Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/banken-die-finanzbranche-braucht-eine-neue-strategie-fuer-ihre-it-1909-143447.html    Veröffentlicht: 30.09.2019 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/143447

Banken

Die Finanzbranche braucht eine neue Strategie für ihre IT

Ob Deutsche Bank, Commerzbank oder DKB: Immer wieder wackeln Server und Anwendungen bei großen Finanzinstituten. Viele Kernbanksysteme sind zu alt für aktuelle Anforderungen. Die Branche sucht nach Auswegen.

Mal gibt es kein Geld, mal viel zu viel: Vor wenigen Wochen wackelte das Online-Banking der Deutschen Bank. Auch Kunden der DKB wurden digital ausgebremst. Anfang Juni kamen einige Überweisungen von Commerzbank-Kunden nicht auf den Konten an. Und bei der Direktbank-Tochter Comdirect entdeckten Nutzer auf einmal erfreuliche Kursgewinne - die jedoch nur durch einen Anzeigefehler entstanden waren.

Immer wieder gerät die IT der Banken ins Wanken. Für das vergangene Jahr meldete die Finanzaufsicht Bafin 301 "Zahlungssicherheitsvorfälle". Bis Anfang Juli dieses Jahres waren es schon 160 dieser Ausnahmesituationen. Dahinter stecken Störungen, die entweder außergewöhnlich viele Kunden betreffen - oder besonders lange anhalten.

Viele der Probleme entstehen dabei tief in den sogenannten Kernbanksystemen der Institute. Die IT der meisten Großbanken basiert auf einer Architektur, die vor 20 Jahren oder mehr installiert wurde. Gedacht ist sie für einen Stapelverarbeitungsbetrieb. Tagsüber wurden Überweisungsträger und andere Formulare in den Filialen gespeichert und sortiert, nachts verarbeitete das System die große Masse der Transaktionen. Am nächsten Morgen waren die Kontostände dann im Idealfall aktualisiert.

Je mehr sich das Online-Banking vorarbeitete, je mehr Echtzeit-Dienstleistungen die Kunden verlangen, desto stärker gerät diese Architektur unter Druck. "Die sogenannten Legacy-Systeme sind einfach nicht auf einen Echtzeit-Betrieb ausgelegt. Das löst man auch nicht mehr mit mehr Hardware oder Software", sagt Boris Strucken. Er leitet die Innovationsentwicklung für Banken beim amerikanischen Finanz-Software-Spezialisten FIS. Das Unternehmen hat selbst noch Kernbanksysteme für Banken im Portfolio, die vor mehr als 40 Jahren erstmals entstanden sind.

Parallel sind jedoch in den vergangenen Jahren von Grund auf neu konzipierte Software-Anwendungen entstanden. Eine ähnliche Doppelstrategie fahren auch die meisten Finanzinstitute: Milliarden-Investitionen sollen ihre Serverparks modernisieren, Kooperationen mit Fintechs bringen neue Programme in den Stack. "Die Branche hat verstanden, dass der Handlungsbedarf groß ist", sagt Strucken.

Unter Druck an der Digitalisierung arbeiten

Noch sind viele Institute von einer modernen IT-Welt jedoch weit entfernt. Lediglich acht Prozent der Banken nutzen bereits IT-Systeme, bei denen im Kreditprozess nicht an irgendeiner Stelle von Hand Daten noch einmal eingegeben werden müssen, zeigt eine Studie der auf die Bankbranche spezialisierten Beratung Capco. Über die Jahre wurde an die Kernbanksysteme der Zahlungsverkehr angedockt, dazu kamen Produktdaten. Entstanden sind so nach den Erfahrungen der Experten massive und starre Systeme. "Architektonisch ist das nicht immer gut angelegt", sagt Strucken. Sein Rat: "entkoppeln und entkernen."

Eine Möglichkeit: eine neue Zwischenschicht, die die eng verzahnten Prozesse voneinander trennt. Deren offene Schnittstellen machen es dann einfacher, die darunterliegenden Systeme nach und nach auszutauschen. Je nach Bedarf der Bank könnten zudem neue Apps oder Finanzprodukte darüber installiert werden. Auch Klaus-Georg Meyer, der bei der Beratung Capgemini in Deutschland als Leiter Business Technology Solutions für den Banken- und Versicherungsbereich fungiert, sieht die Chancen einer solchen Ebene. Die würde es ermöglichen, nach und nach sowohl das Frontend als auch das Backend zu modernisieren. Er weiß aber auch: "Das richtig auf die Beine zu stellen, ist eine riesige Herausforderung."

Aktuell tun sich die Banken schwer, große Erfolge zu vermelden. Denn die Finanzbranche steht unter Druck: Durch die Zinsflaute sind die Erträge seit langem massiv geschrumpft. Fusionen des vergangenen Jahrzehnts haben noch mehr Chaos in die IT gebracht. Dazu kommt die besondere Beobachtung durch die Behörden: Die Finanzaufsicht hat genau im Blick, wie stabil und sicher die Systeme sind. Das spüren auch schnell wachsende Fintechs. Die haben eigentlich einen Startvorteil, weil sie ohne die Altsysteme loslegen können.

Doch diese Systeme zu skalieren, ist auch keine einfache Aufgabe. Im Frühjahr hatte etwa auch das Online-Banking von N26 Schwierigkeiten. Durch eine Reihe von Phishing-Attacken verloren einige Kunden viel Geld, der Kundenservice der Bank war schwer zu erreichen und reagierte in vielen Fällen nur zögerlich. Im Mai wurde die Digitalbank sogar öffentlich von der Bafin ermahnt, mehr gegen Geldwäsche zu tun. Die selbst ernannte Smartphone-Bank müsse unter anderem "Rückstände im EDV-Monitoring" aufarbeiten, schrieben die Aufseher.

So suchen die Banken ihre Strategien.



Update oder Umbruch?

Die Commerzbank kündigte bereits 2016 an, sich zu einem "digitalen Technologieunternehmen" zu entwickeln. In der Zwischenzeit störten geschäftliche Schwierigkeiten und Fusionsgespräche manche Pläne. Ein Ergebnis war aber unter anderem die Gründung der Neugelb Studios. Diese Tochtergesellschaft ist unter anderem für die Entwicklung der Smartphone-App der Bank zuständig.

Die Deutsche Bank kündigte Anfang Juli in einem Atemzug den Abbau von Tausenden Arbeitsplätzen an - und hohe Investitionen in die IT. Details ließ sich das Institut noch nicht entlocken, dafür aber eine enorme Summe: Bis 2022 soll ein Budget in Höhe von 13 Milliarden Euro eingesetzt werden. Anfang September wechselt zudem mit dem ehemaligen SAP-Chef Bernd Leukert ein IT-Experte in den Deutsche-Bank-Vorstand. "Er wird uns helfen, auf dem Weg in das Zeitalter der Cloud- und Plattformökonomie noch schneller voranzukommen", schrieb Vorstandschef Christian Sewing in einem Brief an die Bankbeschäftigten.

Den Weg hin zum Zusammenspiel verschiedener Anwendungen und Anbieter in der Finanzindustrie, oft "Open Banking" genannt, sehen Branchenbeobachter wie Strucken oder Meyer als klugen Schritt. Banken müssen überlegen, ob sie auf Dauer alle Leistungen von Kernbanksystem bis Banking-App komplett in eigener IT-Verantwortung anbieten wollen. Eine Alternative wäre es, sich gezielt auf bestimmte Prozesse zu konzentrieren - und die dafür notwendige IT von Dienstleistern einzukaufen.

Der Druck auf die Institute und ihre IT wächst mit diesen neuen Entwicklungen. Ein aktuelles Beispiel: Die europäische Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 sollte etwa bis Mitte September die Schnittstellen der Konten öffnen. "Das könnte das klassische Bankgeschäft rund um das Girokonto mit zusätzlichen Leistungen ergänzen", sagt Berater Meyer. Digitale Haushaltsbücher könnten dann etwa dem Verbraucher sagen, wie viel Geld er im Monat für welche der Posten ausgibt. Oder ein dynamischer Sparplan würde am Ende jedes Monats den Betrag zurücklegen, der nach Abzug der normalen Ausgaben übrig geblieben ist.

Mitte August kritisierte die Bafin jedoch die bisherigen Fortschritte vieler Institute, wie das Handelsblatt berichtete. Natürlich sei die PSD2 eine regulatorische Vorgabe: "Aber man kann es natürlich auch nutzen, um Innovationen voranzutreiben", sagt Meyer.

Zögerlicher Ausbau der Tech-Partnerschaften

Einige Startups fokussieren sich bereits erfolgreich auf bestimmte Produkte: Das Berliner Startup Raisin lizenziert etwa eine Software-Plattform an Banken, über die deren Kunden besser verzinste Tagesgeld-Angebote abschließen können. Finleap hat gerade seine Angebote für Finanzdienstleister gebündelt. Mambu aus Berlin baut eine Cloud-Lösung für Banken. Tech-Konzerne integrieren Finanzdienstleistungen in ihre bestehenden Ökosysteme - wie jüngst Apple mit seiner digitalen Kreditkarte. "Nur die Banken, die eine clevere Partnerstrategie mit Fintechs haben, werden schlussendlich vorankommen", ist Meyer überzeugt.

Wie in anderen Branchen dürfte das Tempo über Gewinner und Verlierer entscheiden. In Asien beobachtet Berater Meyer etwa intensive Bemühungen von Banken. In Deutschland zweifeln viele dagegen zunehmend an ihren eigenen Fähigkeiten: In einer Capgemini-Beratung aus dem Frühjahr gaben nur 33 Prozent der Führungskräfte aus der Finanzbranche an, über die operativen Fähigkeiten für einen digitalen Wandel zu verfügen. Sechs Jahre zuvor waren noch 46 Prozent der Befragten optimistisch. Eine entschlossene Digitalisierungsoffensive deutet sich daher eher nicht an: "Keiner der Banken will der Letzte sein bei der Transformation", sagt Strucken, "aber auch niemand der Erste."  (tn-mh)


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