Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/elektroautos-in-tiefgaragen-was-tun-wenn-s-brennt-2001-146056.html    Veröffentlicht: 15.01.2020 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/146056

Elektroautos in Tiefgaragen

Was tun, wenn's brennt?

Was kann passieren, wenn Elektroautos in einer Tiefgarage brennen? Während Brandschutzexperten dringend mehr Forschung fordern und ein Parkverbot nicht ausschließen, wollen die Bundesländer die Garagenverordnung verschärfen.

Es waren spektakuläre Aufnahmen aus einer Tiefgarage in Schanghai: Ohne äußere Einflüsse fing ein Tesla Model S im April 2019 plötzlich an zu qualmen und detonierte wenige Augenblicke später mit einer gewaltigen Stichflamme. Akkubrände bei Elektroautos waren in den vergangenen Jahren häufig in den Schlagzeilen. Wer die Medienberichte - auch bei Golem.de - verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, dass Elektroautos eine Art Galaxy Note 7 auf vier Rädern sind, die sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit entzünden und explodieren.

Was würde erst passieren, wenn mehrere Elektroautos in einer Garage oder einem Parkhaus Feuer fingen? Wie ließe sich ein solcher Brand löschen? Und könnte die starke Hitzeentwicklung die Statik des Gebäudes gefährden? Nach Ansicht der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (VFDB) bergen solche Brände "erhebliches Risikopotenzial" und müssen besser erforscht werden. Möglicherweise könnte am Ende festgestellt werden, dass das Parken von Elektroautos in bestimmten Tiefgaragen zu gefährlich ist.

39 Autos gehen täglich in Flammen auf

So häufig wie es die Medienberichte vermuten lassen, gehen E-Autos allerdings gar nicht in Flammen auf. Vielmehr wird über Brände von Verbrennerautos wohl deshalb nicht so ausführlich berichtet, weil sie so häufig vorkommen. Nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wurden im Jahr 2018 mehr als 14.000 Fahrzeugbrände über die Versicherungen abgewickelt. Das sind durchschnittlich knapp 39 pro Tag. Im Jahr 2011 waren es sogar 19.000 Brände. Der Twitter-Account @autobraende hat seit November 2019 unter dem Stichwort "Kein Tesla" schon deutlich mehr als 100 Brände von Verbrennerfahrzeugen aufgelistet. Weil das so alltäglich ist, ist das in der Regel nur den regionalen Medien eine Meldung wert.

<#youtube id="p4Qhr_LLoJ0"> Das ist bei Elektrofahrzeugen offensichtlich noch anders. Dazu kommt: Die neue Technik stellt die Feuerwehren vor andere Herausforderungen. Das liegt unter anderem daran, dass der Brand eines großen Lithium-Ionen-Akkus nicht so einfach zu löschen ist. Bei einem Brand könne "meist von der Feuerwehr nur 'Feuer unter Kontrolle' festgestellt werden, da es bis zu 'Feuer aus' zu einem tage- bis wochenlangen chemischen Prozess kommen kann", heißt es in einer Fachempfehlung zum Umgang mit Lithium-Ionen-Akkus, die der Deutsche Feuerwehr-Verband (DFV) und die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in Deutschland (AGBF) herausgegeben haben.

Viel Löschwasser erforderlich

Wichtig ist zudem der Einsatz von viel Wasser. Denn durch das Kühlen soll das thermische Durchgehen der Akkus ("thermal runaway") verhindert werden. "Um Rückzündungen zu vermeiden, ist der Batteriebereich ausreichend lange mit Wasser bis zur Übergabe an den Abschleppdienst zu kühlen", empfiehlt die AGBF. Das heißt: Nicht jeder Brand eines Elektroautos hat zur Folge, dass sich auch die Batterie entzündet oder vollständig abbrennt.

Brennt ein Elektroauto allerdings in einer Tiefgarage, kommt ein wichtiger Faktor hinzu, der fast alle Fahrzeuge betrifft. Nach Angaben des Münchner Branddirektors Peter Bachmeier ist die sogenannte Brandlast durch Fahrzeugbrände in den vergangenen Jahren stark gestiegen. "Die Fahrzeuge wurden viel schwerer und ein erheblicher Teil davon besteht aus brennbaren Materialien. Wir gehen davon aus, dass sich die Energiefreisetzung in den letzten 15 Jahren etwa verdreifacht hat", sagte der Vorsitzende des Fachausschusses Vorbeugender Brand- und Gefahrenschutz der deutschen Feuerwehren auf Anfrage von Golem.de.

Einsturzgefahr für Gebäude

So seien in den vergangenen Jahren vermehrt Brände aufgetreten, bei denen zum Zeitpunkt des Eintreffens der Feuerwehr bereits mehrere Fahrzeuge gebrannt hätten, sagt Bachmeier. Wenn der Brand der Fahrzeuge nicht von der Feuerwehr gestoppt werden könne, "besteht die Gefahr des Tragwerksverlustes". Die Garage oder das darüberstehende Gebäude wären dann einsturzgefährdet.

Ähnlich äußert sich auch VFDB-Präsident Dirk Aschenbrenner, hauptberuflich Direktor der Dortmunder Feuerwehr. "Die Brandausbreitung kann sehr schnell erfolgen, da Kunststoffe und Kraftstoffe brennen können. Dafür, dass es relativ wenig Brände sind, entwickelt sich eine überdurchschnittliche Anzahl davon kritisch", sagte Aschenbrenner im Gespräch mit Golem.de.

Zuletzt gab es mehrere spektakuläre Großbrände in Parkhäusern, bei denen Elektroautos angeblich eine Rolle spielten.

Großbrände mit Hunderten zerstörten Autos

So wurden im Oktober 2019 am Flughafen Münster-Osnabrück rund 60 Fahrzeuge teilweise komplett zerstört und 600 beschädigt. Nachdem zunächst spekuliert worden war, dass ein Hybridfahrzeug den Brand ausgelöst haben könnte, kamen Gutachter später zu dem Schluss, dass ein Dieselauto die Brandursache darstellte. Laboruntersuchungen hätten ergeben, dass bei einem Oberklassenfahrzeug ein Bauteil der Motorelektronik defekt gewesen sei, geglüht und dadurch das Feuer ausgelöst habe, schrieb das Westfalen-Blatt.

Bei einem Großbrand Anfang dieses Jahres in einem Parkhaus am norwegischen Flughafen Stavanger wurden gar Hunderte Autos zerstört. Auch in diesem Fall gab es zunächst Spekulationen, wonach ein Auto mit Elektroantrieb den Brand ausgelöst haben könnte. Später stellte sich jedoch heraus, dass das Feuer von einem Opel Zafira mit Dieselmotor ausgegangen war.

Der Autohersteller hatte 2015 mehrere 100.000 Zafiras wegen Brandgefahr in die Werkstätten zurückgerufen. Offenbar wurden mit dem Rückruf nicht alle Besitzer erreicht. Dennoch wird in Norwegen nun darüber gestritten, ob der hohe Anteil an Elektroautos in dem Land eine besondere Gefahr darstellt.

Brandabschnitte statt Rauchabschnitte

Angesicht der großen Schäden bei solchen Bränden ist es kein Wunder, dass auch die deutschen Brandschutzexperten bessere Vorkehrungen fordern. "Resultierend aus diesen Einsatzerfahrungen soll die Muster-Garagenverordnung angepasst werden. Statt Rauchabschnitten sollen zukünftig Brandabschnitte gebildet und die Rauchableitung mit aufgenommen werden", sagt Bachmeier.

Was bedeutet diese Forderung? Im Gegensatz zu Rauchabschnitten müssen Brandabschnitte durch feuerbeständige Brandwände getrennt werden. Diese müssen 90 Minuten dem Feuer und einer Stoßbelastung standhalten und sollen den Übertritt von Feuer und Rauch auf benachbarte Gebäude oder Gebäudeteile verhindern. Rauchabschnitte sollen hingegen nur die Ausbreitung von Rauch im Gebäude verhindern und dadurch ausreichend lange die Personenrettung ermöglichen.

Garagenverordnung soll geändert werden

Den Vorschlag Bachmeiers haben die Bundesländer inzwischen aufgegriffen. Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen teilte auf Anfrage von Golem.de mit: "Das Thema 'Elektroautos und Tiefgarage' wird derzeit in der Fachkommission Bauaufsicht der Bauministerkonferenz diskutiert. Im Rahmen der Überarbeitung der Musterverordnung über den Bau und Betrieb von Garagen (M-GarVO) vom Mai 1993 ist vorgesehen, geschlossene Garagen anstatt wie bisher in Rauchabschnitte zukünftig in Brandabschnitte zu unterteilen, um über eine wirksame räumliche Begrenzung der Flächen die Schutzziele der Bauordnung (Brandausbreitung vorbeugen und wirksame Löscharbeiten ermöglichen) sicherzustellen."

Nach Angaben des Thüringer Bauministeriums, das seit 1. Januar 2020 den Vorsitz in der Bauministerkonferenz innehat, hat die zuständige Projektgruppe bislang noch keinen Vorschlag vorgelegt. Aussagen über mögliche Inhalte könnten daher derzeit nicht getroffen werden.

Das erscheint sinnvoll.

Mehr Forschung zu Brandverhalten gefordert

Denn Aschenbrenner bemängelt, dass noch gar nicht genügend erforscht ist, wie sich Elektroautos bei Bränden in Tiefgaragen verhalten. "Wir haben in den vergangenen Jahren häufig festgestellt, dass neue Technologien, neue Baustoffe, neue Verfahren eingeführt werden, aber die Sicherheitsaspekte häufig gar nicht in allen Facetten vorher beleuchtet werden. Oft hat das zur Folge, dass Gefahren erst im praktischen Umgang erkannt werden", kritisiert der VFDB-Präsident. Ein Beispiel seien die kürzlich erst genehmigten elektrischen Tretroller. Hier hätten die ersten Erfahrungen mit Bränden gezeigt, dass der Gesetzgeber bei den Vorschriften dringend nachbessern muss.

Entsprechende Versuche müssten daher auch mit Elektroautos gemacht werden. "Wir wissen aber jetzt schon durch die Brände im Freien, dass sie sehr brandintensiv und löschmittelintensiv sind. Das heißt: Man muss sich zum Beispiel auch fragen, wo das ganze Löschwasser bleibt. Kann es aufgefangen werden, kann das alles an Ort und Stelle ablaufen? Das alles sind nur einige der noch unbeantworteten Fragen", erläutert Aschenbrenner. Nach seiner Einschätzung sind die Brandlasten deutlich höher als bei einem Fahrzeug mit herkömmlichem Antrieb, die freiwerdende Energie sei deutlich größer. Daher stelle sich die Frage: "Wie wirkt sich das auf den Beton aus, die Statik, die Konstruktion?"

Tests mit kleinen Elektroautos

Die Empfehlungen des Deutschen Feuerwehr-Verbands sehen das jedoch anders. "Von zertifizierten Elektrofahrzeugen gehen weitgehend vergleichbare Gefahren aus, wie von Fahrzeugen mit anderen Antriebsarten (Kraftstoff, Gas)", heißt es darin. Dabei verweist das Papier auf eine Studie des französischen Instituts Ineris (PDF), für die das Brandverhalten von zwei Elektroautos mit einem Verbrenner verglichen wurde. Diese Untersuchung stammt allerdings schon aus dem Jahr 2014 und nutzte Elektroautos mit einer Akkukapazität von 16,5 und 23,5 Kilowattstunden (kWh). Modelle wie das Tesla Model S, der Porsche Taycan oder der Audi E-Tron verfügen jedoch über vier- bis sechsmal so große Batterien.

Um mögliche zusätzliche Gefahren durch Elektroautos in Tiefgaragen einschätzen zu können, müsste die Feuerwehr vor allem wissen, wie sich die Autos bei einem brennenden Nachbarauto verhalten. Ebenso wie bei Verbrennern ist davon auszugehen, dass sie bei genügend großer Hitze Feuer fangen. Entscheidend für die entstehende Brandlast dürfte jedoch sein, ob zusätzlich zu den Kunststoffen und anderen brennbaren Materialien der Akku in Brand gerät und ein "thermal runaway" einsetzt. Bei einem ausgebrannten Tesla in Tirol, dessen schleppende Entsorgung eine wahre Medienhysterie ausgelöst hatte, war die Batterie beispielsweise nicht in Brand geraten.

Gefahren durch Elektrizität prüfen

Neben der Frage, ob die Feuerwehr genügend Wasser zum Kühlen und Löschen hat und wie dieses wieder abfließen kann, müssen auch die Gefahren durch den elektrischen Strom berücksichtigt werden. "Es beginnt bei einem solchen Brand natürlich damit, dass man erst einmal erkennen muss, dass es sich um ein E-Auto handelt. Das bedeutet dann: Es gibt zwei Gefahrenschwerpunkte - die Elektroversorgung an sich und die spannungsführenden Teile", sagt Aschenbrenner.

Was passiert beispielsweise, wenn das Elektroauto beim Brand noch an einer Wallbox hängt? Aschenbrenner verweist dazu auf Erfahrungen mit Bränden von Fotovoltaik-Anlagen. Damit die Feuerwehrleute nicht durch Stromschläge gefährdet sind, wurden inzwischen Brandfallabschaltungen entwickelt. Um die verschiedenen Szenarien zu bewerten, müssten nun Versuche unternommen werden. "Dabei werden Brandlasten, Brandverhalten und Ausbreitungsverhalten ermittelt. Und schließlich wird untersucht, wie die Maßnahmen des Brandschutzes in Tiefgaragen, die im Moment etabliert sind, mit den unterschiedlichen Szenarien zusammenpassen", sagt Aschenbrenner und fügt hinzu: "Alles in allem gibt es einen bunten Reigen an Fragen, die eigentlich schon früher hätten beantwortet werden müssen. Da die Fahrzeuge aber schon in erheblicher Zahl in Betrieb sind, müssen die Fragen jetzt möglichst schnell angegangen werden."

Doch wer ist dafür zuständig?

Bundesanstalt sieht Gefahren durch Rauchgase

Brandschutz ist prinzipiell eine Angelegenheit der Bundesländer und in den Bauordnungen geregelt. Laut Aschenbrenner könnte aber auch die Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) in Berlin entsprechende Tests durchführen. Dort hat man das Thema in der Tat schon auf dem Schirm. "Besonders gefährlich ist die Entwicklung der toxischen Rauchgase wie Fluorwasserstoff und Kohlenmonoxid sowie explosiven Rauchgase. Beides in Räumen ohne ausreichende Durchlüftung ist ein großes Problem. Das Thema Rauchgasanalytik ist eines, mit dem sich die BAM intensiv beschäftigt", sagte die zuständige BAM-Expertin Anita Schmidt auf Anfrage von Golem.de. Die Anstalt habe bereits Autobatterien untersucht und bereite weitere Untersuchungen vor. "Hierzu haben wir einen Prüfstand auf dem Testgelände Technische Sicherheit TTS", sagte Schmidt.

Die Ergebnisse der Tests sollten nach Ansicht Aschenbrenners in Bauordnungen, in Vorschriften zum Betrieb von Garagen, aber auch in Anweisungen für die Feuerwehr umgesetzt werden. Der Gesetzgeber wiederum müsse prüfen, ob es notwendig sei, auch bei der Zulassung von Fahrzeugen einzugreifen. "Man könnte auch drüber diskutieren, ob die Batterien eine Stelle haben müssen, die von außen erreichbar ist, um einen Löschangriff in die Batterie zu starten", sagt Aschenbrenner. Mittlerweile gebe es beispielsweise kleine Löschlanzen oder Löschnägel, die man in die Batterie einschlagen könne. "Es gibt auch Hochdrucktechniken, die in der Lage sind, den Batteriekörper zu durchstoßen", sagt der VFDB-Präsident.

Was sind die Konsequenzen?

Sollten Elektroautos daher vorsichtshalber nicht in Tiefgaragen oder großen Parkhäusern geparkt werden, solange deren Brandverhalten nicht richtig erforscht ist? Der Feuerwehr-Verband sieht dazu keinen Anlass. Auch das Laden sei unproblematisch. "Zertifizierte Ladeeinrichtungen auf Einstellplätzen in Garagen können aus heutiger Sicht auch in Tiefgaragen als notwendige Bestandteile des Betriebs und Abstellen von Fahrzeugen akzeptiert werden", heißt es in den Empfehlungen.

Aschenbrenner ist da vorsichtiger. Aus den Brandversuchen könnte sich ergeben, dass Anpassungen bei Tiefgaragen vorgenommen werden müssen. Schließlich könnten die Elektroautos nicht alle draußen parken. Die Alternative wäre: "Man kommt zu dem Schluss, dass eine schnelle Anpassung nicht möglich ist und schließt die Fahrzeuge von der Benutzung der Tiefgarage zunächst einmal aus."

Ein solches Verbot dürfte der Verbreitung von Elektroautos nicht gerade förderlich sein. Dabei hat die Bundesregierung gerade erst am Dienstag ihren Gesetzesentwurf vorgelegt, der einen Anspruch von Wohnungseigentümern und Mietern auf eine Ladestelle in gemeinschaftlich genutzten Tiefgaragen vorsieht. Bis dieser Anspruch tatsächlich umgesetzt werden kann, dürfte es in den meisten Fällen noch bis ins Jahr 2021 dauern. Bis dahin sollte die Zeit genutzt werden, um noch möglichst viele Brandschutztests vorzunehmen.  (fg)


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