Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/elektroauto-mit-dem-chinesischen-nio-ueber-die-alpen-1908-143410.html    Veröffentlicht: 29.08.2019 08:42    Kurz-URL: https://glm.io/143410

Elektroauto

Mit dem chinesischen Nio über die Alpen

Was macht eine digitale Assistentin im Auto, die nur Chinesisch versteht? Sie signalisiert Wohlwollen mit der Langnase, indem sie zur Musik gut gelaunt Rasseln schüttelt. Trotz Verständigungsschwierigkeiten macht die Fahrt mit dem Elektroauto Nio über die Alpen Spaß.

Das ist zu eng. In etlichen Dörfern an der Südtiroler Weinstraße muss ich mit dem ES 8 von Nio zurücksetzen. Ansonsten kommt der Gegenverkehr nicht an dem 2,26 Meter breiten SUV vorbei. In diesen Momenten weiß ich die Rückfahrkamera sowie den virtuellen Blick von oben auf das fünf Meter lange Elektroauto zu schätzen.

Selbst wenn ich am Berg ausweiche und dabei stehen bleibe, ist es unproblematisch: Beim Anfahren am Hang rollt der 2,4 Tonnen schwere Wagen keinen Millimeter zurück. Auf den steilen Serpentinenstraßen entfalten die beiden Motoren mit ihren 480 kW und 840 Nm Drehmoment ordentlich Fahrspaß. Auf der Suche nach der perfekten Foto-Location erwischt mich dann die rot leuchtende Reichweitenwarnung eiskalt. Mir bleibt noch Energie für 41 Kilometer. Im Eco-Modus fahre ich weiter zu einem Restaurant mit Bergpanorama. Danach rolle ich ins Tal. Dort zeigt das Display: 47 km Reichweite. Die automatische Rekuperation funktioniert.

Meine Reise mit dem chinesischen SUV beginnt in München. Hier betreibt das Unternehmen aus Schanghai sein Design- und Entwicklungszentrum mit 130 Mitarbeitern. Ein Fußtritt unter das Heck, und die Kofferraumklappe fährt hoch. Koffer und Kameratasche haben neben dem Typ-2-Ladekabel ausreichend Platz. Der Hersteller gibt das Volumen mit 873 Litern an. Klappt man die dritte Sitzreihe hoch, bleiben 312 Liter.

Der ES 8 ist ein Siebensitzer. Doch die zwei Plätze in der dritten Reihe sind nur etwas für Kinder. Die zweite Sitzreihe bietet dagegen extrem viel Bein- und Kopffreiheit. Das große Glasschiebedach sorgt für ein angenehmes Raumgefühl. Leselichter, zwei USB-Anschlüsse und eine eigene Klimasteuerung stehen Mitfahrern hinten zur Verfügung. Am bequemsten hat es der Beifahrer. Sein Sitz lässt sich in eine Liegeposition mit Waden- und Fußstütze bringen. Ein Handschuhfach gibt es nicht. Dafür findet eine Handtasche Platz auf der ausklappbaren Fußstütze.

Um auf dem Fahrersitz Platz zu nehmen, muss ich die versenkten Türgriffe ausfahren. Das funktioniert mit einem Druck auf den Funkschlüssel, der aussieht wie eine Fernbedienung. Der kann in meiner Tasche bleiben, da er per NFC ein Signal sendet. Leichter Druck auf den Türgriff lässt diesen ausfahren und mich die extrem breite Tür öffnen. Mit der Nio-App und entsprechendem Smartphone in der Hosentasche kann man den Wagen ebenfalls öffnen.

Founders Edition für 70.000 Euro

Nach dem Einsteigen fährt der Ledersitz in die gespeicherte Position zurück. Auch das Lenkrad lässt sich elektrisch verstellen. Die handgenähte Lederverkleidung wirkt hochwertig. Es wird schnell klar, ich sitze in einem Auto der Oberklasse. Meine Founders Edition wird in China für umgerechnet 70.000 Euro verkauft. Die Basisversion kostet 57.000 Euro.

Viele Assistenzsysteme sind abgeschaltet

Einschalten muss ich den ES 8 nicht. Lediglich den Gangwahlhebel in Richtung D schieben und es kann losgehen. Das Display hinter dem Lenkrad zeigt 320 km Reichweite. Der Akku ist nicht vollständig geladen. Der flüssigkeitsgekühlte Energiespeicher hat eine Kapazität von 70 kWh, von denen ich 63 nutzen kann. Die NEFZ-Reichweite liegt bei 355 km.

Über die A8 verlasse ich München, ich will über die Alpen nach Italien. Es fühlt sich wie ein Blindflug an. Das Navi kann ich nicht nutzen, da das Kartenmaterial von Baidu Bayern nicht kennt. Auf dem 10,4 Zoll großen Touchscreen über der Mittelkonsole sind alle Menüpunkte auf Chinesisch. Da Nio den Wagen eventuell erst in ein bis zwei Jahren in Europa verkauft, gibt es nur Mandarin als Sprachversion. Ich erkenne also lediglich Zahlen wie Tempo, Rekuperationsleistung und Reichweite.

Die Assistenzsysteme sind aus rechtlichen Gründen bis auf den Tempomaten und den Toter-Winkel-Warner deaktiviert. Dabei hat der ES 8 vier Kameras, fünf Radar- und zwölf Ultraschallsensoren. Er kann Abstand und die Spur halten, doch nun bin ich als Fahrer gefragt.

Die Suche nach Radiosendern ist mühsam. Fast so mühsam wie das Verbinden meines Smartphones per Bluetooth. Doch das schaffe ich. Nun erklingen Lieder meiner Spotify-Playlist aus dem Sieben-Lautsprecher-System.

Am Horizont taucht der Chiemsee auf. Ich aktiviere die einzige Funktion, die ich mir bei der Einweisung merken konnte, und lasse mich vom Sitz massieren. Im Sport-Modus zeigt das schwere SUV eine enorme Agilität. Jeder Überholvorgang ist eine Freude. Die aktive Luftfederung sorgt für ein sanftes Dahingleiten, selbst bei der Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h.

Ich wechsle auf die Autobahn Richtung Österreich und überlege, wo ich das "Pickerl" für die Maut kaufe. In Österreich gilt auf einigen Abschnitten aus Luftschutzgründen Tempo 100. Nur Elektroautos dürfen 130 km/h fahren. Das gilt allerdings nur für die heimischen, grünen Kennzeichen. Da bin ich mit meinem weißen Nummernschild raus. Ich setze den Tempomaten auf 102 km/h, was mir das Head-up-Display auf der Fahrbahn schwebend anzeigt.

Mein erster Ladestopp ist in Innsbruck.

Geduldsspiel: Laden an der Schukodose

Nach 165 km Fahrt zeigt das Display eine Restreichweite von 100 km. Rechnerisch müsste ich noch 155 km haben. Damit traue ich mich nicht auf den Brennerpass. Die erste Ladesäule aus der Plugsurfing-App finde ich nicht, die zweite berechnet 0,17 Euro pro Minute. Der ES 8 hat einen Schnellladeanschluss mit 90 kW Leistung nach chinesischem GB/T-Standard.

Ich kann nur den Wechselstrom-Anschluss mit einem Typ-2-Kabel nutzen. Hier sind maximal 7 kW möglich. Doch die Ladeanzeige kommt nicht über 3,4 kW. Das wird mir zu teuer, darum ziehe ich den Stecker. Ich schlage zwei Fliegen mit einer Klappe und suche mir ein Hotel mit Ladeanschluss. Der entpuppt sich als Drehstromdose, für die ich keinen Adapter habe. Es bleibt nur die Schukodose.

Am nächsten Morgen verlasse ich mit 250 km Reichweite Innsbruck und schlängle mich hoch zum Brennerpass. Ich will so weit in den Süden wie möglich, denn bis Bozen ist Regen vorhergesagt. Ich komme bis Kurtinig, dessen italienischer Name Cortina sulla Strada del Vino sich schon mehr nach Urlaub anhört. Auf dem Dorfparkplatz steht eine Wechselstrom-Ladesäule.

Zeit für eine Zwischenbilanz: Ich bin 150 km über die Alpen gefahren und müsste noch 100 km haben. Doch die Anzeige steht bei 65 km. Kein schlechter Wert, wenn man bedenkt, dass ich von 574 Metern über dem Meeresspiegel auf 1.370 Meter rauf musste. Die Klimaanlage war die ganz Zeit eingeschaltet.

Um es vorwegzunehmen: Meine Kalkulation für die gesamte Testfahrt ergibt einen Verbrauch von rund 30 kWh pro 100 km. Der Bildschirm zeigt am Ende einen niedrigeren Durchschnitt von 26 kWh. Bei 63 kWh im Akku sind rechnerisch 242 km Fahrleistung drin.

Blauer Himmel, aber schlechte Zahlen

Meinen Ladestopp in Kurtinig nutze ich für einen Inspektionsrundgang um den himmelblauen SUV. In den 21-Zoll-Sport-Leichtmetallrädern arbeiten innenbelüftete Scheibenbremsen. Die großen Reifen lassen den 1,76 Meter hohen Wagen wuchtig wirken. Besonders markant ist seine hohe und senkrecht abfallende Front, unter der es übrigens keinen Stauraum gibt. Bei dieser Bauform ist ein Luftwiderstandskoeffizient von 0,29 fasst schon niedrig.

Das silberfarbene Nio-Logo auf der Haube visualisiert das Firmenmotto: Der blaue Himmel kommt. Eine Botschaft an Käufer, die unter dem Smog in chinesischen Metropolen leiden. Das 2014 gegründete Unternehmen setzt mit den Nio Houses auf den Club-Gedanken. Hier können Kunden sich treffen, Vorträge hören oder gemeinsam etwas unternehmen.

Kürzlich gab es einen kräftigen Dämpfer für das Unternehmen.

Rückruf und Kursverlust

Von den beiden SUV-Varianten ES 8 und ES 6 verkaufte Nio bislang knapp 20.000 Stück. Im Juli mussten jedoch 4.800 Fahrzeuge wegen Brandgefahr in den Akkus zurückgerufen werden. So wurden in dem Monat nur 837 neue Fahrzeuge ausgeliefert, 37 Prozent weniger als im Vormonat.

Nio hat noch keine eigene Fertigung. Die Autos werden bei JAC in Hefei, 500 km westlich von Schanghai, gebaut. Auslaufende Förderungen für Elektroautos sowie eine wirtschaftliche Abkühlung in China belasten das junge Unternehmen. Im Laufe des Jahres sollen 1.200 Mitarbeiter gehen, so dass noch 7.500 Mitarbeiter übrig bleiben. In der Spitze lag der Börsenkurs an der Nasdaq bei 12,80 US-Dollar. Aktuell liegt er an der 3-Dollar-Marke. Die Mehrheit am eigenen Formel-E-Rennteam wurde verkauft, man will aber Sponsor bleiben. Der Start der Limousine ET ist auf 2020 verschoben.

"Hey Nomi, mach das Schiebedach auf"

Mittlerweile braucht auch mein Handy einen Ladestopp. Die beiden USB-Anschlüsse im Staufach ignoriere ich. Die Ablagefläche neben den Getränkehaltern lädt induktiv nach QI-Standard mit 5 Watt Leistung auf. Hier kann man auch den Funkschlüssel aufladen.

Auf dem Armaturenbrett liegt ein beweglicher Kugelkopf, aus dem mich zwei Augen anschauen. Das ist Nomi, eine digitale Assistentin. Per Sprachbefehl kann man ihr ein Navi-Ziel nennen oder sie das Schiebedach öffnen lassen. Sie macht auch mit Kamera über dem Rückspiegel ein Selfie. Vorausgesetzt, man spricht Mandarin. Das tue ich nicht und mit dem Google Translator werden wir beide keine Freunde. Nomi setzt keinen meiner Wünsche um, den mein Smartphone abspielt. So bleibt mir nur eine gut gelaunte Nomi, die Rasseln schüttelt, sobald ich Musik anmache.

Ein Foto vom chinesischen SUV

Genervt vom langsamen Laden mit 3,7 kW entferne ich das Typ-2-Kabel und fahre an den Kalterer See. Direkt am Strandbad steht ein öffentlicher Anschluss mit 22 kW Leistung. Doch auch hier startet der Ladevorgang nur mit 3,7 kW. Egal, ich nehme bei bestem Sommerwetter ein Bad im See. Das fühlt sich nun wirklich wie Urlaub an. Als ich zurückkomme, ist die Reichweite so weit angestiegen, dass ich vermute, im Offline-Modus lädt der ES 8 schneller.

Ich kann es nicht belegen, weil die Displays ausgeschaltet sind und auch der Juice-Booster im Ladekabel keine Werte anzeigt. Mein Verdacht bestätigt sich am nächsten Morgen, als auf dem Display 355 km Reichweite stehen. Laut Plugsurfing-App habe ich 62,9 kWh in 13,5 Stunden geladen. Macht eine durchschnittliche Ladeleistung von 4,7 kW.

Doch bevor ich mich auf den Rückweg nach München machen kann, biegt der Wirt meines Hotels um die Ecke. "Ach, Sie fahren den", sagt er überrascht. In seiner Tesla-Gruppe habe jemand geschrieben, es sei ein Nio im Ort. Dorfklatsch 2.0. Sein Hotel verfügt neben zwei Destination-Chargern für Tesla auch über einen Typ-2-Anschluss. Den brauche ich jetzt nicht mehr. Dennoch bittet er mich, den ES 8 vor seinem Hotel zu positionieren. Er hätte gern ein Foto vom chinesischen SUV.  (dku)


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