeon rechnet effizienter.

Verfügbarkeit und Fazit

AMD sieht für die Radeon RX 5600 XT einen Preis von 280 US-Dollar vor, hierzulande sollen es 300 Euro sein. Auch Sapphire gibt für die von uns getestete Radeon RX 5600 XT Pulse selbst mit dem aktuellen Performance-V2-vBIOS eben diese 300 Euro an, was auch mehrere Händler bestätigt haben. Von der Geforce RTX 2060 sind derzeit diverse Modelle für 300 bis 320 Euro erhältlich.

Fazit

Für 300 Euro ist die Radeon RX 5600 XT deutlich schneller geworden als erwartet: Sie überholt eine gleich teure Geforce RTX 2060 bei ähnlicher Leistungsaufnahme, wohingegen eine Radeon RX 5700 mit Mühe einen Abstand von 10 Prozent erreicht. Das gilt allerdings nur, wenn Nutzer ein Modell erwischen, welches ein aktuelles vBIOS mit höheren Taktraten aufgespielt hat. Die ersten Chargen der Radeon RX 5600 XT werden noch ohne solche Firmware ausgeliefert, der Flash-Vorgang bleibt dem Kunden selbst überlassen.

Nun ist das Aufspielen eines vBIOS per Software-Tool zwar kein Hexenwerk und den Partnern zufolge wird auch ein Defekt im Fall der Fälle von der Garantie abgedeckt. Dennoch verstehen wir, wenn Kunden das Risiko scheuen oder lieber noch einige Wochen warten, bis alle Radeon RX 5600 XT im Handel mit neueren Firmware-Versionen ausgestattet sind. Das größte Leistungsplus stammt vom schnelleren Speicher, wenn dieser mit 14 GBit/s anstelle von 12 GBit/s läuft - das setzen so aber längst nicht alle Hersteller mit Blick auf Kühlung und Stabilität um.

Allerdings stellt die Radeon RX 5600 XT auch mit einer Firmware mit niedrigeren Taktraten keine schlechte Karte dar, da sie hinsichtlich des Preises und der Performance und sogar bei der Leistungsaufnahme der Geforce RTX 2060 ebenbürtig ist. Die gibt es allerdings schon seit einem Jahr, zudem spricht die grundsätzlich vorhandene Hardware-Raytracing-Beschleunigung für Nvidia-Grafikkarte. Ohne Detailreduktion mangelt es beiden Karten dafür an Geschwindigkeit und Speicher verglichen mit schnelleren Modellen.

Generell halten wir nur 6 GByte Videospeicher in dieser Preisklasse für etwas zu wenig. Titel wie Wolfenstein Youngblood, die bei höchster Qualitätsstufe schon in 1080p zum Stottern neigen, in 1440p eine Warnung ausgeben und in 4K schlicht abstürzen, bilden zwar noch die Ausnahme. Für 300 Euro erwarten Käufer aber oft eine gewisse Zukunftstauglichkeit, die wir angesichts von 6 GByte für fraglich halten - auch wenn eine niedrigere Stufe bei Texturen und Schatten immer eine Option darstellt.

In diesem Kontext wirkt es kurios, dass die deutlich langsamere Radeon RX 5500 XT mit 8 GByte Videospeicher verkauft wird - die schnellere Radeon RX 5600 XT aber nicht, sondern erst wieder die kaum teurere Radeon RX 5700. Solange diese noch verfügbar ist, würden wir eher zu ihr raten, gerade auch weil Spiele für die im Herbst 2020 erscheinenden Next-Gen-Konsolen deutlich mehr Speicherbedarf haben werden. Es bleibt abzuwarten, wie sich der Preis der Radeon RX 5600 XT in den nächsten Wochen entwickelt - Nvidia hat ja bereits reagiert.  (ms)


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