Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/support-ende-von-windows-7-fuer-wen-linux-eine-alternative-zu-windows-10-ist-2001-146027.html    Veröffentlicht: 14.01.2020 09:10    Kurz-URL: https://glm.io/146027

Support-Ende von Windows 7

Für wen Linux eine Alternative zu Windows 10 ist

Windows 7 erreicht sein Lebensende (End of Life) und wird von Microsoft künftig nicht mehr mit Updates versorgt. Lohnt sich ein Umstieg auf Linux statt auf Windows 10? Wir finden: in den meisten Fällen schon.

Windows 7 gilt als eines der erfolgreicheren Betriebssysteme aus dem Hause Microsoft: Nachdem dessen Vorgänger Windows Vista Anwender durch die eingeführten Neuerungen verschreckt hatte, ging Windows 7 an vielen Stellen einen Schritt zurück und gewann schnell viele Fans. Alle guten Dinge finden jedoch irgendwann ein Ende - und Windows 7 ist von dieser Regel keine Ausnahme: Im Januar endet seitens des Herstellers offiziell die Unterstützung für das Betriebssystem.

Für Endanwender heißt das vor allem, dass es künftig keine Updates mehr von Microsoft geben wird, um funktionale oder sicherheitsrelevante Probleme zu beheben. Ersteres fällt nicht so sehr ins Gewicht, wenn ein System im Moment stabil und zuverlässig läuft. Das Fehlen von Sicherheitsupdates ist indes ein großes Problem.

Denn digitale Angriffe auch auf Heimanwender sind kein Hirngespinst. Zumal Windows 7 aus Sicht eines Angreifers ein sehr lohnendes Ziel ist: Weil das Betriebssystem trotz seines gehobenen Alters noch recht weit verbreitet ist, wäre das erfolgreiche Ausnutzen einer Sicherheitslücke am Ende vielleicht sogar für eine automatische Masseninfektion von Systemen nutzbar. Und wer erstmal eine Reihe von Computern unter seine Kontrolle gebracht hat, kann diese als Botnetz verwenden, Bitcoins dezentral minen oder ganz altmodisch relevante Daten heraustragen.

Dass Angreifer auch nach dem Support-Ende von Windows 7 Sicherheitslücken suchen und finden werden, darf vor diesem Hintergrund als sicher gelten. Für Heimanwender bedeutet das, dass es schlicht keine Option ist, Windows 7 weiterhin und künftig ohne Patches zu nutzen. Eine Alternative muss her.

Doch welche könnte das sein? Glaubt man Microsoft, gibt es freilich nur eine Option: Das Upgrade von Windows 7 auf Windows 10. Das hat der Hersteller seit dem Erscheinen von Windows 10 sogar phasenweise kostenlos angeboten. Und wer die richtigen Tricks und Kniffe kennt, kommt mit einer bestehenden Windows-7-Lizenz auch heute noch zu einer aktivierten Windows-10-Installation.

Doch viele Nutzer schrecken vor dem Umstieg auf Windows 10 zurück. Denn in Windows 10 bricht Microsoft mit vielen Konventionen, an die Nutzer sich seit Jahren gewöhnt hatten. Exemplarisch sei etwa das Start-Menü erwähnt, das sich bei Windows 7 noch klassisch konfigurieren lässt, während Windows 10 nicht ohne die unbeliebten Kacheln daherkommt.

Automatische Updates, teils chaotischer Explorer

Andere Beispiele sind die reduzierte Systemsteuerung, der zum Teil eher chaotische Explorer sowie die Tatsache, dass sich das Einspielen mancher Updates in der neuen Windows-Version schlicht nicht mehr verhindern lässt. Hält man sich dann noch vor Augen, dass Windows fleißig Telemetriedaten der Nutzer sammelt und sogar Werbung im Startmenü einblendet, scheidet Windows 10 für viele Nutzer endgültig als Alternative aus.

Angesichts des Support-Endes von Windows 7 fragen sich nun viele: Windows 10 oder doch etwas Neues? Für wen ist Linux auf dem Desktop überhaupt eine Alternative zu Windows? Muss man noch immer Kommandozeilenveteran sein, um mit Linux zu arbeiten? Was ist anders, was bleibt gleich?

Es gibt unter Linux vieles, aber nicht alles

Die Frage: "Windows oder Linux" ist keine ganz neue. Regelmäßig haben in den vergangenen Jahren die Vertreter beider Seiten immer wieder teils heftig darüber diskutiert, welcher Ansatz der bessere sei. Traditionell redet da auch die Mac-OS-Fraktion ein Wörtchen mit. Zumindest in der Vergangenheit haben die Windows-Befürworter die Diskussion regelmäßig damit für sich entschieden, dass auf Windows dieses oder jenes Programm verfügbar ist, das es für die anderen Plattformen einfach nicht gibt.

Folgerichtig stellt sich ein wechselwilliger Windows-Nutzer zuerst die Frage: Benötige ich Programme, die für Linux schlicht nicht existieren? Hier hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Programmkategorien, die das freie Betriebssystem überhaupt nicht bedient, existieren kaum noch.

Spiele fallen noch am ehesten in diese Kategorie: Zwar existieren mittlerweile für Linux eine Vielzahl von Spielen und auch Grafiktreiber, die 3D-Performance unter Linux liefern. Wer aber die aktuellsten Titel und die größte Auswahl für sich beansprucht, wird mit Linux kaum glücklich werden. Nicht wenige Nutzer, die ansonsten auf Linux schwören, betreiben deshalb eigens ein "Zockersystem" mit einem aktuellen Windows.

Spiele und Spezialanwendungen sind ein Problem ...

Problematisch wird die Sache auch, wenn bestimmte Programme benötigt werden, für die es unter Linux keine ebenbürtigen Pendants gibt. Ein Beispiel hierfür wäre Software für Video- und Tonbearbeitung, die in den meisten Fällen nur für Windows zur Verfügung steht.

Zwar ist Linux auf all diesen Gebieten mittlerweile nicht mehr blank. Gimp lässt sich etwa zumindest für Projekte zu Hause hervorragend als Ersatz für Photoshop nutzen. Scribus ist ein guter Ersatz für Indesign und auch Videoschnitt-Tools existieren für Linux mittlerweile. All diese Programme erfordern aber einiges an Umlernen für den Anwender.

Sie können oft die proprietären Formate der Firmen nicht lesen oder in diese exportieren. Wenn herstellerspezifische Tools und Erweiterungen ins Spiel kommen, etwa RAW-Filter für bestimmte Kameras, die sich in Photoshop nutzen lassen, hat der Linux-Anwender ebenfalls ein Problem. Wer Photoshop, Indesign, Final Cut oder eine andere Lösung zwingend braucht, wird seinen Bedarf mit Linux nicht abdecken können.

... Browser, Messaging, Texte und Tabellen nicht

Der Bedarf an solchen Spezialanwendungen ist aber keinesfalls die Regel, sondern eher eine Ausnahme. Die meisten Anwender benötigen ihren Computer für andere Aufgaben: Surfen, E-Mails lesen, Instant Messaging sowie das Schreiben einfacher Text-Dokumente und das Anlegen von Tabellen sind die Kernaufgaben. Bei diesen Aufgaben steht ein aktueller Linux-Desktop einem Windows in Sachen Vielfalt in nichts nach.

Wer etwa einen potenten Webbrowser sucht, landet auf Linux entweder bei Chrome oder Firefox - oder greift zu einem der anderen zahlreichen Browser. E-Mails erledigen viele Anwender mittlerweile so oder so im Browser über die Website des Anbieters. Wer doch ein eigenes Programm dafür nutzen möchte, setzt auf das Mozilla-Produkt Thunderbird oder auf Evolution, auf Sylpheed, Kmail oder einen der vielen anderen Clients.

In Sachen Instant Messaging gelten ähnliche Voraussetzungen: Meistens nutzen Anwender hierfür heute die klassischen Protokolle wie IRC oder die moderneren Alternativen wie Whatsapp, Facebook Messenger, Telegram, Threema oder Signal. Die gute Nachricht: Für die meisten Dienste dieser Art stehen wahlweise vom Anbieter selbst betriebene Webinterfaces bereit, die sich unter Linux einfach per Browser verwenden lassen. Für einige Protokolle wie IRC gibt es alternativ eine Vielzahl nativer Clients wie Xchat, Kopete oder Pidgin.

Selbst das Schreiben von Briefen oder von Tabellen bereitet dank Libreoffice heute keine Kopfschmerzen mehr. Hinzu kommt, dass Libreoffice offene Dateiformate nutzt, die auch Microsoft Office mittlerweile interpretieren kann (etwa ODT). Auch unterstützt die Software verbreitete Formate wie Xls und Xlsx. Das ist zwar noch nicht perfekt, stellt den Austausch von Dokumenten zwischen den Welten aber in der Mehrzahl der Fälle sicher - falls nicht ohnehin PDF anstelle editierbarer Dateien zum Einsatz kommt, wie es mittlerweile flächendeckend Usus ist.

Distributionen für Anfänger und Profis

Die Standardaufgaben der meisten Nutzer im Alltag lassen sich also mit Linux hervorragend erledigen. Dieser Erkenntnis folgt jedoch die Frage: Welche Distribution soll es sein? Anders als bei Windows gibt es ja nicht das eine Linux, sondern die Distributionen kämpfen mit ganz spezifischen Features um die Gunst der Nutzer. Worauf achten Linux-Neulinge also im Idealfall, wenn sie erstmals die Entscheidung treffen?

SUSE, Fedora, Ubuntu: Die Klassiker

Wohl der wichtigste Faktor ist, dass die Systeme den neuen Linux-Anwendern den Einstieg so leicht wie möglich machen sollten. Drei Distributionen gelten quasi aus Tradition heraus als typische Desktop-Distributionen, mit denen Einsteiger nur wenig falsch machen: OpenSUSE, Fedora sowie Ubuntu. Sie alle kommen mit einem grafischen Installationsprogramm, welches das jeweilige System schnell und unkompliziert auf die Platte bringt. Für alle drei Systeme existieren Live-Abbilder, so dass Anwender ein System vor einer möglichen Installation erstmal ausgiebig ausprobieren können. Alle drei Installer bieten übrigens auch die Möglichkeit, Linux parallel zu einer bereits bestehenden Windows-Installation auszurollen. Das macht auf der einen Seite natürlich den Umstieg weniger radikal, der Anwender wählt einfach beim Systemstart zwischen den Betriebssystemen aus. Andererseits macht dieses Prinzip aber auch die Installation etwas komplizierter. Wer bisher noch gar keine Linux-Erfahrung gesammelt hat und sich auch ansonsten mit den Grundlagen von Betriebssystemen und Techniken wie EFI (Extensible Firmware Interface) nur bedingt auskennt, ist damit unter Umständen überfordert.

Mint richtet sich besonders an Windows-Umsteiger

Neben den großen drei Distributionen gibt es eine vierte, die als Fork von Ubuntu Linux begann: Mint nimmt für sich in Anspruch, ein leicht zu bedienender, funktionaler Linux-Desktop zu sein. Explizit richtet sich das System auch an Windows-Umsteiger. Weil Mint weite Teile des Unterbaus von Ubuntu erbt, stehen die für Ubuntu erwähnten Features dort ebenso zur Verfügung. Eine Hauptaufgabe eines Linux-Distributors besteht darin, die Nutzer mit einer umfangreichen Softwareauswahl zu beliefern. Anders als Software für Windows liegt Software für Linux seitens der Autoren meist in Form des Quelltextes vor. Dem Distributor kommt dann die Aufgabe zu, diesen falls nötig zu kompilieren und in Form eines Software-Paketes an seine Anwender auszuliefern. Fedora und OpenSUSE sowie Ubuntu (und folglich auch Mint) kommen mit zum Teil mehreren zehntausend Software-Paketen daher. Für Auswahl ist also gesorgt.

Obacht bei Profi-Distributionen

Mancher erfahrene Linux-Admin wird bei den oben genannten Distributionen nur die Nase rümpfen und stattdessen andere Begriffe in den Raum werfen: Etwa Arch Linux oder Gentoo. Wie die oben genannten sind auch das Linux-Distributionen, die sich allerdings eher an erfahrene Anwender richten. Der Deal ist hier, dass das System dem Admin möglichst viele Freiheiten bei der Konfiguration der Installation lässt.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Bei diesen Optionen muss der Admin mehr wissen und einstellen, als es bei einem klassischen Desktop-Linux der Fall ist. Anwender sollten in Sachen Linux deshalb sattelfest sein, bevor sie sich auf ein solches Abenteuer einlassen. Zumal auch die bei Anfängern berüchtigte Konsole auf jenen Systemen meist nicht weit weg ist - die klassischen Desktop-Distributionen hingegen lassen sich mittlerweile ohne Kommandozeile problemlos verwenden.

Vertraute und unvertraute Desktops

Ein zentrales Thema für Windows-Umsteiger bei Linux ist der Desktop. Der hat sich zwar auch bei Windows in den vergangenen Jahren immer wieder geändert. Wer aber auf Windows 95 gelernt hat, wird sich auch in einem Windows 10 nach etwas Eingewöhnungszeit zurechtfinden - zumal unter Windows keine Möglichkeit besteht, einen anderen Desktop zu verwenden.

Das ist unter Linux anders. Fedora setzt etwa auf Gnome 3, das sich von Windows sehr unterscheidet. Für Ubuntu gilt dasselbe, es sei denn, man nutzt eine der Ubuntu-Alternativen wie Kubuntu, bei dem KDE der Standard ist. KDE ist einer der ältesten Desktops für Linux und kommt einem klassischen Windows-Desktop näher als Gnome 3. Mint setzt auf schlankere Desktops wie Xfce oder Cinnamon. OpenSUSE kommt ab Werk mit KDE.

Allerdings ist die Frage nach dem Default-Desktop der Distributionen gar nicht von so großer Bedeutung. Denn bei allen Systemen hat der Nutzer die Wahl, andere Umgebungen nachträglich zu installieren. KDE auf Fedora ist ebenso wenig ein Problem wie Gnome auf OpenSUSE. Wer Kubuntu installiert und anschließend merkt, dass Xfce doch die bessere Option ist, installiert Xfce einfach nach. Weil alle Ubuntu-Flavours die gleichen Paketverzeichnisse nutzen, ist das gar kein Problem.

Die Empfehlung lautet also ganz klar, die Desktops zu testen und jenen zu nutzen, der dem eigenen Geschmack am ehesten entspricht. Wer auf der Suche nach einem möglichst kompatiblen Windows-Ersatz ist, schaut sich im ersten Schritt idealerweise Cinnamon auf Mint-Linux oder KDE auf einer der anderen Distributionen an.

Linux hat unterschiedliche Grafikbibliotheken

Ganz egal ist die Wahl der Desktop-Umgebung nicht. Für Linux gibt es unterschiedliche Grafikbibliotheken, also Bibliotheken, über die Programme etwa ihre Fenster auf den Desktop malen. Die großen Konkurrenten sind hier auf der einen Seite GTK und auf der anderen Seite Qt.

Die Herausforderung: Setzt man auf diese oder jene Bibliothek und modifiziert seine Desktop-Einstellungen, bekommen die Programme für die andere Bibliothek das möglicherweise nicht mit. Und bestimmte Programme wie Chrome oder Firefox nutzen eigene Bibliotheken, so dass sie eigene Konfigurationsparameter haben.

Es ist deshalb sinnvoll, sich in Sachen Applikationen möglichst im Dunstkreis nur einer Grafikbibliothek zu bewegen. Alternativ kommt dem Anwender anfangs einmal die Aufgabe zu, sich die nötigen Einstellungen für beide Welten sowie für die anderen Tools so herzurichten, wie es gewünscht ist. Der Mühe Lohn ist ein Desktop, der den eigenen Bedürfnissen entspricht.

Fazit

Für alltägliche Arbeiten funktioniert Linux ebenso gut wie Windows. Wer sich mit Windows 10 nicht anfreunden kann, sollte also ruhig einmal einen Blick über den Tellerrand wagen. Wer den Umstieg nicht gleich komplett vollziehen möchte, kann Linux auch erstmal in einer virtuellen Maschine ausprobieren: In Virtualbox lassen sich alle gängigen Linux-Distributionen gut testen.

Martin Gerhard Loschwitz ist Cloud Platform Architect bei Drei Austria und bearbeitet dort Themen wie Openstack, Kubernetes und Ceph.

 (mlo)


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