Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/fredrick-brennan-ich-bereue-es-8chan-gegruendet-zu-haben-1910-144475.html    Veröffentlicht: 18.10.2019 07:00    Kurz-URL: https://glm.io/144475

Fredrick Brennan

"Ich bereue es, 8chan gegründet zu haben"

Wo sich Attentäter austauschen: Auf dem Imageboard 8chan wächst Hass und Nazi-Ideologie. Er habe nie gedacht, dass Leute sich so radikalisieren könnten, sagt der Gründer.

Das Imageboard 8chan rühmt sich für seine Meinungsfreiheit: Jede Person darf auf dem Onlineportal anonym posten, was sie will. Damit zieht es allerdings auch Menschen an, die Hass, Verschwörungstheorien oder Kinderpornografie verbreiten. Vor dem Anschlag im amerikanischen El Paso im August, bei dem 20 Menschen starben, soll der Attentäter seine Tat auf 8chan angekündigt haben. Seitdem ist das Portal nicht mehr erreichbar. Ob sich auch der Attentäter Stephan B., der einen Anschlag auf eine Synagoge und einen Dönerimbiss in Halle verübte und zwei Menschen tötete, auf 8chan radikalisiert hat, lässt sich daher aktuell nicht feststellen. Es gebe aber Hinweise darauf, sagt der Schöpfer des Imageboards, Fredrick Brennan. Zeit Online hat mit ihm gesprochen.

Zeit Online: Herr Brennan, Sie haben 2016 8chan gegründet. Halten Sie es für möglich, dass sich der Attentäter von Halle in Ihrem Forum radikalisiert hat?

Fredrick Brennan: Ich bin fest davon überzeugt, dass er viel Zeit auf Imageboards und explizit auf 8chan verbracht hat. Ich habe seine Schrift, die er Manifest nennt, gelesen. Sie ist voller Memes, die aus dem 8chan-Universum stammen. Schon die Art, wie er schreibt, deutet darauf hin, dass er sich dort radikalisiert hat.

Zeit Online: Erklären Sie uns: Was genau ist 8chan?

Brennan: Im Prinzip muss man sich 8chan wie eine riesige Facebook-Gruppe vorstellen, in der aber alle anonym sind. Man kann Dinge posten, es gibt eine Art eigene Sprache. Wenn ein Post uninteressant ist, klickt man einfach auf den nächsten. Es ist eine Art riesiges, anonymes, endloses Debattenforum. Mit verschiedenen Themenbereichen, über die die Userinnen und User selbst entscheiden.

Zeit Online: Die Plattform wird mit Rechtsextremismus in Verbindung gebracht: Schon der Christchurch-Attentäter in Neuseeland, der offenbar ein Vorbild für die Tat in Halle war, hat dort sein Manifest gepostet.

Brennan: Tatsächlich wäre es mindestens das vierte Mal, dass ein Attentäter direkt aus dem 8chan-Umfeld kommt. Neben Christchurch stammten auch die Täter von Poway und El Paso daher. Und nun eben Halle.

Zeit Online: Es entsteht der Eindruck, dass sich die Attentäter auf 8chan radikalisierten. Würden Sie dem zustimmen?

Brennan: Ich bin kein Soziologe. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die vier Attentäter auf dem 8chan-Board /pol radikalisiert haben, kurz für: Politically Incorrect.

Zeit Online: Was zeichnet /pol aus?

Brennan: Politically Incorrect ist ein Unterforum auf 8chan für politische Debatten. Es gibt auch Boards für Kochrezepte oder Filmkritiken, aber /pol wird eindeutig von Neonazis moderiert. Das zeigt sich daran, dass andauernd Swastikas und andere NS-Symbole zu sehen sind und niemand etwas dagegen tut. Das hat mit freier Meinungsäußerung nicht mehr viel zu tun. Auch sonst wird dort Nazi-Ideologie besprochen. Es ist ein Neonazi-Board unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung.

Zeit Online: Nun wird man ja nicht automatisch zum rechtsradikalen Attentäter, nur weil man Hakenkreuze anguckt.

Brennan: Die große Besonderheit ist, dass Nutzer in /pol und auf 8chan total anonym sind. Dort findet also ein riesiger Diskurs über neurechte Nazi-Ideologie statt, den jeder unerkannt verfolgen kann. Jeder kann alle möglichen Zwischenfragen stellen und ihm wird geantwortet. Es geht dort um die Weltherrschaft der Juden, den Geburtenrückgang aufgrund von Feminismus, den Austausch der weißen Rasse. Die Theorien scheinen in sich Sinn zu ergeben, sind aber natürlich Verschwörungstheorien. Über diese zwei Faktoren wird Nazi-Ideologie plötzlich sehr zugänglich.

Zeit Online: Zugänglicher als in einer rechten Jugendgang?

Brennan: Natürlich. Im echten Leben wägt man viel mehr ab, wenn man irgendwo dazugehören will. Man fragt sich: Finden mich diese Leute cool? Ist das eine dumme Frage? Das sind Hemmschwellen, die es auf 8chan nicht gibt. Dort hast du sofort das Gefühl, dazuzugehören. Es gibt nicht einmal Usernamen oder Profile. Man hat also auch keinen Ruf zu verlieren. Es ist in meinen Augen der perfekte Ort, um sich einer gefährlichen Ideologie ganz schleichend zu nähern.

Zeit Online: Hatten Sie einen solchen Ort im Sinn, als Sie 8chan gründeten?

Brennan: Nein. Und ich bereue es jeden Tag, dass ich es getan habe. Zur Zeit ist es offline und ich hoffe, es kommt nie mehr online. Es ist voller skrupelloser Admins. Natürlich passieren dort auch positive Dinge, aber …

Zeit Online: … zum Beispiel?

Brennan: Dazu möchte ich nichts sagen. Jedes Wort dazu wäre nur eine Verhöhnung all jener Menschen, die schon wegen 8chan gestorben sind. Oder: die in einer Welt ohne 8chan wahrscheinlich noch leben würden. Ich möchte mich einfach nur dafür entschuldigen, dass ich das Portal jemals ins Leben gerufen habe.



'Terroristen, die ihr Manifest posten? Das hätte ich nie erwartet'

Zeit Online: Warum haben Sie es denn überhaupt gegründet?

Brennan: Die Idee kam mir 2013. Ich hatte gerade psychedelische Pilze genommen und kam wieder runter von meinem Trip, als ich vor dem Computer saß und durch 4chan scrollte. Ein ähnliches Forum, aber mit vorgegebenen Themen. Und dann hatte ich diese Vision, die auch den Pilzen geschuldet war: Was, wenn diese Seite bis in die Unendlichkeit reichen würde? Wenn die User selber über die Themen bestimmen, ihre eigenen Boards entwerfen könnten? Die totale Meinungsfreiheit? Am Tag darauf programmierte ich den ersten Entwurf von 8chan.

Zeit Online: Drei Jahre später gaben Sie das Portal ab. Warum?

Brennan: Das hatte ganz profane Gründe: Es fehlte an einer Idee, wie sich damit Geld verdienen ließe. Mein Traum war, dass eine Stiftung für freie Meinungsäußerung zum Träger von 8chan wird. Mittlerweile ist 8chan ein Albtraum.

Zeit Online: Hätte Ihnen jemand erzählt, was aus 8chan werden würde: Hätten Sie es geglaubt?

Brennan: Nein. Ich hatte damals einen sehr naiven Blick darauf, wie sich unsere Gesellschaft entwickeln könnte. Ich hätte nie gedacht, dass sich Leute so radikalisieren könnten, wie sie es auf 8chan tun. Dass das theoretisch möglich wäre, ja. Darin liegt ja auch die Idee des Boards, in den unendlichen Möglichkeiten. Aber ich hätte nie geglaubt, dass es die User wirklich so weit treiben würden.

Zeit Online: Was dachten Sie?

Brennan: Manche Dinge wie Kinderpornografie waren ja abzusehen. Und das bekamen wir auch einigermaßen in den Griff. Aber dass Terroristen vor dem Anschlag ihr Manifest auf meinem Board posten? Das hätte ich nie erwartet.

Zeit Online: Woher kommt die Lust an der Radikalität auf 8chan?

Brennan: Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Was sich gezeigt hat: Wenn die Moderatoren mancher Boards nicht einschreiten, tummeln sich dort immer radikalere User, die immer radikaler werden, sich immer mehr reinsteigern und immer expliziter zu Gewalt aufrufen. Den Leuten dort geht irgendwann der Realitätsbezug ab. Sie sind unter sich und halten ihre kruden Theorien für völlig normal.

Zeit Online: Gibt es irgendein Gegenmittel? Oder sind Imageboards eine Art Hydra: Schaltet man das eine aus, kommt das nächste?

Brennan: 8chan hat schon eine Art Legendenstatus. Andere Boards wie Endchan wurden dichtgemacht, weil dort nur ein Attentat angekündigt wurde, das aber nie passierte. 8chan überlebte buchstäblich einen Anschlag nach dem anderen. Dadurch wurde es berühmt und zu einer Anlaufstelle. Und jedes Mal kam es danach groß in die Medien, wie jetzt auch. Ich und andere forderten dann immer, es abzuschalten, aber es passierte lange nichts. Bis Mitte August, seitdem ist es down.

Zeit Online: Wie kam es dazu?

Brennan: Der aktuelle Chef der Seite, der US-Militärveteran James Watkins, hat es freiwillig vom Netz genommen, nachdem er vom US-Kongress vorgeladen wurde. Außerdem hat der Sicherheitsprovider von 8chan, das Unternehmen Cloudflare, die Zusammenarbeit abgebrochen. Damit ist ein Stück der Unsterblichkeit dahin. Man sieht, dass 8chan nicht unverwundbar ist. In meinen Augen eine extrem gute Entwicklung.

Zeit Online: Warum sind es dem Anschein nach vor allem junge weiße Männer, die sich auf 8chan radikalisieren?

Brennan: Weil das eine Bevölkerungsgruppe ist, die in den vergangenen Jahren einen gefühlten sozialen Abstieg hingelegt hat. Ich will nicht sagen, dass es ihnen schlechter geht als allen anderen. Aber ich habe den Eindruck, dass es weiße Männer Mitte 20 heutzutage schwerer haben als etwa noch vor 50 Jahren. Zumindest fühlen das diese Leute so und suchen die Schuldigen. Auf 8chan finden sie sie. Ich finde, damit sollten wir uns mehr beschäftigen.

 (jms)


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