Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/bundeswehr-auf-der-gamescom-und-dann-hebt-der-kampfjet-nicht-mal-ab-1908-143396.html    Veröffentlicht: 23.08.2019 14:10    Kurz-URL: https://glm.io/143396

Bundeswehr auf der Gamescom

Und dann hebt der Kampfjet nicht mal ab

Auf der Spielemesse Gamescom versucht die Bundeswehr, junge Gamer für den Dienst im IT-Bereich zu begeistern. Funktioniert das? Unser Autor hat es ausprobiert.

Ich habe es mir auf dem Schleudersitz bequem gemacht. Schnell noch die Virtual-Reality-Brille festzurren, und dann kann es auch schon losgehen: Vor mir sehe ich das Cockpit des Bundeswehr-Kampfjets Tornado. Über Kopfhörer gibt mir ein Bundeswehrsoldat Anweisungen, welche Knöpfe ich drücken muss, damit der Jet startklar ist. Tatsächlich steht der Soldat aber direkt hinter mir.

Denn das hier ist keine VR-Simulation wie viele andere, die auf der Spielemesse Gamescom präsentiert werden, die diese Woche in Köln stattfindet. Der Schleudersitz, auf dem ich Platz genommen habe, gehört zum Gamescom-Stand der Bundeswehr, die hier Gamer als Rekruten gewinnen möchte. Weil ich selbst viel spiele, probiere ich einfach mal aus, wie die Bundeswehr Spieler wie mich anzusprechen versucht.

An der VR-Simulation fällt mir sofort auf: Im Vergleich zu den Jets aus dem Onlineshooter Battlefield ist die Grafik echt schlecht. Dafür kann ich mit meinen Händen jeden einzelnen Knopf im Cockpit bedienen. Heißt für mich: Luke zu, Triebwerk an, volle Kraft voraus?

Was der Bundeswehr fehlt, sind IT-Fachkräfte. Seit es keine Wehrpflicht mehr gibt, muss die Armee wie jedes Unternehmen um Mitarbeiter werben. Dass sie das auf der Gamescom versucht, liegt auf den ersten Blick nahe: Gamer beschäftigen sich oft stundenlang mit Gefechtstaktiken. Und mit Computern kennen sie sich in der Regel auch aus.

Und so stehen am Bundeswehr-Stand mehr als 13 Mitarbeiter in Uniform auf einer kleinen Ausstellungsfläche und versuchen, die nur spärlich vorbeischlendernden Messebesucher anzusprechen. Zu erleben gibt es neben dem Kampfjetsimulator einen Reaktionstest, bei dem Freiwillige auf eine Kunststoffmauer einschlagen müssen, sobald darauf ein Lichtpunkt erscheint. Es gibt auch einen langen, mit Tarnnetzen bedeckten Tisch mit sechs besonders stabilen Laptops, die, so versichert man mir, auch in Afghanistan eingesetzt werden. Dort können Besucher unter anderem ein Quiz lösen - doch mangels Freiwilliger klicken sich hier Soldaten durch die Fragen.

Schon auf dem Weg zu den Messehallen hat mich an der U-Bahn ein Plakat der Bundeswehr begrüßt, das versucht, den Spielerjargon aufzugreifen. "Singleplayer oder Kamerad?" steht darauf. Im Großraum Köln hängen Hunderte weitere, auch mit Slogans wie "Pay2Win vs. echte Skills". Mit Pay2Win sind Bezahlinhalte in Spielen gemeint, die Spielerinnen und Spielern Vorteile verschaffen.

Bei der letzten Gamescom warb die Bundeswehr mit ähnlichen Slogans - und polarisierte damit auf Twitter und in Medien. Zu verharmlosend schien es vielen, Computerspiele so eng mit dem Dienst an der Waffe zu verknüpfen. Am Stand selbst, der damals auf einer großen Fläche und mit großen Fahrzeugen ausgestattet mitten zwischen den Spieleherstellern aufgebaut war, sei hingegen alles ruhig gewesen, berichteten Beobachter. Auch an anderer Stelle stieß die Bundeswehr mit ihrer Präsenz auf Events für internetaffine Besucher auf Kritik: Nach einer Kontroverse im Vorjahr ließen die Veranstalter der Re:publica 2018 keine Werbestände der Bundeswehr mehr zu.

Zwischen Verfassungsschutz und BKA

Auf der aktuellen Gamescom präsentiert sie sich erneut - wenn auch deutlich kleiner als in den vergangenen Jahren. Der Stand schrumpfte von 300 Quadratmetern Ausstellungsfläche auf hundert, außerdem steht er nicht mehr mitten zwischen den Games-Ausstellern, sondern im Ausbildungsbereich der Messe im ersten Stock, zwischen denen von Fachhochschulen, Mercedes-Benz, Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt. Dort gibt es wesentlich weniger Publikumsverkehr.

Weil die Bundeswehr Nachwuchs im IT-Bereich sucht, sei sie dieses Jahr Teil im Jobs-und-Karriere-Flügel, sagt Kathrin Münker, Kommunikationsmanagerin der Gamescom. Auch die Bundeswehr gibt sich auf Nachfrage zufrieden mit diesem Standort. "Wir sind jetzt bei 'Jobs und Karriere', um unsere Zugehörigkeit zu unterstreichen", sagt Oberleutnant Nils Feldhoff. Es ist nicht seine erste Gamescom, er arbeitet schon seit mehreren Jahren am Messestand der Bundeswehr. "Der neue Standort ist für die Legitimation und die Kommunikation der bessere Weg."

Entscheidend ist es, diejenigen, die den Weg hierher finden, auf sich aufmerksam zu machen. Doch während nebenan Glücksräder rattern und Flipperautomaten blinken, wirkt der Bundeswehrstand mit seinen Tarnnetzen wie ein unauffälliger grau-grüner Klecks auf dem pinken Hallenteppich.

Im VR-Simulator des Kampfjets, in dem ich sitze, heulen inzwischen die Turbinen auf. Ich will losrollen, abheben - und nichts passiert. Moment mal. Kann ich etwa im Bundeswehr-Flugsimulator nicht einmal fliegen? Das konnte ja schon die Spieleserie Falcon aus den 80er Jahren besser. Enttäuscht steige ich aus. Ähnlich sehen auch die anderen Besucher aus, die nach mir vom Schleudersitz steigen. Natürlich besitzt die Bundeswehr auch Simulatoren, die abheben können. Aber die hat sie halt nicht mitgebracht.



Computerspiele kommen aus dem Militär

Eigentlich müsste das Militär doch bessere Spiele entwickeln können als diese magere VR-Simulation. Denn die Entwicklung von Video- und Computerspielen nahm hier ihren Anfang. William Higinbotham, verantwortlich für den Zündmechanismus der ersten Atombombe, entwickelte 1958 mit Tennis for Two eines der ersten Videospiele überhaupt. Auch das Tennisspiel Pong wurde von einem ehemaligen US-Soldaten mitentwickelt.

Neuer Versuch am Bundeswehr-Stand: Ich gehe zum Tisch mit den Tarnnetzen und den Laptops. Darauf läuft ein Quiz mit Fragen zu Programmierlogik, Netzwerktechnik und Datenbanken, gestaltet wie ein Test im Informatikunterricht an der Schule. Ein Standmitarbeiter in Uniform ermutigt mich, doch das kleine Hacking-Tutorial auszuprobieren. Die Mission: Ich soll mich in ein Nutzerprofil einloggen, ohne die Login-Daten zu kennen. Da ich mich nie mit Programmieren oder Hacken beschäftigt habe, scheitere ich kläglich. Meine Gaming-Skills bringen mir hier überhaupt nichts. Der Mitarbeiter erklärt mir, dass man schon einiges an Vorwissen mitbringen müsse, um bei der Bundeswehr eine IT-Karriere zu starten und später in der Cybersicherheit zu arbeiten. Nur Spieler zu sein, reiche nicht.

Ich frage mich: Welche Art von Nachwuchs sucht die Bundeswehr eigentlich? Mit ihren Plakaten will sie Gamer ansprechen. Nur: Wer Call of Duty gut und gerne spielt, muss sich noch lange nicht in fremde Systeme hacken können. Und versierte Hacker sind von den Aufgaben am Stand wahrscheinlich völlig unterfordert. Das Marketingkonzept der Bundeswehr fußt entweder auf einem Denkfehler oder auf purer Verzweiflung. Ganz abgesehen davon, dass ein nicht kleiner Teil der Hacker-Community die Bundeswehr aus ethischen Gründen ablehnt. Und auch generell fraglich ist, inwieweit es überhaupt moralisch okay ist, auf einer Spielemesse mit überwiegend jungem Publikum für das Militär rekrutieren zu wollen.

In der Privatwirtschaft muss ich nicht ins Krisengebiet

Einer, den die Bundeswehr sicher sehr gern in ihren Reihen hätte, sitzt neben mir am Laptop und klickt sich gelangweilt durch das Tutorial. Paul ist 24 Jahre alt, studiert Software-Engineering und möchte seinen echten Namen nicht nennen. In seiner Freizeit spielt er möglichst realistische Militärshooter wie Squad. Auch er sagt aber, dass er keine Lust auf eine IT-Karriere beim Militär habe: "In der Privatwirtschaft bekomme ich mehr Geld und muss nicht in Krisengebiete gehen." Denn auch von Beamten der Bundeswehr wird die Bereitschaft zu Auslandseinsätzen erwartet.

IT-Fachkräfte sind in Deutschland stark umworben. Damit sie nicht in die Privatwirtschaft gehen, sollen sie bei der Bundeswehr zum Beispiel eine "Cyberzulage" in Höhe von bis zu 300 Euro monatlich bekommen, sagte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums dem Tagesspiegel. Allerdings: Bei einer Befragung von IT-Absolventen zur Attraktivität von Arbeitgebern landeten die Streitkräfte auf Platz 31, deutlich hinter der Automobilbranche oder Amazon.

In anderen Ländern lassen sich Armeen einiges einfallen, um junge Rekruten anzuwerben. Seit November 2018 hat die U.S. Army ein eigenes E-Sport-Team, mit dem sie ihr Image verbessern will. 2002 entwickelte sie mit America's Army einen eigenen Egoshooter. Und auch in Dänemark versucht die Armee zusammen mit einem E-Sport-Verband, Gamer als neue Rekruten zu gewinnen. Sie seien "unter Druck ruhig, haben schnellere Reaktionen als andere junge Menschen und eine stark ausgeprägte Fähigkeit zur Visualisierung", sagte der dänische Major Anders Bech im Interview mit dem Magazin DR.

Im Vergleich dazu wirkt die Präsentation der Bundeswehr altbacken. Das letzte Werbespiel Helicopter Mission ist über ein Vierteljahrhundert alt. Darin mussten Spieler Fallschirmspringer möglichst schnell mit dem Hubschrauber von A nach B bringen. Heute versucht die Bundeswehr, ihr Image mit schlechten VR-Apps und teuren Youtube-Serien wie Die Rekruten oder Mali zu verbessern. Die Zahl der minderjährigen Rekruten ist indes stark zurückgegangen, die Zahl der freiwillig Wehrdienstleistenden sinkt. Läuft also nicht so bei ihnen.

Nachdem ich die hundert Quadratmeter Ausstellungsfläche der Bundeswehr durchgespielt habe, bin ich ernüchtert. Ein Flugsimulator, mit dem man nicht abheben kann, ein für mich viel zu schwerer Hacking-Test, beides hat mir gezeigt: Ich bin hier wirklich falsch. Ich verlasse die Ausbildungsetage und gehe hinunter zum Microsoft-Stand. Die beleben ihren Flight Simulator nach 13 Jahren wieder. Und dort kann ich wenigstens abheben.

 (degi)


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