Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/hyundai-kona-elektro-der-ausdauerlaeufer-1908-143059.html    Veröffentlicht: 14.08.2019 09:02    Kurz-URL: https://glm.io/143059

Hyundai Kona Elektro

Der Ausdauerläufer

Der Hyundai Kona Elektro begeistert mit Energieeffizienz, Genauigkeit bei der Reichweitenberechnung und umfangreicher technischer Ausstattung. Nur in Sachen Emotionalität und Temperament könnte er etwas nachlegen.

Auf dem letzten Teilstück von der Ionity-Ladesäule in Salzbergen bis zu meiner Haustür in Hamburg habe ich einen Puffer von 50 Kilometern. Die Reichweitenanzeige im Display hinter dem Lenkrad im Hyundai Kona Elektro zeigt 50 km mehr an, als das Navi für die Strecke errechnet. Das könnte knapp werden. Aus meiner Testerfahrung weiß ich, dass der Energieverbrauch auf Autobahnen schwankt und mit ihm die Reichweitenanzeige.

Es ist ein lauer Sommerabend und viele sind auf dem Rückweg aus den Sommerferien. Ich bin es auch. Es geht zurück aus dem Süden der Niederlande in die norddeutsche Tiefebene. Auf dem Hinweg habe ich für die 540 km exakt 5,5 Stunden Fahrzeit benötigt. Ich fahre die Strecke oft mit herkömmlichen Autos. Damit ist man nicht schneller. Es kommen nur die 65 Minuten für die Ladepause hinzu. Eine Ladepause! Mit anderen Elektroautos musste ich auf der Strecke drei Mal an die Steckdose.

An der Ionity-Säule habe ich nur 53 Minuten gestanden. Nun liegen noch 270 km vor mir. Ich stelle den Tempomaten auf maximal 130 km/h im Fahrmodus Komfort. Mit geringstmöglichem Abstand folgt der Kona dem vorausfahrenden Fahrzeug. Der Abstandstempomat bremst stets rechtzeitig und der Spurhalteassistent ermahnt mich regelmäßig, die Hände ans Lenkrad zu legen, dabei liegen sie dort. Eine sanfte Lenkbewegung lässt ihn verstummen. Ein Toter-Winkel-Warner unterstützt mich beim Überholen. Entspannter Auto zu fahren, ist kaum möglich.

Ausgestattet wie in der Oberklasse

Auf dem ausfahrbaren Head-up-Display sehe ich das nächste Autobahnkreuz, an dem ich auf die A1 wechseln muss. Die Kamera in der Frontscheibe erkennt das Tempolimit und es schwebt zusammen mit meinem aktuellen Tempo optisch über der Motorhaube. Die Angaben auf dem Display sind bei sämtlichen Lichtverhältnissen gut zu lesen. Man kann in der Y-Achse die Position der Angaben anpassen, doch für einen knapp 1,90 Meter großen Menschen ist es knapp. Ich muss mich etwas in den Sitz fallen lassen, um alles sehen zu können.

Tiefer mag ich den Sitz nicht stellen. Nur die Lordosenstütze pumpe ich auf, damit meine unteren Rückenwirbel auf der langen Fahrt guten Halt haben. An warmen Tagen strömt auf Wunsch kühle Luft durch die Ledersitze. Im Winter heizt man die Vordersitze und das Lenkrad auf. Mein Smartphone lädt induktiv (QI-Standard) in der Ablage. Was sich wie die Zubehörliste eines Oberklasse-Fahrzeugs liest, steckt serienmäßig in dem B-Segment SUV. So heißt die Premium-Variante des Kona. Sie kostet 45.600 Euro. Für das Geld bekäme man einen halben Jaguar I-Pace HSE. Bei Hyundai geht es sogar noch günstiger, mit weniger Ausstattung und kleinerem Motor liegt der Preis bei 34.600 Euro.

Extrem sparsam im Verbrauch

In meiner Premium-Variante arbeitet ein 150 kW starker Permanentmagnet-Synchronmotor an der Frontachse. Er liefert 395 Newtonmeter (Nm) Drehmoment. Von 0 auf 100 km/h vergehen 7,6 Sekunden. Es ist eben kein Sportwagen. Dagegen spricht schon der Luftwiderstand mit einem cW-Wert von 0,29. Aber viel wichtiger ist das Überholen: In 4,8 Sekunden sprintet er von 80 auf 120 km/h. Da ist der Lkw auf der Landstraße plötzlich kein Hindernis mehr.

Der 64 Kilowattstunden (kWh) fassende Akku soll mich laut Hersteller 449 Kilometer weit bringen. Nachdem ich den Kona über Nacht vollgeladen habe, zeigt das Display allerdings nur 433 Kilometer an. Meine erste Fahrt führt mich über Autobahn und Landstraße von Hamburg in die niedersächsische Provinz. Laut Google habe ich 180 km vor mir. Am Ziel ist meine Reichweitenanzeige um 181 km gefallen. Das ist extrem präzise und mein Durchschnittverbrauch wird mit 14,6 kWh auf 100 Kilometer angegeben. Das liegt unter den Herstellerangaben von 15,4 kWh. Dabei habe ich die sparsamen Eco+- und Eco-Modi nie aktiviert. Ich wechsle zwischen Sport und Komfort. Somit ist der Kona für einen 1.700 kg schweren SUV extrem genügsam. Laut ADAC liegt der Verbrauchsdurchschnitt von einem Dutzend verfügbarer E-Autos bei 20,5 kWh pro 100 km.

Ich würde mit dem Kona ohne nachzuladen wieder zurück nach Hause kommen. Aber die Neugier treibt mich in Hamburg-Marmstorf von der Autobahn. Auf dem Parkplatz eines Gartencenters steht eine 350-kW-Ladesäule des Anbieters Allego. Ich lerne: Die 350 kW beziehen sich auf den Chademo-Anschluss. Am CCS-Stecker verrät ein Aufkleber: max. 80 kW. Der fast leere Kona nimmt nur 62 kW.

Aber bis Strom fließt, vergeht eine Viertelstunde. Ich würde mich als geübten Elektromobilisten bezeichnen. Doch trotz drei Ladekarten, einem RFID-Schlüsselanhänger und einem Dutzend Smartphone-Apps kann ich die Säule zunächst nicht aktivieren. Erst der Scan des QR-Codes an der Säule mit einer App, deren dazugehörige Ladekarte abgelehnt wurde, startet den Ladevorgang. In diesen Momenten möchte man Tesla-Fahrern zurufen: "Genießt die Einfachheit der Supercharger."

Während Tesla die Schlagzeilen beherrscht, fährt der südkoreanische Hersteller eher im Aufmerksamkeits-Windschatten.

Auch Brennstoffzelle im Programm

Dabei ist Hyundai einer der wenigen Hersteller mit einem Brennstoffzellen-Fahrzeug, dem Nexo, im Programm. Mit dem Ioniq bietet Hyundai ein weiteres Elektroauto.

Die Schwestermarke Kia hat die elektrischen Modelle Soul EV und E-Niro im Programm. Der E-Niro und der Kona sind sich optisch extrem ähnlich. Der Kona wird auch mit Verbrennungsmotor und als Hybrid angeboten.

Hyundai verzeichnete hierzulande in den ersten sieben Monaten des Jahres 73.000 Neuzulassungen. Mit einem Pkw-Marktanteil von 3,4 Prozent bezeichnet sich Hyundai als erfolgreichster asiatischer Anbieter in Deutschland. Laut Kraftfahrtbundesamt wurden 2018 bis Ende Juli 2019 insgesamt 2.533 Kona Elektro zugelassen. Zum Vergleich: In dem Zeitraum wurden 721 Jaguar I-Pace und 5.806 Tesla Model 3 angemeldet.

Wenig Emotionalität

Hyundai liegt mittendrin. Das gilt auch für das Design. Alles ist praktisch und nutzerorientiert. Für Emotionalität ist wenig Platz. Das Glasdreieck am Frontscheinwerfer ist schon fast avantgardistisch. Auffallend an meinem Testwagen ist nur die Farbe. Hyundai nennt sie Acid Yellow, ich sage Lindgrün. Der Vorteil: Man findet den Wagen schnell auf Parkplätzen wieder.

Eine App zur Ortung gibt es nicht. Das ist auch das Einzige, was ich wirklich vermisse. Beim Laden möchte man zu Hause oder im Café sehen, wann der Akku voll ist. Im Winter möchte man aus der Ferne vorheizen und im Sommer kühlen. Die App-Anbindung, die bei Hyundai Bluelink heißt, kommt erst mit dem Modelljahr 2020. Was das an weiteren Neuheiten mit sich bringt, will der Hersteller erst zur IAA im Herbst verraten. Ab der Automesse soll der Kona auch wieder bestellbar sein, derzeit sucht man diese Möglichkeit auf der Hyundai-Webseite vergeblich.

Stauraum ist im Inneren reichlich vorhanden. So gibt es unter der Mittelkonsole mit den zwei Getränkehaltern eine Ablagefläche mit zwei Stromanschlüssen. Sitzen auf der Rückbank Erwachsene, wird es allerdings mit deren Bein- und Kopffreiheit schnell eng. Auch der Kofferraum fällt mit 332 Litern klein aus - sogar etwas kleiner als in der Verbrenner-Variante. Die Rücksitze kann man nicht ganz flach umlegen. Doch so entsteht Laderaum mit 1 Meter Breite, 70 cm in der Höhe und 1,40 Meter in der Tiefe.

Perfektes Stadtauto

Mit 4,18 Metern Länge ist der Kona ein perfektes Stadtauto (hier 13 kWh Verbrauch). Fährt man Schritttempo, macht der Kona das künstliche Geräusch eines Raumschiffs. Der Hersteller nennt es VESS, was seit Anfang Juli 2019 als AVAS Pflicht in Elektroautos ist. In meinem Testwagen konnte man den künstlichen Ton abstellen.

Parksensoren und eine Rückfahrkamera helfen bei engen Parklücken. Am Fahrkomfort auf den 17-Zoll-Reifen gibt es nichts auszusetzen. Die Federung kann man als straff bezeichnen. Dafür liegt der Kona auf der Autobahn gut in der Spur. Die Dämmung ist ausreichend, Windgeräusche sind moderat, nichts klappert.

Maximal 71 kW Ladeleistung

Während Verbrauch und Reichweitenanzeige beeindrucken, folgt beim Laden ein wenig Ernüchterung. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Laut Broschüre lädt der Kona an Wechselstromanschlüssen mit bis zu 11 kW und an Schnellladern mit bis zu 100 kW. Doch im Test kam ich mit dem Typ-2-Kabel am AC-Anschluss nicht über 3,4 kW. Die Gleichstrom-Ladesäule von Ionity kommt nicht über 71 kW. Hier habe ich eine Säule erwischt, deren Stromstärke auf 200 Ampere limitiert ist. Multipliziert mit der Batteriespannung von 356 Volt ergibt das eine Ladeleistung von rund 71 Kilowatt.

Hinzu kommen Faktoren wie Ladezustand und Temperatur der Zellen. In 53 Minuten lade ich laut Anzeige 48 kWh. Doch ich bin mir nach wie vor nicht sicher, ob der schmale Puffer ausreicht, um mein Ziel zu erreichen.

Gute Energierückgewinnung

Bei der Reichweite kann ich durch Rekuperation noch ein paar Kilometer herausholen. Beim Fahren mit Tempomat kümmert sich die Software um die Energierückgewinnung. Fahre ich, wähle ich über Wippen am Lenkrad eine der drei Rekuperationsstufen. Während man auf der Autobahn bei hohem Tempo ohne Widerstand rollen möchte, bietet sich im Stop-and-go-Verkehr die höchste Rekuperationsstufe an. Hält man die linke Wippe fest, bremst der Wagen bis zum Stillstand. So ist One-Pedal-Fahren möglich.

Die Software arbeitet auf meiner letzten Autobahnfahrt so perfekt, dass ich den Wagen mit 58 km Restreichweite am Ziel abstelle. Acht Kilometer mehr als vorhergesagt. Der Hyundai Kona Elektro hinterlässt bei mir also einen sehr guten Eindruck. Doch das abschließende Urteil kommt von meiner Schwiegermutter. Bei ihr fiel der Wagen durch: Der Schminkspiegel in der Sonnenblende ist nicht beleuchtet.

 (dku)


Verwandte Artikel:
Akkubrand: Explodierendes Elektroauto zerstört Garage   
(29.07.2019, https://glm.io/142829 )
Elektromobilität: ADAC testet zwei elektrische Pannenhilfeautos   
(28.02.2019, https://glm.io/139705 )
Elektromobilität: Kia testet drahtloses Ladesystem für Elektroautos   
(11.04.2018, https://glm.io/133776 )
I-Pace: Jaguar stellt Elektro-SUV vor   
(15.11.2016, https://glm.io/124471 )
Hyundai Nexo: Wasserdampf im Rückspiegel   
(05.06.2020, https://glm.io/148563 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/