Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/apple-und-google-die-wollen-nicht-nur-spielen-1911-145197.html    Veröffentlicht: 26.11.2019 14:35    Kurz-URL: https://glm.io/145197

Apple und Google

Die wollen nicht nur spielen

Apple und Google haben Gaming für sich entdeckt. Und sie haben Geld, viel Geld. Wie, wo und was wir in Zukunft spielen, werden die Unternehmen entscheidend mitbestimmen.

Steve Jobs mochte vielleicht keine Games, aber er liebte den Erfolg. So ließe sich erklären, weshalb der Apple-Gründer einerseits dem langjährigen Disney-Geschäftsführer Robert Iger erzählte, dass er lediglich Comics noch mehr hasse als Videospiele, und andererseits auf der Bühne stand und stolz erklärte, weshalb Apple dank des iPhones und iPod Touch ein wichtiger Player in der Gamesbranche sei. Das war 2010.

Gut zehn Jahre später hat Apple diese Stellung gefestigt. Und auch darüber hinaus werden mobile Spiele, also solche, die man nicht auf dem heimischen PC oder einer Konsole, sondern eben auf mobilen Geräten unterwegs spielen kann, immer populärer. Laut einer jüngsten Marktanalyse von Nielsen Superdata haben diese Games inzwischen einen Marktanteil von knapp 60 Prozent. Bei den Umsätzen legten sie im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozent zu, während Konsolen- und PC-Spiele verloren. In Deutschland überholten im vergangenen Jahr laut dem Jahresreport der Gamesbranche Smartphones erstmals den PC als beliebteste Spieleplattform.

Es ist also ein guter Zeitpunkt, um neue mobile Gamingdienste zu starten. Und so ist es nur folgerichtig, dass Apple Mitte September seinen Spieledienst Arcade einführte, in dem Apple-Kundinnen und -Kunden ausgewählte Videospiele im monatlichen Abo spielen können - auf dem Mac und Apple TV, aber eben auch auf iPhones und iPads. Google legte Mitte November nach mit einem neuen Gamingdienst, der zumindest technisch beeindruckend ist: Stadia bringt Topspiele per Streaming direkt aus der Cloud aufs Gerät - ohne Konsole, ohne PC, ohne vorherigen Download.

Ein Abomodell für Spiele, ein Cloud-Gaming-Dienst: Apple Arcade und Google Stadia sind grundlegend verschieden. Doch beide Angebote zeigen, wie sich die Machtverhältnisse der Gamesbranche verschoben haben - und wer in Zukunft bestimmen könnte, wie, wo und was die Menschen spielen.

Premium-Games ohne In-App-Einkäufe

Arcade ist Apples bislang größter Vorstoß in den Gamingbereich. Der Dienst kann direkt aus dem App-Store heraus gestartet werden und kostet 4,99 Euro monatlich. Der erste Monat ist kostenlos. Dafür bekommen Abonnentinnen rund 100 Spiele, die auf allen Apple-Geräten ab iOS 13 oder macOS Catalina laufen. Speicherstände können über Geräte hinweg synchronisiert werden. Alle Spiele sind auf die Bedienung per Berührung auf dem Bildschirm optimiert - manche funktionieren aber auch mit einem Controller, wenn man diesen mit seinem Apple-Gerät verbindet.

Arcades Aboangebot umfasst Puzzle- und Rätselspiele, liebevoll gezeichnete Adventures wie Jenny LeClue, die absurde Golfsimulation What the Golf?, das rasante Arcade-Spiel Sayonara Wild Hearts und den düsteren Action-Slasher Bleak Swords. Die Qualität der Spiele ist fast durchgängig gut, regelmäßig kommen neue hinzu. Und so wächst auch das Angebot an familienfreundlichen Spielen stetig.

Neu sind solche Spieleabos sind nicht, schon längst gibt es den Xbox Game Pass oder EA Access. Aber Apple spricht mit Arcade nun jene Spieler an, die nicht erst die Konsole anschalten und stundenlang Games herunterladen wollen. Oder solche, die sich nicht durch Tausende Games im App-Store wühlen mögen, um Neuerscheinungen zu finden, die ihrem Geschmack entsprechen. Die Kuration garantiert eine gleichbleibende Qualität und die Anzahl an verfügbaren Inhalten sorgt dafür, das für jeden etwas dabei sein dürfte. Apples Versprechen: Ihr gebt uns fünf Euro im Monat und wir sagen euch, was ihr spielen wollt.

Auch für die Spielebranche ist Arcade interessant. Erstens gibt der Dienst den Entwicklerstudios die Möglichkeit, sich von der Masse abzuheben und entdeckt zu werden. Gerade in App Stores, deren Bestenlisten von Dauerbrennern wie Candy Crush dominiert werden, ist das schwierig. Erst recht, wenn ein Spiel nicht den gängigen Trends und Mechaniken folgt.

Ein zweiter wichtiger Punkt: In Apples Arcade gibt es weder Werbung noch Mikrotransaktionen. Das ist im Segment mobiler Spiele eine Revolution. Denn deren Geschäftsmodelle basieren meistens darauf, dass Spielerinnen innerhalb des Games bezahlen - etwa, um schneller voranzukommen oder um zusätzliche Funktionen freizuschalten. Oder aber sie bekommen Werbung angezeigt. Die meisten erfolgreichen Games in den App Stores von iOS und Android funktionieren deshalb nach dem sogenannten Freemium-Modell: Sie lassen sich kostenlos installieren, fordern aber zu In-Game-Käufen auf, ohne die das Spiel irgendwann langweilig bis unerträglich wird. Für Anbieter, die sich dagegen entscheiden, ihre Games kostenpflichtig anzubieten, gelten solche Freemium-Modelle als notwendiges Übel.



Für Entwickler kann sich Apple Arcade lohnen

Apples Arcade hat das Problem nicht. "Wenn du ein Premium-Spiel ohne Werbung oder In-Game-Käufen machen willst, ist es eine fantastische Alternative, weil du dich auf das Spiel konzentrieren kannst", sagt Andrew Schimmel von kanadischen Studio Snowman, dessen Spiel Where Cards Fall in Arcade verfügbar ist und mehrere Jahre in der Entwicklung war. "Es ist befreiend" sagt P'ng Yi Wie vom malaysischen Studio Kurechii.

Doch es gibt auch Kritik. So sind die Aufnahme- und Rahmenbedingungen für Arcade nicht transparent. P'ng Yi Wie spricht von einem langwierigen Bewerbungsprozess und hohen Einstiegshürden. Details könne er, wie andere Arcade-Teilnehmer, nicht verraten, außer: "Die Monetarisierung ist kein Problem."

Berichten der Financial Times zufolge soll Apple rund 500 Millionen in Arcade investieren, darunter "mehrere Millionen pro Spiel". Gerade für kleinere Studios könnte es also lukrativ sein, in Arcade aufgenommen zu werden, weil das finanzielle Sicherheit bedeutet. Dann ist es auch zweitranging, dass sie sich verstärkt an Apple binden: Arcade-Spiele dürfen zwar zeitgleich auf anderen Plattformen wie der Playstation oder dem PC erscheinen, nicht aber in einer Android-Version.

Gleichzeitig könnte Apples Lockruf den Konkurrenzkampf rund um Premium-Games weiter verschärfen. Das glaubt etwa der Indie-Entwickler Adriaan de Jongh. Sollte Arcade erfolgreich sein, wozu sollten Menschen dann fünf Euro für ein einzelnes Spiel ausgeben, wenn sie für den gleichen Preis mehr als 100 im Abo haben können? Studios, die es nicht in Arcade schaffen, hätten es dann noch schwerer als ohnehin schon. Die strengen Aufnahmekriterien für den App-Store sind für iOS-Games ohnehin schon eine hohe, aber wichtige Hürde - mit Arcade könnte eine weitere hinzukommen. "Als Entwickler kleinerer Games fürchte ich, nicht mehr mithalten zu können", sagt de Jongh.

Google Stadia: Games aus der Wolke

Google Stadia verfolgt mit seinem neuen Dienst einen anderen Ansatz als Apple. Hier nämlich ist weder PC noch Konsole nötig, um die aktuellen Topgames spielen zu können. Denn bei Stadia kommen die Games aus der Cloud, sie befinden sich nicht auf der eigenen Festplatte, sondern in den Rechenzentren von Google. Das bedeutet für die Nutzer: Sie brauchen nur Googles Chrome-Browser, Googles Smartphone Pixel (weitere Hersteller sollen in Zukunft unterstützt werden) oder Googles Streaming-Stick Chromecast Ultra am Fernseher, damit die Spiele laufen. Ach so: und eine ausreichend schnelle Internetverbindung natürlich.

Cloud-Gaming gibt es zwar schon länger, viele Dienste scheiterten aber bislang entweder an der mageren Spielauswahl oder am ruckelnden Spielerlebnis. Das will Google gelöst haben, und tatsächlich funktionierte Stadia unter anderem im Test auf Zeit Online nahezu reibungslos. Die Auswahl der Spiele ist zum Start noch überschaubar: Die vor kurzem erschienene PC-Version von Read Dead Redemption 2 sowie Assassin's Creed Odyssey gehören zu den bekanntesten Titeln.

Zum Auftakt ist Stadia nur im Abo erhältlich, erst kommendes Jahr soll es auch eine kostenlose Basisversion geben. Für zehn Euro im Monat können die Games in bis zu 4K-Auflösung gestreamt werden. Die Spiele sind in diesem Preis noch nicht inbegriffen, darum müssen Nutzer sie, anders als bei Apple Arcade, einzeln kaufen. Deshalb stellt sich die berechtigte Frage, welchen Vorteil Stadia gegenüber Konsolen oder PCs hat - wenn man von der eingesparten Downloadzeit einmal absieht.

Tatsächlich macht erst die Zukunftsperspektive Stadia wirklich interessant. "Es ist unsere Vision, Gaming im weitesten Sinne für alle Menschen verfügbar zu machen, ohne dass die Hardware eine Hürde ist", sagte der Google-Manager Phil Harrison gegenüber Gamesradar. Anders gesagt: Google plant schon jetzt für eine Zukunft, in der Menschen nicht mehr alle paar Jahre ihre Konsole oder ihren PC austauschen, sondern Videospiele stets nur einen Klick entfernt sind. So wie es heute schon bei Musik oder Filmen der Fall ist.

Apple und Google haben die notwendige Infrastruktur

Dazu kommen revolutionäre Stadia-Features, die allerdings bislang nur angekündigt und noch nicht verfügbar sind: Crowd Play soll ermöglichen, dass Streamer auf YouTube ihr Publikum einladen können, direkt mit ihnen in ein Spiel einzusteigen - sofern die entsprechenden Games das unterstützen. Über State Share sollen Stadia-User untereinander einen Link teilen können, mit dem sich ein Spiel genau an einer bestimmten Stelle laden lässt.

Auch den Entwicklern und Entwicklerinnen könnten sich ganz neue Möglichkeiten eröffnen, wenn sie ihre Spiele nicht an die Hardware der Verbraucher und an die Einschränkungen gängiger Konsolen anpassen müssen, sondern stattdessen auf die geballte Rechenpower von Googles Infrastruktur zurückgreifen können. Die Ingenieure des Unternehmens denken bereits an neue Spielewelten mit naturgetreuer Physik, die durch Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz erst möglich werden. Und statt bloß 100, wie etwa bei Fortnite, könnten 1.000 Spieler gleichzeitig an einer Partie teilnehmen, ohne dass das System zusammenbricht. So sind komplett neue Genres denkbar.

Das ist noch Zukunftsmusik, denn noch wurde kein exklusives Spiel für Stadia angekündigt. Bislang sind nur Titel im Angebot, die es bereits auf anderen Plattformen gibt. Und auch Insider wie Google-Manager Phil Harrison schätzen, dass es noch zwei Jahre dauern wird, bis die Technik wirklich ausgereift ist und die ersten Games kommen, die das Potenzial der Cloud wirklich ausschöpfen. Berichten zufolge baut Google bereits ein Netzwerk aus Spielestudios auf, die exklusive Stadia-Games entwickeln sollen.

Was für Google und den mittelfristigen Erfolg von Stadia spricht: Das Unternehmen verfügt über das technische Know-how, die notwendige Infrastruktur und vor allem die finanziellen Ressourcen, um schlagkräftige Partner aus der Gamingbranche zu überzeugen. Auch wenn Stadia zum Launch noch viele Games und Funktionen vermissen lässt, bringen sich Konkurrenten bereits in Stellung: Sowohl Microsoft als auch Valve und Amazon arbeiten bereits an eigenen Cloud-Gaming-Projekten. Kampflos überlassen möchte man Google den Markt offenbar nicht.

Apple und Google haben einen Vorsprung

Was aber bedeuten Apples und Googles Vorstöße für die Gamingszene? Sie zeigen, dass Videospiele nun nach Musik und Film die nächste große Branche ist, die von den großen Technologiefirmen eingenommen wird. Mit ihren App-Stores kontrollieren beide Unternehmen schon jetzt den Großteil des mobilen Spielemarktes - und das ist passenderweise der Teil, der insgesamt am schnellsten wächst.

Sowohl Apple Arcade als auch Google Stadia vertrauen darauf, dass sich die Spielgewohnheiten der Menschen weiter verändern. Das stationäre Gaming über Konsolen und PCs, das die Spielebranche seit jeher auszeichnet, hat neue Konkurrenz. Durch immer leistungsfähigere Smartphones und die Möglichkeit, auch anspruchsvolle und grafikintensive Spiele aus der Cloud heraus zu spielen, sind Videospiele zunehmend ungebunden. Zwar sind die Datenverbindungen immer noch eine Einschränkung für Dienste wie Stadia, doch sollte der neue Mobilfunkstandard 5G nur ansatzweise halten, was er verspricht, würde Cloud-Gaming in einigen Jahren auch außerhalb der eigenen Wohnung funktionieren.

Somit ist es denkbar, dass die nächste Konsolengeneration die letzte sein könnte, die noch auf stationäre Hardware setzt. Nintendo hat mit seiner Hybrid-Konsole Switch bereits gezeigt, dass die Menschen mehr Flexibilität schätzen; die Switch könnte Nintendos erfolgreichste Konsole seit dem Gameboy werden. Weitere Hersteller könnten dem Beispiel folgen. Einen Unterschied zwischen mobilen und stationären Games gäbe es nicht mehr, wenn sich alle Games, von Candy Crush bis Red Dead Redemption 2, auch auf dem Smartphone spielen und bequem von einem Gerät auf das nächste übertragen lassen. Frictionless Gaming, nennt man das in der Branche, zu Deutsch: reibungsfreies Spielen. Abomodelle wie bei Apple Arcade könnten die Einzelverkäufe verdrängen, wie es auch im Film- und Fernsehbereich der Fall ist.

Netflix-Gründer Reed Hastings glaubt, dass die Filmbranche inzwischen mit Videospielen um die Ressource Bildschirmzeit konkurriert. Gleichermaßen suchen auch die großen Tech-Unternehmen nach neuen Wegen, die Menschen länger und enger an die eigenen Ökosystem zu binden. Arcade und Stadia könnten erst der Anfang einer größeren Machtverschiebung innerhalb der Gamingbranche sein.  (zeit-ek)


Verwandte Artikel:
Spielestreaming: Weniger als 1 Prozent spielen Destiny 2 über Stadia   
(25.11.2019, https://glm.io/145183 )
Smartphone-Absätze: Xiaomi in Europa stark, Huawei in China   
(26.11.2019, https://glm.io/145214 )
Ambient Mode: Google verteilt Ladebildschirm mit Assistant-Funktionen   
(26.11.2019, https://glm.io/145209 )
Spieleabo: Apple Arcade bietet nun 100 Spiele   
(10.11.2019, https://glm.io/144894 )
Gearbox Software: Battleborn verliert die Schlacht endgültig   
(26.11.2019, https://glm.io/145217 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/