Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/vw-logistikplattform-rio-mehr-fracht-transportieren-mit-weniger-lkw-1912-145198.html    Veröffentlicht: 10.12.2019 09:04    Kurz-URL: https://glm.io/145198

VW-Logistikplattform Rio

Mehr Fracht transportieren mit weniger Lkw

Im Online-Handel ist das Tracking einer Bestellung längst Realität. In der Speditionsbranche sieht es oft anders aus: Silo-Denken, viele Kleinunternehmen und Vorbehalte gegenüber der Digitalisierung bremsen den Fortschritt. Das möchte Rio mit seiner Cloud-Lösung und niedrigen Preisen ändern.

Wo steckt Lkw 587? Ist auf der morgigen Fahrt ins Volkswagen-Stammwerk nach Wolfsburg noch Platz für 12 Tonnen Fracht? Kann Lkw 345 nach seiner Lieferung ins Motorenwerk nach Salzgitter auf dem Rückweg Fracht aufnehmen? All das sind Fragen, die ein Disponent in der VW-Konzernlogistik täglich beantworten muss. In diesen Fällen genügt zwar ein Blick auf den Monitor, doch insgesamt ist die Digitalisierung der Transportbranche längst nicht so weit fortgeschritten wie man vermuten möchte.

Zwar gibt es meist ein Standort-Tracking der Zugmaschine, doch Informationen über den Laderaum fehlen häufig. Zudem setzen viele Speditionen auf Hardware der Lkw-Hersteller. Schnittstellen fehlen, auch von der Spedition zum Auftraggeber. Das ernüchternde Ergebnis: Im Schnitt sind 50 bis 60 Prozent aller Lkw-Fahrten nicht voll ausgelastet oder sogar Leerfahrten.

Das Unternehmen Rio möchte das mit seiner Logistikplattform ändern. Es gehört zur Traton Group, darin bündelt der VW-Konzern Scania und MAN sowie die brasilianische Marke VW Caminhões e Ônibus. Rio bietet eine Cloud-basierte Lösung. Sie funktioniert unabhängig davon, welchen Lkw-Typ der Spediteur einsetzt.

Neben den Klimaschutzzielen setzt vor allem die "Amazonisierung" die Transportbranche unter Zugzwang. "Das einfache Lokalisieren einer Bestellung bei Online-Händlern ist im privaten Bereich längst Normalität. Die Auftraggeber im gewerblichen Bereich erwarten das auch von ihrer Spedition", sagt der Vertriebs- und Marketing-Chef bei Rio, Martin Anke.

Fax und Excel-Tabelle

Traditionell bietet jeder Lkw-Hersteller sein eigenes Telematik-System beim Fahrzeugkauf an. Bei Mercedes-Benz heißt es Fleetboard, bei Volvo Trucks Dynafleet und bei DAF einfach Telematics.

Im Lauf der Jahre hat das zu einer Vielzahl an Software-Angeboten geführt, die allerdings meist nur auf einen Hardware-Hersteller fokussiert sind. Der Austausch von Daten zwischen den Systemen ist schwer bis unmöglich. Hinzu kommt, dass in etlichen Speditionen immer noch Fax und Excel-Tabelle die wichtigsten Werkzeuge in der Auftragsabwicklung sind.

Es gibt rund 45.000 gewerbliche Transportanbieter in Deutschland. 36.000 davon haben weniger als zehn Fahrzeuge in ihrer Flotte. Die Anschaffung eines Telematik-Systems steht auf der Prioritätenliste weit hinten. "Unser Ziel ist es, Unternehmen mit kleinen Flotten den Einstieg in die digitale Welt zu erleichtern", sagt Rio-Chef Jan Kaumanns.

Die Cloud-basierte Lösung senkt zwei der Hürden bei der Digitalisierung.

Abrechnung nach Tag und Fahrzeug

Zum einen funktioniert sie mit allen gängigen Hard- und Softwarelösungen. Zum anderen kann Rio seine Dienstleistung zu günstigen Preisen und ohne Abonnement anbieten. Im Gespräch mit Golem.de zeigte Marketing-Chef Anke die Benutzeroberfläche. Als Erstes fällt der Preis ins Auge: 0,29 Euro. Die Datenerfassung wird nach Tag und Fahrzeug abgerechnet.

"Wir bieten Speditionen damit mehr Flexibilität", sagt Anke. Es kommt vor, dass Spediteure bestimmte Auflieger oder Anhänger nur zeitweise nutzen, beispielsweise einen Kühlcontainer. Mit Rio kann der Auftraggeber neben dem Standort sehen, ob die Temperatur durchgehend gehalten wird.

Die Rio-Entwickler haben für die gängigsten Branchenanwendungen Schnittstellen (API) programmiert, so dass über ein gesichertes Web-Login alle Beteiligten auf die Transportdaten schauen können. Der Disponent hat die Lenkzeiten aller Fahrer im Blick und kann so entscheiden, ob sich ein Umweg zum Aufnehmen weiterer Ladung realisieren lässt. "Wir informieren unsere Nutzer zudem aktiv über Ereignisse", sagt Anke. Das reicht von der anstehenden Wartung einer Zugmaschine bis hin zu Unregelmäßigkeiten, wenn beispielsweise ein Anhänger seit Tagen unbewegt auf einem Parkplatz abseits der Autobahn steht.

Blick in den Laderaum

Viele der bisherigen Lösungen haben vor allem das Fahrzeug und den Fahrer im Blick. Sie stellen sich Fragen wie: Wer verbraucht auf seinen Fahrten am wenigsten Kraftstoff? Doch die Konzentration auf die Zugmaschine beziehungsweise das Fahrerhaus greift zu kurz, denn sie sagt nichts über die Nutzung des Laderaums aus. Hier ist noch viel Raum für Verbesserung - was die eingangs erwähnten Zahlen zu Leerfahrten zeigen, und Gründungen wie die von Cargonexx. Das Hamburger Startup will mit Hilfe künstlicher Intelligenz den Laderaum in Lkw besser ausnutzen.

Das ist auch das Ziel von Rio, und um das möglichst einfach zu erreichen, setzt das Unternehmen auf einen Beacon. Per Bluetooth-Verbindung sendet er den Kopplungsstatus, Ort und Geschwindigkeit an die Rio-Box im Fahrerhaus. Die Box kann auch nachträglich in einen Lkw eingebaut werden, sofern eine Flotten-Management-Schnittstelle (FMS) existiert. Auf die FMS haben sich die großen europäischen Nutzfahrzeug-Hersteller bereits 2002 geeinigt.

Rio agiert eigenständig am Markt. Doch einer der größten Kunden stammt aus der VW-Welt. Seit Herbst 2019 setzt die Konzernlogistik der Volkswagen-Gruppe auf die Cloud-Lösung. "Die Optimierung der Auslastung durch weitere Reduzierung von Leerfahrten und Standzeiten wird uns auch helfen, unsere Klimaschutzziele zu erreichen", sagt der Leiter der VW-Konzernlogisitik, Thomas Zernechel. Die Disponenten steuern den Material- und Warenfluss der 13 Konzernmarken mit Hilfe von über 150 Speditionen. Jeden Tag werden durchschnittlich 18.000 Lkw-Transporte in ganz Europa koordiniert. Jede vermiedene Leerfahrt entlastet die Verkehrssituation auf den Autobahnen.  (dku)


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