Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/elektroschrott-kauft-keine-kleinen-konsolen-1912-145107.html    Veröffentlicht: 04.12.2019 07:33    Kurz-URL: https://glm.io/145107

Elektroschrott

Kauft keine kleinen Konsolen!

Ich bin ein Fan von Retro. Und ein Fan von Games. Und ich habe den kleinen Plastikschachteln mit ihrer schlechten Umweltbilanz wirklich eine Chance gegeben. Aber es hilft alles nichts.

Um eines ganz klar vorwegzunehmen: Ich habe mit Retrogaming angefangen, bevor es cool war. Damit meine ich: Zophars Domain auf dem CRT eines Pentium in meinem WG-Zimmer, in dem sich außer einem Futonbett, einem Regal und einem PC nichts weiter befand. Mehr hätte auch nicht reingepasst. Das Internet war langsam und kam per Festnetzmodem und Freiminuten aus Zeitschriftenbeilagen über Compuserve oder wie auch immer das damals hieß. Egal: Ich konnte NES-Spiele aus meiner Kindheit auf den PC herunterladen und mit Nesticle spielen. Vermutlich mit meiner Tastatur und unter großen Qualen, aber das weiß ich nicht mehr.

Ganz genau kann ich mich allerdings an eine Demoparty im Jahr 2000 erinnern, auf der mein hoffnungslos veralteter PC zu nicht viel mehr gut war, als eben diese Spiele zu zocken und im lokalen Netz weiterzuverteilen. Die vorgestellten Demos konnte ich mir ausnahmslos lediglich auf der Leinwand ansehen, als sie am Ende der Party präsentiert wurden. Die Zeit, bis es so weit war, vertrieb ich mir mit Biertrinken und dem Durchspielen der Gameboy-Version von Gargoyles Quest. Retrogaming war derart Nischenprogramm, dass ich sogar von einem Freund, der beim Fernsehen als Redakteur arbeitete, vor laufender Kamera interviewt wurde, um das Publikum als exotischer Nerd zu erfreuen.

Warum ich das erwähne? Um klarzustellen, dass ich nicht das Geringste gegen Emulatoren und Emulation im Generellen habe und keine Standesdünkel hege gegen mittelmäßige Versuche, die goldene Zeit der Videospiele der 80er und 90er Jahre per Emulation wieder aufleben zu lassen.

Wogegen ich etwas habe, möchte ich im Folgenden darlegen.

Die gute alte Zeit

Wer sich vor 30 oder 40 Jahren eine Spielkonsole kaufte, war meist unter 20 und auf Transferleistungen seiner Eltern angewiesen. Die Entscheidung wollte wohlüberlegt sein und bestimmte die spielerische Zukunft auf unbestimmte Zeit ganz wesentlich. Meist kamen die Einflüsse aus dem unmittelbaren Freundeskreis - wer Bekannte hatte, die auf ein System setzten, würde vermutlich eher zu diesem tendieren, weil man dann unkompliziert Spiele tauschen konnte. Andererseits waren da die Exklusivtitel, die diesen Namen auch noch verdienten: Sonic auf dem NES, Mario auf dem Mega Drive - undenkbar.

Wer sich entschieden hatte, war Fan. Für Lebenszeit. So lange, wie die Lebenszeit für ein Kind oder einen Teenager eben dauerte. Meist bis zum Eingehen erster fester Beziehungen.

Aber Monate und Jahre zogen sich in Kindheit und Jugend länger, die Zeiträume, in denen große Titel erschienen, gekauft und gespielt wurden, erschienen einem ewig. Wer erwachsen wurde, verkaufte seine Konsolen und Spiele oder verschenkte sie.

Bis die Nostalgie einsetzte.

Die beste Retrokonsole haben Spieler bereits

Flohmärkte, Ebay, unvermittelte Dachbodenfunde im Freundeskreis - all das gab es schon, als die Zukunft mit der Verbreitung des Internets wirklich begann. Aber eine Überkonsole, um alle Kindheitshits erneut zu spielen, das war der Traum seit der Mitte der 90er Jahre. Der PC.

Millionen von Farben, hardwarebeschleunigte Grafik und Prozessoren, die jegliche Grenzen der Vorstellungskraft sprengten, ermöglichten erstmals die realitätsgetreue Emulation alter Spielkonsolen. Hinzu kam, dass ein Abbild des Moduls oft nur wenige Hundert Kilobyte groß war: perfekt für die schmale Bandbreite damals. SID-Tracks statt .mp3s!

Springen wir ins Jahr 2019, dann lässt sich so ziemlich jede Konsole bis zum Gamecube und der PS2 selbst auf Bürorechnern emulieren. Der Download des Original-ROMs von Super Mario Bros. auf dem NES dauert wesentlich kürzer als das Entpacken der .zip-Datei und die Installation eines Emulators. Einen passenden Controller hat sicherlich jede Spielerin und jeder Spieler irgendwo herumzuliegen, die Anpassung im Emulator ist meist intuitiv. Aber es gibt inzwischen noch andere, ganz legale Wege, um die alten Pixel auf moderne Bildschirme zu bringen: Nintendo, Sony, Microsoft und Sega bieten große Teile ihres Retrokataloges auf ihren aktuellen Konsolen zum Download an. Auf dem PC geht das über Steam oder GOG.

Warum dann also eine Minikonsole kaufen? Die Frage sollte viel eher lauten: Warum dann also eine Minikonsole herstellen und verkaufen?

Software vs. Hardware

Die Antwort ist aus Herstellersicht einfach: weil die Gewinnmarge höher ist. Wer wie Nintendo ohnehin vom Recycling der alten Spiele über Generationen von Spielkonsolen hinweg profitiert, kann noch einige Käufer mehr gewinnen, wenn er die Klassiker niedrigschwellig mit Hardware verbindet. So werden Käufer gewonnen, die keine aktuelle Konsole besitzen und die Hardcore-Fans schlagen bei den potenziellen Sammlerobjekten ebenfalls zu. Dabei ist diese Hardware für die Hersteller heute für Centbeträge zu kaufen und selbst die Entwicklungskosten sind dank Open-Source-Emulatoren überschaubar. Es muss keine Plattform aufwendig gewartet werden und es fallen keine Folgekosten durch Updates an. What you see is what you get.

Am Ende verlieren alle, außer die Hersteller. Die Emulatorenszene wird weiter ins Zwielicht gerückt, denn schließlich gibt es ja jetzt "legale Alternativen" - so schlecht sie auch sein mögen - und die Konsumenten geben mehr Geld aus als nötig, um ein paar Minuten ihrer Kindheit zurückzubekommen. Am schwerwiegendsten für mich ist aber der Umweltaspekt.

Warum all dieser unnötige Elektroschrott im Jahr 2019? Klar gab es überflüssige Spielzeuge mit Chips und Plastik schon immer - hier sei nur an Furby erinnert -, aber die waren wenigstens nicht rein durch Software ersetzbar. Die Minikonsolen sind es. Die so verbaute Hardware hätte zu Zeiten des Originalspiels jeglichen PC verblassen lassen und wäre auch heute noch zu wesentlich produktiveren Zwecken einsetzbar, wenn die Hersteller sie nicht künstlich beschränkten. Die Qualität der Emulation ist bestenfalls mittelmäßig und schlimmstenfalls abschreckend. Wer eine Wegwerfkonsole verschenkt, sollte sich überlegen, ob man nicht durch gemeinsames Basteln einer Raspberry-Pi-Gaming-Station und die individuelle Auswahl der Spiele mehr gewinnt als durch den Kauf eines solchen Geräts. Der Pi lässt sich später für allerlei andere Aufgaben umnutzen und kann zum Beispiel zu einem Mediacenter erweitert werden. Wem das zu kompliziert ist, der kann immer noch auf die reiche Retrospiele-Bibliothek seiner Switch, PS4 oder Xbox One zurückgreifen - hier sind nahezu alle Titel, die es auf den Minikonsolen vorinstalliert gibt, erhältlich.

Ich plädiere für ein Modell, wie es GOG schon seit Jahren vorbildhaft anbietet: alte Spiele mit einem Wrapper, der es möglich macht, auf jedem modernen PC in die Vergangenheit abzutauchen. Der Emulator ist für Spielerin und Spieler praktisch unsichtbar und verrichtet sein Werk im Hintergrund. Die Preise sind angemessen und es gibt keinerlei Bindung an einzelne Geräte oder gar DRM. So wie es gerade aussieht, bleibt aber nur eine Bitte: Liebe Retrogamer, spielt mehr alte Spiele auf modernen Plattformen - und verschenkt Gutscheine statt Minikonsolen.

Post Scriptum: Ich möchte positiv erwähnen, dass die meisten Hersteller der Minkonsolen wenigstens darauf verzichten, Micro-USB-Netzteile beizulegen. Das ist aber auch schon alles.  (mwo)


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