Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/moeve-franklin-e-fly-komfort-im-test-nicht-ganz-rund-1908-143259.html    Veröffentlicht: 23.08.2019 09:27    Kurz-URL: https://glm.io/143259

Möve Franklin E-Fly Komfort im Test

Ein nicht ganz rundes Pedelec

Ein ovales Kettenblatt mit Mehrgelenkkurbel plus E-Antrieb: Mit dieser Kombination will Möve ein besonders tolles Pedelec schaffen. Doch die Rechnung geht nicht ganz auf.

Was beim Franklin E-Fly Komfort als Erstes hervorsticht, ist ein schicker, schlanker Rahmen, an dem ein riesiger Akku befestigt ist. Auf den zweiten Blick bemerkt man ein merkwürdig ovales Kettenblatt und eine Tretkurbel, die aus mehreren Elementen besteht. Die Kombination aus dem neuartigen Antrieb und einem Hinterradnabenmotor soll laut Produzent Möve Synergien für eine große Reichweite und dynamisches Fahren schaffen.

Der Hersteller mit dem traditionsreichen Namen fertigt in Deutschland sowie Europa und hat seit 2016 einen selbstentwickelten neuen Kraftwandler im Programm. Die Besonderheit des Cyfly genannten Antriebes besteht in ebenjenem ovalen Kettenblatt, das über mehrere Gelenke mit der Tretkurbel verbunden ist. Der Hersteller gibt an, dass dadurch bis zu 30 Prozent mehr Drehmoment entwickelt werde und eine Erleichterung beim Antreten, mittleren Geschwindigkeiten und hohen Gängen spürbar sei. Ermöglicht wird dies durch eine längere Tretkurbel, die eine größere Hebelwirkung entfalten kann.

Das klingt alles ziemlich kompliziert - unsere erste Frage ist demzufolge nach dem Eintreffen des Testmusters: Muss man sich umgewöhnen? Kaum haben wir das Franklin aus dem Transporter ausgeladen, schwingen wir uns in den Sattel, um eine Proberunde auf dem Hof zu drehen. Wir stellen fest: Es läuft zunächst etwas unrund.

Rhythmische Trittgymnastik

Wir haben auf Probefahrten am gleichen Tag immer wieder versucht, einen Unterschied zwischen verschiedenen Trittrhythmen auszumachen und festzustellen, ob sich das Franklin grundlegend anders verhält als normale Fahrräder. Tut es glücklicherweise nicht, schon nach einer kurzen Eingewöhnung nehmen wir den andersartigen Tritt nicht mehr bewusst wahr. Wobei Tritt nicht ganz zutreffend ist, es ist eher eine etwas stampfende Bewegung, hervorgerufen durch die Gelenke in der Kurbelgarnitur.

Ist das revolutionär? Eher nein, den Unterschied im Kraftaufwand können wir subjektiv nur in bestimmten Situationen feststellen: beim Anfahren und bei leichten Steigungen. Wir lassen mehrere Personen kurz mit dem Rad fahren und bemerken einen Lakritzeffekt: Entweder man mag es, oder man findet es furchtbar - nicht jeder kann sich sofort auf Cyfly einstellen.

Gelegenheitsfahrer kamen mit dem Cyfly-Antrieb gut zurecht, während sportlicher Radler ihn als eher störend empfanden. In der Szene gilt die Technologie bei vielen als Hokuspokus, in Foren wird gern über die physikalischen Vor- und Nachteile gestritten. Kritisiert wird vor allem, dass die Wirkung des längeren Hebels durch Reibungswiderstände in den zusätzlichen Lagern und Gelenken neutralisiert werde. Der Hersteller hält mit Demo-Videos und einem Gutachten dagegen, die die Vorteile des Antriebs beweisen sollen. Wir stehen in der Mitte: einerseits fährt sich das Franklin wirklich gut, andererseits erfordert der Cyfly-Antrieb eine Umstellung. Dem einen gefällt's, dem anderen nicht - hier hilft nur Probe fahren. Das Rad ist recht schwer, allein Cyfly wiegt 2 Kilogramm, insgesamt kommt das Franklin auf über 20 kg. Der innovative Antrieb ist leider nicht wartungsfrei, ein Wechsel des Synthetiköls wird vom Hersteller alle 5.000 km empfohlen. Er ist im ersten Jahr kostenlos, danach liegt er bei 20 Euro. Wer möchte, kann das Öl mit einem Wechselset für 15 Euro aber auch selbst erneuern. Auf Rahmen und Antrieb gibt Möve 5 Jahre Garantie.

Wie auch immer man zu Cyfly steht - die Wirkung eines Elektromotors ist unbestritten, und den hat das Franklin auch.

Hardware gut, Software schlecht

Die zweite eingesetzte Technologie beim Franklin ist ebenfalls leicht gewöhnungsbedürftig. Schalten wir den Hinterrad-Nabenmotor dazu, fährt sich das Pedelec sehr sportlich, es schiebt förmlich bis zu dem Punkt, an dem wir denken: "Hochstarter!" Es braucht nicht einmal eine halbe Umdrehung, bis der Motor anspringt - und der Turbomodus verdient seinen Namen definitiv. Bei den ersten Fahrten bekommen wir regelrecht einen Schreck und treten am Scheitelpunkt von Kurven nicht mehr zu, weil wir das Gefühl haben, die Unterstützung könnte uns auf die Gegenfahrbahn befördern.

Trotzdem: Wir können im Sand beim Anfahren das Hinterrad nicht zum Durchdrehen bringen. Der Schwerpunkt des Pedelecs ist spürbar ganz weit hinten, aber es hat eine sehr stabile Straßenlage. Dank Federgabel und aufrechtem Sitz kommen wir super über Kopfsteinpflaster, ziehen über Unebenheiten hinweg und können problemlos auch auf Waldwegen fahren. Die breiten Reifen erreichen ein sehr gutmütiges Fahrverhalten. Wir sind im Testzeitraum ungefähr 300 Kilometer gefahren und waren meist in der Stadt unterwegs - dafür und für ausgedehnte Touren ins Umland mit Abstechern über Feld und Wiese können wir das Franklin empfehlen. Den Cyfly-Antrieb nehmen wir bei der Motorunterstützung kaum mehr wahr; dass er die Reichweite des Pedelecs nennenswert vergrößert, halten wir für unwahrscheinlich.

Der Motor schiebt uns in die Kurve

Der Nabenmotor im Hinterrad ist ein Neodrives Z20 und bringt bei bis zu 250 Watt bis 40 Newtonmeter Unterstützung. Das fühlt sich manchmal wenig organisch an, besonders wenn man an Mittelmotoren gewöhnt ist. Tritt man nicht wirklich im Takt, schiebt er in Intervallen - das spüren wir besonders im Turbomodus. Bei ausgeschaltetem Motor merken wir keinerlei Widerstand, im eingeschalteten Zustand ist er außerdem angenehm leise. Die Reichweite ist für uns mit über 60 km im Turbomodus mehr als ausreichend, im Eco-Modus sind nach Herstellerangaben bis zu 145 km Fahrt möglich, was wir für realistisch halten. Der Akku hat 612 Wattstunden Kapazität, er ist außen am Rahmen angebracht und kann problemlos abgenommen werden.

Als Pluspunkt würden wir hier gern die zweistufige Rekuperation anführen - wenn wir sie hätten nutzen können. Das Franklin kann nämlich Energie in den Akku zurückspeisen, zum Beispiel wenn man eine Steigung hinunterfährt. Allerdings ist es uns nicht gelungen, auch nur einen einzigen Prozentpunkt aufzuladen. Das Pedelec wird bei eingeschalteter Rekuperation derart schwergängig, dass wir im Brandenburger Flachland auch auf steileren, längeren Hügelabfahrten einfach stehenbleiben. Wenn wir ordentlich zutreten, kommen wir zwar weiter, aber selbst nach zwei oder drei Kilometern tut sich nichts auf der Akkustandanzeige.

Apropos Anzeige: Der Bordcomputer von Neodrives kann uns nicht überzeugen. Er ist mit seinem abnehmbaren 2-Zoll-Touchdisplay zwar eigentlich in jeder Lichtsituation gut lesbar und verfügt auch über sinnvolle Tasten - aber die Aufteilung der dargestellten Informationen stellt selbst Menschen mit guten Augen mitunter vor Probleme. Einige Infos wie die aktuelle Geschwindigkeit sind sehr präsent, andere wie die Anzeige des Unterstützungsmodus hingegen winzig klein.

Fehlende App und Akkuratesse

Die Restreichweitenschätzung ist bei uns ganz offensichtlich fehlerhaft implementiert, das Display zeigt viel zu niedrige Werte an. Bei fast 50 Prozent Ladung prophezeit uns der Bordcomputer, dass nur noch 26 bis 27 km Reichweite übrig seien, dieser Wert ändert sich auch nicht. In Wirklichkeit fahren wir noch über 30 km und haben trotzdem ordentlich Ladung übrig. Stellen wir auf die Akkuanzeige in Prozent um, stimmen die Werte hingegen.

Frustrierend finden wir, dass trotz versprochener App-Unterstützung keine Kopplung mit unseren Smartphones unter Android möglich ist.

Die sonstige Ausstattung des Möve-Pedelecs von der Shimano Deore XT BR-T8000 Bremse über Rockshox Paragon Gold TH SA 2 Federgabeln bis hin zu den Griffen und dem Sattel von Ergon gefällt uns sehr gut, auch der in Europa gefertigte Alurahmen überzeugt uns - allerdings leidet der coole schwarze Look unter dem angeflanschten Akku. Die Shimano XT 11-Gang-Schaltung ist gut, aber das Rad klackert für unsere Ohren recht laut im Leerlauf, und wir vermissen eine Anzeige des aktuellen Ganges am Schalthebel. Alle Ritzel befinden sich am Hinterrad, weil sich das Kettenblatt wegen seiner ovalen Form nicht für eine Schaltung eignet. Auch einen klassischen Gepäckträger hätten wir gegenüber dem Taschenhalter bevorzugt.

Trotz aller kleinen Kritikpunkte: Wir hatten eine schöne Woche mit dem Franklin E-Fly Komfort und trennten uns nur ungern von ihm. Im Vergleich zum von uns getesteten HNF-Nicolai SD1 Urban ist das Franklin wesentlich vielseitiger einsetzbar und komfortabler - es macht seinem Namen also alle Ehre. Einen Kauf empfehlen wir aber eher nicht.

Verfügbarkeit und Fazit

Das Franklin E-Fly Komfort ist in verschiedenen Lackierungen, Größen und Ausstattungsvarianten ab 4.000 Euro erhältlich. Dieser Preis unterlag in den vergangenen Monaten einigen Schwankungen. Möve bietet eine 14-tägige Testphase für 100 Euro an, die bei einem Kauf verrechnet werden.

Fazit

Das Franklin E-Fly Komfort ist ein gutes Fahrrad und mit Abstrichen auch ein ordentliches Pedelec. Besonders der Fahrkomfort und die Verarbeitung haben uns gefallen. Der von Möve selbst entwickelte Antrieb mit dem ovalen Kettenblatt und der speziellen Kurbel ist Geschmackssache - ob er den Kraftaufwand beim Treten wirklich bis zu 30 Prozent reduzieren kann, ließ sich in unserem Test nicht zweifelsfrei feststellen. Wir raten potentiellen Käufern von Rädern mit Cyfly-Antrieb daher unbedingt zu einer Probefahrt.

Der von Neodrives zugelieferte Pedelec-Anteil ist funktional in Ordnung und erbringt auch genügend Leistung. Aber in dieser Preisklasse sollte nicht nur die Hardware perfekt sein - wer 2019 mit einer App-Anbindung wirbt, muss sich um die Software kümmern. Auch den riesigen Akku am Rahmen finden wir nicht mehr zeitgemäß.



Unsere Kritik setzt aber weniger bei den einzelnen Komponenten Nabenmotor und Cyfly an. Wir sind vielmehr der Meinung, dass die Mischung der beiden unnötig ist. Wer ein Pedelec möchte, kann definitiv auf Cyfly verzichten - zu gering sind die Synergieeffekte. Uns erscheint offensichtlich, dass der Elektroantrieb nur ein Nachgedanke bei der Entwicklung des Rades war.

Bestätigt wird diese These durch das Angebot von Möve, bereits verkaufte Franklin-Bikes mit dem Nabenmotor aufzurüsten. Unser Tipp daher: Wer ein Fahrrad mit Cyfly-Antrieb sucht, sollte lieber das Möve Stuart Deore nehmen, das ab 2.000 Euro erhältlich ist - zum Pedelec aufrüsten lassen kann man es später immer noch.  (mwo)


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