Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/fritzbox-mit-docsis-3-1-in-der-praxis-hurra-wir-haben-gigabit-1911-144739.html    Veröffentlicht: 04.11.2019 09:05    Kurz-URL: https://glm.io/144739

Fritzbox mit Docsis 3.1 in der Praxis

Hurra, wir haben Gigabit!

Die Fritzbox 6591 Cable für den Einsatz in Gigabit-Kabelnetzen ist seit Mai im Handel erhältlich. Wir haben getestet, wie schnell Vodafone mit Docsis 3.1 tatsächlich Daten überträgt und ob sich der Umstieg auf einen schnellen Router lohnt.

Wie wird es sich künftig in einer Gigabit-Gesellschaft leben? Union und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag "einen flächendeckenden Ausbau mit Gigabit-Netzen bis 2025" versprochen. Schon jetzt bieten Netzbetreiber wie Vodafone einen Kabelanschluss mit Download-Raten von bis zu 1 Gigabit pro Sekunde. Wir haben bei einem Anschluss mit Docsis 3.1 in Berlin getestet, was diese Übertragungsgeschwindigkeit bringt und ob Vodafone seine Versprechen halten kann.

Für den Test haben wir einen Fritzbox-Kabelrouter verwendet, der seit Mai 2019 im Handel frei erhältlich ist. Die Fritzbox 6591 Cable soll nach Angaben des Herstellers AVM im Download "mehrfache Gigabit-Geschwindigkeiten" erreichen. Von der Ausstattung her unterscheidet sie sich wenig von der Fritzbox 6590, die Golem.de ausführlich getestet hat. Beide Router verfügen über vier Gigabit-LAN-Anschlüsse, Multi-User-MIMO, WLAN-Mesh und unterstützen WLAN ac bis 1.733 MBit/s, 5 GHz und WLAN n bis 800 MBit/s, 2,4 GHz. Allerdings hat die Fritzbox 6591 Cable zwei schnelle USB-3.0-Anschlüsse.

Unkomplizierter Umstieg

Nach Angaben von Vodafone ist Docsis 3.1 seit April 2019 in ganz Berlin verfügbar. Vermarktet wird der Tarif Red Internet & Phone 1000 Cable mit "bis zu" 1.000 MBit/s maximal im Download und "bis zu" 50 MBit/s maximal im Upload. In den entsprechenden AGB (PDF) garantiert Vodafone einen minimalen Downstream von 600 MBit/s und einen "normalen" Downstream von 800 MBit/s. Beim Upstream liegt die Mindestrate bei 15 Mbit/s und die "normale" Rate bei 35 Mbit/s.

Verhältnismäßig unkompliziert gestaltet sich der Software-Umstieg von der Fritzbox 6490 Cable zu dem neuen Topmodell. Zahlreiche Einstellungen lassen sich exportieren und in den neuen Router importieren. Dazu zählen die Einstellungen für die Heimnetzgeräte, Fritzbox-Nutzer, Telefonie und WLAN. Bei einem Wechsel von Geräten des gleichen Modells würden normalerweise alle Einstellungen übernommen, sagt AVM, allerdings nicht bei Kabelroutern. In diesem Fall müssen unter anderem noch die Internetzugangsdaten eingetragen werden. Die Anmeldung des neuen Routers bei Vodafone stellt ebenfalls kein Problem dar.

Fritzbox passt nicht mehr in Multimediaschrank

Nicht übernommen werden bei unserem Wechsel VPN-Einstellungen oder die Zugangsdaten von MyFritz. Was jedoch etwas ärgerlich ist: Die neue Fritzbox ist mit 85 mm deutlich höher als die 6490 mit 59 mm. Daher passt sie nicht mehr in den bisher genutzten Multimediaschrank mit dem darin befindlichen Patchfeld. Eine bessere WLAN-Durchdringung der Wohnung, vor allem im 5-Gigahertz-Bereich, ist trotz der Auslagerung aus dem Schrank nicht zu registrieren. Zwar findet sich ein Platz für die Box im Regal, doch die Patchkabel müssen nun aus dem Schrank durch die Wand gezogen werden.

Die 6591 beherrscht selbstredend den Vorgängerstandard Docsis 3.0. Dieser ist ohnehin noch für den Upstream erforderlich, denn der Anschluss unterstützt in Senderichtung kein Docsis 3.1. Full Duplex als Ergänzung zu Docsis 3.1, auch als Docsis 4.0 bezeichnet, kommt erst in einigen Jahren. Die Fritzbox ist dafür ebenfalls noch nicht ausgelegt. Die Frequenzspektren beider Standards sind unabhängig voneinander, so dass eine starke Auslastung von Docsis 3.0 sich nicht auf Docsis 3.1 auswirkt. Andererseits kann Doscis 3.1 die Frequenzen von Docsis 3.0 nutzen, wenn die Bandbreite einmal nicht ausreichen sollte.

Die entscheidende Frage beim Internetzugang lautet, wie viel von der versprochenen Übertragungsrate tatsächlich beim Nutzer ankommt.



Hohe Downloadrate nachts um halb eins

Das LAN innerhalb der Wohnung sollte zumindest ein Gigabit zwischen Router und Endgeräten garantieren. Erste Speedtests über Seiten wie Speedtest.computerbild.de und Deutsche-glasfaser.de verlaufen eher ernüchternd. Die Download-Werte schwanken zwischen 140 und 370 MBit pro Sekunde. Sehr weit von einem Gigabit entfernt.

Besser sind die Werte beim Netflix-Angebot Fast.com. Dort wird nachts um halb eins immerhin ein Download von 930 MBit/s erreicht. Das ist schon sehr nahe dran am Gigabit. Möglicherweise wird in den Nachtstunden sogar der Maximalwert erreicht. Bekanntlich sinkt die Übertragungsrate im Kabelnetz vor allem in den Abendstunden, da es sich um ein Shared Medium handelt.

Automatisierte Abfrage mit Speed-CLI

Um nachts nicht für eine Bandbreitenmessung aufstehen zu müssen, suchen wir nach einer automatisierten Lösung. Solche Messungen nachts und tagsüber sind zudem unbeeinflusst von anderen Down- und Uploads der im Haushalt genutzten Endgeräte. Dazu gibt es unter anderem die Möglichkeit, über eine Kommandozeilenschnittstelle (CLI) die Seite von Speedtest.net aufzurufen. Speedtest.net wird von Ookla betrieben, dem weltweit größten kommerziellen Anbieter für Geschwindigkeitstests im Internet. Nach Ansicht von Providern liefert auch Speedtest nicht immer perfekte Ergebnisse, was insbesondere bei Bandbreiten von mehr als 500 oder 1.000 MBit der Fall sein soll. Für gute Messungen sei auch iPerf geeignet.

Die Ergebnisse unseres Tests mit Speedtest-Cli lassen sich jedoch praktischerweise in eine MySQL-Datenbank (jetzt MariaDB) eintragen. Dazu gibt es eine gute Anleitung auf dem Blog Byte-style.de mit dem erforderlichen Python-Skript. Dieses lässt sich dann per Cronjob in beliebigen Zeitabständen aufrufen. Mit einem Kommandozeilenbefehl wie "mariadb --user=username --password=password Datenbankname -B -e "select * from Tabellenname;" | sed "s/'/\'/;s/\t/\",\"/g;s/^/\"/;s/$/\"/;s/\n//g" > dateiname.csv" lässt sich die Tabelle in eine csv-Datei exportieren, die man dann mit Programmen wie Excel auswerten kann.

Im Zeitraum vom 14. bis 27. September 2019 zeichnete ein Raspberry Pi 4 mit Hilfe der Skripte 1.163 Messungen auf (PDF). Diese ergaben eine maximale Übertragungsrate von 891 MBit/s bei einem Durchschnittswert aller Messungen von 761 MBit/s. Allerdings gab es auch 83 Messungen unter der garantierten Mindestübertragungsrate von 600 MBit/s. Der niedrigste Wert wurde nachts um 4.30 Uhr mit 322 MBit/s gemessen. Speedtest routete dabei in 140 Fällen über den Provider Syseleven, einmal über DNS:Net und in den restlichen Fällen über die Strato-Tochter Cronon.

Kaum Schwankungen im Tagesverlauf

Am oberen Limit lag hingegen der Upstream-Mittelwert mit 50,23 MBit, wobei es nur wenige Messwerte unter 40 MBit/s gab. Der Durchschnittswert beim Ping lag bei 18,8 Millisekunden und schwankte zwischen 15,3 und 23,7 Millisekunden. Damit entsprachen die Messungen den Erfahrungen, die Golem.de-Nutzer im vergangenen Mai in einer kleinen Umfrage geschildert hatten. Allerdings registrierten die meisten Golem.de-Nutzer kürzere Ping-Zeiten.

Erstaunlicherweise lagen bei allen Messungen, die wir später im Oktober durchführten, die Upstream-Werte nie über 23 MBit/s und erreichten teilweise nicht einmal die versprochene Mindestrate von 15 MBit/s. Pünktlich in der Nacht zum 1. November sprangen die Werte dann wieder auf 50 MBit/s.

Anders als erwartet gab es kaum Schwankungen im Tagesverlauf. Der höchste Stundenmittelwert wurde nachts zwischen 3 und 4 Uhr mit 789 MBit/s gemessen, der niedrigste zwischen 6 und 7 Uhr mit 714 MBit. Zur Primetime zwischen 20 und 21 Uhr lag die Downstreamrate mit 772 MBit/s immer noch recht hoch. Laut Vodafone ist Docsis 3.1 leistungsfähiger als Docsis 3.0, wenn viele Nutzer gleichzeitig Daten herunterladen. So nutze Docsis 3.1 zusammenhängende Frequenzblöcke und nicht mehr einzelne Kanäle sowie ein um 30 Prozent effizienteres Kodierungsverfahren. Durch eine andere Fehlerkorrektur sei der Standard stabiler in der Übertragung. Auch könne Docsis 3.1 mehr Frequenzen als der Vorgängerstandard nutzen.

Doch wie erklärt Vodafone die vielen Messungen unterhalb der garantierten Mindestgeschwindigkeit?



Fehlerquelle schwer zu identifizieren

Vodafone kommentiert die Daten mit den Worten: "Wir sind mit den wenigen Messergebnissen, die unterhalb von 600 Mbit/s lagen, nicht zufrieden. Auch wenn hier unklar ist, wo genau die Fehlerquelle für die nicht zufriedenstellende Übertragungsleistung liegt." Auch sei nicht plausibel erklärbar, warum selbst zu Nachtzeiten, in denen das Netz nur schwach genutzt werde, Geschwindigkeiten von weniger als 600 MBit/s gemessen worden seien. "Weitere mögliche Fehlerquellen außerhalb unserer eigenen Netzinfrastruktur müssen daher ebenfalls als potenziell leistungsreduzierend herangezogen werden - beispielsweise die für Geschwindigkeit- und Latenz-Messungen genutzten Server", teilte Vodafone-Sprecher Thorsten Höpken mit.

Die eigenen Performance-Messungen hätten allerdings gezeigt, dass das Datenaufkommen in dem betroffenen Netzsegment in den vergangenen Monaten kontinuierlich gestiegen sei. "Damit das Kabelnetz erst gar nicht an seine Kapazitätsengpässe stößt, werden wir hier in den kommenden Wochen entsprechende Segmentierungsmaßnahmen zur Erhöhung durchführen", sagte Höpken.

40 Prozent der Neukunden wählen Gigabit-Tarif

Doch selbst bei einer durchschnittlichen Übertragungsrate von 761 MBit/s stellt sich die Frage, ob sich der höhere Preis dafür lohnt. Zwar kostet der Gigabit-Tarif für Neukunden nur 19,99 Euro im Monat, doch im zweiten Jahr werden 69,99 Euro monatlich fällig. Dieser Preis gilt auch für Bestandskunden. Da es auch möglich ist, nach dem ersten Jahr wieder in einen günstigeren Tarif zu wechseln, wählen nach Angaben von Vodafone 40 Prozent der Neukunden den Gigabit-Tarif.

Gigabit-Raten im Downstream lohnen sich vor allem, wenn gleichzeitig mehrere datenintensive Anwendungen laufen. Das kann abends beim parallelen 4K-Streamen in der Familie oder in einem Büro mit mehreren Mitarbeitern der Fall sein. Bei einem Download mit 1 GBit/s lässt sich rechnerisch innerhalb einer Stunde einen Datenvolumen von 450 GByte herunterladen. Damit dürften die meisten Festplatten schnell gefüllt werden. Vorteilhaft ist in jedem Fall der höhere Upload mit bis zu 50 MBit/s.

Umstieg auf Docsis 3.1 auch bei 50 MBit möglich

Zudem können nur die wenigsten Server solche Downloadraten bereitstellen. So dauert das Herunterladen der 83,5 GByte von Grand Theft Auto V über Steam bei uns trotz Gigabit-Verbindung fast eine Stunde. Laut Steam liegt dabei die maximale Downloadrate bei 58,3 MByte pro Sekunde (466 MBit/s). Bei vielen anderen Anwendungen lässt sich hingegen kaum ein Unterschied feststellen, ob die Leitung 100 oder 1.000 MBit übertragen kann. Wird innerhalb der Wohnung WLAN genutzt, sinken die Raten ohnehin beträchtlich.

Der Umstieg auf einen Docsis-3.1-Router kann sich aber auch dann lohnen, wenn man keinen Gigabit-Anschluss möchte. So bietet Vodafone die Fritzbox 6591 Cable ab dem 100-MBit-Tarif für eine Miete von 6,99 Euro im Monat an. Wer den Einstiegstarif mit 50 MBit/s nutzt, kann mit einem Eigengerät dennoch von den Vorteilen von Docsis 3.1 profitieren. Ein gutes Beispiel dafür, dass die Routerfreiheit sinnvoll für die Endkunden ist. Ohnehin hat sich der Kauf bei einem aktuellen Preis von 240 Euro nach 35 Monaten amortisiert. Gigabit braucht derzeit längst nicht jeder. Aber von der erforderlichen Hardware kann man schon profitieren, bevor Deutschland im Jahr 2025 in einer Gigabit-Gesellschaft lebt.  (fg)


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