Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/handelskrieg-zartbittere-zeiten-fuer-chinas-technikbranche-1911-144852.html    Veröffentlicht: 11.11.2019 12:09    Kurz-URL: https://glm.io/144852

Handelskrieg

Zartbittere Zeiten für Chinas Technikbranche

"Bitterkeit essen" heißt es in China, wenn schlechte Zeiten überstanden werden müssen. Doch so schlimm wie Donald Trump es darstellt, wird der Handelskrieg mit den USA für Chinas Technikbranche wohl nicht werden.

Als sich die USA Anfang 2017 im Handelskrieg gegen China positionierten, zeigte sich die Regierung in Peking selbstbewusst und zuversichtlich - nach außen hin. Doch im Gebäude des zentralen Planungsministeriums NDRC herrschte Alarmstimmung, wie sich chinesische Wirtschaftsjournalisten heute erzählen. Denn den Beamten der Technikabteilungen war klar, was jeder Chef eines chinesischen Technikkonzerns bestätigen konnte: Die eigene Produktion war und ist in erschreckendem Maße auf Hard- und Software aus den USA angewiesen.

Das betrifft nicht nur das vielzitierte Beispiel Huawei, sondern die ganze Branche. China importiert 84 Prozent seiner Chips. Von den 16 Prozent, die aus dem Inland kommen, ist rund die Hälfte von ausländischen Firmen wie Samsung oder Intel vor Ort hergestellt. Bleiben acht Prozent aus unangreifbar eigener Fertigung. Ein lächerlicher Anteil für den größten Elektrostandort der Welt. Auch Firmen wie Hikvision, einer der Weltmarktführer für Überwachungskameras, oder BBK Electronics (Oneplus, Oppo, Vivo), einer der größten Smartphonehersteller der Welt, droht ein Totalausfall, falls die Amerikaner ihre Lieferungen einstellen.

Der Ansatz von US-Präsident Donald Trump liegt also nahe - zumindest aus Sicht eines harten Verhandlers aus der Immobilienbranche: Indem er den chinesischen Unternehmen das entzieht, was sie dringend brauchen, könnte er sie gefügig machen. Als Nebeneffekt würde er die Entwicklungspläne des asiatischen Aufsteigers torpedieren. Schließlich wagte sich die Planungsbehörde in den vergangenen Jahren mit ehrgeizigen Zielen vor.

Die National Development and Reform Commission, so der volle Name des Ministeriums, hatte ursprünglich 2049 als das Jahr angepeilt, in dem China mit den westlichen Ländern im Wesentlichen gleichzieht. Ein wichtiger Meilenstein wäre dann 2025 liegen, wenn sich bereits konkrete Ergebnisse der Aufwertung zeigen sollen. Das Programm mit dem Namen Made in China 2025 musste für die Befürworter von "America First" um Trump wie eine Drohung klingen. Sie stehen nicht allein da. Auch die deutsche Industrie diskutiert heftig, was technische Eigenständigkeit der Chinesen für ihre Stellung im globalen Wettbewerb bedeuten würde.

Doch Trump hat bei seinem Angriffsplan in mehrfacher Hinsicht nicht mit den chinesischen Firmen gerechnet. Einerseits geht es einem guten Teil der Technikbranche weiterhin glänzend, denn sie stützt sich auf einen riesigen Binnenmarkt mit zahlungskräftigen, loyalen Kunden. Andererseits könnte der Druck aus den USA die technologische Aufholjagd der Chinesen beschleunigen, statt sie aufzuhalten. Präsident Xi Jinping hat bereits ein Milliardenprogramm für "mehr Eigenständigkeit" angekündigt. Zwar wird in absehbarer niemand die USA überholen. Doch zunächst geht es nur darum, funktional die nötigen Fähigkeiten zu entwickeln, die für eine Mehrheit der Produkte erforderlich sind.

Die USA dominieren bei Technik

Die Technikdominanz der USA ist ebenso deutlich sichtbar wie fest verankert. Unter den 100 wichtigsten Unternehmen der IT-Branche kommen 65 aus den USA. Die modernsten Prozessoren stammen von Intel, AMD und Nvidia, Spezialchips von Qualcomm; Software kommt von Microsoft, Oracle oder Google; Facebook und Twitter sind die global tonangebenden Sozialnetze; Apple wiederum hat längst eine exzellente vertikale Integration umgesetzt - sprich Hardware und Software aus einer Hand.

Zwar hat China heute durchaus eine aufstrebende Halbleiterfertigung durch Foundries wie SMIC und HLMC, doch der Schwerpunkt liegt auf günstiger Massenware wie Speicherchips in vergleichsweise geringen Mengen. Es ist kein Wunder, dass das Land hier hinterherhinkt. Als bei Texas Instruments und Intel in den 60er Jahren die ersten Chips auf Basis von Silizium-Halbleitern entstanden, arbeitete sich China an der Kulturrevolution ab und trieb die verbliebenen Mathematik-Professoren als Volksfeinde durch die Straße.

Nach dem Ende der ideologischen Periode in den späten 70er Jahren stand die naturwissenschaftliche Ausbildung an Chinas Universitäten auf deutschem Oberstufenniveau. Informatik existierte als Fach praktisch nicht. Es ist eher ein Wunder, wie schnell Chinas Tüftler nach diesen politischen Rückschlägen wieder aufgeholt haben.

Nicht nur China hinkt hinterher

Auch Länder, die keine solchen Nachteile hatten, sind heute weit vom US-Niveau entfernt. Selbst Japan, Heimat von Weltmarktführern wie Renesas, Toshiba oder Sony, kann bei weitem nicht alles selbst und nutzt Prozessoren von Intel und Handy-Chips von Qualcomm. Das stolze Technikland Deutschland hat kaum noch eigene Halbleiterfertigung, zu den wenigen Ausnahmen gehört Bosch mit der neuen RB300-Fab, denn Globalfoundries in Dresden ist kein deutsches Unternehmen. Ein Lieferstopp durch China oder die USA würde hierzulande einen wesentlichen Teil der Fabriken zum Stillstand bringen, schließlich gibt es kein hochentwickeltes Produkt mehr ohne logische Steuerung.

China steht also unter gewaltigem Druck, die eigene Halbleiterindustrie in möglichst kurzer Zeit von der Mittelklasse auf die untere Oberklasse aufzuwerten. Das ist schwer - wirklich schwer, weil die Technik dazu wirklich haarig ist. Doch wenn ein Land so eine Aufgabe stemmt, dann China. Die Instrumente aus staatlicher Förderung und Steuerung sowie privatem Unternehmergeist und der Mobilisierung von Fachkräften sind längst erprobt.



China hat große Ressourcen

China ist das Land mit dem größten Reservoir an jungen Fachkräften aus Mathematik, Informatik sowie Natur- und Ingenieurwissenschaften weltweit. Die OECD kommt hier in einer aktuellen Studie auf 4,7 Millionen Absolventen in den vergangenen Jahren - das ist weltweit Platz eins vor Indien und deutlich vor den USA mit knapp 600.000. Fachkräfte gibt es also genug.

Es ist auch nicht so, als ob das Land bei null anfinge. Mit der Semiconductor Manufacturing International Corporation (SMIC) hat China im Jahr 2000 seinen eigenen Anbieter gegründet, ausdrücklich als Antwort auf die Stärke der Nachbarn Südkorea, Japan und Taiwan. Das Unternehmen aus Shanghai hinkt zwar technisch hinterher, doch es erhält gerade alle Unterstützung, die es zum Aufbau neuer Kapazitäten benötigt.

Die Physiker und Ingenieure dort konnten die Transistordichte bereits deutlich hochschrauben, obwohl SMI und HLMC mit 14 Nanometern noch nicht an die Fertigkeiten der Konkurrenz aus Taiwan und Südkorea heranreicht, die mit 7 nm bereits viel feiner arbeitet. Allerdings treiben Firmen wie die Tsinghua Unigroup mit staatlicher Unterstützung die Entwicklung sowie Herstellung von DRAM und Flash-Speicher massiv voran, etwa durch YMTC und Ziguang.

Die Regierung hängt dabei auch ein wenig dem Gedanken nach, das Wettrennen um die höchste Transistordichte ab einem bestimmten Punkt zu überspringen - schließlich forschen verschiedene Institutionen im Land heftig an spezialisierten Chips für neuronale Netze und sogar am Quantencomputer. Kurzfristig geht es jedoch erst einmal darum, dass die Handys von Huawei am Laufen bleiben - das ist derzeit die wesentlich realere Herausforderung.

Es ist nur eine Frage der Zeit

Ein älterer Plan sah bereits vor, bis 2025 auf 70 Prozent einheimischer Chips zu kommen. Jetzt soll es schneller gehen, und daher gibt es Steuererleichterungen und andere Subventionen für jedes Unternehmen, das sich in diesem Sinne engagiert. Der Effekt solcher Konjunkturförderung stellt sich in China zuverlässig ein. Das lässt sich schön an der Solarbranche nachvollziehen, die zwischen 2005 und 2015 die Weltmarktführerschaft an sich gezogen hat. Bei den Chips wird es etwas komplizierter, doch Analysten rechnen damit, dass China in ungefähr zehn Jahren so weit sein könnte. Allerdings gibt es schon heute Patentstreite, beispielsweise zwischen dem US-amerikanischen Speicherhersteller Micron, der der chinesischen Konkurrenz JHICC vorwirft, fremde Technologie zu nutzen.

Der Mikroelektronik-Experte Zhou Zhiping von der Peking-Universität erwartet sogar, dass sein Land binnen fünf Jahren aufholen kann, berichtet die Zeitung South China Morning Post. Andere Stimmen raten jedoch zur Vorsicht. Chinas Anbieter liefern noch zu viel Ausschuss und zu wenig raffinierte Ware auf internationalem Niveau.

Doch selbst den Kritikern ist klar: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis China nachzieht. Und seit Beginn des Handelskriegs spielt Geld dank staatlicher Förderung keine Rolle mehr. Damit wäre Trumps Politik für die USA ein monumentales Eigentor: Statt die Chinesen zu schlagen, hätte er sie gestärkt.



So bitter wird es nicht werden



Aus Peking ist zu hören, dass die kommunistische Führung sich mit genau solchen Gedankenspielen beschäftigt. Eine Phase schwächeren Wachstums spielt dabei die zentrale Rolle - und wie sie kommunikativ zu vermitteln wäre. Die Konjunkturschwäche war längst absehbar, schon lange vor Trump. Denn nichts wächst ewig. Jetzt könnte Xi Jinping den Durchhänger auf die Amerikaner schieben und die Bevölkerung auf schwere Jahre einschwören. Er kann Trump als Feind und Sündenbock aufbauen und eine neue glorreiche Phase nationaler Stärke nach der notwendigen Krise in Aussicht stellen. "Bitterkeit essen", so nennen es die Chinesen, wenn sie sich schweren Zeiten stellen müssen. Sie erweisen sich hier regelmäßig als zäh und geduldig.

Doch womöglich wird es gar nicht so schwierig - jedenfalls nicht im Sinne einer essenziellen Krise mit Schlangen an der Suppenausgabe. China ist mit seiner Milliarde begüterter Konsumenten heute so etwas wie ein Planet für sich. Das beweisen die Zahlen der anderen großen Technikkonzerne des Landes wie Alibaba und Tencent. Der Handelskrieg geht bisher an ihnen weitgehend unbemerkt vorbei. Der Anteil des US-Markts an ihren Umsätzen war bisher gering oder hinter Beteiligungen versteckt - ihr Auslandsgeschäft konzentriert sich auf andere Schwellenländer wie Indonesien.

Tencent mag eines der größten Internetunternehmen der Welt sein: Auch heute kommen weniger als drei Prozent des Umsatzes aus Märkten außerhalb Chinas. Und das, obwohl Tencent Beteiligungen an zahlreichen westlichen Spielefirmen hält (PDF), darunter 48 Prozent an Epic Games.

Es tut nur kurzfristig weh

Auch Alibaba steckt den Handelskrieg bisher gelassen weg, obwohl das Unternehmen Probleme mit einer grenzüberschreitenden Plattform für Bestellungen bei chinesischen Lieferanten hatte. Im kommenden Jahr wird der Umsatz auf der konzerneigenen innerchinesischen Einzelhandelsplattform Taobao 130 Milliarden Euro erreichen (PDF). Für das internationale Angebot Aliexpress veröffentlicht das Unternehmen nicht einmal konkrete Zahlen und spricht nur noch von "vielversprechendem Wachstum". Egal. Die Chinesen bestellen im Inland wie verrückt. Was will der Aktionär mehr?

Im Gesamtbild macht der Handelskrieg zwar in China niemanden glücklich, aber die Lage ist bei weitem nicht so katastrophal, wie Trump sie darstellt: ("…ihre Lieferkette zerbröselt und ihre Firmen, ihre Arbeitsplätze und ihr Geld ist alles weg …") Im Gegenteil, China schöpft seit Beginn der Angriffe aus seinen gigantischen Ressourcen an Humankapital und staatlich koordinierter Industriepolitik plus reichlich Geld für Investitionen. Der fehlende Zugriff auf amerikanische Hardware und Software wird kurzfristig sehr weh tun. Doch am Ende stehen die Chancen gut, den Weg zur Eigenständigkeit schneller zu gehen als bisher erwartet.

 (fmk)


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