Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ueberwachung-von-assange-mit-dem-rauschgenerator-gegen-die-cia-millionen-1912-145756.html    Veröffentlicht: 27.12.2019 18:36    Kurz-URL: https://glm.io/145756

Überwachung von Assange

Mit dem Rauschgenerator gegen die CIA-Millionen

Wikileaks-Gründer Julian Assange ist in der ecuadorianischen Botschaft intensiv überwacht worden. Auf dem 36C3 erläuterte Andy Müller-Maguhn die technischen Hintergründe der Spionageaktion.

Schon vor Beginn seines Vortrags machte Andy Müller-Maguhn seinen Zuhörern wenig Hoffnung auf ein positiv gestimmtes Referat. Das einzig Lustige sei eine Katze in einem der Überwachungsvideos, sagte der frühere Sprecher des Chaos Computer Clubs auf dem 36. Chaos Communication Congress am Freitag in Leipzig. Kein Wunder, dass Müller-Maguhn die jahrelange Überwachungsaktion in der ecuadorianischen Botschaft nicht lustig findet. Schließlich dürfte der enge Vertraute von Wikileaks-Gründer Julian Assange selbst oft genug von den Kameras, Mikrofonen und anderen Überwachungstechniken erfasst worden sein.

Die spanische Tageszeitung El País hatte im September 2019 erstmals berichtet, dass das spanische Sicherheitsunternehmen Undercover Global SL umfangreiches Material aus der Botschaft an den US-Geheimdienst CIA übermittelt habe. Inzwischen versucht ein spanisches Gericht, die Vorwürfe zu klären. Dabei war das Unternehmen mit seinem Chef David Morales eigentlich von der ecuadorianischen Regierung beauftragt worden, die Sicherheit des prominenten Asylsuchenden sicherzustellen. Dafür soll der inzwischen aufgelöste Geheimdienst Senain mindestens 5 Millionen US-Dollar ausgegeben haben.

CIA kaufte den Spionageschützer

Doch Morales ließ sich nach Darstellung Müller-Maguhns von den US-Amerikanern kaufen, und zwar für 200.000 US-Dollar - im Monat. Dabei habe er nicht nur dafür gesorgt, dass den US-Geheimdiensten das aufgenommene Material übermittelt wurde, sondern sich darüber hinaus dafür eingesetzt, dass die Videokameras mit Mikrofonen ausgestattet und zusätzliche Wanzen installiert wurden, berichtete Müller-Maguhn. Um Gegenmaßnahmen Assanges wie einen Rauschgenerator zu unterlaufen, seien auf Morales' Anordnung hin spezielle Folien auf die Fensterscheiben in der Botschaft geklebt worden. Diese sollten das Abhören der Gespräche mit Hilfe von Lasermikrofonen ermöglichen.

Laut Müller-Maguhn zog sich die Überwachung Assanges über mehrere Jahre hin. Nachdem der Wikileaks-Gründer sich bereits drei Jahre in dem Botschaftasyl aufgehalten hatte, wurde Undercover Global demnach im Jahr 2015 mit den Sicherheitsaufgaben beauftragt. Nur wenig später flog Morales nach Las Vegas und begann mit der Spionage für den weiteren Auftraggeber. An Geld scheint es dabei nicht gemangelt zu haben. Allein die zuständige Senain-Mitarbeiterin soll 20.000 US-Dollar im Monat bekommen haben, um Morales' Änderungswünsche zu akzeptieren.

Direktes Streaming an die CIA?

Zu diesen Wünschen gehörte demnach auch ein Livestreaming der Daten, die nicht nur an Ecuador und Undercover Global, sondern auch an einen gewissen "X" weitergeleitet werden sollten, wie aus einer Mail von Morales hervorgeht. Ebenfalls sollten die Laufwerke mit den aufgezeichneten Videos nicht mehr überschrieben, sondern ausgetauscht werden. Nach Angaben von El País sollen die Besucherdaten von UC Global per FTP-Verbindung auf einen Server am Firmensitz im südspanischen Jerez de la Frontera geschickt worden sein. Die CIA habe einen direkten Zugriff auf den Server besessen, heißt es in dem Bericht. Um bessere Möglichkeiten zum Anbringen von Wanzen herauszufinden, habe Morales sämtliche Gegenstände der Botschaft erfassen und analysieren lassen. Die Wanzen seien schließlich in einem Feuerlöscher und in einem Bad installiert worden.

Ende 2017 wurde die Überwachung dann offensichtlich. Zum damaligen Zeitpunkt versuchte die ecuadorianische Regierung, Assange mithilfe eines Diplomatenpasses außerhalb Großbritanniens zu bringen. Dazu war der gebürtige Australier eigens eingebürgert worden. Doch die USA erhielten Kenntnis von den Plänen und beantragten nur einen Tag nach einem geheimen Gespräch Assanges mit dem damaligen Senain-Chef Rommy Vallejo einen internationalen Haftbefehl.

Auslieferungsantrag läuft noch

Nachdem Assange unter dem neuen ecuadorianischen Präsidenten Lenín Moreno im April 2019 nach fast sieben Jahren Botschaftsasyl vor die Tür gesetzt worden war, nahm ihn die britische Justiz unmittelbar in Haft. Auch nach dem Verbüßen einer knapp einjährigen Haftstrafe wegen Verstoßes gegen Kautionsauflagen wurde er nicht freigelassen, weil die USA inzwischen einen Auslieferungsantrag gestellt hatten.

Über diesen Antrag ist immer noch nicht entschieden worden. Zuletzt machten Assanges Anwälte auch die genannten Überwachungsmaßnahmen geltend, um eine Auslieferung zu verhindern. Die Tatsache, dass die US-Behörden ihn möglicherweise ausspioniert hätten, spreche dafür, dass Assange in den USA kein faires Verfahren zu erwarten habe, sagte der australische Jura-Professor Guy Goodwin-Gill nach Angaben des Guardian. So geht Goodwin-Gill davon aus, dass Daten seines iPads kopiert und an die USA weitergegeben wurden, während er in der Botschaft ein Gespräch mit Assange führte.

Laut Müller-Maguhn verfügte Assange ohnehin über das entsprechende Situationsbewusstsein, um davon auszugehen, dass er während seines siebenjährigen Aufenthalts in der Botschaft permanent überwacht wurde. "Wir haben einen Rauschgenerator, verschlüsselte E-Mails und Kryptohandys. Ist das ausreichend? Nein, das ist es nicht", sagte Müller-Maguhn, der sich auch als Opfer der Überwachungsaktionen durch seine zahlreichen Besuche in der Botschaft sieht.

Sein Fazit am Ende das Vortrag war ebenso pessimistisch wie sein Anfang. Gegen das astronomische Budget der CIA komme man nicht so leicht an, sagte Müller-Maguhn. Es bleibe kaum mehr übrig, als am eigenen Situationsbewusstsein zu arbeiten, um nicht das Wort Paranoia zu gebrauchen. Doch im Augenblick habe er keine bessere Antwort auf die Frage, wie man sich gegen eine solche Überwachung wehren könne.  (fg)


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