Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/chrome-privacy-google-moechte-uns-in-zukunft-anders-tracken-1908-143438.html    Veröffentlicht: 26.08.2019 17:09    Kurz-URL: https://glm.io/143438

Chrome & Privacy

Google möchte uns in Zukunft anders tracken

Google möchte mit neuen Techniken zum Schutz der Privatsphäre im Chrome-Browser personenbezogene Werbung und Datenschutz ausgleichen. Nebenbei erklärt das Unternehmen, warum das Blockieren von Cookies schlecht für die Privatsphäre ist.

In mehreren Ankündigungen und Blogeinträgen stellt Google verschiedene Projekte und Ideen zum Schutz der Privatsphäre vor. Unter anderem soll der hauseigene Browser Chrome besser vor Tracking schützen. Das Vorzeigeunternehmen, was das Sammeln und Vermarkten von Daten angeht, wird jedoch nicht zum Datenschützer.

Die Fragestellung lautet dann auch nicht, wie der Browser die Nutzer konsequent anonymisieren und deren Daten schützen kann, sondern was "der Browser tun könnte, damit ein Onlinemedium weiterhin relevante Inhalte auswählen oder relevante Werbung für sie anzeigen kann, während er so wenig Informationen wie möglich über ihren Browserverlauf weitergibt". Das Wort relevant ist in diesem Fall Googles Umschreibung für personenbezogen.

Privacy Budget

Chrome möchte also weniger einen konsequenten Datenschutz, als einen Interessensausgleich zwischen den Datensammlern und der Privatsphäre des Nutzers. "Die Mission ist klar: Wir müssen sicherstellen, dass Menschen auf der ganzen Welt weiterhin auf werbegestützte Inhalte im Web zugreifen können und gleichzeitig sicher sein können, dass ihre Privatsphäre geschützt ist", heißt es in einem Blogeintrag.

Mit einer Technik namens Privacy Budget soll Tracking beispielsweise weiterhin erlaubt sein, aber eingeschränkt werden. "Webseiten sollen nur solange APIs abrufen können, bis diese Aufrufe genügend Informationen ergeben haben, um einen Benutzer auf eine Gruppe einzugrenzen, die groß genug ist", um ihn nicht zu identifizieren, erklärt ein Chrome-Entwickler. Ausnahmen sollen jedoch für 3D-Spiele oder Videokonferenzen gelten, die mit einer entsprechenden Einschränkung der API-Zugriffe nicht funktionieren könnten. Hier soll der Nutzer allerdings um Erlaubnis gefragt werden.

Zudem sollen die standardmäßig bei einer Anfrage mitgesendeten Daten beschnitten werden. So werde die Information, welches Betriebssystem ein Nutzer verwende, von den meisten Webseiten nicht benötigt und könnte ebensogut über eine API angefragt werden - eine Anfrage, die wiederum etwas von dem Privacy Budget aufbrauche.

Statt Tracking-Cookies und Fingerprinting soll der Browser selbst die allgemeinen Interessen eines Nutzers ermitteln, etwa über die besuchten URLs. Über ein föderiertes Netzwerk soll der Browser Nutzer mit ähnlichen Interessen finden. Das System dahinter nennt Google Federated Learning of Cohorts (Floc). Das gemeinsame Interesse wird dann über einen Floc-Key oder kurz Flock für Werbenetzwerke zur Verfügung gestellt.

Weder neu noch ausgereift

Die neuen Ideen von Google seien alles andere als neu, schreiben Jonathan Mayer und Arvind Narayanan, Professoren an der Princton Universität, in einem Blogeintrag. Seit über zehn Jahren werde das Thema beforscht und von Google stehts als technisch nicht machbar abgelehnt.

Zudem seien Googles Ankündigungen ausschließlich auf das Tracking gerichtet, jedoch könne auch gezielte, verhaltensbasierte Werbung - Google nennt sie relevante Werbeanzeigen - ein Problem für die Privatsphäre der Nutzer darstellen. "Wenn eine Werbeanzeige sehr persönliche Informationen verwendet, um emotionale Schwachstellen oder psychologische Veranlagungen auszunutzen, um einen Kauf zu generieren, dann verletzt das die Privatsphäre - unabhängig von den technischen Details", schreiben die Forscher.

Gleichzeitig argumentiert Google allerdings, wie wichtig relevante Werbung für die Nutzer und das offene Internet sei.

"Cookies-Blockieren gefährdet die Privatsphäre"

Laut Google gefährdet das Blockieren von Cookies im großen Stil die Privatsphäre der Nutzer, denn dann würden Unternehmen auf das noch schlimmere Browser-Fingerprinting setzen. Mayer und Narayanan entgegnen: "Um die Absurdität dieses Arguments zu würdigen, stellen Sie sich vor, die örtliche Polizei sagt: Wir sehen, dass unsere Stadt ein Taschendiebstahlproblem hat. Aber wenn wir gegen Taschendiebstahl vorgehen, werden die Taschendiebe einfach zu Überfällen wechseln. Das wäre noch schlimmer. Das willst du doch sicher nicht, oder?"

Google argumentiert weiter: Würden Cookies ohne eine Tracking-Alternative geblockt, könnten Onlinemedien weniger verdienen. "Verliert die Werbung durch das Blockieren von Cookies an Relevanz, sinkt die Finanzierung der Verlage um durchschnittlich 52 Prozent. Das zeigen aktuelle Studien", erklärt Google. Bei den aktuellen Studien handelt es sich allerdings um eine interne Erhebung von Google selbst. Laut Mayer und Narayanan kommen unabhängige Studien nicht zu diesem Schluss.

Mit keinem Wort erwähnt Google seine eigenen Geschäftsinteressen in den Blogeinträgen, vielmehr stellt sich Google als eine Institution des Interessenausgleichs dar: "Wir wollen eine Lösung finden, die sowohl die Privatsphäre der Nutzer wirklich schützt als auch dazu beiträgt, dass Inhalte im Web frei zugänglich bleiben." Dabei ist es vor allem Googles Interesse, dass Inhalte weiterhin vermeintlich kostenlos angeboten und durch Tracking und Werbung refinanziert werden.

Chrome fällt immer weiter zurück

Mozilla und Apple arbeiten seit geraumer Zeit an einem Trackingschutz für ihre Browser und haben bereits einige Schutzfunktionen implementiert. Safaris Schutz vor Trackingcookies wurde von Google sogar aktiv umgangen. Doch auch diese Schutzfunktionen reichen noch nicht besonders weit. Einen umfangreicheren Schutz bieten Erweiterungen wie uBlock Origin oder Privacy Badger. Deren Funktion schränkt Google in Chrome durch eine Schnittstellenänderung allerdings massiv ein.

Solche Erweiterungen bezeichnet Googles Mutterkonzern Alphabet in einem Jahresbericht an die US-Börsenaufsicht als direkte Bedrohung: "Die meisten unserer Google-Einnahmen stammen aus Gebühren, die im Zusammenhang mit der Schaltung von Online-Anzeigen an uns gezahlt wurden. Infolgedessen könnten solche Technologien und Tools unsere Betriebsergebnisse beeinträchtigen."

Insofern könnte die Initiative auch eine Flucht nach vorn sein: Den Nutzern wird etwas mehr Datenschutz versprochen, während Googles Tracking- und Werbegeschäft auch mit etwas weniger Daten weiterhin gezielte Werbung ausliefern kann. Entsprechendes vermuten Mayer und Narayanan: "Es ist unwahrscheinlich, dass Google eine sinnvolle Web-Privatsphäre bieten und gleichzeitig seine Geschäftsinteressen schützen kann". Daher verwundere es nicht, dass Chrome weit hinter Safari und Firefox zurückfällt, was den Schutz der Privatsphäre anbelange. "Es ist enttäuschend, aber leider nicht überraschend, dass das Chrome-Team die Geschäftsinteressen von Google mit unaufrichtigen technischen Argumenten tarnt", schreiben die Forscher.

 (mtr)


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