Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/eu-kommission-hersteller-muessen-geraete-reparierbar-halten-1910-144225.html    Veröffentlicht: 02.10.2019 14:35    Kurz-URL: https://glm.io/144225

EU-Kommission

Hersteller müssen Geräte reparierbar halten

Display defekt, Kühlschrank kaputt - ab zum Elektroschrott? So schnell soll es nicht mehr gehen, hat die EU-Kommission beschlossen. Viele IT-Geräte werden aber von den neuen Regeln gegen geplante Obsoleszenz noch nicht erfasst.

Defekte Geräte sollen künftig nicht mehr so schnell Elektroschrott werden. Die EU-Kommission verpflichtet Hersteller von Haushaltsgeräten ab 2021 zur Reparierbarkeit. Die Geräte sollen langlebiger werden, eine geplante Obsoleszenz damit unterlaufen werden.

Die jetzt beschlossenen zehn Durchführungsverordnungen zum Ökodesign beziehen sich auf elektronische Displays einschließlich Fernsehgeräte, externe Netzteile und Leistungstransformationen, Leuchten, Elektromotoren, Kühlgeräte, Spülmaschinen und Waschmaschinen. Sie gelten für alle Geräte, die in der Europäischen Union auf den Markt kommen.

Die Hersteller müssen für diese Geräte künftig Ersatzteile mehrere Jahre vorhalten. Für neu gekaufte Produkte gilt dies nach Anschaffung mindestens für sieben Jahre, bei Waschmaschinen, Trocknern und Spülmaschinen sind es sogar zehn Jahre. Die Ersatzteile müssen innerhalb von 15 Tagen an Fachbetriebe geliefert werden. Dabei muss der Austausch mit allgemein erhältlichen Werkzeugen vorgenommen werden können, ohne dass das Gerät beschädigt wird.

Für Waschmaschinen und Geschirrspüler verlangt die Kommission, das Wasser bei jedem Waschgang maximal zu nutzen. Anforderungen gibt es auch an die Wascheffizienz und die Spülwirkung, damit sich der geringere Wasserverbrauch nicht nachteilig auswirkt. Die Geräte müssen zudem recyclingfähig sein.

Klimaschutz durch Reparaturen

Mit dem Verordnungspaket will die EU einen direkten Beitrag zur Kreislaufwirtschaft und zum Klimaschutz leisten: Ziel ist es, den "CO2-Fußabdruck Europas zu verringern". Sie hat sich die Sparwirkung ausrechnen lassen: Haushalte können durchschnittlich 150 Euro pro Jahr sparen. Insgesamt sollen bis 2030 Energieeinsparungen von 167 Terawattstunden erzielt werden. Das entspricht dem jährlichen Energieverbrauch Dänemarks.

Ein Bericht des Europäischen Netzwerks von Umweltorganisationen EEB (PDF) stellte fest: Wenn die Lebensdauer von Smartphones, Staubsaugern, Laptops und Waschmaschinen nur um jeweils ein Jahr verlängert würde, könnten in der EU jährlich 4 Millionen Tonnen CO2 vermieden werden. Das entspreche dem CO2-Ausstoß von 2 Millionen Autos im Jahr. Die EBB betont, dass jede Verlängerung der üblichen Lebenszeit beim Einsparen von CO2 hilft, selbst wenn man neueren Geräten eine bessere Energieeffizienz unterstellt.



Smartphones noch ausgenommen

Die größte Nachfrage nach Reparaturen gibt es derzeit bei Smartphones. Smartphone-Herstellern wird zudem immer wieder vorgeworfen, die Lebenszeit ihrer Geräte mit einer geplanten Obsoleszenz zu verkürzen. Immerhin erlaubt der hier in Verruf gekommene Hersteller Apple in den USA seit kurzem den ersten freien Dienstleistern Reparaturen mit Original-Ersatzteilen anzubieten.

Die Initiative Runder Tisch Reparatur, in der sich die Verbraucherschützer mit Umweltverbänden und Reparaturinitiativen sowie freien Werkstätten zusammengeschlossen haben, bemängelt daher bei den neuen Ökodesign-Verordnungen, dass IT-Produkte weiterhin von der Regelung ausgenommen sind. Die EU-Kommission müsse künftig insbesondere die Software in den Blick nehmen, da sie der häufigste Grund sei, warum Produkte vorzeitig entsorgt würden.

Die Lieferfrist von 15 Tagen sei zu lang, außerdem sei es problematisch, dass unabhängige Reparaturbetriebe und -initiativen weiterhin von den Herstellern diskriminiert werden könnten. Mit der Kampagne Right to Repair setzt sich der Runde Tisch dafür ein, dass jeder reparieren darf.

Die Verbraucherschützer vermissen allerdings eine europaweite Ausweitung der gesetzlichen Gewährleistungsfristen. Damit würde nicht nur die Langlebigkeit von Haushaltsgeräten verbessert. Bislang gelten zwei Jahre, aber nur sechs Monate Beweislastumkehr. Das bedeutet, dass Händler im ersten halben Jahr nach dem Kauf nachweisen müssen, dass bei Auslieferung eines Artikels kein Mangel bestand. Danach liegt die Pflicht beim Kunden. Mit der Richtlinie erhöht sich die Frist auf ein Jahr.

Reparatur-Scoring

Als Vorbild für eine künftige europaweite Regelung sieht der Runde Tisch Reparatur einen französischen Gesetzesentwurf für ein Reparatur-Scoring. Damit sollen Verbraucher schon beim Kauf die erwartete Nutzungsdauer abschätzen können. Der Gesetzesentwurf will alle Hersteller ab 2020 darauf verpflichten, die Langlebigkeit und Reparierbarkeit über ein Punktesystem zu deklarieren. Außerdem müssen Ersatzteile für eine Mindestlaufzeit von sieben Jahren verfügbar gehalten werden, wobei die Ersatzteilkosten begrenzt werden müssen. Für eine längere Herstellergarantie von zwölf Jahren gibt es Extrapunkte. Dabei setzt die Regulierung darauf, dass die Eigenaussagen der Hersteller auch eingehalten werden.

Die geplante Novellierung des deutschen Kreislaufwirtschaftsgesetzes geht aus Sicht des Runden Tischs Reparatur in die falsche Richtung. Ein Schlupfloch sei die "wirtschaftliche Zumutbarkeit" von Reparatur. Das führe dazu, dass viele Produkte, die vorzeitig defekt sind, nicht repariert werden, weil Hersteller nachweisen können, dass die Reparatur aufgrund des teuren Arbeitsanteils im Vergleich zum Austausch mit neuen Produkten "unwirtschaftlich" sei.

Das Ziel müsse aber genau das Gegenenteil sein, argumentiert der Runde Tisch in seiner Stellungnahme: "Nicht zu reparieren und nicht weiterzuverwenden muss teurer sein, als die Abfallverwertung." Die Hersteller sollten daher zur Belieferung mit kostenfreien Ersatzeilen über einen angemessenen Zeitraum verpflichtet werden und dies in den Verkaufspreis bereits einpreisen. Eine Alternative wäre das französische Reparatur-Scoring.

 (csh)


Verwandte Artikel:
Schlechte Reparierbarkeit: iFixit-Online-Shop für Spezialwerkzeuge in Stuttgart   
(25.10.2013, https://glm.io/102370 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/