Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/klarna-der-schrecken-der-traditionellen-banken-1908-143154.html    Veröffentlicht: 12.08.2019 16:00    Kurz-URL: https://glm.io/143154

Klarna

Der Schrecken der traditionellen Banken

Klassischen Geldinstituten sagt der Klarna-Chef Sebastian Siemiatkowski eine düstere Zukunft voraus. Sein Unternehmen ist mittlerweile das wertvollste Fintech Europas.

"Ich habe jeden Fehler gemacht, den man als Chef nur machen kann", beschrieb Sebastian Siemiatkowski seine ersten Jahre als Mitgründer und Boss des schwedischen Zahlungsdienstleisters Klarna. Fehlende Führungsqualitäten und Erfahrungen im Umgang mit Mitarbeitern hätten ihm in der ersten Zeit viele schlaflose Nächte bereitet. Vor allem mit dem Delegieren hätte er sich zunächst schwergetan, so dass er beinahe unter einer Lawine an Arbeit begraben worden sei.

Nun, so viele Fehler können es auch in den Anfangsjahren von Klarna nicht gewesen sein. Denn mittlerweile ist das von dem 37-jährigen Schweden mitbegründete Fintech Europas wertvollstes Startup. Nachdem eine weitere Finanzierungsrunde des nicht börsennotierten Unternehmens erfolgreich abgeschlossen wurde, wird Siemiatkowskis Unternehmen mit rund 5 Milliarden Euro bewertet.

Der Sohn polnischer Einwanderer hat den Zahlungsdienstleister 2005 zusammen mit zwei Freunden gegründet, sie kannten sich aus Studienzeiten an der Stockholmer Handelshochschule. Zunächst agierte Klarna als Bindeglied zwischen Onlinehändlern und den Kunden. Das damals noch kleine Unternehmen wickelte den Zahlungsvorgang mit dem Kunden ab und garantierte dem Händler den Erhalt der Summe.

14 Jahre und viele Akquisitionen später ist Klarna nicht mehr nur Mittler zwischen Onlinehändlern und Kunden: Seit zwei Jahren besitzt das in Stockholm beheimatete Unternehmen eine Banklizenz, vergibt Kredite und gibt Kreditkarten aus.

Aus dem kleinen Startup der drei Gründer ist ein Finanzkonzern mit 2.500 Mitarbeitern, 60 Millionen Kunden und 130.000 Onlinehändlern in 14 Ländern geworden. Etwa eine Million Zahlungsvorgänge wickelt Klarna pro Tag ab. Dabei ist Deutschland zum wichtigsten Markt der Schweden geworden, rund 40 Prozent des Umsatzes von 510 Millionen Euro werden hierzulande erwirtschaftet.



Mit Kreditkarten näher an den Endverbraucher

Doch der stets rastlos wirkende Siemiatkowski will mehr. In einem Interview erklärte er, dass sein Unternehmen künftig näher an den Kunden rücken und damit den traditionellen Banken Paroli bieten wolle. Dass er diesen Weg bereits eingeschlagen hat, zeigt die Ausgabe eigener Kreditkarten.

Es handelte sich um einen strategischen Schritt, der Klarna nun direkten Zugang zum Endverbraucher verschafft. In diesem Zuge stellt er eine düstere Prognose für die Deutsche Bank und andere traditionelle Kreditinstitute. Die rasante Digitalisierungen werde den Großbanken in nicht allzu weiter Zukunft den Garaus machen, orakelt er.

"Wir haben bei allen vorangegangenen industriellen Revolutionen gesehen, dass die Spezialisierung der Unternehmen weiter fortschreitet. Meiner Meinung nach sind die Banken viel zu breit aufgestellt", erklärte er der Zeitung Svenska Dagbladet. Der Exitus herkömmlicher Institute stehe unmittelbar bevor. "Früher habe ich gesagt, dass die Veränderung der Finanzbranche 15 bis 20 Jahre dauert. Jetzt glaube ich, dass es nur fünf Jahre sein werden."

Auch wenn Klarna heute Europas wertvollstes nicht börsennotiertes Fintech ist, verlief der Aufstieg des Start-ups nicht reibungslos. Vor zwei Jahren etwa warfen Verbraucherschutzverbände in Nordeuropa dem Unternehmen vor, allzu schnell Mahn- und Inkassogebühren von Endkunden einzufordern.

Negative Klarna-Schlagzeilen dominierten über Wochen schwedische Medien. "Es war meine schwierigste Zeit", gibt Siemiatkowski heute zu. Einige Vorwürfe seien berechtigt gewesen, man habe die internen Abläufe entsprechend verändert.

Von den drei Freunden ist nur noch Sebastian Siemiatkowski im Unternehmen, die beiden anderen haben Klarna bereits vor einiger Zeit verlassen. Nun rückt innerhalb der Branche die Frage in den Mittelpunkt, ob Klarna in absehbarer Zukunft an die Börse strebt. Es ist allerdings eine Frage, die dem Klarna-Chef derzeit offenbar keine schlaflosen Nächte bereitet. "Ich glaube, dass es dazu irgendwann kommen kann", sagt eri ziemlich gelassen, "aber wir haben keine Eile damit".

 (hb-hst)


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