Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/frauen-in-der-technik-von-wegen-keine-vorbilder-2002-143062.html    Veröffentlicht: 10.02.2020 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/143062

Frauen in der Technik

Von wegen keine Vorbilder!

Technik, also auch Computertechnik, war schon immer ein männlich dominiertes Feld. Das heißt aber nicht, dass es in der Geschichte keine bedeutenden Programmiererinnen gab. Besonders das Militär zeigte reges Interesse an den Fähigkeiten von Frauen.

Wenn wir über Frauen in der IT schreiben, tauchen in unserem Forum einige Argumente immer wieder auf. Wir haben uns die häufigsten vorgenommen und hinterfragt: Stimmen sie?

Diesmal: Frauen in der Computertechnik - das hat keine Tradition.

TLDR: Ada Lovelace, Betty Holberton, Ida Rhodes, Thelma Estrin und so weiter und so fort.

Viele ITler kennen dieses Bild: Man sitzt im Großraumbüro und steht man auf, sieht man ein Meer von kurz rasierten Köpfen vor leuchtenden Quadraten - fast ausschließlich Männer sitzen vor den Computern. Dass dies nicht in erster Linie daran liegt, dass Frauen im analytischen Denken schlechter sind als Männer, zeigen nicht nur Studien, sondern das zeigt auch die Geschichte. Denn einige große Programmier-Persönlichkeiten der Geschichte waren Frauen - und auch aktuell gibt es einige wichtige Frauen in der IT-Branche, die zeigen, dass das Verständnis von Algorithmengestaltung kein Geschlecht begünstigt.

Dass der geringe Anteil von Frauen in der IT-Branche damit zusammenhängt, dass sie schlechter programmieren, hat etwa gerade eine Studie von den staatlichen Universitäten North Carolina und Kalifornien widerlegt. Ein Forscherteam um Josh Terell hat herausgefunden: Programmiererinnen haben eine höhere Akzeptanzrate von Pull Requests auf der Entwicklerplattform Github als Männer. Projektteilnehmer, die einen Pull Request vornehmen, schlagen Veränderungen von Code für eine Software vor, der den verantwortlichen Entwicklern für das Projekt vorgelegt wird. Pull Requests von weiblichen Entwicklerinnen wurden häufiger akzeptiert als die von Männern und das in Projekten für jede einzelne Programmiersprache, fanden die Forscher heraus.

Sie bewiesen auch, dass Frauen größere Veränderungen von Codeabschnitten als Männer vornehmen und diese mehr kommentieren. Die geringe Anzahl von Entwicklerinnen hat also offenbar nichts mit ihrer Kompetenz zu tun, sondern könnte mit dem stereotypen Bild zusammenhängen, dass Mädchen besser für soziale Berufe geeignet seien. Dieses Bild spielt auch heute noch in Erziehung und Schule eine Rolle.

Die erste Informatikerin: Ada Lovelace

Dass Frauen die Fähigkeit zum logischen Denken abgesprochen wurde, führte dazu, dass man sie in Europa bis ins 20. Jahrhundert gar nicht erst auf Universitäten zuließ und ihnen somit weiterführende Bildung im Bereich Mathematik verwehrte. Eine der ersten Frauen, die durch Zufall dieses Stereotyp in der Erziehung durchbrach, war Anne Byron, die Frau des englischen Dichters Lord Byron.

Entsetzt von den sexuellen Eskapaden und cholerischen Anfällen ihres berühmten Literatengatten, ließ sie sich nur wenige Wochen vor der Geburt ihrer Tochter Ada von ihm scheiden. Sie glaubte, die egomanischen Anfälle des Lords seien auf seine überbordende Beschäftigung mit Geisteswissenschaften zurückzuführen. Deswegen ließ sie Ada hauptsächlich Privatunterricht in Naturwissenschaften und Mathematik zukommen, eine absolut unübliche Bildung für Frauen, die jedoch bei Ada fruchtete: Im Jahr 1843 kommentierte sie die Schriften des Mathematikprofessors Charles Babbage, der die ersten Skizzen einer Analytical Engine veröffentlicht hatte.

Die Analytical Engine war das erste theoretische Modell eines Computers. Das haushohe Gerät sollte sämtliche logische Operationen berechnen können: Division, Multiplikation, Addition und Subtraktion. Als mechanische Rechenmaschine sollte die Analytical Engine mit Assemblersprache funktionieren, die auf Lochkarten vorgestanzt war. Noch bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurde Softwarecode auf Lochkarten gespeichert und ausgelesen, bevor sie von Magnetstreifenbändern und Siliziumchips abgelöst wurden.

Eine Frau mit Visionen

Lovelace entwarf einen Plan, wie die Analytical Engine mit der rekursiven Berechnung von Bernoulli-Zahlen umgehen oder wie sich die Maschine bei "if-then"-Abfragen verhalten würde. "Sie notierte detailliert, wie eine Berechnung der Analytical Engine von A bis Z aussehen würde", sagt Graham Horton von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, deren Fakultätsgebäude für Informatik deswegen nach ihrer Person benannt wurde.

Während für Babbage die Maschine bloße Rechenoperationen ausführen sollte, beschrieb Lovelace die überwältigenden Möglichkeiten der Maschine: Die gespeicherten Daten der Analytical Engine könnten stellvertretend für Objekte und Anwendungen stehen und damit Programme ausführen. "Was heute jeder Computer täglich macht, war für damalige Verhältnisse eine visionäre Vorstellung", sagte Horton, der eine ganze Website zur Forschung von Lovelace angelegt hat, im Gespräch mit Golem.de.

Entwicklerin Lovelace fabrizierte in ihren Kommentierungen auch schon den ersten Bug, weil sie zwei Variablen vertauschte. Die Analytical Engine von Babbage und Lovelace hätte nach heutigen Berechnungen ohne den Bug funktioniert, die Maschine wurde jedoch nie gebaut, weil die britische Regierung keine Notwendigkeit für einen finanziellen Zuschuss sah.

Ada Lovelace' Biografie bestärkt die Theorie, dass Erziehung und nicht die biologische Konstitution für den Erfolg einer mathematischen Karriere ausschlaggebend sein können.

Von der Analytical Engine bis zur ENIAC-Maschine: Betty Holberton macht Karriere

Ein Jahrhundert später erkannte man hingegen die Möglichkeiten großer Rechenmaschinen. Das US-Militär finanzierte mit 400.000 US-Dollar den Aufbau des ENIAC-Computers. Hier bewiesen Frauen, dass sie in Sachen aggressiver Kriegsführung mit Binärcode Männern in nichts nachstanden - die "ENIAC Girls" halfen bei der Umsetzung des geheimen Projekts mit.

Der Computer wurde im Zweiten Weltkrieg zur Berechnung ballistischer Flugkurven und Raketen genutzt. An der Umsetzung waren ab 1945 sechs Frauen beteiligt, die die Blockdiagramm-Schreibweise beherrschten und die Aufgabenstellungen von Forschern für den elektronischen Universalrechner ENIAC in lesbare Programmiersprache verwandelten. Ohne diese sechs Frauen hätte es keine Wasserstoffbombe gegeben, denn die ENIAC-Maschine in Philadelphia wurde für Berechnungen des Bombenbaus herangezogen.

Der damalige Computer war von enormer Größe und nach jedem Befehl mussten Kabel und Drehscheiben für eine neue Rechenoperation umgestöpselt werden. Unter den ENIAC Girls war Betty Holberton, die später das erste statistische Analyseverfahren der Vereinigten Staaten entwickelte, das 1950 für die allgemeine Volkszählung, den United States Census, verwendet wurde.

Ein paar Jahre danach entwarf sie mit der ebenso talentierten Entwicklerin Ida Rhodes die C-10-Assemblersprache für den Universal Automatic Calculator (UNIVAC), den ersten Computer mit externem Speicher und Magnetband.

Das Militär als Förderer von Informatikerinnen: Grace Hopper

Nicht nur für Betty Holberton war das US-Militär der Einstieg in ihre Karriere: In den Militärrängen häuften sich die Mathematikerinnen, die Technik zum Sprechen bringen konnten. Flottenadmiral Grace Hopper kam 1940 als Erste auf die Idee, Programmiersprachen in allgemeinverständlicher Sprache ohne Binärzahlen zu verfassen. Auf die mit 40 Ehrendoktorwürden ausgezeichnete Wissenschaftlerin sind die Konstruktionen von Compiler und Interpreter zurückzuführen, ohne die heute noch in Assemblersprache programmiert werden müsste.

Außerdem entwickelte Hopper das Fundament einer der ersten Programmiersprachen namens COBOL (heute umgangssprachlich ''Grandma Cobol''). Hopper gilt als würdige Nachfolgerin von Lovelace, da sie als eine der ersten "Debuggerinnen" die Verwendung der Bezeichnung Bug maßgeblich verbreitete: Sie fand nämlich eine tote Motte, die einen Totalausfall eines elektromechanischen Relais' in einem Computer verursacht hatte - und klebte sie mit dem Hinweis "Bug" (auf Deutsch: Motte) in ihr Tagebuch.

Trotz dieser illustren weiblichen Vorbilder wurde das Interesse von Frauen an der Programmierung wieder gebremst - und zwar maßgeblich von der Spielzeugindustrie. Denn: Noch in den 1970er Jahren waren in den USA 37 Prozent aller eingeschriebenen Studierenden des Studiengangs Computer Science Frauen. Das änderte sich, als Apples erster Personal Computer auf den Markt kam und für die Vermarktung von Computerspielen die Eltern von Jungen als kaufkräftige Zielgruppe auserkoren wurden.

... und dann entdeckte die Games-Industrie die Jungs als Zielgruppe

Je eindeutiger eine Kundengruppe, desto zielgerechter lassen sich Verkaufsstrategien entwerfen. Und von der US-Tech-Industrie sei der Besitz von Computern in Medien und TV-Werbung als "Must-have" für Jungen und männliche Teenager in den folgenden Jahrzehnten propagiert worden, so das unabhängige Daten- und Nachrichtenportal NPR.

Parallel dazu wurde das Fach Informatik an US-amerikanischen Universitäten immer beliebter, so dass die meisten Hochschulen aufgrund des großen Andrangs Notenbeschränkungen und Vortests für das Fach einführten, wie die Autorin des Buchs Brotopia, Emily Chang, schreibt. Dadurch dass mehrheitlich Jungen mit technischem Spielzeug in Berührung kamen, lag ihr technisches Selbstverständnis dementsprechend über dem von Mädchen.

In den universitären Vortests schnitten die Mädchen nun schlechter ab. Ihr Anteil am Studiengang Informatik und später in der IT-Berufen, reduzierte sich in der Folgezeit dramatisch.



Gegen alle Stereotype: die Frauen der Estrin-Familie

Um dem Stereotyp des männlichen Technik-Nerds zu entkommen, hilft nur ein starkes Gegenbild: Zum Beispiel das einer Übermama als Informatikerin wie in der New Yorker Familie Estrin. Mutter Thelma Estrin baute in den 1950er Jahren für die israelische Regierung den ersten automatischen WEIZAC-Computer. Das Gerät war Vorgänger des GOLEM-Computers, der noch in den 1960er Jahren mit der Rechengeschwindigkeit eines IBM-Computers konkurrierte.

Zurück in den USA entwickelte Elektroingenieurin Estrin die erste messbare Übertragung von analogen zu digitalen Gehirnstromwellen. Dank Estrin wissen wir, wie das Gehirn im EEG-Hirnscan aussieht. Ihre Passion für IT-Projekte im Gesundheitsbereich gab sie an ihre Tochter weiter: Deborah Estrin arbeitet heute als Informatikprofessorin. Die Studien, die unter ihrem Namen durchgeführt wurden, werden in 118.000 Aufsätzen zitiert.

Sie entwickelte das Projekt Open mHealth, eine Open-Source-Anwendung, die es Entwicklern von Gesundheits-Apps erlaubt, ihre Daten einfacher abzuspeichern und zu visualisieren. Auch Deborahs Schwester konnte sich dem Einfluss ihrer Mutter nicht entziehen: Judith Estrin wirkte in den 1970er Jahren an der Programmierung und Etablierung des TCP-Internetübertragungsprotokolls mit. Danach gründete sie erfolgreich acht Tech-Unternehmen und arbeitet derzeit als Chefin eines Tech-Inkubators.

Drei Professorinnen in Deutschlands Rat der Cyberweisen

Nicht nur Projekte des israelischen und US-amerikanischen Militärs basieren auf Kenntnissen weiblicher Technikgeeks. In Deutschland wurde in diesem Jahr der Rat der Cyberweisen von der Bundesregierung gegründet.

Als "Armee der Guten" soll er Hinweise für die besten Verteidigungsmaßnahmen Deutschlands gegen Cyber-Attacken entwickeln. Die Aufgabe des Rates ist es, einen jährlichen Bericht zur IT-Sicherheit des Standorts Deutschlands zu veröffentlichen und aktuelle Fragen der Cyber Security zu diskutieren. Drei Frauen sind in dem sechsköpfigen Gremium vertreten: die Informatikprofessorinnen Claudia Eckert, Angela Sasse und Delphine Reinhardt.



Auch die Verteidigungsstrategien haben sich geändert. Ging es früher um die Verbesserung von Rechnerkapazitäten, geht es heute darum, menschliche Verhaltensweisen zu dechiffrieren, um sich besser gegen Angreifer zu schützen. Die beiden letztgenannten Hochschullehrerinnen konzentrieren sich beispielsweise auf die Erforschung der Interaktion von Menschen in der Anwendung mit Technik. Die Professorin für Human-Centered Security, Angela Sasse, weist dem Nutzer eine zentrale und nicht zu unterschätzende Rolle bei der erfolgreichen Implementation von Sicherheitsmaßnahmen zu.

In der Forschung zu Usable Security, der nutzerzentrierten Sicherheit, gibt es etwa die These, dass komplexere Sicherheitsbarrieren nicht unbedingt zum besseren Schutz eines Unternehmens führen. Wenn staatliche Behörden beispielsweise schwierige Passwörter für Mitarbeiter vorgeben, die dazu häufig geändert werden, würden Mitarbeiter Sicherheitsmaßnahmen einfach umgehen, um Informationen weiterzuleiten, etwa mit unverschlüsselten E-Mails, die dann anfälliger für einen Hack sind. Die vorgeblich stärkere Sicherheitsarchitektur erweist sich dann als Schwäche, ein Zustand, bei dem auch Hochgeschwindigkeitsrechner keine Abhilfe schaffen können.

Die Technikumgebung stellt auch Delphine Reinhardt, Professorin für Computersicherheit und Privatheit an der Universität Göttingen, in den Fokus ihrer Arbeit. "Das Ziel meiner Forschung ist, Nutzern die Kontrolle über ihre personenbezogenen Daten zurückzugeben und damit ihre Privatheit zu schützen", sagte Reinhardt Golem.de. "Neben der Bewältigung technischer Herausforderungen berücksichtige ich dabei insbesondere den menschlichen Faktor." Nur wer versteht, wohin seine Daten gehen, könne eine informierte Einwilligung oder Ablehnung geben. "Und damit wird Technik überhaupt erst akzeptiert."



Zu moderner Verteidigung gehört also nicht mehr nur die Abwehr nach außen, sondern auch die notwendige Bildung. Und dabei, wie auch in anderen Bereichen der IT, spielen einige wenige Frauen eine sehr wichtige Rolle - heute wie vor 200 Jahren. Es gibt sie, aber es könnten mehr sein.  (lux)


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