Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/faire-it-die-gruene-challenge-1908-143115.html    Veröffentlicht: 15.08.2019 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/143115

Faire IT

Die grüne Challenge

Kann man IT-Produkte nachhaltig gestalten? Drei Startups zeigen, dass es nicht so einfach ist, die grüne Maus oder das faire Smartphone auf den Markt zu bringen.

Auseinandernehmen und nach sozialen und ökologischen Kriterien wieder neu zusammenbauen - das ist die Herangehensweise der Startups, die IT-Hardware etwas grüner machen wollen. Dass dieses Re-Engineering eine echte Herausforderung auf vielen Ebenen ist, zeigen die Startups Fairphone, Shift und Nager IT. Das reicht von der Auswahl und Beschaffung der richtigen Rohstoffe bis hin zu den Kunden, die sich bewusst für ein eventuell teureres oder schlicht ein gebrauchtes Gerät entscheiden müssen.

Nachhaltige Smartphones sind modular, doch das genügt nicht

Die Geschichte der modularen Smartphones beginnt mit der Beobachtung, dass die aufwendig hergestellten digitalen Alleskönner im Schnitt nicht älter als zwei Jahre werden. Denn schon wird dem Nutzer ein noch schöneres, schickeres Gerät per Handyvertrag zu verlockenden Preisen angeboten.

Und natürlich gibt es jederzeit ein Gerät, das eine noch bessere Kameralinse, einen noch größeren Speicherplatz oder die neueste Super-Extra-Funktion hat. Was aber wäre, wenn sich nicht nur Software-, sondern auch Hardwarefunktionen upgraden ließen? Voraussetzung dafür sind leicht austauschbare Module. Am besten wäre es noch, wenn der Nutzer selbst Hand anlegen könnte, ohne auf Gewährleistung und Garantie verzichten zu müssen.

Denn der Ressourcenaufwand für die Produktion von Smartphones ist enorm. Hersteller müssen bis zu 60 unterschiedliche Rohstoffe und Materialien beschaffen: Lithium für die Batterie, Gold für Kontaktstellen, Zinn für Lötstellen, Tantal für Mikro-Kondensatoren, dazu Kobalt und Seltene Erden. Die Arbeitsbedingungen für die Rohstoffgewinnung sind oft menschenunwürdig und verstoßen gegen internationale Standards.

Gleichwohl sind modulare Systeme nicht unbedingt auch leicht reparierbar: Beispielsweise ist das Google Pixel XL sehr modular aufgebaut, lässt sich aber nur schlecht reparieren. Wenn jedoch für Reparaturen nur einzelne Module ausgetauscht werden müssen, ist das nicht nur ressourcensparend, sondern auch klimafreundlich: Wird ein einziges durchschnittliches Smartphone wiederverwendet, können 14 Kilogramm Rohstoffe und 58 Kilo Treibhausgas-Emissionen eingespart werden. Das stellte 2018 die UMSICHT-Studie des Fraunhofer-Instituts fest. Wiederaufgearbeitete gebrauchte Handys sind in Sachen Nachhaltigkeit also nicht zu schlagen.

Neuer Anlauf beim Trendsetter Fairphone

Aus Sicht der Nachhaltigkeit ist die entscheidende Frage beim Smartphone-Kauf: Kann ich das Gerät gebraucht bekommen und lässt es sich leicht reparieren? Das bereits 2013 gestartete Fairphone aus den Niederlanden bietet im Moment genau das: Es verkauft derzeit nur wiederaufgearbeitete Geräte seines zweiten Modells Fairphone 2.

Das Fairphone war das erste Smartphone, mit dem das modulare Konzept umgesetzt wurde. Bis 2017 entwickelte das Unternehmen zwei modulare, inzwischen ausverkaufte Smartphone-Modelle. Bisher wurden einschließlich der wiederaufgearbeiteten Geräte 175.000 Stück verkauft. Lange Zeit war es still um das Fairphone, doch Ende August sollen "große Neuigkeiten" verkündet und "ein wegweisendes Neuprodukt" vorgestellt werden. Um was es sich dabei handelt, wird im Moment noch unter Verschluss gehalten.

Die Handyentwickler haben eine steile Lernkurve hinter sich: Für das erste Modell konzentrierten sie sich auf die Beschaffung von Rohstoffen und Materialien aus fairen Produktionsbedingungen. Dabei gelang es ihnen, die verwendeten Mineralien wie Zinn, Tantal, Wolfram und Gold "konfliktfrei" zu machen, was bedeutet, dass mit ihrer Förderung keine kriegerischen Auseinandersetzungen finanziert werden.

"Fair" bedeutet gemessen am bekannten Fairtrade-Siegel, dass der gesamte Wertschöpfungsprozess eines Smartphones entlang der Lieferkette bestimmte soziale, ökologische und ökonomische Kriterien erfüllt:



Der Kampf um Ersatzteile und Reparierbarkeit

Beim zweiten Fairphone-Modell versuchten die Entwickler, das Ersatzteilproblem zu lösen. Ärgerlich für viele Käufer des ersten Modells ist nämlich bis heute, dass das Gerät nur theoretisch reparierbar ist - weil es die Gründer schlicht versäumten, ausreichend Ersatzteile vorzuhalten. Nach Ende der Gewährleistungsfrist ließen sich ihre Geräte selbst bei kleineren Defekten nicht mehr reparieren.

Das zweite Modell, das Fairphone 2, wurde deshalb so konzipiert, dass die Ersatzteile möglichst immer verfügbar sind. Beispielsweise gab es ein Kamera-Update, um das Gerät noch langlebiger zu gestalten. Auch wurde eine längere Update-Fähigkeit für das Android-Betriebssystem über ein neues Design ermöglicht. Das erhöhte ebenfalls die Lebensdauer des Geräts. Als erstes Smartphone erhielt es deshalb 2016 das Nachhaltigkeitssiegel Blauer Engel. Gleichwohl ist das System noch nicht systematisch auf Upgrades ausgelegt, was bedeutet, dass nicht alle Module fortlaufend durch neuere, leistungsfähigere Teile ersetzt werden könnten.

Der Open-Source-Code des Betriebssystems wird vielfältig genutzt: Zum einen können Fairphone-2-Nutzer, wenn sie selbst Entwickler sind, selbstständig Bugs und Probleme beheben und ihre Informationen an Fairphone weitergeben. Zum anderen kann jeder auch alternative Betriebssysteme auf das Fairphone 2 laden. Beispielsweise läuft es auch mit Lineage OS (Android 9), Ubuntu Touch und Sailfish OS. Fairphone unterstützt diese nicht direkt, die Gewährleistung verfällt aber nicht, wenn ein Nutzer diese Systeme installiert.

Wenn Nutzer ihr Gerät selbst reparieren, kann auch mal etwas schiefgehen. Was ist also hier mit der Gewährleistung, die zwei Jahre lang gilt? Ob sie greift, "kommt immer auf das individuelle Szenario an", heißt es auf Nachfrage, man sei "sehr kulant" und es komme "seltenst" zu Problemen.

Die einzelnen Module sind so ummantelt, dass durch die Eigenreparatur selbst keine Schäden entstehen können. So lässt sich etwa der Bildschirm in weniger als einer Minute ganz ohne Werkzeug und mit nur wenigen Handgriffen über zwei Klammern lösen, entfernen und austauschen. Die Reparaturexperten von iFixit vergaben für das Fairphone 2 eine 10-von-10-Bewertung in puncto Reparierbarkeit. Die Erfolgsquote bei Eigenreparaturen liegt beim Fairphone 2 bei 95 Prozent. Wer sich trotz Tutorials die Reparatur nicht zutraut, kann das Gerät auch einschicken.

Fairphone konnte in der letzten Investitionsrunde insgesamt 7 Millionen Euro einwerben, zusätzlich erhielt das Unternehmen 13 Millionen Euro Kredite von Gläubigern wie dem Konsortium von ABN Amro und dem Dutch Good Growth Fund. Damit ist es für weitere Entwicklungsrunden gut gerüstet. Ohne Investoren hingegen kommen bisher die Entwickler des Shiftphones aus.

Shiftphone als Alternative

Das Shiftphone gilt inzwischen als Alternative zum Fairphone - insbesondere bei Nutzern, die kein gebrauchtes Fairphone haben wollen oder von der Ersatzteilpolitik der Niederländer enttäuscht sind. Das 2014 mithilfe eines Crowdfundings gegründete Unternehmen Shift aus Hessen fertigt in China modulare Smartphones. Der Fokus liegt auf Reparierbarkeit, wobei das Unternehmen nicht nur auf gute Arbeitsbedingungen, sondern auch auf die Beschaffungs-, Produktions-, Aufarbeitungs- und Entsorgungsprozesse achtet.

Kürzlich wurde das Startup mit dem Bundespreis Ecodesign und dem Hessischen Gründerpreis ausgezeichnet. Beim Next Economy Award landete es unter den drei Finalisten in der Kategorie "Resources". Die Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch hielt 2018 in einem Vergleich mit dem Fairphone allerdings fest, dass Shift anders als Fairphone keine Zulieferer, Produktionsstätten und Audit-Berichte veröffentlicht. Auch fehlten Informationen über faire Einkaufspraktiken.

In den ersten Jahren verwendete das Unternehmen noch das Adjektiv "fair", um seinen Anspruch zu beschreiben. Weil jedoch mit dem Begriff ein ganzes Set an Transparenzanforderungen verbunden ist und das Handy überdies noch nicht rundum "fair" hergestellt ist, betont das Unternehmen in seinem im Mai 2019 veröffentlichten Wirkungsbericht, "wertschätzend" zu handeln.

Branchenübliche Fertigung, aber mit hohem Anspruch

Insgesamt handelt Shift in vielen Bereichen nach Einschätzung von Germanwatch "branchenüblich", doch die Gründer betonen, ständig an verschiedenen Stellschrauben zu arbeiten, um Beschaffung und Fertigung nachhaltiger zu gestalten.

Im Gespräch mit Golem.de erklärt Mitgründer Samuel Waldeck denn auch, dass die Goldbeschaffung bei den vornehmlich chinesischen Lieferanten noch nicht habe verbessert werden können, weil in China der Goldeinkauf zentral erfolge. Doch Waldeck ist an dem Thema dran und sagt: "Wir haben Kontakt mit der zentralen Beschaffungsstelle aufgenommen, damit das Gold, das wir erworben haben, möglichst aus Recyclingquellen stammt." Bislang sei das allerdings noch nicht der Fall.

Waldeck betont, dass es nicht leicht sei, als kleines Unternehmen mit einer relativ geringen Mengennachfrage etwas an der Einkaufspolitik großer Hersteller zu ändern. Shift versorgt aber immerhin seine Lieferanten mit Informationen zu nachhaltigen Rohstoffquellen. Gleichzeitig betreibt das Unternehmen ein Reverse Engineering für die eigenen Geräte, um dann den eigenen Verbrauchsanteil aus fairen Quellen einzukaufen.

Mit dem chinesischen Lieferanten der Hauptplatinen läuft die Zusammenarbeit inzwischen so gut, dass die Zinnbeschaffung bereits verbessert werden konnte. So bezieht Shift das Zinn im Moment von einem japanischen Hersteller, der ohne Blei auskommt, aber eine ähnlich hohe Qualität liefert wie mit dem traditionellen Bleianteil. Das ist nicht trivial, da in der chinesischen Fertigung anders als in Europa die Verwendung von Blei weiterhin erlaubt ist.

Graduelle Verbesserungen gab es auch beim Kabelhersteller: Während dieser früher bei Wackelproblemen komplett neue Kabel verschickte, nimmt er nun die alten Kabel zurück, um neue Stecker zu montieren. Waldeck sieht es als Erfolg, dass das Unternehmen dies inzwischen auch mit anderen Kunden so handhabt.

Preise zwischen 444 und 555 Euro

Vier Produktserien kamen seit 2014 auf den Markt. Die Preise liegen zwischen 444 Euro für das Shift5me und 555 Euro für das Shift6m. "Wir bewegen uns mit dem Shift6m und Shift5me im Highend-Bereich", sagt Samuel Waldeck. Aktuell garantiert Shift für die Geräte fünf Jahre Unterstützung. Waldeck sagt: "Unser Ziel sind zehn Jahre und mehr."

13 Module können beim Shift6m und Shift5me bereits ausgetauscht werden. Alle Shiftphones verfügen über zwei SIM-Kartensteckplätze und eine Speichererweiterung per SD-Karte. Auf jedes Gerät zahlt der Kunde 22 Euro Pfand, das er mit der Rückgabe des Geräts zurückerhält. Damit will Shift sicherstellen, dass so viele Geräte wie möglich einer Wiedernutzung zugeführt werden.

Oftmals sind auch Betriebssystem-Updates ein Grund dafür, dass Geräte als veraltet empfunden werden. Auf Shiftphones läuft ShiftOS, ein angepasstes Android-Betriebssystem, das gegebenenfalls auch ohne Google-Dienste auskommt. Mit seinem eigenen Entwicklerteam will Shift Sicherheitsupdates und Upgrades so lange wie möglich anbieten.

Vom Handy zum Universal Computing

"Wir wollen nicht nur verschiedene Gerätetypen haben, sondern eine technische Komponente, die wir mit verschiedenen Bildschirmen verbinden können", erzählt Samuel Waldeck. Denn damit könne man die Menge des Elektroschrotts um 80 Prozent senken.

Entsprechend soll sich das Ende 2019 kommende Shiftmu als Smartphone mit größeren Displays und Tastaturen verbinden können. "Ich kann mich mit dem Shiftmu im Büro beispielsweise mit einem großen 4K-Monitor verbinden und arbeiten. Zu Hause koppele ich es mit einem kleineren Monitor und ersetze damit Tablet oder Laptop. Wir nennen das Prinzip Universal Computing."

2018 kam Shift auf einen Umsatz von circa 3,5 Millionen Euro. Seit Gründung hat das Unternehmen 35.000 Geräte verkauft. Aktuell arbeiten 21 Mitarbeiter in Deutschland in Entwicklung, Design sowie Reparatur und Vertrieb. Im chinesischen Hangzhou ist die Manufaktur mit weiteren zehn Mitarbeitern angesiedelt, um Transportkosten für die Bauteile einzusparen und unnötigen Verpackungsmüll zu reduzieren.

Die Adresse der Manufaktur gibt Waldeck auf Anraten des chinesischen Produktionsleiters nicht preis, was der Verein Fairlötet kritisiert. Doch die Arbeitsbedingungen sollen jetzt zum zweiten Mal vom Taos Network überprüft werden. Die Zusammenfassung des ersten Audits von Taos vom Juni 2016, das nicht veröffentlicht wurde und dessen Existenz von Kritikern in Frage gestellt wurde, liegt Golem.de vor. Damals ließ Shift die Geräte noch in Kooperation von einem externen Fertiger montieren. Aufgrund der von Taos geäußerten Kritik an den Fertigungsbedingungen beschloss Shift damals, eine eigene Manufaktur aufzubauen.

Angemessene Löhne

Das Lohnniveau liegt aktuell inzwischen bereits bei mindestens 6.030 Renminbi (rund 770 Euro) bei einer flexiblen 40-Stunden-Woche. Das entspricht dem dreifachen Mindestlohn der Gegend. Dabei ist Hangzhou keineswegs eine Billiglohnregion: Das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt liegt dort mit umgerechnet über 22.000 Euro bereits auf dem Niveau Spaniens. Bei Shift verdienen Mitarbeiter der höchsten Stufe nur etwas mehr als Doppelte wie die Kollegen auf Stufe 1. Der Spitzenverdienst liegt bei 3.600 Euro, wobei die beiden Geschäftsführer kein Gehalt der höchsten Stufe erhalten.

Unternehmensgewinne, die nicht für Reinvestitionen nötig sind, sollen künftig in eine Stiftung fließen, die sich noch in Gründung befindet. Ihr sollen Markennamen, Erfindungen und Immobilien gehören, "damit sich niemand persönlich bereichern kann", erklärt Waldeck. Mit dem Geld sollen Projekte unterstützt werden, die soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit fördern.

Die faire Maus

Äußerst konsequent in Sachen Soziales und Nachhaltigkeit geht der kleine Verein Nager IT aus dem bayerischen Bichl vor: Bei seiner Computermaus geht es nicht mehr um die Technik, da eine Maus im Grunde keine technischen Geheimnisse mehr birgt. Die Herausforderung besteht vielmehr in der fairen und sozialen Materialbeschaffung und Produktion.

Die Maus besteht aus überschaubaren 20 Bauteilen, einem Gehäuse aus Bioplastik und einem Scrollrad aus regionalem Holz. Der Lötdraht ist recycelt und stammt vom Verein Fairlötet. Das Gerät funktioniert wie jede andere Computermaus und kostet mit 30 Euro etwas mehr als die meisten Konkurrenten. Nager-IT-Vorstand Susanne Jordan sagt, die Mäuse seien mittlerweile etwa zu 70 Prozent "fair". Für manche Rohstoffe oder Bauteile wie den Sensor gebe es noch keine bessere Alternative.

Susanne Jordan betont, dass man sich "auf die Arbeitsbedingungen aller an der Produktion beteiligten Menschen konzentrieren will". Der Hauptfokus liegt beim Hersteller der Geräte, Retex in Regensburg. Retex ist ein Integrationsunternehmen, das Arbeitsplätze für psychisch kranke und behinderte Menschen schafft. Insgesamt wurden dort bislang rund faire 35.000 Computermäuse gefertigt.

Der Verein versucht zunehmend, alle vorgelagerten Lieferanten zu berücksichtigen und berichtet auf seiner Facebook-Seite über die laufenden Fortschritte. "Wichtig hierbei ist uns die Transparenz, da nach unserer Vorstellung die Öffentlichkeit die Arbeitsbedingungen überprüfen können muss", sagt Jordan.

Der Verein veröffentlicht deshalb die Lieferkette mit nachvollziehbaren Namen und Fabrikstandorten sowie einer Bewertung der Arbeitsbedingungen in den Fabriken. Er kooperiert unter anderem für die Produktion mit der Hochschule Hannover und dem Verein Fairlötet bei der Entwicklung eines ökofairen Gehäuses.

"Unsere Überschüsse, so es welche gibt, investieren wir in die Weiterentwicklung der Fairness der Maus, etwa durch ein Gehäuse aus fairem Zuckerrohr oder ein faires Kabel, sowie in unsere Öffentlichkeitsarbeit an Schulen, Universitäten oder Konferenzen", erklärt Susanne Jordan.

Der Verein will künftig auch einen Teil seiner Gewinne in Projekte oder Unternehmungen investieren, "die jene negativen Folgen unserer Produktion, die wir momentan noch nicht vermeiden können, zumindest teilweise kompensieren. Das betrifft vor allem den Rohstoffbereich", sagt Jordan. Das sei eine vorübergehende Lösung, "bis wir die Maus komplett fair gestaltet haben".

Beschaffung bei der öffentlichen Hand als Challenge

Der Verein bewirbt sich vor allem auf Ausschreibungen der öffentlichen Hand, also Behörden, die Computermäuse anschaffen wollen. Soziale und ökologische Standards gehören schon länger zu den Beschaffungskriterien in der öffentlichen Verwaltung.

In Berlin etwa ist die Nager-Maus bereits seit vier Jahren beim IT-Dienstleistungszentrum gelistet, bei dem alle Berliner Verwaltungseinrichtungen ihre Ausstattung bestellen müssen. Bisher hat aber kaum eine Behörde das Produkt geordert, wie grüne Abgeordnete in einer Anfrage an die Senatsverwaltung für Wirtschaft herausfanden: Nur 0,4 Prozent der seit 2016 bestellten Mäuse stammen von Nager IT.

Grund ist wohl der höhere Beschaffungswert, obgleich mit der Aufnahme in den Beschaffungskatalog die größte Hürde schon genommen ist. Es fehlt wohl nur noch eine Dienstanweisung an die beschaffenden Stellen, um sie zur nachhaltigen Beschaffung zu verpflichten. Die Senatsverwaltung für Wirtschaft habe sich bereits entsprechend festgelegt, berichtete kürzlich die Taz.

Stellschrauben der grünen Challenge

Wie das Beispiel der Nager-Maus zeigt, könnten große Einkäufer wie die öffentliche Hand den IT-Markt mit ihrer Nachfragemacht in eine nachhaltigere Richtung bewegen. Dafür ist jedoch etwas Umdenken bei den Beschaffern nötig.

Ähnlich könnten die Beschaffungsprozesse für komplexere Geräte wie Smartphones und künftig vielleicht auch für Notebooks, Arbeitsplatzsysteme und Server verbessert werden. Die Smartphone-Startups beweisen überdies, dass modulare Systeme die Lebensdauer erhöhen können, falls sie auf Reparierbarkeit ausgelegt sind und die Hersteller genügend Ersatzteile vorhalten. Indem sie zeigen, dass sich an den Beschaffungs- und Fertigungsbedingungen bei entsprechendem Willen und mit etwas Geduld etwas verbessern lässt, führen sie überdies die großen Hersteller vor.

Die ökologischste Alternative ist jedoch fraglos, die Lebenszeit der Geräte möglichst zu verlängern beziehungsweise Gebrauchtgeräte zu nutzen, wie die UMSICHT-Studie zeigt. Das liegt letztlich in der Hand der Nutzer, die sich die Frage stellen müssen, worin die wahre Herausforderung besteht: Immer das neueste, coolste Teil haben zu müssen - oder in Zeiten von Klimakrise und Artensterben ganz andere Kriterien an Nutzung und Kauf anzulegen.

 (csh)


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