Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/weltraumsimulation-die-star-citizen-euphorie-ist-ansteckend-1912-145308.html    Veröffentlicht: 06.12.2019 09:23    Kurz-URL: https://glm.io/145308

Weltraumsimulation

Die Star-Citizen-Euphorie ist ansteckend

Jubelnde Massen, ehrliche Entwickler und ein 30 Kilogramm schweres Modell des Javelin-Zerstörers: Die Citizencon 2949 hat gezeigt, wie sehr die Community ihr Star Citizen liebt. Auf der anderen Seite reden Entwickler Klartext, statt Marketing-Floskeln zum Besten zu geben. Das steckt an.

In Manchester regnet es, es ist kalt und eine riesige Menschenmasse hat sich vor dem Veranstaltungsgelände der Citizencon 2949 im Jahr 2019 versammelt. Macht nichts, denken sich die Macher der Weltraumsimulation Star Citizen und verschenken prompt Regenschirme mit dem Spiellogo. Die Stimmung ist trotz grauen Himmels bereits vor den geschlossenen Türen euphorisch - einige Fans warten schon drei Stunden auf den Einlass.

"Leute haben sogar schon versucht, einen Ursa-Rover in eine Freelancer Max zu stopfen", hört man es aus der Menge vor uns herüberschallen. Schon in der Warteschlange wird über Kuriositäten, Abenteuer und Schiffe in Star Citizen gesprochen. Bugs, Fehler, Glitches und immer neue Zeitverschiebungen werden genauso humorvoll erwähnt - Dinge, welche Kritiker gerne gegen das Spiel ins Feld führen.

Auf der Citizencon vergessen wir schnell, dass Star Citizen noch immer ein Projekt in der frühen Entwicklung ist. Menschen sind freundlich, sprechen über das Spiel und lachen lautstark über dessen Probleme. Das wird auch in der Eröffnungspräsentation deutlich. Als die Folien und der Videostream vertauscht werden, gibt es Klatschen und Lachen statt Buhrufe. Auf der Veranstaltung hat das schon fast Tradition.

Sobald das erste Bild des neuen Schiffs Anvil Carrack gezeigt wird - ein Fan-Favorit für mehr als 500 US-Dollar -, bricht das Publikum in Euphorie aus. Fast eine Minute lang klatschen und jubeln die etwa 2.000 Zuschauer, die aus aller Welt nach Manchester gekommen sind. Für Cloud Imperium Games ist das Ereignis eines der wichtigsten Events des Jahres, meint Kommunikationsleiter Nick Shepherd.

Das verwundert nicht, ist die Community doch derzeit noch die Haupteinnahmequelle für die Weiterentwicklung von Chris Roberts' Vision, die er selbst auf der Bühne sogar als verrückten Traum bezeichnet. Allein während des vergangenen Verkaufsevents IAE (Intergalactic Aerospace Expo) 2949, bei dem Schiffe beworben wurden und zum Verkauf standen, wurden insgesamt etwa 8 Millionen US-Dollar eingenommen - verrückt! Erst kürzlich haben dadurch die gesammelten Einnahmen des Projekts 250 Millionen US-Dollar überschritten - zu 100 Prozent durch die Community finanziert.

Allein diese Zahl sagt aber noch nichts über das ganze Ausmaß aus, in dem die Spieler und Entwickler ihr Spiel lieben. Wenn Environment Artists stundenlang über schneebedeckte Bäume reden, hören die Fans aufmerksam zu. Wenn Chris Roberts wieder ein neues skurriles Detail ankündigt - animierte Kaffeemaschinen und physikalisch korrekte Textilien beispielsweise -, toben die Fans. Wenn die Entwickler das kommende Wirtschaftssystem mit Graphen und Parametern in einem coolen Tool erklären, wollen die Fans das auch haben und mehr davon sehen. Community-Manager Jared Huckaby antwortet darauf schnell und mit Humor: "Das ist ein Spielzeug, mit dem nicht ihr, sondern nur wir spielen dürfen!" Die Antwort: ein lachendes Publikum.

Ein Zerstörer aus 30 Kilo Filament

Die Euphorie der Fanbasis geht über Präsentationen hinaus. So konnten sich ausgewählte Organisationen aus Spielern auf einem dem Spiel nachempfundenen Marktplatz präsentieren. Sonnensegel über den Dächern und Wasserdampf aus einer Rauchmaschine sorgten für eine immersive Atmosphäre. Fans verkleideten sich als Sci-Fi-Ärzte oder Raumpiloten. Ihre Stände waren der Welt von Star Citizen nachempfunden. Auch eine Bar mit animiertem Fizzz-Logo, ein Nudelstand und ein Pizzaladen wie aus dem Spiel waren dort vertreten.

Um einem Stand tummelten sich besonders viele Besucher: Dort stellte sich die Organisation Skywalker Exploration and Manufacturing Corporation vor. Das Highlight: ein etwa 1,50 Meter großer Javelin-Zerstörer aus dem 3D-Drucker. "Ich wurde etwa einen Tag vor Beginn des Events mit dem Drucken fertig", sagt der Bauer des beeindruckend detaillierten Modells. Dort sind Miniatur-Geschütztürme, eine beleuchtete Brücke und sogar ein auf- und abfahrender Hangar mit darauf geparktem Schiff zu sehen. Laut ihm haben seine zwei Creality-3D-Drucker etwa fünf Monate lang daran gearbeitet. 30 Kilogramm Filament sind darin eingeflossen.

Dabei ist das dazugehörige Schiff für 2.500 US-Dollar im Spiel noch nicht einmal implementiert - wie vieles in Star Citizen. Dass die Organisation mit 25 Mitgliedern auch viel zu klein ist, um einen dieser riesigen Kreuzer später fliegen zu können, ist den Machern bewusst. Scherzhaft sagen sie: "Deshalb rekrutieren wir hier weitere Mitglieder!"

Doch nicht nur die Community überzeugt durch ihre Euphorie, auch die Entwickler sind mit ganzem Herzen dabei.

Zwischen Zukunftsvisionen und realistischen Vorstellungen

Das Team selbst zeigt sich immer begeisterter für sein Spiel, vor allem vor der eingeschworenen Fangemeinde. Die Citizencon 2949 hat im Jahr 2019 daher neben den thematisch passenden Ständen auch einen Cosplay-Wettbewerb auf der Bühne abgehalten. Besonders kreative Fans haben sich in ihre selbstgebauten Söldnerrüstungen, Laborkittel und Raumanzüge geworfen. Einige der Kostüme bestehen aus unzähligen Teilen und detailliert gestalteten Elementen.

Dass Cloud Imperium Games die Preisverleihung auf der großen Bühne und im Livestream überträgt, zeigt genauso viel Verschriebenheit an die Community, wie die ungewöhnlich umfangreiche Transparenz des Projekts.

Ja, Chris Roberts mag auf der Bühne von 100 Sternensystemen, realistischen Wettereffekten, Tausenden Spielern an einem Ort und riesigen Raumschiffen für 100 Spieler schwärmen; dahinter steht aber ein Entwicklerteam, das versucht, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Daher werden Einnahmen zu Crowdfunding-Zielen offengelegt und deshalb gibt es wöchentliche Updates zum Entwicklungsstand oder einen Blick hinter die Kulissen von Star Citizen.

Auch sind innerhalb des Teams Menschen wie Sean Tracy, technischer Leiter für Inhalte, wichtig. Wenn er über den neuen Spielmodus Theatres of War erzählt, werden auch Probleme erwähnt und dass dort noch viel Arbeit hineinfließen muss, damit er auch ausbalanciert ist. Wie ehrlich er ist, zeigt auch eine Szene auf der Bühne: Obwohl der Starttermin aus der Präsentationsfolie gelöscht wurde, verkündet er den Start für Anfang 2020.

Ideen offen diskutiert

"Es gibt noch ein paar Hürden", sagt uns Tracy nebenbei, "aber der Plan ist es, Electronic Access während der Quantum-Reisen als Beschäftigung zu aktivieren". Derzeit können Spieler im Verlauf dieser teils langen Sequenzen nicht viel im Spiel unternehmen und nur in ihren Schiffen umherlaufen. Die Neuerung gäbe ihnen kurzweilige Minispiele an die Hand.

Bei solchen Gesprächen und beim Herumlaufen auf dem Event können wir nicht anders, als uns für Star Citizen und seine verrückte Community zu begeistern. Die Hoffnung ist, dass die Fans das Entwicklerteam weiter unterstützen und es Entwickler wie Tracy und viele andere gibt, die Chris Roberts' Visionen zwar ebenfalls sehen, gleichzeitig aber realistisch bleiben.

Die Citizencon 2949 hat große Fortschritte bei Star Citizen gezeigt: Statt öffentlichem Nahverkehr und ruckelnden Raumschlachten zeigte das Team den Ansatz eines funktionierenden Wirtschaftssystems, schönere Planeten und zum ersten Mal ein neues Sonnensystem. Dies mag nur ein kleiner Schritt in der Entwicklung des Spiels sein, es ist aber ein großer Sprung für die Community. Es bleibt zu hoffen, dass wir auf der Citizencon 2950 die gleiche Euphorie erfahren können.

 (on)


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