Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/pionierin-der-raumfahrt-katherine-hat-die-meiste-arbeit-gemacht-2002-143668.html    Veröffentlicht: 25.02.2020 09:45    Kurz-URL: https://glm.io/143668

Pionierin der Raumfahrt

"Katherine hat die meiste Arbeit gemacht"

Sie war eine geniale Mathematikerin, die entscheidend am US-Raumfahrtprogramm mitgearbeitet hat. Aufgrund ihrer Berechnungen flogen die Saturn-Raketen zum Mond und die Spaceshuttles in die Erdumlaufbahn. Jetzt ist Katherine Johnson im Alter von 101 Jahren gestorben.

Die Raumfahrt war - so scheint es - stets eine Domäne der Männer: Tollkühne Piloten, die in feuerspuckenden Raketen die Erde verließen, während schlaue Köpfe sie vom Kontrollzentrum aus überwachten und alle anstehenden Probleme lösten. Doch eines der bekanntesten Probleme, nämlich das von Apollo 13 ("Houston, we've had a problem") hat eine Frau gelöst, die mindestens ebenso klug war wie die Männer, die auf den Fernsehbildern aus Houston zu sehen waren: die US-Mathematikerin Katherine Johnson. Am Montag ist sie in hohem Alter gestorben.

Mit Trauer habe die National Aeronautics and Space Administration (Nasa) erfahren, dass Katherine Johnson gestorben ist, twitterte Jim Bridenstine, Direktor der US-Raumfahrtbehörde. "Sie war eine amerikanische Heldin und ihre bahnbrechende Leistung wird nicht vergessen werden."

Nachdem sie ein Leben lang nach den Sternen gegriffen habe, sei sie nun selbst zwischen ihnen gelandet, schrieb der ehemalige US-Präsident Barack Obama. "Sie war Jahrzehnte lang eine verborgene Figur und hat hinter den Kulissen Barrieren durchbrochen. Am Ende ihres Lebens war sie eine Heldin für Millionen, Michelle und mich eingeschlossen." Obama hatte ihr 2015 die Presidential Medal of Freedom verliehen. 2019 erhielt sie auch die Congressional Gold Medal und damit die beiden höchsten zivilen Auszeichnungen der USA.

Ursprünglich als Rechenkraft vom National Advisory Committee for Aeronautics (Naca) angeheuert, weil nach dem Krieg Arbeitskräfte knapp waren, wurde sie zu einer Pionierin des Raumfahrtzeitalters. Ihre Berechnungen trugen entscheidend dazu bei, dass US-Astronauten ins All flogen - und sicher wieder zurückkamen.

Da in den 1950er Jahren die Grundlagen für das noch neue Gebiet der Raumfahrt fehlten, mussten diese erst geschaffen werden. "Alles war neu - die ganze Idee in den Weltraum vorzudringen, war neu und kühn. Es gab keine Lehrbücher, deshalb mussten wir sie selbst schreiben", erinnerte sich Johnson im Interview mit der Autorin Wini Warren. Eines dieser Grundlagenwerke war "Determination of Azimuth Angle at Burnout for Placing a Satellite over a Selected Earth Position" (etwa: Bestimmung des Azimutalwinkels beim Brennschluss, um einen Satelliten über einer ausgewählten Position der Erde zu platzieren), das Johnson im Wesentlichen verfasst hat.

Die Abhandlung bildete die theoretische Grundlage für den Flug von Alan Shepard, der sich 1961 als erster US-Astronaut - und als zweiter Mensch nach Juri Gagarin - in den Weltraum begab. Die Flugbahn für John Glenn einige Monate später berechneten Computer. Doch der Raumfahrer traute den Maschinen nicht so recht. Er bestand darauf, dass Johnson die Computer-Ergebnisse vorher noch einmal persönlich überprüft. Andernfalls werde er nicht fliegen, sagte er.

In den 1960er und 1970er Jahren arbeitete Johnson am Apollo-Programm mit. Sie berechnete die Flugbahnen zum Mond und den Rückweg. Nach dem Abbruch der Apollo-13-Mission half sie, die Besatzung wieder sicher zur Erde zurückzuholen. Nach dem Ende des Mondprogramms war sie auch beim nächsten großen Projekt der Nasa dabei, den Spaceshuttles. Sogar mit einer Reise zum Mars beschäftigte sie sich. Sie arbeitete bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1986 bei der Nasa.

Geboren wurde Katherine Coleman Goble Johnson am 26. August 1918 als Katherine Coleman in White Sulphur Springs im US-Bundesstaat West Virginia. Schon in der Schule glänzte sie durch gute Leistungen, übersprang zwei Klassen und kam mit nur vierzehn Jahren auf das West Virginia College, für das sie ein Stipendium erhalten hatte. 1937 schloss sie im Alter von 18 Jahren das Studium mit einem Bachelor of Science in Französisch und Mathematik ab.

Anschließend arbeitete sie als Lehrerin. 1939 heiratete sie ihren ersten Mann James Goble und schrieb sich im selben Jahr für ein weiterführendes Mathematikstudium an der West Virginia University in Morgantown im US-Bundesstaat West Virginia ein - als eine von drei Schwarzen und als einzige Frau. Allerdings gab sie das Studium schon nach einem Jahr wieder auf, weil sie mit der ersten von drei Töchtern schwanger wurde.

Menschliche Computer, die Röcke trugen

1952 bekam sie den Tipp, dass das Naca, der Vorläufer der Nasa, Mathematiker suche. Sie bewarb sich und fing 1953 beim Naca im Langley Research Center in Hampton, Virginia, an. Anfangs arbeitete sie mit mehreren Kolleginnen zusammen. Sie werteten unter anderem Daten aus den Blackboxen von Flugzeugen aus. Johnson nannte die Gruppe später einmal "menschliche Computer, die Röcke trugen". 1958 wurde das Naca aufgelöst und Johnson wechselte zur Nachfolgeorganisation Nasa. Im Jahr darauf heiratete sie erneut, und zwar den Offizier James Johnson. Goble war 1956 an einem Hirntumor gestorben.

In den 1950er Jahren war Johnson wegen ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe gleich doppelt benachteiligt. So arbeiteten die Frauen nach den damals geltenden Gesetzen der Rassentrennung in eigenen Büros, aßen in eigenen Speisesälen und hatten eigene Toiletten. Doch Johnson ließ sich davon nicht unterkriegen und erkämpfte sich ihr Recht. Über die Rassentrennung sagte sie einmal: "Ich habe keine Trennung gefühlt. Ich wusste, dass es da war, aber ich fühlte sie nicht."

Möglicherweise halfen ihr trotz allem auch die Zeitumstände: 1957 hatten die Sowjets den Sputnik-Satelliten ins All geschossen und damit gezeigt, dass sie im Wettlauf in den Weltraum vorne lagen. Die USA wollten unbedingt aufholen. Dafür wurden kluge Köpfe wie Johnson gebraucht, auf deren Arbeit es ankam. "Man hatte eine Mission und arbeitete daran, und es war einem wichtig, seinen Job zu machen", sagte Johnson.

"Katherine hat die meiste Arbeit gemacht"

Auch gegen die Benachteiligung von Frauen ging sie vor. Etwa indem sie - mit der Unterstützung ihres Kollegen Ted Skopinski - durchsetzte, dass "Determination of Azimuth Angle at Burnout for Placing a Satellite over a Selected Earth Position" mit ihrem Namen darauf veröffentlicht wurde. Skopinski war damals auf dem Absprung nach Houston. Ihr gemeinsamer Chef wollte, dass er vor seinem Weggang noch den besagten Bericht beendet. Skopinski habe aber zu ihm gesagt:"'Katherine sollte den Bericht zu Ende schreiben, sie hat sowieso die meiste Arbeit gemacht.' Ted ließ Pearson keine Wahl: Ich stellte den Bericht fertig, und mein Name stand darauf, und das war das erste Mal, dass eine Frau unserer Abteilung ihren Namen auf etwas stehen hatte", erzählte Johnson später.

Für ihre Arbeit erhielt sie zahllose Ehrungen und Auszeichnungen, darunter mehrere Ehrendoktortitel und den Snoopy Award, den US-Astronauten für wichtige Beiträge zum Erfolg bemannter Raumfahrtmissionen vergeben. Die BBC nahm sie 2016 in ihr Format 100 Women auf. 2017 erzählte der Regisseur Theodore Melfi in dem Spielfilm Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen die Geschichte der "Computer in Röcken" Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson. Johnson war die einzige der drei, die diese Ehrung noch erlebt hat.

Katherine Johnson ist am 24. Februar 2020 in Newport News, Virginia gestorben. Sie wurde 101 Jahre alt.  (wp)


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