Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/indiegames-rundschau-killer-trifft-gans-1910-144373.html    Veröffentlicht: 16.10.2019 08:10    Kurz-URL: https://glm.io/144373

Indiegames-Rundschau

Killer trifft Gans

John Wick Hex ist ein gelungenes Spiel zum Film, die böse Gans sorgt in Untitled Goose Game für Begeisterung und in Noita wird jeder Pixel simuliert: Die Indiegames des Monats sind abwechslungsreich und hochwertig wie selten zuvor.

Es ist Hochsaison für Indiegames, dazu kommen ein paar Überläufer von den Mobile Games: Das großartige und hysterisch lustige What The Golf? (iOS, Windows-PC, MacOS; rund 16 Euro) und das hübsche, aber düstere Overland (iOS, Windows-PC, MacOS, Playstation 4, Nintendo Switch, Xbox One; rund 21 Euro) gibt es nicht nur bei Apple Arcade, sondern auch für andere Plattformen.

Das übrige Angebot neuer Spiele von unabhängigen Entwicklern hat allerdings auch im Oktober 2019 die volle Aufmerksamkeit verdient. Hier die interessantesten Neuveröffentlichungen.

John Wick Hex: Killer mit Kalkül

Keanu Reeves' brachiale Filmtrilogie begeistert das Publikum durch brutal direkte Action in spektakulären Schießereien und Nahkampfszenen - da liegt eine Umsetzung als Computerspiel nahe. Allerdings ist John Wick Hex ausnehmend ungewöhnlich geraten: Es ist keine stumpfe Schießbude, sondern ein überraschend komplexes Taktikspiel.

Zuerst wird rundenweise ohne Zeitdruck geplant, dann aber laufen alle Aktionen gleichzeitig mit denen der Gegner ab. Und es ist kein Hochglanz-Blockbuster, sondern ein Indiegame von einem nicht gerade für seine Hollywood-Affinität bekannten Entwickler.

Der heißt Mike Bithell, bisher kannte man ihn vor allem durch sein abstraktes, emotionales Ausnahmespiel Thomas Was Alone sowie das Stealth-Spiel Volume und das AI-Adventure Subsurface Circular.

John Wick Hex schafft es bravourös, den Kampfstil der Filme auf die Monitore zu übertragen: Kurze, direkte Schusswechsel und der Zwang zu taktisch kluger Bewegung bei höchster Effizienz machen die kurzen Missionen zu heftigen Erlebnissen.

Wer sich danach die Filme ansieht, übersetzt deren Szenen unwillkürlich ins taktische Entscheidungskorsett des Spiels zurück. Das ist eine Erfahrung, die man auch noch nicht oft gemacht hat. Sehr gelungen, clever und mit viel Stil!

Erhältlich für Windows-PC und MacOS; rund 16 Euro.

Untitled Goose Game und Noita

Untitled Goose Game: böse Gans!

Diese Gans ist ein Phänomen: Das weiße Federvieh hat sich in den letzten Wochen als kleine Internetsensation entpuppt. Zu Recht, denn einen hübscheren Wasservogelsimulator mit einer Riesenportion Niedertracht und Schadenfreude gab es bislang nicht.

Im minimalistischen Grafikstil und zu wunderbarer Klaviermusik watschelt man in Untitled Goose Game als toll animierte Hausgans herum. Dabei kann man vor allem schön fies die Bewohner einer kleinen Gartensiedlung am See tyrannisieren. Dem Gärtner stibitzt man den Schlüssel, das kurzsichtige Kind wird in die Telefonzelle gesperrt und auch sonst hat die Gans nur Unsinn im Kopf.

Was das vom australischen Entwicklerstudio House House programmierte Spiel, das im Grunde ein Adventure mit Echtzeitelementen ist, so sympathisch macht, ist die ungehemmte Freude am Schabernack, die man mit der bösen Gans hemmungslos ausleben kann.

Untitled Goose Game ist ein Spiel für die ganze Familie: Mehr harmlosen Spaß hatte man selten beim Piesacken einer Spielewelt.

Erhältlich für Windows, Mac und Nintendo Switch um 16 Euro.

Noita: Pixel für Pixel simuliert

Noita ist Finnisch und bedeutet Hexe. Was das aus Helsinki stammende Entwicklerstudio Nolla Games als Rogue-lite im nostalgischen 8-bit-Grafikstil gemacht hat, grenzt wirklich an Zauberei: Jeder Pixel ist simuliert und der komplexen Physikengine unterworfen. Wasser schwappt, kocht, verdunstet und gefriert realistisch, Feuer breitet sich aus wie in echt und die Zaubersprüche des Helden richten in der Fantasywelt zusätzliches Chaos an.

So startet man neugierig in eine jedes Mal neu generierte 2D-Unterwelt mit jeweils neuen Schätzen, Monstern und Gefahren. Noita ist noch im Early Access und eher Experimentierkasten als richtiges Spiel.

Doch der hat es schon in sich. In wie vielen Spielen konnte man schon eine Flasche voller Formwandel-Trank zu Bruch schießen, der sich daraufhin über den Protagonisten ergießt und ihn in ein Frettchen verwandelt, das von einer herunterfallenden Öllampe in Brand gesteckt wird? Eben. Noita ist einzigartig und schon jetzt einen Blick wert.

Erhältlich für Windows-PC; rund 17 Euro (Early Access).

Wilmot's Warehouse, The Light Keeps Us Safe, Nauticrawl und Warsaw

Wilmot's Warehouse: Ordnung ist das halbe Leben

Wenn von Arbeitern in den Lagerhallen und Versandzentren dieser Welt - etwa in denen von Amazon - die Rede ist, assoziieren die wenigsten Menschen damit Spaß. Das kleine, aber überraschend faszinierende Wilmot's Warehouse beweist allerdings, dass das menschliche Gehirn ziemlich gut darin ist, komplexe logistische Aufgaben zu bewältigen - und zugleich Spaß zu haben, wenn man ihm genug Freiraum lässt.

Das Konzept des Spiels ist simpel: Als kleines Quadrat ordnet und verwaltet man ein in jeder Runde mit neuen Waren voller werdendes Lager und erfüllt Bestellwünsche. Und zwar dadurch, dass man das Gewünschte in seinem hoffentlich sinnvoll geordneten Ablagesystem findet und zum Counter bringt. Das ist alles.

Wilmot's Warehouse könnte ein mörderisch stressiges Actionspiel sein, das sich wie Arbeit anfühlt, doch es ist im Gegenteil fast hypnotisch und meditativ. Zwar existiert ein Zeitlimit, doch das freie Organisieren, Einsammeln und Verwalten des wachsenden Warenbergs ist dank fehlender Regeln, wie das alles jetzt genau zu organisieren ist, eine faszinierend kreative Aufgabe.

Dazu kommen immer wieder sinnvolle Upgrades, die die Fähigkeiten des Helden erweitern. Wer nur das kleinste bisschen Spaß am Ordnen und Organisieren hat, findet hier knappe zehn Stunden lang eine tolle Aufgabe.

Erhältlich für Windows-PC, MacOS und Nintendo Switch; rund 12,50 Euro.

Und sonst?

The Light Keeps Us Safe (Windows-PC; rund 16 Euro), soeben aus dem Early Access entlassen, hat viel Atmosphäre und clevere Puzzles. Das First-Person-Stealth-Horror-Spiel, in dem nur Licht eine Roboterinvasion in Schach hält, stammt von den Entwicklern von The Signal from Tölva und Sir, You Are Being Hunted und ist wie Letzteres ein futuristisches Katz-und-Maus-Spiel mit Adrenalingarantie. Dank Zufallsgenerierung wirkt der Überlebenstrip jedes Mal frisch.

Das Unikat Nauticrawl (Windows-PC und MacOS; rund 12,50 Euro) ist durch und durch sein eigenes Ding: Als Interface Game stellt es den Spieler zunächst einmal vor die Aufgabe, herauszufinden, welcher Knopf in einer ehrfurchtgebietenden Maschine überhaupt was macht. Hat man das Unterwassergefährt dann irgendwo am Meeresboden in Gang gesetzt, gilt es noch, bis zur Wasseroberfläche zu überleben. Originell, klaustrophobisch und eine wirklich interessante Erfahrung für Freunde ungewöhnlicher Spielideen.

Rollenspiele wie Darkest Dungeon plus Zweiter Weltkrieg: Das ist Warsaw (Windows-PC; rund 20 Euro). Das ungewöhnliche Spiel im Cartoon-Look erzählt erstaunlich akkurat die Geschichte des tragisch gescheiterten Warschauer Aufstands gegen das Naziregime, und zwar in Form eines taktischen, rundenbasierten Rollenspiels.

Die grafische und spielerische Ähnlichkeit zu Darkest Dungeon lässt Warsaw aber nicht zum bloßen Epigonen im historischen Gewand werden, denn es emanzipiert sich vom großen Vorbild. Nach einem etwas wackligen Start machen bereits erfolgte und angekündigte Updates das Programm zu einem gelungenen Spiel mit historischem Background.

 (rs)


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