Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/seo-der-google-algorithmus-ist-frauenfeindlich-1908-142988.html    Veröffentlicht: 06.08.2019 10:43    Kurz-URL: https://glm.io/142988

SEO

Der Google-Algorithmus benachteiligt Frauen

Websites von Frauen werden auf Google schlechter gerankt als die von Männern - und die deutsche Sprache ist schuld. Was lässt sich dagegen tun?

Ich war vor kurzem auf einer Messe für Online-Marketing, auf der sich das Who-is-Who der großen Firmen und Persönlichkeiten getummelt hat. Natürlich nutzt man so einen Anlass, um sich über die neuesten Trends zu informieren und Networking zu betreiben. Tatsächlich hatte ich Gelegenheit, mich mit zwei SEO-Spezialisten - einem Mann und einer Frau - über Suchmaschinenoptimierung zu unterhalten. Beide mussten mir leider mitteilen, dass meine Website auf Google ein schlechtes Ranking hat. Und das nur, weil ich eine Frau bin.

Das klingt jetzt ein bisschen hart - Google rankt meine Seite schlecht, weil ich eine Frau bin. Ganz so ist es dann ja auch nicht. In Deutschland ist es nun mal so, dass wir es gewohnt sind, dass die männliche Variante einer Personenbezeichnung Frauen miteinbezieht. Ständig liest man in irgendwelchen Einleitungen und Fußnoten Hinweise wie: "Zur Erleichterung der Lesbarkeit wird in diesem Dokument die männliche Anrede verwendet. Frauen sind damit gleichermaßen gemeint."

Nach diesem Prinzip googeln wir Deutschen auch. Meine Haare sind bisher immer von Frauen geschnitten worden. Wenn ich mich neu orientieren will, suche ich bei Google trotzdem nach "Friseur" und nicht nach "Friseurin". Damit meine ich nicht, dass ich per se nach einem Mann suche, der mir die Haare schneidet. So machen das viele Deutsche für viele verschiedene Anliegen: Hochzeitsfotograf, Bäcker, Handwerker, Elektriker, Zahnarzt.

Eigentlich ist es uns egal, welches Geschlecht die Person denn nun hat, bei der wir am Ende landen. Wir benutzen die männliche Form nicht, weil wir nach einem Mann suchen, sondern weil wir es gewohnt sind, dass die männliche Bezeichnung Frauen mit einbezieht.

Das Problem sind eigentlich wir Frauen

Obwohl wir uns an dieses Phänomen im deutschen Sprachgebrauch gewöhnt haben, dass eine Berufsbezeichnung Frauen und Männer gleichermaßen einbezieht, gibt es eine Ausnahme: Wenn wir Frauen von uns selbst sprechen, wird von uns erwartet, dass wir die weibliche Variante verwenden. Eine Frau sagt nicht: "Ich bin Astronaut" oder "Ich bin Kindergärtner". Sie ist Astronautin oder Kindergärtnerin.

Dafür haben Frauen ja auch lange gekämpft. Sowohl dafür, dass wir überhaupt arbeiten dürfen als auch, dass diese Tatsache in der Sprache anerkannt wird. Wenn wir Frauen dann also eine Website für unser Geschäft oder Unternehmen mit Texten bestücken, schreiben wir auch von uns selbst als Grafikdesignerin, Konditorin oder Mentaltrainerin. Blöd ist nur, dass danach keiner googelt, außer die Person sucht explizit nach einer Frau.

Gibt jemand bei Google "Texter Hamburg" ein, werden zuerst alle Websites aufgelistet, die das Wort "Texter" verwenden. Dass "Texterin" die weibliche Variante von "Texter" ist, weiß der Algorithmus von Google theoretisch, aber daraus zieht er nicht denselben Schluss wie wir als deutsche Muttersprachler, die in der deutschen Gesellschaft aufgewachsen sind.

Übrigens verhält es sich andersherum genauso: Googelt man "Texterin", wird man Seiten von einem "Texter" erst ziemlich weit unten beziehungsweise hinten finden. Leider ergibt das in dem Fall sogar Sinn, denn wer sich schon die Mühe macht, die weibliche - in der Regel längere - Berufsbezeichnung einzutippen, hat dafür einen Grund. Die weibliche Form schließt die männliche förmlich aus.

Männer fühlen sich von weiblichen Bezeichnungen nicht angesprochen

Bevor ich mich selbstständig gemacht habe, war ich technische Redakteurin und hatte einen Teampartner, der zwar männlich, aber bekennender Feminist ist. Als es darum ging, eine Neuauflage eines Handbuchs zu konzipieren, berief er ein großes Meeting ein. Er hatte sich nämlich überlegt, dass er das Muster durchbrechen wolle.

Unsere Zielgruppenanalyse hatte ergeben, dass es in der Mehrheit Frauen waren, die unsere Handbücher lesen. Für ihn war es also ganz logisch, dass wir von nun an die weibliche Anrede "Benutzerin" oder "Leserin" verwenden sollten. Für den geringen Anteil an männlichen Lesern würden wir einen Hinweistext an den Anfang setzen, in dem sie erführen, dass sie sich gleichermaßen angesprochen fühlen durften.

Der Arme musste eine bittere Enttäuschung erleben. Es wurde einstimmig beschlossen, dass dies keine gute Idee sei. Männer fühlen sich nämlich bei weiblicher Anrede nicht nur nicht angesprochen, sondern im Extremfall sogar ausgegrenzt oder angegriffen. Wir Frauen hingegen sind es einfach gewöhnt, nicht extra angesprochen zu werden. Aus der Revolution wurde also nichts.

In gewisser Hinsicht ist das Verhalten des Google-Algorithmus also nachvollziehbar. Dass jemand, der nach "Entwickler" sucht, ebenso mit einer "Entwicklerin" zufrieden wäre, aber jemand, der "Entwicklerin" eintippt, kein Interesse an einem "Entwickler" hat, ist an sich nicht logisch erklärbar. Man benötigt kulturelles, linguistisches und geschichtspolitisches Wissen, um dieses Paradoxon zu verstehen. Hinzu kommt, dass die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung dieses Hintergrundwissen eben nicht hat und sich schlicht aus Konditionierung und Gewohnheit sprachlich so verhält.

Was sagt Google dazu?

"Um dir nützliche Antworten liefern zu können, müssen wir zuerst genau verstehen, was du suchst. Daher analysieren wir in einem ersten Schritt die Bedeutung der Wörter in deiner Suchanfrage. Wir erstellen Sprachmodelle, um zu entschlüsseln, welche Wörter wir im Suchindex suchen sollen. Diese Sprachmodelle […] können aber auch komplexere Probleme lösen und zum Beispiel die Art der Suchanfrage erkennen."

Es wird behauptet, der Algorithmus könne "komplexere Probleme lösen", wenn es um die Analyse der Suche geht, jedoch beziehen sich die Beispiele lediglich auf Rechtschreibung. Welche weiteren "komplexeren Probleme" gemeint sind, wird nicht genannt. Allerdings findet sich ein Zitat dazu, dass es nützlich ist, das männliche Wort beziehungsweise den typischen Suchbegriff auf der eigenen Seite einzubauen:

"Ob Informationen relevant sind, siehst du am einfachsten daran, dass eine Webseite dieselben Stichwörter wie deine Suchanfrage enthält. Wenn diese Stichwörter auf der Seite, in den Überschriften oder im Textkörper vorkommen, ist es noch wahrscheinlicher, dass die Informationen relevant sind."

Die deutsche Sprache macht Fortschritte

Genau genommen ist es nicht die Sprache an sich, die Fortschritte macht, sondern der gesellschaftliche Umgang mit ihr. Gerade in Texten wie Stellenausschreibungen, Broschüren oder Leseransprachen in Printmagazinen wird eine Vielzahl von Variationen der Inklusivität genutzt:





Warum uns diese Fortschritte nichts bringen und was zu tun bleibt

Das Problem: Keine dieser Varianten kommt als Lösung infrage. Entweder werden sie von Google schlecht gerankt oder ergeben als Selbstbezeichnung auf einer Website schlicht keinen Sinn. In einigen Fällen trifft sogar beides zu.

Der Schrägstrich und das Gendersternchen bringen uns für das Ranking bei Google leider gar nichts. Die anderen Optionen sind auch nicht das Wahre. Wenn ich auf meiner Website Eigenbeschreibungen wie "Ich bin Informatiker und Informatikerin", "Ich bin Informatiker/in", "Ich bin Informatiker (m/w/d)" oder "Ich bin Informatiker*in" verwende, dürften mindestens diejenigen verwirrt sein, die sich mit Suchmaschinenoptimierung nicht auskennen.

Welche Möglichkeiten uns bleiben

Ein paar Lösungsansätze bleiben uns zum Glück noch:

1. Sei ein Mann
Wir könnten einfach die männlichen Bezeichnungen nutzen und in einer Fußnote auf den Hintergrund hinweise. Vorteil: Der Website-Besucher merkt, dass wir uns mit SEO auskennen. Nachteil: Sich als Mann ausgeben zu müssen, um Erfolg und Anerkennung zu erhalten, ist nicht für jede etwas.

2. Doppelt hält besser
Wer Ahnung von Webdesign hat, kann zwei identische Seiten gestalten: eine mit männlichen Bezeichnungen für die Auffindbarkeit auf Google. Eine weitere mit weiblichen Bezeichnungen, auf die die erste direkt weitergeleitet wird. Schlau umgesetzt wird diese Variante nicht als Duplicate Content bestraft.

3. Kreative Textkonzepte
Du kannst dich durchaus weiterhin als Frau darstellen und gleichzeitig männliche Begriffe auf deiner Website einbauen. Dafür musst du dir nur ein sinnvolles Konzept überlegen. Blogs und allgemein gehaltene Infotexte eignen sich dafür gut.

Was die Experten empfehlen

Angeblich gibt es eine Wunderlösung: Statt eines Schrägstrichs setzt du einen Bindestrich (etwa Informatiker-in). Google erkennt in diesem Falle zwei eigenständige Wörter (Informatiker und in). Das menschliche Auge soll den Bindestrich gar nicht wahrnehmen. Diesen Tipp gab mir ein männlicher Experte.

Betrachten wir also die Websites der beiden Frauen, die uns die Google-Suche ausgespuckt hat, dann zeigt sich Folgendes:

Die Texterin nutzt auf ihrer Seite mehrfach das Wort "Texter" anstelle von "Texterin". Außerdem ist ihre Domain sehr schlau gewählt: "www.texter-in-hamburg.de". Damit folgt sie quasi dem Tipp des männlichen SEO-Experten direkt in der Domain. Und weil die Wortkombination "Texter in Hamburg" selbst grammatikalisch korrekt ist, liest sich der Titel nicht komisch.



Hier sieht es etwas anders aus. Ein Blick im Schnelldurchlauf zeigt zwar nicht, dass sie statt "Texterin" "Texter" verwendet, aber im Screenshot ihrer Seite sieht man ganz oben, dass im Tab "Texter" steht.

Die Expertin plädiert dafür, sich keine Gedanken um das schlechte Ranking zu machen. Sie meint, wenn wir einfach stur sind, wird Google sich früher oder später anpassen. Schließlich wird der Algorithmus von Menschen entwickelt und kann verbessert werden.

Kathi Grelck ist selbständige Texterin, Übersetzerin und Lektorin aus Hamburg.  (kgr)


Verwandte Artikel:
Ethik: Googles KI-Rat ist schon wieder kurz vor dem Zerfall   
(04.04.2019, https://glm.io/140453 )
Bitkom: Nur jeder siebte Bewerber für IT-Jobs ist weiblich   
(06.03.2019, https://glm.io/139835 )
IBM Dif: Eine Million Bilder für gleichberechtigte Gesichtserkennung   
(30.01.2019, https://glm.io/139070 )
IT: Frauen, die programmieren und Bier trinken   
(26.11.2018, https://glm.io/137325 )
Studie: Wo Frauen in der IT gut verdienen   
(16.10.2018, https://glm.io/137148 )

© 1997–2021 Golem.de, https://www.golem.de/