Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/rocketlab-kleine-rakete-wird-wiederverwendbar-und-trotzdem-teurer-1908-143076.html    Veröffentlicht: 08.08.2019 12:40    Kurz-URL: https://glm.io/143076

Rocketlab

Kleine Rakete wird wiederverwendbar und trotzdem teurer

Der Markt der Kleinsatelliten scheint verrückt geworden zu sein. Die einen senken die Preise, die anderen erhöhen sie und alle erwarten gute Geschäfte. Aber Preise entstehen aus Angebot und Nachfrage, nicht nur aus den Kosten.

Es gibt keine Pläne, die Electron zu einer wiederverwendbaren Rakete weiterzuentwickeln. Für eine so kleine Rakete sei ein Verfahren wie bei der Falcon 9 zu aufwendig und die Verluste zu groß - so zumindest ließ Peter Beck lange Zeit verlauten. Aber nach den ersten sieben Flügen der Rakete und zwei größeren Messkampagnen während der letzten beiden Flüge glaubt das Unternehmen, doch einen Weg entwickeln zu können.

Als wichtigsten Grund für die Wiederverwendung gab Peter Beck, Gründer von Rocketlab, aber nicht die Kostensenkung an. Vielmehr soll so langfristig die immer noch zu niedrige Produktionsrate der Rakete ausgeglichen werden. Geplant war in diesem Jahr ein Start pro Monat, derzeit fliegt die Electron aber nur alle zwei Monate. Beck betonte, wie schwer die Produktion sei. Aber, wenn jede Raketenstufe nur einmal wiederverwendet werde, entspräche das einer effektiven Verdoppelung der Startrate, ohne die Produktionskapazität erhöhen zu müssen. Das Unternehmen hat in Neuseeland für die nächsten 30 Jahre die Erlaubnis für Starts alle drei Tage.

<#youtube id="joONWIGtcdY"> Die Wiederverwendung soll dabei anders ablaufen als bei der Falcon 9 von SpaceX. Die erste Stufe der Electron kann nicht im Flug mit Mach 8,5 die Raketentriebwerke zünden und abbremsen. Dafür reichen die Treibstoffreserven nicht. Aber ohne das Manöver ist die Geschwindigkeit beim Wiedereintritt so hoch, dass sich die Luft um die Rakete auf rund 2.500 Grad Celsius erhitzt und dabei die nur 1,8 mm dicken Kohlefaserwände der Rakete zerstört.

Aber aus den gesammelten Daten der letzten beiden Flüge wurden aerodynamische Modelle der Rakete errechnet, um Hitzeschutz an passenden Stellen anzubringen. Außerdem sollen aerodynamische Bremsen an der Rakete angebracht werden. Dann bremst die Rakete ohne Triebwerke früher und langsamer ab, so dass weniger Hitze entsteht. Genauere Details der Pläne nannte Beck dazu nicht. In einem Interview mit Ars Technica verriet Beck allerdings, dass beim zehnten Flug der Electron deutliche Änderungen an der Rakete sichtbar sein werden. Die Firma gab die Pläne bekannt, um Spekulationen beim Start vorzubeugen.

In einer Animation wurde ein sogenannter Ballute gezeigt, eine Art Bremsschirm, der auch im Überschallbereich funktioniert und wie ein Ballon aufgeblasen wird. Anschließend soll die Raketenstufe an einem herkömmlichen Fallschirm Richtung Erde gleiten. Die leere Raketenstufe ist etwa eine Tonne schwer und soll im Flug von einem Helikopter aufgefangen werden. Laut Beck ist das der einfache Teil der Operation.

Derzeit wird der achte Flug einer Electron vorbereitet. Mit an Bord ist ein Datenrekorder namens Brutus, der Aufzeichnungen vom Wiedereintritt bis zur unvermeidlichen Zerstörung der Rakete machen soll. Anschließend wird der Rekorder im Meer geborgen.



Electron bleibt trotz hoher Preise konkurrenzfähig

Die Electron hat auf dem Markt für Kleinsatelliten von 50 bis 150 kg Masse eine gewisse Monopolstellung. In anderen Raketen sind derart kleine Satelliten grundsätzlich nur Nebennutzlast, ohne die Chance einen eigenen Orbit zu bestimmen. Die nächstgrößeren Raketen auf dem kommerziellen Markt sind die europäische Vega und die indische PSLV. Sie haben etwa die zehnfache Nutzlast.

Weltweit gibt es über 100 Firmen, die derzeit solche Kleinraketen entwickeln, aber Rocketlab ist die einzige Firma, deren Raketen tatsächlich fliegen. Vor kurzem startete die Firma iSpace erfolgreich eine Rakete. Die besteht allerdings größtenteils aus chinesischer Militärtechnik und es ist nicht klar, ob sie international angeboten wird.

Durch die Nachfrage am Markt ist die Electron bei weitem überbucht. So konnte das Unternehmen den Preis zum Start einer eigenen Rakete auf 7,5 Millionen US-Dollar anheben. Ursprünglich waren es nur 5 Millionen US-Dollar. Zumindest ein Teil der Preiserhöhung wird aber wohl dazu dienen müssen, die ungeplant niedrige Startrate auszugleichen. Im August hätte schon der achte Raketenstart dieses Jahr stattfinden sollen, es ist aber erst der vierte.

Kleine Raketen sind flexibler

Durch die Möglichkeit, eine eigene Rakete für einen Satelliten zu buchen, ist die Electron trotz des höheren Preises mit Vermittlern von Sammelflügen konkurrenzfähig, auch mit SpaceX. Spaceflight, der größte Vermittler von Mitfluggelegenheiten, verlangt 4 bis 6 Millionen US-Dollar für den Start eines 50 bis 200 kg schweren Satelliten. Spaceflight kann dabei aber keinen eigenen Orbit anbieten, während Rocketlab die Satelliten individuell präzise aussetzt.

SpaceX wird mit Startpreisen von etwa 2,25 Millionen US-Dollar in der Kategorie beide Unternehmen nochmals deutlich unterbieten. Die Firma konzentriert sich dabei aber auf größere Nutzlasten im Bereich von 300 kg und mehr. An den acht größeren Montagepunkten können mit entsprechendem Aufpreis bis 700 kg Nutzlast angebracht werden. Ein weiterer Punkt steht auch für noch größere Satelliten zur Verfügung.

Die Leistungsreserven sind beim Start mit der Falcon 9 groß. Allerdings soll immer nur eine Rakete pro Jahr einen solchen Sammelstart fliegen und das auch nur in einen 500 bis 600 km hohen sonnensynchronen Standardorbit für Erdbeobachtung und ähnliche Zwecke. Wer kurzfristig eine Startgelegenheit braucht, einen Satelliten zur Weiterentwicklung testen will, kann nicht unbedingt auf das nächste Jahr warten. Konkurrenz ist auf dem Markt also auch mit höheren Preisen möglich. Für Vermittler wie Spaceflight ist SpaceX allerdings eine direkte Konkurrenz für einen großen Teil des Angebots geworden.

Rocketlab bietet außerdem noch die neue Plattform Photon, eine weiterentwickelte Variante der Oberstufe der Electron. Sie kann gleichzeitig als Satellit funktionieren. Kunden können damit auf die eigene Entwicklung von Antrieb, Lageregelung und Energieversorgung verzichten. Außerdem spart die Weiterverwendung der Oberstufensysteme auch Masse ein, so dass mehr Gewicht für Instrumente auf dem Satelliten übrig bleibt.

Ob Rocketlab auch eine größere Rakete entwickelt, bleibt abzuwarten. Bislang streitet Peter Beck alle Spekulationen in die Richtung ab. Das tat er zuvor aber auch bei der Wiederverwendung.

 (fwp)


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