Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/galaxy-note-10-im-test-300-euro-fuer-einen-stift-1908-143382.html    Veröffentlicht: 26.08.2019 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/143382

Galaxy Note 10+ im Test

300 Euro für einen Stift

Mit dem Galaxy Note 10+ hätte Samsung die Wende schaffen und seiner Note-Serie wieder eine Existenzberechtigung geben können. Doch trotz hervorragendem Display, guter Kamera und schnellem SoC ist das leider nicht gelungen.

Zu Zeiten von Samsungs ersten Galaxy Note war das Smartphone ein Exot: Es gab keine nennenswerte Konkurrenz mit einem derart großen Bildschirm, mit dem beigefügten Eingabestift S Pen konnte das Gerät als digitales Notizbuch verwendet werden. Seit dem ersten Note sind fast acht Jahre vergangen, kürzlich hat Samsung das neue Galaxy Note 10 und Galaxy Note 10+ vorgestellt.

Nach dem Test des letztjährigen Galaxy Note 9 hatten wir uns erhofft, dass Samsung den Mut haben würde, mit der Note-Reihe wieder etwas mehr anzustellen. Ein fast mit den Top-Modellen der Galaxy-S-Serie identisches Gerät, das lediglich um einen Stift erweitert wurde, war uns schlicht zu wenig. Bei neuen Galaxy Note 10+ versucht Samsung, mit neuen Funktionen des S Pens zu punkten - was wir uns näher angeschaut haben.



Gehäuse

Zunächst aber ein paar Worte zum äußeren Design des Galaxy Note 10+: Direkt beim Auspacken unseres Testgerätes in der Farbe Aura Glow merken wir, dass Samsung offenbar die neuen Farben des P30 Pro von Huawei gefallen. Das hochwertig verarbeitete und aus Glas gefertigte Gehäuse des neuen Note schimmert wie das Smartphone des chinesischen Konkurrenten in allen Farben des Regenbogens, was wie beim P30 Pro nett aussieht. Weniger nett beziehungsweise gewöhnungsbedürftig finden wir den Umstand, dass der Ein-Schalter am linken Rand des Smartphones verbaut ist und nicht wie bei früheren Geräten und im Grunde fast allen anderen Smartphones auf dem Markt auf der rechten Seite.

Den Bixby-Button hat sich Samsung dafür geschenkt, er ist als Zweitbelegung auf dem Ein-Schalter untergebracht. Ebenfalls verzichtet hat Samsung - zum Spott vieler - auf den Klinkenanschluss für einen Kopfhörer. Vor drei Jahren hatte sich der Hersteller noch über Apple mokiert, die ihrerseits damals den Anschluss beim iPhone 7 wegließen; die entsprechenden Werbevideos sind nach der Vorstellung der neuen Note-Geräte aber klammheimlich von Youtube verschwunden. Da das Internet nichts vergisst, sind die Videos aber noch auf zahlreichen anderen Seiten zu finden.

Schauen wir von vorne auf das Display des Galaxy Note 10+, ist der S Pen wie gewohnt unten rechts im Gehäuse verstaut.

Herumfuchteln mit dem S Pen

Äußerlich unterscheidet sich der Stift von der Form her kaum von dem des Galaxy Note 9: Er hat wieder einen Bedienknopf, der verschiedene Zusatzfunktionen auf dem Smartphone steuert. Neu ist die Gestensteuerung, die Nutzern zusätzlich zum Button weitere Bedienmöglichkeiten geben soll. So können wir beispielsweise die Modi der Kamera durchschalten, wenn wir den Knopf des S Pen drücken und unsere Hand nach links oder rechts bewegen. Zwischen Front- und Hauptkamera wechseln wir, wenn wir nach oben oder unten wischen. Bewegen wir unsere Hand im Kreis, können wir zoomen. Diese Geste hat Samsung bei der Frontkamera gut umgesetzt: Dort wird zwischen den beiden möglichen Einstellungen gewechselt.

Bei der Hauptkamera hingegen entspricht eine Umdrehung einer 0,1-fachen Vergrößerung; dabei müssen wir zwischen jeder einzelnen Umdrehung pausieren. Wollen wir also von der Normalansicht auf die zweifache Vergrößerung wechseln, müssen wir bei der Hauptkamera zehnmal unseren S Pen im Kreis schwingen - das ist natürlich vollkommener Unsinn, da es viel zu lange dauert und dazu noch sehr bescheuert aussieht. Natürlich könnte man argumentieren, dass Nutzer den Stift ohnehin nur dann verwenden, wenn sie ein Foto mit der Frontkamera machen, und es daher egal ist, dass die Zoom-Funktion bei der Hauptkamera nicht gut funktioniert; dann hätte Samsung sich die Funktion dort aber schenken sollen. Insgesamt halten wir den Stiftzoom bei beiden Kamerasystemen für Unsinn: Es kommt unserer Meinung nach einfach zu selten vor, dass Nutzer die Funktionen der Kamera-App unbedingt aus der Ferne steuern müssen.

Hören wir auf dem Galaxy Note 10+ Musik, können wir mit dem S Pen die Lautstärke durch Bewegungen nach unten oder oben verändern. Das funktioniert leider nicht in allen Apps: Bei Youtube etwa erklärt uns das Telefon, dass wir die Geste nicht mit der Anwendung verwenden können. Programmierer können die S-Pen-Funktion in ihre App einbauen, möglicherweise wird es in Zukunft also mehr Anwendungen mit Stift-Gestensteuerung geben.

Wirklich vorstellen können wir uns das allerdings nicht: Die neuen Gesten sind unserer Meinung nach alles andere als hilfreich im Alltag und wirken auf uns eher so, als ob Samsung krampfhaft auf der Suche nach einer weiteren Innovation beim S Pen gewesen ist. Wir haben bereits beim Galaxy Note 9 bezweifelt, dass die Funktionen des Knopfes auf dem Stift für die meisten Nutzer hilfreich sein würden. Mit den Gesten geht es uns nicht anders: Es geht einfach schneller, die Lautstärke mit den entsprechenden Tasten zu ändern oder auf dem Display zwischen den einzelnen Zoom-Stufen der Kameras umzuschalten. Der S Pen bleibt weiterhin ein hervorragender Eingabestift, der 4.096 Druckstufen erkennt und neben Notizen weitere zahlreiche Möglichkeiten bietet, wie etwa schnelles Kopieren und Einfügen von Inhalten. Als Steuerung für Apps ergibt der Stift in unseren Augen aber schlichtweg wenig Sinn.

Kamera

Die Kamera des Galaxy Note 10+ hat nach der Veröffentlichung des Smartphones beim DxO-Benchmark den bisherigen Spitzenreiter P30 Pro von Huawei verdrängt: Um einen Punkt besser empfanden die Tester die Hauptkamera von Samsungs neuem Smartphone. In der Aufschlüsselung des Ergebnisses wird klar, dass dies an den Videofunktionen liegt - in der Fotobewertung liegt Huaweis aktuelles Top-Modell immer noch knapp an Position eins. Diese Bewertung bestätigt sich in unseren Test.

Die Hauptkamera des Galaxy Note 10+ hat drei Bildsensoren und eine ToF-Kamera, die nur für die Entfernungsmessung zuständig ist. Das Hauptobjektiv verwendet einen 12-Megapixel-Sensor und hat eine variable Blende von f/1.5 oder f/2.4. Dieses Prinzip hat Samsung bereits bei vorigen Modellen der Note- und S-Serie verwendet: Bei wenig Licht schaltet das Objektiv auf die größere Blendenöffnung um, was mehr Licht auf den Sensor lässt und so zu einer besseren und artefaktärmeren Belichtung führt. Das zweite Objektiv hat eine Superweitwinkelperspektive und verwendet einen 16-Megapixel-Sensor; das dritte Obektiv, ein Tele, arbeitet mit einem 12-Megapixel-Sensor und bietet eine zweifache Vergrößerung.

Im Vergleich mit dem P30 Pro von Huawei macht die Hauptkamera des Galaxy Note 10+ sattere, farblich aber etwas realistischere Tageslichtaufnahmen. Was die Detailschärfe betrifft, macht das P30 Pro bereits im 10-Megapixel-Modus bessere Bilder; das neue Note hat die für Samsung typische hohe Kantenschärfe, die feine Strukturen zerstört. Schalten wir das P30 Pro auf 40 Megapixel um, sind die Unterschiede in der Schärfe noch größer. Auch beim Superweitwinkelobjektiv liegt das Galaxy Note 10+ etwas bei der Schärfe zurück, die Belichtung gefällt uns aber besser als beim P30 Pro; die Sättigung ist hier noch stärker als beim Standardobjektiv. Insgesamt gefallen uns die Bilder gut, die wir mit dem Galaxy Note 10+ machen; bei Aufnahmen mit wenig Licht zeigt sich der Unterschied zum Hauptkonkurrenten P30 Pro aber deutlich. Wo das Huawei-Smartphone in einem nahezu komplett dunklen Raum noch ein brauchbares Bild macht, erhalten wir beim neuen Samsung-Gerät nur ein viel dunkleres und dazu noch verwackeltes Foto.

Video

Was das Galaxy Note 10+ hingegen deutlich besser beherrscht, sind Videoaufnahmen: Wir können mit dem Smartphone 4K-Videos mit bis zu 60 fps aufnehmen, beim P30 Pro sind es maximal 30 fps. Die vielen automatischen Videooptimierungen wie der Verfolgungs-Autofokus und verschiedene Effekte funktionieren allerdings nur bei 1080p und 30 fps. Für die Videostabilisierung können wir auf maximal 4K mit 30 fps hochgehen. Etwas enttäuscht hat uns der neue Live-Fokus-Modus für Videoaufnahmen. Dabei können wir wie bei der Fotoaufnahme den Hintergrund eines Videos künstlich unscharf maskieren. Das funktioniert in unseren Tests bei der Trennung des Vorder- und Hintergrundes zwar ganz gut, es ist aber - anders als bei den Fotos - deutlich zu erkennen, dass hier eine digitale Optimierung vorliegt. Der unscharf maskierte Hintergrund ist zudem stark verwaschen und sieht nicht gut aus.

Das Galaxy Note 10+ hat eine gute Kamera, die verglichen mit der des Galaxy S10 allerdings im Fotobereich keine bahnbrechenden Neuerungen bringt. Im Vergleich mit dem P30 Pro bietet Huaweis Smartphone tendenziell eine bessere Schärfe und macht deutlich bessere Aufnahmen in schlechten Lichtverhältnissen. Bei Videoaufnahmen bietet das neue Note mehr als das P30 Pro, bei Fotos liegt das Huawei-Gerät aber weiter vorne.

Mit seinem 6,8 Zoll großen Bildschirm ist das Galaxy Note 10+ das bisher größte Stift-Smartphone von Samsung. Die Frage ist, ob der Nutzer etwas davon hat.

Starkes Display, schneller Chipsatz

Der AMOLED-Bildschirm des Galaxy Note 10+ hat eine Auflösung von 3.044 x 1.440 Pixeln, die von einer kleinen, kreisrunden Öffnung am oberen Rand unterbrochen wird. Anders als bei den Galaxy-S10-Modellen hat Samsung die Öffnung diesmal mittig verbaut, was uns besser gefällt. Auch wurde auf ein zweites Objektiv verzichtet, weshalb das Frontkameramodul deutlich weniger Platz wegnimmt als beim Galaxy S10+. Wie gewohnt hat das Display leicht abgerundete Ecken, die zu farblichen Verzerrungen führen und ansonsten keinen Nutzen haben. Der Rahmen um das Display ist sehr schmal, weshalb das Gehäuse des Smartphones mit 162 x 76,9 x 8,2 mm recht kompakt für die Bildschirmgröße ist; das Gewicht liegt bei 196 Gramm.

Die Auflösung des Displays ist mit einer Pixeldichte von 498 ppi sehr hoch, entsprechend scharf werden Bildschirminhalte angezeigt. Standardmäßig ist eine Auflösung von 2.280 x 1.080 Pixeln eingestellt, die für viele Nutzer wohl bereits ausreichen dürfte. Die Blickwinkelstabilität ist sehr gut, es kommt lediglich zu von OLED-Displays gewohnten leichten Farbnuancen aufgrund der Oberflächenbeschichtung des Display-Glases; diese stören uns im Alltag aber nicht. Die Farbwiedergabe ist kräftig, aber immer noch realistisch. Das Display unterstützt HDR-Wiedergabe. Insgesamt zeigt Samsung auch beim Galaxy Note 10+ wieder, dass das Unternehmen Displays bauen kann - der Bildschirm macht in unterschiedlichen Nutzungsszenarien Spaß, sowohl beim Browsen und dem Anschauen von Videos als auch bei der Stiftbenutzung. Dank der Größe des Displays lassen sich Notizen noch besser als zuvor anfertigen.

Chipsatz

Im Inneren des Galaxy Note 10+ arbeitet Samsungs neues SoC Exynos 9825, welches weltweit das erste System-on-a-Chip ist, das im 7-nm-EUV-Verfahren hergestellt wird. Verglichen mit dem Exynos 9820, das im Galaxy S10+ verbaut ist, bringt das neue SoC in den Benchmarktests keine nennenswerten Verbesserungen: Im Geekbench-Test erreicht das Galaxy Note 10+ einen Single-Wert von 4.534 Punkten - das Galaxy S10+ kam in unserem Test auf 4.490 Zähler. Im Icestorm-Unlimited-Test des 3DMark schafft das neue Smartphone 53.986 Punkte, knapp 1.000 Zähler weniger als das Galaxy S10+. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Smartphone im Alltag langsamer ist: Das neue Note gehört zu den schnellsten Geräten am Markt, was sich auch in der sehr flüssigen Bedienung niederschlägt.

Ausgeliefert wird das Galaxy Note 10+ mit Android 9.0 und Samsungs mittlerweile übersichtlicher Benutzeroberfläche. Der Akku hat eine Nennladung von 4.300 mAh und lässt sich mit dem mitgelieferten 25-Watt-Netzteil schnellladen. Wem das noch zu langsam ist, kann auch ein 45-Watt-Netzteil verwenden, das allerdings separat gekauft werden muss - bei einem Gerät dieser Preisklasse finden wir das unverständlich. Die Akkulaufzeit des Galaxy Note 10+ ist sehr gut: Einen Full-HD-Film können wir bei voller Helligkeit über 13 Stunden lang anschauen.

Verfügbarkeit und Fazit

Das Galaxy Note 10+ ist in zwei Varianten erhältlich. Die mit 256 GByte Flash-Speicher kostet 1.100 Euro, die mit 512 GByte Speicher ist für 1.200 Euro erhältlich.

Fazit

Das neue Galaxy Note 10+ ist ohne Zweifel ein Top-Smartphone: Die Kamera macht gute Bilder und bietet auch bei den Videoaufnahmen einige interessante Optionen. Das Display ist sehr gelungen, Samsung zeigt auch bei seinem neuen Smartphone, dass das Unternehmen Bildschirme herstellen kann. Das SoC ermöglicht ein schnell laufendes System, was sich aufgrund der Leistungsreserven in der nächsten Zeit wohl nicht ändern dürfte.

Gleichzeitig wird mit dem neuen Galaxy Note 10+ ersichtlich, dass Samsung die Oberklasseserien seiner Smartphones nur noch durch den Stift trennen kann. Die Unterschiede zum Galaxy S10+ sind minimal, was die Bildqualität, das Display und auch die Größe betrifft. Besonders diese ist in der heutigen Zeit kein Merkmal mehr, durch das sich Samsung von der Konkurrenz abheben kann.

Bleibt also der S Pen, bei dem der Hersteller es wieder mit neuen Funktionen versucht hat. Die können unserer Meinung nach allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Stift immer noch das am besten kann, was Stifte nun mal am besten können: schreiben. Notizen lassen sich auf dem neuen Note wie von den Vorgängermodellen gewohnt schnell und zuverlässig aufzeichnen. Die restlichen Softwarefunktionen sind stellenweise nett, wie etwa das schnelle Kopieren und Einfügen, stellenweise aber auch unsinnig, wie die neuen Gesten.

Für uns bleibt der einzige bemerkenswerte Unterschied zwischen dem Galaxy S10+ und dem Galaxy Note 10+ der S Pen. Wer nicht wirklich und unbedingt mit einem Stift auf seinem Smartphone Texte verfassen will, benötigt das neue, teure Note schlichtweg nicht. Das Galaxy S10+ ist aktuell mit 512 GByte Flash-Speicher für 900 Euro erhältlich, das Galaxy S10 sogar für unter 750 Euro - das sind jeweils 300 und 450 Euro weniger als das günstigste Galaxy Note 10+ bei gleicher Speicherausstattung. Beide Aufpreise ist unserer Meinung nach nicht zu rechtfertigen, wenn man als Käufer nicht wirklich und unbedingt den S Pen haben möchte. Wer auf den Stift verzichten kann, kann beruhigt zum Galaxy S10+ greifen, wenn es denn ein Samsung-Smartphone sein soll.

 (tk)


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