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ÖBB Cityjet Eco

Österreichs Akku-Zug Desiro ML geht in den Fahrgastbetrieb

Ein umgebauter Siemens Desiro ML wird ab September 2019 die ersten Fahrgäste fahrplanmäßig durch Niederösterreich fahren und einen Dieselzug ersetzen. Der Zug ist schnellladefähig und der LTO-Akku so beständig, dass er während der Einsatzzeit nur einmal getauscht werden muss.

Der Elektrotriebwagen Desiro ML (Mainline) von Zughersteller Siemens wird in der Akkuversion in Kürze im Netz der österreichischen Bahngesellschaft ÖBB in den regulären Fahrgastbetrieb gehen. Es handelt sich beim Desiro ML um einen Hybrid-Prototyp (PDF-Datenblatt), der sowohl unter einem Fahrdraht als auch vollständig ohne externe Stromversorgung fahren kann. Der Dreiteiler bietet dabei zahlreiche Besonderheiten.

Als Akkutechnik kommt Lithium-Titanat (LTO) zum Einsatz. Auch Toshiba setzt Lithium-Titanat unter dem Markennamen Super Charge Ion Battery in seiner Lok für die Deutsche Bahn ein. Innerhalb der vom Zeeus-Projekt beobachteten E-Busse gibt es ebenfalls ein Fahrzeug mit LTO-Akkus der Fabrico de Carroçarias e Autocarros alias Caetanobus. Wer viel fliegt, dürfte deren Cobus-Fahrzeuge kennen, die vom deutschen Bus-Entwickler Cobus stammen und von Caetanobus produziert werden. Die e.Cobus-Variante setzt auf LTO-Akkus.

Eine Besonderheit ist die Beständigkeit der Sekundärzelle. LTO-Akkus wird nachgesagt, dass diese mehrere Tausend Ladezyklen überstehen und erst nach Jahrzehnten getauscht werden müssen. Siemens und die ÖBB gehen daher davor aus, dass die Akkus nach 15 Jahren einmal gewechselt werden müssen. Ein zweites Mal müssen die Akkus nicht gewechselt werden, weil dann die Einsatzzeit von 30 Jahren erreicht wurde. Im IT-Bereich könnten solche Akkus den Wechsel obsolet machen.

Die Akkutechnik ist allerdings noch vergleichsweise neu. Selbiges gilt für den Einsatz in Loks oder Elektrotriebwagen unter recht widrigen Bedingungen wie Wind, Wetter und der für Profifahrzeuge üblichen hohen Dauerbelastung. Ob sich die Langzeitprognose bewahrheitet, wird sich irgendwann in den 2030er Jahren zeigen.

Einsatz auf vier Strecken

Der Einsatz ist ab dem 2. September 2019 in Niederösterreich, also rund um Wien, geplant. Dabei wird der Elektrotriebzug Abschnitte ohne Oberleitung mit dem internen 528-kWh-Akku überbrücken. Sonst versorgt sich der Zug über 15 oder 25 Kilovolt an der Oberleitung und lädt so auch den Akku auf. Anfangs wird der Zug auf der Kamptalbahn zwischen St. Pölten und Horn fahren. Ab dem 16. September ist die Traisentalbahn und die Kremser Bahn im Test. Abgeschlossen wird der Test vom 23. bis zum 27. September auf der Erlauftalbahn. Zwischen den Tests mit Fahrgästen gibt es jeweils zwei Tage Betriebsruhe.

Im Akkubetrieb hat das Fahrzeug ein paar Nachteile und verhält sich somit wie eine Diesel-Emulation. Die Höchstgeschwindigkeit sinkt von 140 auf 120 km/h und die Beschleunigung erreicht nur noch 0,77 m/s² statt 1 m/s². Da der Zug aber eben Dieselstrecken bedient, dürfte das im Fahrplan kaum Auswirkungen haben, da die meisten Dieselzüge nicht gerade sprintstark sind. Andere Änderungen gibt es nicht. Die Cityjets fallen für Regionalzüge durch eine sehr angenehme und moderne Innenausstattung auf.

Laut ÖBB hat der Zug ein großes Potenzial, die Dieseltriebzüge und Loks im Personenverkehr zu ersetzen. Rund ein Viertel (1.300 Kilometer) des Schienennetzes sind noch nicht elektrifiziert. Das ist an sich recht wenig. Zum Vergleich: In Deutschland ist nur etwas über die Hälfte der Strecken elektrifiziert. Vor allem eingleisige Strecken werden hierzulande kaum mit Fahrdraht ausgestattet. Aber selbst wichtige Strecken, wie etwa die Bodenseegürtelbahn, besitzt keine Oberleitung.

Geplant ist, bei erfolgreichem Test weitere Informationen für eine Serienfertigung des Desiro ML in der Hybridvariante zu sammeln und schließlich den Zug auch zu fertigen.

Ein ähnliches Projekt verfolgt auch Baden-Württemberg mit dem noch in der Entwicklung befindlichen Mireo in der Akku-Hybrid-Variante.  (ase)


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