Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/nach-fitbit-kauf-was-plant-google-mit-den-gesundheitsdaten-1912-145363.html    Veröffentlicht: 05.12.2019 07:00    Kurz-URL: https://glm.io/145363

Nach Fitbit-Kauf

Was plant Google mit den Gesundheitsdaten?

Der IT-Konzern Google erweitert seinen Aktionsradius in das Gesundheitswesen. Mit der Fitbit-Übernahme und Deepmind-Projekten zur Analyse von Patientendaten stellen sich aber Datenschutzfragen.

Im gemeinsamen Wettlauf um eine Firmenübernahme ist Google zuletzt fitter als Facebook gewesen. Für einen Kaufpreis von 2,1 Milliarden US-Dollar will der Suchmaschinenkonzern den Wearable-Hersteller Fitbit übernehmen. Google wäre nicht Google, wenn der Konzern bei dem Kauf nicht in erster Linie an die Gesundheitsdaten gedacht hätte, die über die smarten Armbänder und Fitnesstracker erhoben werden. Doch die Fitbit-Übernahme ist längst nicht der einzige Versuch Googles, an die persönlichsten Daten von Nutzern und Patienten weltweit zu gelangen.

Fitbit-Tracker verfolgen die Körperaktivität der Kunden während Trainingseinheiten und können auch Herzfrequenz oder Schlafqualität messen. Die Daten werden in der Regel an den Hersteller übertragen. Nicht alle Fitbit-Angebote benötigen jedoch einen Nutzer-Account. Ein Drittel der deutschen Bevölkerung nutzt inzwischen einen Fitness-Tracker. Überprüfungen ergaben mehrfach, dass rechtliche Datenschutzanforderungen bei diesen Geräten oftmals nicht eingehalten werden.

Keine Nutzung für Werbezwecke geplant

Google und Fitbit betonten, dass die Daten der Kunden nicht für Werbezwecke genutzt werden sollten und der Kunde immer über die Verwendung seiner Daten informiert würde. Außerdem sollen alle Kunden die Möglichkeit erhalten, mit ihren Daten zu Google umzuziehen oder sie einfach zu löschen. Der Hamburgische Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar betont, dass Gesundheitsdaten "besonders sensible und schützenswerte Daten" seien. Ein Datenaustausch müsse sicher ausgeschlossen werden.

Offenbar geht es Google aber auch gar nicht um die Daten der aktuellen Fitbit-Kunden, sondern um die der künftigen Kunden, die immer neue, interessante Dienste hinzubuchen werden. Alles deutet darauf hin, dass es dann nicht mehr nur um einen guten Schlaf und ein wenig mehr Fitness, sondern um klassische medizinische Dienstleistungen gehen wird.

Zugriff auf britische Patientendaten verlängert

Erst im September hat Google den Zugriff auf Patientendaten des staatlichen Gesundheitsdiensts NHS (National Health Service) in Großbritannien für einen Zeitraum von fünf Jahren erneut vertraglich abgesichert, nachdem die britische Datenschutzbehörde Korrekturen einer älteren Vereinbarung von 2016 mit der Google-Tochter Deepmind für rechtswidrig angesehen hatte.

Damals ging es darum, eine App zu entwickeln, mit der Patienten mit Nierenleiden besser beobachtet werden sollten. Dafür erhielt Google dem New Scientist zufolge Zugriff auf die Daten von allen 1,6 Millionen NHS-Versicherten, die in drei NHS-Krankenhäusern behandelt wurden. Betroffen waren auch Patienten mit anderen Diagnosen.

Doch was will Google eigentlich mit den Patientendaten?

Deepmind will Gesundheitssystem radikal umwandeln

Eine Opt-out-Möglichkeit für die Patienten gab es nicht, Medienberichten zu Folge wurden sie nicht einmal über die Verwendung ihrer Daten informiert - ein Rechtsbruch. Google versicherte später, dass eine Identifizierung der Patienten durch Google-Personal nicht vorgesehen sei. Aufhorchen lassen sollte, dass Deepmind-Mitbegründer Mustafa Suleyman in typischer Silicon-Valley-Manier mitten in der Debatte verkündete, dass Deepmind "hier nicht tätig wäre, wenn wir nicht glauben würden, dass wir das Gesundheitswesen innerhalb von zehn Jahren radikal umwandeln könnten".

Die Gründer von Deepmind gehören zu den Investoren von Babylon, einem Unternehmen, das für das NHS unter anderem über Smartphone-Apps den Notrufdienst 111 des NHS sowie hausärztliche Beratungsdienste organisiert. Wirklich interessant für Investoren seien aber Gesundheitsdienste, die sich speziellen Krankheiten widmeten, und nicht länger eine teure Rundum-Versorgung für die ganze Bevölkerung anbieten müssten, berichtete Open Democracy über die Verhandlungen der britischen Regierung mit der US-Regierung unter Donald Trump.

Kurz vor den Parlamentswahlen vom 12. Dezember 2019 legte Labour-Chef Jeremy Corbyn Belege vor, wonach die konservative Partei bereits Vorbereitungen getroffen habe, neben einem erleichterten Marktzugang für US-Konzerne auch eine Erhöhung der bislang gedeckelten Medikamentenpreise zuzulassen.

Google greift auf Patientendaten zu

In den USA ist die Entwicklung schon einen Schritt weiter: Dort hat Google bereits unmittelbaren Zugriff auf Patientendaten dank einer Vereinbarung mit dem Krankenhauskonzern Ascension, der in manchen Regionen ein Versorgungsmonopol hat. Millionen sensibler Patientendaten werden auf Google-Servern gespeichert und ausgewertet.

Google dürfte vor allem daran interessiert sein, Verfahren der künstlichen Intelligenz und des maschinellen Lernens auf Basis der Patientendaten zu erforschen. Diese Anwendungen sollen das Potenzial haben, Verbesserungen der klinischen Qualität und Effizienz, Patientensicherheit und der Interessen schutzbedürftiger Bevölkerungsgruppen zu unterstützen. Zudem sollen sie die Zufriedenheit von Verbrauchern und Anbietern stärken.

Gesundheitsprojekte auch in Deutschland

Für den Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber belegt die Kooperation von Google und Ascension den Trend, das Gesundheitswesen immer weiter zu digitalisieren, gleichwohl hält er ähnliche Kooperationen in Deutschland aufgrund der restriktiveren Regelungen zur Verarbeitung von Gesundheitsdaten für "nur bedingt denkbar".

Die Gesundheitsdaten sind hier jedoch bereits Gegenstand neuer Projekte des Bundesgesundheitsministeriums. Der von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ins Leben gerufene "Health Innovation Hub" organisierte im September 2019 einen "Health Hackathon" in Berlin, bei dem 25 Teams Ideen zur Nutzung von Gesundheitsdaten entwickelten. Der Bundesdatenschutzbeauftragte will sich deshalb nun mit dem Bundesgesundheitsministerium in Verbindung setzen: Bei solchen Projekten seien die Vorgaben des Datenschutzes "von Anfang an zu berücksichtigen", sagt Kelber.

Nach der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) dürfen die Gesundheitsdaten nur dann ausgewertet werden, wenn die Patienten zustimmen. Im Forschungsbereich sind Einwilligungserklärungen von Patienten jedoch problematisch, da der Zweck der Forschung nicht immer klar definiert ist. Patienten könnten sich in diesen Fällen bei den Aufsichtsbehörden beschweren.

 (csh)


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