Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/google-maps-karten-brauchen-menschen-statt-maschinen-1908-143121.html    Veröffentlicht: 12.08.2019 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/143121

Google Maps

Karten brauchen Menschen statt Maschinen

Wenn Karten nicht mehr von Menschen, sondern allein von Maschinen erstellt werden, erfinden diese U-Bahn-Linien, Hochhäuser im Nationalpark und unmögliche Routen. Ein kurze Liste zu den Grenzen der Automatisierung.

Vor wenigen Wochen haben wir über einen kuriosen Fehler berichtet, bei dem Google die Daten aus dem ÖPNV offensichtlich falsch interpretierte und für Google Maps schlicht eine neue U-Bahn-Linie in Berlin erfand. Das ist nicht nur ärgerlich für Touristen und Anwohner, sondern leider auch alles andere als ein Einzelfall, wie schon eine kurze Umfrage in unserer Redaktion zeigt.

Es ist zwar klar, dass Karten - egal ob analog oder digital - immer mal wieder auch ärgerliche Falschinformationen aufweisen können. Doch vor allem bei dem sehr häufig genutzten Google Maps fällt auf, dass diese Art störender und irritierender Fehler wohl auf die massive Automatisierungsstrategie des Dienstes zurückzuführen ist.

Eigentlich ist es durchaus im Sinne der Nutzer des Dienstes, auf viele verschiedene Arten der automatischen Datenauswertung zu setzen. Insbesondere Google baut sein Geschäftsmodell seit mehr als 20 Jahren genau darauf auf. Dank der Automatisierung kann ein digitaler Kartendienst viele nützliche Zusatzinformationen und natürlich auch vielfältigere Kartendaten bieten, die so in traditionell erstellten Karten kaum zu finden sein dürften.

Dieses vollständige Vertrauen in die Arbeit von Maschinen und Programmen führt aber wie bei der erfundenen U-Bahn-Linie zu vermeidbaren Fehlern. Im Folgenden stellen wir kurz einige weitere derartiger Fehler vor, die eben nicht nur kurios sind, sondern auch die Grenzen der Automatisierung ohne menschliche Korrektur zeigen - und das bei so vermeintlich einfachen Informationen wie Kartendaten. Wir beschränken uns dabei zwar auf das weit verbreitete Google Maps, aber andere Dienste und Wettbewerber dürften teils ähnliche Probleme haben, da Karten immer weniger durch Menschen erstellt werden.

Dichte Zivilisation im Nationalpark

Google Maps zufolge stehen unzählige Hochhäuser im Nationalpark Sächsische Schweiz. Dabei sind Neubauten im Nationalpark natürlich verboten - und es sind auch keine da. Nur die berühmten Sandsteinfelsen.

Dabei ist die Darstellung durchaus raffiniert. Die dargestellten Häuser sind nicht nur rechteckig, sondern haben unterschiedliche Umrisse und sogar verschiedene Höhen. Es ist leicht nachvollziehbar, dass hier die trainierte Bilderkennung für Gebäude sich getäuscht hat. Immerhin stehen da große hell leuchtende Felsnadeln in einer sonst monotonen Umgebung.

Von Google Maps erfundene Gebäude lassen sich anhand dieses relativ einfachen Musters - eine Oberfläche, die sich stark von ihrer Umgebung abhebt - auch leicht an anderen Orten finden. Dazu gehören etwa Kläranlagen, Sportplätze oder große Betonplatten, die im Boden verlegt sind.

Bei Google Maps werden aber nicht nur Objekte erfunden und dargestellt, die so in Wirklichkeit gar nicht existieren, wie eben Gebäude. Auch bei dem häufig genutzten Routing setzt der Anbieter stark auf Automatisierung, obwohl auch hier eine menschliche Kontrolle wohl von Vorteil wäre.

Wo eine Route ist, ist auch (k)ein Weg

Bleiben wir der Einfachheit halber direkt in der Sächsischen Schweiz. Den interessierten Touristen und lokalen Wanderern dürfte bei einem Blick auf Google Maps sofort das extrem dichte Wegenetz dort auffallen. Ein Vergleich mit den offiziellen Geodaten des Landes Sachsen zeigt, dass diese offensichtlich die Quelle für Google Maps sind.

Eigentlich muss man Google hier sogar zugutehalten, dass das Unternehmen auf die offiziellen Daten zurückgreift. Wohl zum Leidwesen der Parkranger ignoriert Google aber die speziellen Erfordernisse des Schutzgebietes und weist auch jene historischen Wege aus, die inzwischen offiziell aus Naturschutzgründen gesperrt sind.

Mit dem Auto über Stock und Stein

Doch noch viel irritierender ist, dass Google die übernommenen Wegedaten auf sehr eigene Art und Weise interpretiert, was sich am Routing zeigt. So kann etwa mit dem Auto vermeintlich problemlos durch die Kernzone des Nationalparks gefahren werden.

Wobei laut Google sogar massive Steilstücke samt Holzstufen mit vier Rädern überwunden werden können. Ebenso können demnach mit dem Mountainbike enge Steiganlagen mit teilweise Hunderten Treppenstufen bewältigt werden. Beides ist natürlich weder erlaubt noch praktisch möglich.

Derartige Fehler im Routing scheinen keine kleinen Einzelfälle zu sein. So berichten Kollegen in der Redaktion etwa, das Google-Routing habe jahrelang Probleme damit gehabt, Fußgänger über Wendeltreppen zu schicken. Im Falle zweier Rheinbrücken in Köln und Düsseldorf ist dies immer noch der Fall. In Sydney vergaß Google Maps sogar, einen bereits in der Karte vorhandenen Straßentunnel in das Routing einzubeziehen.

Völlig erratisch ist das Routing für den öffentlichen Nahverkehr. Das ist mal vollständig, mal nicht vorhanden und oft auch völlig unlogisch. Statt kurzer Fußwege zwischen zwei Haltestellen etwa wird geradezu zwanghaft die Nutzung der Verkehrsmittel empfohlen, was teilweise deutlich über 30 Minuten Zeit kosten kann.

All diese Probleme sind in Anbetracht der schieren Informationsfülle von Google Maps und dem damit verbundenen riesigen Angebot an Möglichkeiten zur Nutzung des Dienstes nahezu vernachlässigbar. Wenn es aber darauf ankommt, nerven diese Fehler extrem. Eben weil bei einer menschlichen Prüfung der Daten all das sicher aufgefallen und korrigierbar gewesen wäre. Dass ein solches System funktionieren kann, hat die Openstreetmap bewiesen. Dort werden maschinell erstellte Kartendaten durch Menschen verifiziert. So ein Vorgehen würde auch Google Maps helfen.

 (sg)


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