Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/pixel-4-xl-im-test-da-geht-noch-mehr-1910-144506.html    Veröffentlicht: 21.10.2019 15:00    Kurz-URL: https://glm.io/144506

Pixel 4 XL im Test

Da geht noch mehr

Mit dem Pixel 4 XL adaptiert Google als einer der letzten Hersteller eine Dualkamera, die Bilder des neuen Smartphones profitieren weiterhin auch von guten Algorithmen. Aushängeschild des neuen Pixel-Gerätes bleibt generell die Software, Googles Hardware-Entscheidungen finden wir zum Teil aber nicht sinnvoll.

Google dürfte der letzte größere Hersteller sein, der seinem Topgerät eine Dualkamera verpasst hat: Das neue Pixel 4 und das Pixel 4 XL haben neben der Weitwinkelkamera ein Teleobjektiv - Google verlässt sich also nicht mehr ausschließlich auf seine Software-Algorithmen. Vor unserem Test des Pixel 3 XL stimmte uns das hoffnungsvoll: Beim Vorjahresgerät ist Google mit der reinen Softwaretaktik bei der Kamera an seine Grenzen gestoßen.



Bevor wir uns der Kamera widmen, werfen wir einen kurzen Blick auf das Design und die Verarbeitung des Pixel 4 XL. Anders als bei den vorigen Pixel-Modellen hat Google auf eine Zweiteilung der Rückseite verzichtet: Unser Testmodell in Weiß hat eine durchgehend matte Rückseite, die nur von einem kleinen Google-Logo und dem Kameramodul unterbrochen wird. Dieses sitzt auffällig in der linken oberen Ecke.

Die Verarbeitung des Pixel 4 XL ist sehr gut, das Design insgesamt sehr schlicht. Der Kontrast aus weißer Rückseite, schwarzem Rahmen und orangefarbenem Knopf gefällt uns gut. Etwas gewöhnungsbedürftig angesichts der Konkurrenz ist der besonders im oberen Bereich sehr breite Rahmen um das Display. Dort hat Google neben der Frontkamera auch die Technik für die Gesichtserkennung und den Radarchip für die Gestensteuerung eingebaut - dazu aber später mehr.

Das Kameramodul auf der Rückseite erinnert an das des Mate 20 Pro von Huawei, beinhaltet aber nur zwei Kameras.

Neue Kamera mit zwei Objektiven

Neben einer Weitwinkelkamera mit 12,2-Megapixel-Sensor hat Google ein Teleobjektiv mit zweifacher Vergrößerung und 16-Megapixel-Sensor verbaut. Der Grundgedanke ist, dass Nutzer das System als Ganzes verwenden sollen und nicht zwingenderweise die jeweiligen Objektive für sich alleine. Entsprechend gibt es anders als bei wohl allen anderen Smartphones mit Multikamerasystemen keine Schaltflächen, um die beiden Kameras einzeln anwählen zu können.

Stattdessen sollen Nutzer das System wie einen klassischen Zoom verwenden und sich keine Gedanken darüber machen, ob die aktuelle Vergrößerung optisch oder digital erzeugt wird. Google hat dafür einen hybriden Zoom bis zu einer achtfachen Vergrößerung eingebaut; hybrid bedeutet, dass optische und digitale Vergrößerung kombiniert werden und Bildrauschen herausgerechnet wird.

Guter Hybridzoom

Im Alltag funktioniert das gut: Wir können entweder per Pinch-Zoom oder über einen Schiebeschalter unseren Sucherausschnitt vergrößern. Die Bildqualität ist besonders im niedrigen Vergrößerungsbereich gut, aber auch bei achtfachem Zoom sind die Fotos noch vorzeigbar. Die Fortschritte, die Google dabei dank des Teleobjektivs gemacht hat, sind im direkten Vergleich mit der Kamera der Vorgängergeneration von Pixel-Geräten sichtbar, wenngleich auch nicht weltbewegend.

Die Kamera des Pixel 3a XL, die der des Pixel 3 XL entspricht, hatte bereits einen akzeptablen Zweifachzoom, darüber hinaus wurde die Bildqualität aber sichtlich schlechter. Im Vergleich macht das Pixel 4 XL schärfere und rauschärmere Bilder, auch bei stärkerer Vergrößerung; für den Alltag halten wir den Hybridzoom für absolut brauchbar, auch im Vergleich zu manch anderem Konkurrenten.

Einem Vergleich mit dem auf einem Fünffach-Teleobjektiv basierenden Hybridzoom des P30 Pro von Huawei hält der des Pixel 4 XL allerdings nicht stand: Vergleichen wir Bilder mit zweifacher, fünffacher und achtfacher Vergrößerung, so macht das P30 Pro die schärferen und detailreicheren Bilder. Huaweis Topmodell hat zum einen den Vorteil, dass es bei fünffacher Vergrößerung noch auf ein optisches Tele zurückgreifen kann. Zum anderen scheint der 40-Megapixel-Sensor besser als Basis für höhere digitale Vergrößerungen geeignet zu sein als der 12,2-Megapixel-Sensor des Pixel 4 XL.

Kein großer Unterschied zu einlinsigem Porträtmodus

Im Porträtmodus der Hauptkamera verwendet Google beim Pixel 4 XL das Teleobjektiv - ein Wechsel auf das normale Weitwinkelobjektiv ist nicht möglich. Die Qualität der Porträtaufnahmen ist sehr gut, der unscharfe Hintergrund wird sauber vom scharfen Vordergrund getrennt. Einen markanten Unterschied zu den mit der Einzelkamera des Pixel 3a geschossenen Porträtaufnahmen können wir allerdings nicht erkennen.

Grundsätzlich ist die Bildqualität des Pixel 4 XL bei Tageslicht sehr gut: Der Weißabgleich stimmt, die Schärfe ist gut. Machen wir mit dem P30 Pro Aufnahmen im 10-Megapixel-Modus, sind die Bilder des Pixel 4 XL sogar etwas schärfer und zeigen weniger Bildrauschen - dem 40-Megapixel-Modus des Huawei-Gerätes hat Googles Smartphone aber nicht viel entgegenzusetzen. Dafür ist die Bilddynamik beim Pixel 4 XL besser.

Zudem können wir zu dunkle oder zu helle Bereiche vor der Aufnahme in der Suchervorschau über einen Schieberegler regulieren, während der jeweils andere Bereich sich nicht verändert - quasi manuelles HDR. Im Alltag finden wir das zusätzlich zur ohnehin schon guten Bilddynamik besonders in extremen Belichtungssituationen sehr praktisch. Verbessert hat Google außerdem den Nachtmodus, der Bildrauschen reduzieren und Farben realistisch darstellen soll.

Nachtmodus aus der freien Hand hat seine Grenzen

Dabei gibt es einen Unterschied zwischen dem freihändigen Nachtmodus und dem Nachtmodus, wenn wir das Pixel 4 XL ruhig abstellen. Aus der Hand macht die Kamera-App eine Aufnahme, die einige Sekunden währt und während derer wir das Smartphone möglichst ruhig halten müssen. Das Ergebnis ist eher ernüchternd: Zwar können wir auf dem in unserer extrem dunklen Kammer gemachten Fotos einige Details erkennen, insgesamt ist das Bild aber viel zu dunkel und kaum nutzbar. Huaweis P30 Pro macht wie gewohnt in dieser Situation ein gut belichtetes und scharfes Bild - auch das Pixel 4 XL kommt da wie alle bisherigen Konkurrenten nicht heran. Verglichen mit dem Pixel 3a XL können wir ebenfalls keinen großen Fortschritt in extrem dunklen Umgebungen erkennen.

In normalen Nachtsituationen, also beispielsweise in nächtlichen Straßen mit Beleuchtung, sehen die mit dem Pixel 4 XL gemachten Bilder hingegen besser aus. Der Nachtmodus aus der Hand kommt mit derlei Situationen, die ein gewisses Mindestmaß an Helligkeit aufweisen, merklich besser zurecht als mit sehr dunklen Extremsituationen.

Für derartige Aufnahmen eignet sich hingegen der neue Astromodus: Stellen wir das Pixel 4 XL im Nachtmodus ruhig ab, nimmt das Smartphone automatisch eine längere Serienaufnahme auf. Maximal vier Minuten lang werden immer wieder Bilder gemacht und zu einem Gesamtbild zusammengesetzt. Wir müssen diese vier Minuten nicht ausschöpfen, sondern können den Prozess bereits vorher unterbrechen. Generell gilt aber: Je länger wir den Nachtmodus seine Arbeit machen lassen, desto besser ist das Ergebnis am Ende.

So erhalten wir auch in unserer dunklen Kammer nach einer Minute ein Bild, das sich sehen lassen kann: Das Rauschen ist sehr unauffällig, die Belichtung ist gut. Schade ist allerdings, dass wir das Smartphone dafür erst abstellen müssen - aus der Hand ist eine derartige Qualität mit dem Pixel 4 XL nicht möglich. Gedacht ist der Astromodus, wie der Name bereits verrät, für Aufnahmen vom Sternenhimmel. Dies konnten wir im bewölkten Berlin nicht richtig testen, versuchen aber, dies in einem noch erscheinenden großen Kameravergleichstest nachzuholen.

Schwache Ausstattung im Videobereich

Videoaufnahmen können wir mit dem Pixel 4 XL in 4K mit maximal 30 fps aufnehmen. Angesichts der Konkurrenz im Oberklassebereich ist das zu wenig, 60 fps sind hier mittlerweile Standard. Auch auf eine Superzeitlupe mit 960 fps verzichtet Google, es sind maximal 240 fps bei 720p möglich. Beim Filmen ist uns zudem ein nerviges Problem aufgefallen: Beim Zoomen macht das Smartphone bei Erreichen der zweifachen Vergrößerung einen merklichen Sprung, wenn es von der digitalen zur optischen Vergrößerung springt. Generell ist der Zoom weitaus weniger geschmeidig als beispielsweise beim iPhone 11 Pro Max.

Insgesamt betrachtet macht die Kamera zwar gute Bilder, wir werden aber das Gefühl nicht los, dass Google entwicklungstechnisch auf der Stelle tritt. Ja, die Qualität des Hybridzooms ist besser als beim Vorgänger, wirklich schlecht war die damals rein digitale Lösung aber auch nicht - und an das P30 Pro kommt auch das Pixel 4 XL bei Weitem nicht heran. Das trifft ebenfalls auf den Nachtmodus aus der Hand zu, den Nutzer im Alltag wohl häufiger verwenden dürften als die Variante, bei der das Smartphone ruhig abgestellt werden muss. Im Videobereich hinkt das Pixel 4 XL der Konkurrenz hinterher, was die Aufnahmeoptionen betrifft.

Google hat unserer Meinung nach den Platz für die zweite Kamera mit einem Teleobjektiv verschwendet. Zwar hat Google bei der Präsentation der neuen Pixel-4-Modelle betont, dass ein Teleobjektiv im Alltag mehr Sinn ergebe - wir halten aber das Gegenteil für richtig: Ein Superweitwinkelobjektiv ist in unseren Augen im Alltag weitaus sinnvoller, wenn es um die Bildgestaltung geht. Der Weitwinkeleffekt lässt sich nicht digital erzeugen, eine Vergrößerung hingegen schon und bei geringer Vergrößerung mittlerweile auch recht verlustfrei - wie Google selbst beim Pixel 3 und Pixel 3a sowie deren XL-Versionen gezeigt hat. Apple hat unserer Meinung nach bei der Kamera des iPhone 11 mit einem Weitwinkel- und einem Superweitwinkelobjektiv die bessere Wahl getroffen.

Gute, aber nicht hervorragende Kamera

Auch für das Pixel 4 XL gilt, dass die Kamera zwar nicht schlecht ist, letztlich aber aus der Masse an guten Smartphone-Kameras nicht hervorstechen kann. Daran können auch die neuen (und alten) Kamerafunktionen nichts ändern. Es bleibt abzuwarten, was Google mit einem Dreifachkamerasystem anstellen kann, sollte sich der Hersteller entscheiden, ein solches jemals zu verbauen.

Die Frontkamera des Pixel 4 XL hat im Übrigen 8 Megapixel und ist oberhalb des Displays verbaut - auf eine Notch verzichtet Google, was an der zusätzlich verbauten Hardware liegt.

Gutes Display mit schneller Bildrate

Das Pixel 4 XL hat ein 6,3 Zoll großes OLED-Display mit einer Auflösung von 3.040 x 1.440 Pixeln. Das führt zu einer hohen Pixeldichte von 537 ppi, Bildinhalte werden entsprechend scharf angezeigt. Die Farben können von der Sättigung her eingestellt werden und lassen sich entsprechend von unauffällig bis hin zu etwas knallig anpassen. Die Farbtemperatur kann automatisch an das Umgebungslicht angepasst werden, was wir auch bei anderen Smartphones im Alltag für eine sehr sinnvolle Funktion halten.

Die Bildqualität des Displays gefällt uns sehr gut, das Design der Vorderseite dürfte für manchen Nutzer aber etwas gewöhnungsbedürftig sein. In Zeiten von Smartphones, die einen sehr schmalen Rahmen um den Bildschirm haben, wirkt das Pixel 4 XL mit seinen besonders im oberen Bereich sehr markanten Balken etwas aus der Zeit gefallen. Zudem sind die Ecken stark abgerundet, was den nutzbaren Teil des Displays reduziert. Immerhin verzichtet Google weiterhin als einer der wenigen Hersteller im Android-Bereich auf einen abgerundeten Bildschirmrand, der zu Fehlbedienungen führen kann und uns im Alltag immer sehr stört. Gut finden wir die Bildrate von bis zu 90 Hz, die automatisch reguliert wird und ein sehr weiches Scrollen ermöglicht.

Gesichtsentsperrung mit eklatantem Fehler

Der Grund für den breiten Rahmen oberhalb des Displays ist die dort verbaute Technik: Nicht nur die Frontkamera ist hier eingebaut, sondern auch die IR-Blaster und -Kameras sowie der Radarchip und weitere Sensoren. Die IR-Kameras ermöglichen eine Gesichtsentsperrung, die sicherer als die anderer Smartphones sein soll, die nur eine Gesichtserkennung per Kameras verwenden. Im Test funktioniert die Entsperrung mit unserem Gesicht gut, einfach mit einem Foto lässt sie sich nicht überlisten.

Allerdings weist Googles Gesichtsentsperrung einen gravierenden Mangel auf: Sie funktioniert auch, wenn die Augen des registrierten Nutzers geschlossen sind. Was zunächst nicht nach einem großen Problem klingt, ist ein sicherheitstechnischer Albtraum: Das Pixel 4 XL kann dadurch nämlich auch dann von Unbefugten entsperrt werden, wenn der Nutzer schläft und das Smartphone leicht erreichbar ist. Das Nickerchen im Bus oder in der Bahn kann dann schon zur Sicherheitslücke werden.

Eine Lösung hat Google für das Problem bis jetzt noch nicht, der Hersteller will allerdings schnellstmöglich ein Update anbieten, das den Fehler korrigiert. Aktuell würden wir von der Nutzung der Gesichtsentsperrung abraten. Einen Fingerabdrucksensor verbaut Google in seinen beiden neuen Smartphones nicht mehr, weswegen die einzige Alternative die Passworteingabe ist.

In unserem Test haben wir einige weitere Probleme festgestellt, die durch das Fehlen eines Fingerabdrucksensors entstehen: So konnten wir uns bei keiner App mit passwortgeschützter Anmeldung mithilfe der Gesichtserkennung anmelden, obwohl es zuvor über den Fingerabdruckscanner funktioniert hat. Offenbar haben die meisten Entwickler die Apps noch nicht entsprechend aktualisiert; uns bleibt dann nichts weiter übrig, als unseren Benutzernamen und das Passwort einzugeben.

Gestensteuerung nur von bedingtem Nutzen

Die Gestensteuerung Motion Sense basiert auf einem Radarchip, der im Rahmen von Googles Project Soli entwickelt wurde. Der Hintergedanke ist ähnlich wie bei LGs Gestensteuerung: Nutzer sollen das Pixel 4 oder Pixel 4 XL bedienen können, ohne das Smartphone in die Hand nehmen zu müssen. Dabei stehen verschiedene Gesten zur Verfügung: So können wir beispielsweise ein abgespieltes Lied durch Wischbewegungen wechseln oder die Lautstärke eines Wecker- oder Timerklingelns verringen. Ebenfalls mit einer Wischbewegung können wir den Alarm auch beenden.

Die Gesten funktionieren im Gegensatz zu denen von LG sehr zuverlässig, wir verwenden sie im Alltag allerdings kaum. In den meisten Situationen finden wir es einfach praktischer, das Pixel 4 XL kurz in die Hand zu nehmen, anstatt davor herumzufuchteln. Das schließt natürlich nicht aus, dass es nicht doch Situationen gibt, in denen die Gestensteuerung hilfreich sein kann.

Der Radarchip soll auch die Gesichtsentsperrung beschleunigen: Liegt das Pixel 4 XL auf einem Tisch und wir greifen mit der Hand danach, erkennt der Chip diese Bewegung und aktiviert bereits die Kamera. Schauen wir dann auf das Display, wird das Smartphone direkt entsperrt, ohne dass wir es einschalten müssen. Das ist praktisch, in dieser Form allerdings nicht neu: Viele andere Hersteller, unter anderem Huawei und Apple, bieten bei ihren Geräten seit langer Zeit die Möglichkeit, dass der Bildschirm bei Anheben des Smartphones aktiviert wird. Dafür braucht es keinen Radarchip, sondern nur einen Bewegungssensor - das Ergebnis ist das gleiche wie beim Pixel 4 XL.

Es bleibt abzuwarten, ob Google sich für den Radarchip noch ein paar interessante Funktionen einfallen lässt. Aktuell halten wir die Funktion für nicht mehr als eine Spielerei, die zwar nett ist, im Alltag aber eigentlich keine sinnvolle Anwendungsmöglichkeit bietet.

Der Akku des Pixel 4 XL hat eine Nennladung von 3.700 mAh und ist mit dem beigefügten 18-Watt-Netzteil sowie mit einem separaten Lade-Pad drahtlos aufladbar. Einen Full-HD-Film können wir bei maximaler Helligkeit 15 Stunden lang anschauen - das ist ein sehr guter Wert. Verwenden wir das Pixel 4 XL tagsüber sehr häufig, kommen wir damit gerade so über den Tag.

Google verlässt sich beim neuen Pixel 4 XL allerdings wie gewohnt nicht nur auf Hardware-Neuerungen, sondern liefert auch bezüglich der Software einige neue Funktionen.

Gespräche mit Live Transcribe verschriftlichen

Ausgeliefert wird das Pixel 4 XL mit Android 10 und ist zusammen mit dem Oneplus 7T eines der ersten Smartphones, das mit Googles jüngster Android-Version in den Handel kommt. Google hat dem Pixel 4 und Pixel 4 XL wieder einige Funktionen spendiert, die andere Android-Smartphones zumindest aktuell nicht haben.

Interessant ist beispielsweise Live Transcribe: Nehmen wir in der Rekorder-App ein Gespräch auf, kann das Pixel 4 XL die Audiosignale in Text umwandeln. Aktuell funktioniert das nur mit Gesprächen, die auf Englisch geführt werden; der Grund dafür ist, dass für die Niederschrift in Echtzeit ein Sprachmodell verwendet wird, das sich komplett auf dem Smartphone befindet. Für Deutsch gibt es ein solches noch nicht.

Live Transcribe praktisch bei Interviews oder in der Uni

Wir können den transkribierten Text durchsuchen, was besonders bei längeren Unterhaltungen praktisch ist. Der Rekorder transkribiert nur die Aussagen von der Person, die als erste auf der Aufnahme spricht. Andere Geräusche wie etwa Musik werden in der Niederschrift als solche gekennzeichnet.

Verwandt mit Live Transcribe ist die Möglichkeit, systemweit Untertitel einblenden zu lassen. Auch diese Funktion basiert auf einem Offline-Sprachmodell und ist bislang nur auf Englisch verfügbar. Egal, was für Inhalte abgespielt werden: Solange sie Audiosignale beinhalten und diese als Englisch erkennbar sind, werden sie transkribiert und in einer kleinen, verschiebbaren Box auf dem Display wiedergegeben. Das funktioniert in unseren Tests auch mit Akzenten, solange diese nicht zu stark sind.

Das Offline-Sprachmodell wird übrigens auch für den Google-Assistenten verwendet, der entsprechend schneller reagieren soll. Auf Deutsch lässt sich dieses entsprechend noch nicht verwenden, da es dieses Sprachmodell noch nicht gibt. Benutzen wir den Google Assistant auf Deutsch, können wir keine Unterschiede zu dem Sprachassistenten auf anderen Geräten ausmachen.

Schnelles System, noch keine Benchmarks möglich

Dank des verbauten Snapdragon-855-SoC reagiert das Pixel 4 XL in der Bedienung sehr schnell. Dass Google auf den Einbau des Plus-Modells verzichtet hat, finden wir nicht schlimm: Im Alltag wirkt sich die leicht übertaktete Version von Qualcomms Chip kaum merklich auf die Leistungsfähigkeit aus.

Unsere üblichen Benchmark-Tests konnten wir im Vorfeld nicht zuverlässig durchführen: Google hat etwas unverständlicherweise den Download der von uns verwendeten Apps gesperrt, erst nach der Veröffentlichung dieses Tests wird es möglich sein, sie herunterzuladen. Wir konnten einen Test dennoch als APK installieren, das Testergebnis ergibt angesichts des verbauten SoC allerdings keinen Sinn. Denkbar ist, dass Google noch weitere Vorsichtsmaßnahmen gegen die Nutzung der Tests getroffen hat - warum auch immer.

Ansonsten bietet das Pixel 4 XL alle Neuheiten, die Google mit Android 10 eingeführt hat. Die neue Gestensteuerung beispielsweise finden wir auch auf dem Pixel 4 XL intuitiv und schnell erlernbar. Wem sie nicht gefällt, der kann sie in den Einstellungen gegen die gewohnte Navigationsleiste mit drei Schaltflächen eintauschen. Die Digital-Wellbeing-Funktionen erlauben es uns, unsere Nutzungszeit im Blick zu behalten und notfalls einzuschränken - sofern wir den Willen dazu haben.

Kein unendlicher Foto-Cloud-Speicher mehr

Eine recht gravierende Veränderung gegenüber früheren Pixel-Modellen ist die fehlende Möglichkeit, aufgenommene Fotos in Originalgröße- und -qualität über Google Fotos in der Cloud speichern zu können. Google hat die Funktion beim Pixel 4 und Pixel 4 XL schlicht gestrichen; wir können unsere Bilder entweder in reduzierter Größe kostenlos speichern oder in Originalqualität auf unserem Onlinespeicher. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Pixel 4 XL nur in den Speichergrößen 64 und 128 GByte verfügbar ist und keine Möglichkeit bietet, eine Speicherkarte zu verwenden, halten wir diese Entscheidung für falsch.

Verfügbarkeit und Fazit

Das Pixel 4 XL kostet mit 64 GByte Speicher 900 Euro. Mit 128 GByte Speicher ist das Smartphone für 1.000 Euro zu haben. Als Farben stehen mattes Weiß oder glänzendes Schwarz zur Verfügung; die Version in Orange wird es in Deutschland nicht geben.

Fazit

Das Pixel 4 XL hat in unserem ersten Hands on einen guten Eindruck hinterlassen; auch im detaillierten Test zeigt das Gerät an vielen Stellen, dass es leistungsfähig ist und den Alltag mit sinnvollen Funktionen unterstützen kann. Gleichzeitig leistet sich Google aber auch einige merkwürdige Schnitzer und hat Entscheidungen bezüglich der Hardware getroffen, die wir nicht immer nachvollziehen können.

Das aktuell größte Problem ist die Möglichkeit, das Smartphone auch mit geschlossenen Augen entsperren zu können. Dieses Sicherheitsrisiko sollte Google schnellstmöglich beseitigen; solange der Fehler besteht, sollten Nutzer die eigentlich gut funktionierende Gesichtsentsperrung nicht verwenden.

Für uns etwas unverständlich ist auch die Entscheidung, eine zweite Kamera mit einem Teleobjektiv und nicht mit einem Superweitwinkelobjektiv zu verbauen. Wir können die Idee des Hybridzooms zwar nachvollziehen, die Qualität unterscheidet sich unserer Meinung nach aber bei geringer Vergrößerung nicht allzu stark vom rein digitalen Zoom des Vorgängermodells. Ein Superweitwinkelobjektiv hätte unserer Meinung nach im Alltag mehr Optionen bei der Bildgestaltung gebracht als ein Teleobjektiv.

Die Bildqualität finden wir grundsätzlich gut, besonders die Dynamik und die Belichtung der Bilder gefallen uns. Auch die Möglichkeit, den HDR-Effekt manuell vor der Aufnahme einstellen zu können, halten wir für eine praktische Sache.

Generell überzeugt auch das Pixel 4 XL wieder eher durch seine Software als durch seine Hardware. Die Live-Transcribe-Funktion ist beeindruckend, der offline verfügbare Google Assistant ebenso - auch wenn dieser ohne Netzverbindung noch nicht auf Deutsch nutzbar ist. Auf der Hardware-Seite stehen hingegen vor allem die unserer Meinung nicht ganz zu Ende gedachte Kamera, die tendenziell unsichere Gesichtsentsperrung und der im Alltag nicht zwingenderweise nützliche Radarchip für Gestensteuerung.

Das Pixel 4 XL ist beileibe kein schlecht ausgestattetes Smartphone, im Gegenteil: Der Snapdragon 855 ist ein schneller Chip, das Display gefällt uns ebenfalls wieder sehr gut. Wir haben bei Google aber immer noch den Anspruch, dass das Unternehmen, das für die bekannteste kommerzielle Version von Android verantwortlich ist, ein Gerät auf den Markt bringt, das in vielen Bereichen Maßstäbe setzt. Das tut Google aber eigentlich nur bei wenigen Dingen wie Live Transcribe oder dem 90-Hz-Display - wobei es hier auch schon einige andere Hersteller gibt, die Bildschirme mit höherer Bildrate verbauen.

Die Kamera ist zwar gut, kann aber aus der Konkurrenz nicht hervorragen. Das Design ist schlicht bis langweilig, die Gestensteuerung bestenfalls Geschmackssache. Im Preisbereich zwischen 900 und 1.000 Euro gibt es schlichtweg mindestens gleich gute, wenn nicht sogar in manchen Punkten bessere Konkurrenzgeräte von Huawei, Samsung oder natürlich auch Apple. Das Pixel 4 XL ist für Google ein Schritt nach vorne, auf den Gesamtmarkt bezogen ist dieser Schritt für uns aber eher ein Schrittchen - zumindest gemessen an unserem Anspruch an Google.

 (tk)


Verwandte Artikel:
Pixel 4: Google will Gesichtsentsperrung sicher machen   
(21.10.2019, https://glm.io/144522 )
Google: Pixel 4 entsperrt auch bei geschlossenen Augen   
(18.10.2019, https://glm.io/144502 )
Pixel 4 im Hands on: Neue Pixel mit Dualkamera und Radar-Gesten ab 750 Euro   
(15.10.2019, https://glm.io/144418 )
Machine Learning: Tensorflow 2.0 macht Keras-API zum zentralen Bestandteil   
(01.10.2019, https://glm.io/144194 )
Google: Gestensteuerung des Pixel 4 soll mit 23 Apps funktionieren   
(30.09.2019, https://glm.io/144159 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/