Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/studium-kein-abitur-kein-problem-1909-142907.html    Veröffentlicht: 04.09.2019 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/142907

IT-Studium

Kein Abitur? Kein Problem!

Martin Fricke studiert Informatik, obwohl er kein Abitur hat. Das darf er, weil Universitäten Berufserfahrung für die Zulassung anerkennen. Davon profitieren Menschen wie Unternehmen gleichermaßen.

Endlich verstehen, wie die Dinge entstehen, die er täglich benutzte. Das sei seine Motivation gewesen, erzählt Martin Fricke, der an einer deutschen Hochschule Informatik studiert - obwohl er nie Abitur gemacht hat. Immer mehr Menschen studieren ohne Abitur, seit die Bedingungen dafür gelockert wurden.

"Ich war nicht mal unzufrieden mit meinem Job, sondern wollte einfach mal was Neues machen. Dass ich mich dadurch auch für andere Stellen qualifiziere, war erst mal nicht so wichtig", sagt Fricke. "Ein Kollege hat mich dann darauf aufmerksam gemacht, dass man auch ohne Abitur studieren kann." Daraufhin habe er sich entschlossen, noch einmal neu anzufangen und sich für Informatik einzuschreiben. Das hieß: kündigen, die Stadt wechseln und wieder vor einem Lehrer sitzen. Und wieder zu einem niedrigeren Lebensstandard zurückkehren.

Zurück in die WG

Fricke hat nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration gemacht und anschließend fünf Jahre in seinem Ausbildungsbetrieb gearbeitet. Mit der Umstellung von der Vollzeitstelle zum Studium änderte sich seine Lebenssituation. Weil er Ersparnisse hat, bekommt er kein Bafög, also arbeitet er neben dem Studium noch. Um Miete zu sparen, lebt er wieder in einer Wohngemeinschaft.

Andere Quereinsteiger nehmen für das Studium einen Kredit auf, wieder andere bewerben sich auf Stipendien. Wer Kinder hat, für den ist es oft noch schwieriger, nach dem berufstätigen Leben zeitweise als Student zu leben. Dennoch nehmen immer mehr Menschen ohne Abitur trotz Berufserfahrung wieder ein Studium auf. Aktuell studieren rund 60.000 Menschen ohne Abitur an einer Hochschule. Seit 2007 hat sich die Zahl der Eingeschriebenen vervierfacht.

Für diese Menschen ist dies eine Chance, sich weiterzubilden und sich zu qualifizieren. "Früher war ich es anders gewohnt, konnte in den Urlaub fahren und mir mehr Luxus leisten. Aber dafür verdiene ich nach dem Studium ja auch mehr", sagt Fricke. Ein Master könnte immerhin 10.000 Euro im Jahr mehr bringen.

Für den Arbeitsmarkt sind Menschen wie er willkommene Arbeitskräfte angesichts des Fachkräftemangels.



Die Voraussetzungen fürs Studium sind überall unterschiedlich

Rund 216.000 Menschen studierten 2017 im Fachbereich Informatik - die Zahl wächst seit Jahren. Gleichzeitig suchen die Arbeitgeber fast verzweifelt nach Fachkräften. Im Schnitt bleiben die Stellen 132 Tage vakant, wie eine Analyse der Bundesagentur für Arbeit ergab.

Der Mangel ist in den unterschiedlichen IT-Berufsbildern mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt, und eine Jobgarantie gibt es insbesondere für Administratoren nicht. Es fehlten vor allem Entwickler, schreibt die Bundesagentur. Außerdem sei fast die Hälfte der Ausschreibungen an Bewerber gerichtet, deren Abschluss mindestens einem vierjährigen Studium entspricht. Auf solche Stellen will Fricke sich nach seinem Studium bewerben.

Gleichzeitig arbeiten in der IT circa 60.000 Menschen komplett ohne Ausbildung. Schließlich kann man sich die benötigten Fähigkeiten teilweise selbst beibringen, und oft programmieren diese Menschen seit Jugendtagen.

Wer sich wie Fricke weiterqualifizieren möchte, kann sich dafür mit seiner Berufserfahrung an einer Uni einschreiben. Ziele sind erstens die Möglichkeit zur lebenslangen Weiterbildung und zweitens eine Erhöhung der Absolventenzahlen durch die Öffnung des Studiums. Die Bedingungen für die Einschreibung sind von Uni zu Uni unterschiedlich, insgesamt sind sie in den vergangenen Jahrzehnten gelockert worden.

Universitäten öffnen sich dank der EU

Bereits seit 1950 kann man an der Hamburger Akademie für Gemeinwirtschaft ohne Abitur studieren, damals gedacht für Schüler, die wegen des Krieges kein Abitur gemacht hatten."Das hat ziemlich lange vor sich hin gedümpelt", erzählt Sigrun Nickel vom Centrum für Hochschulentwicklung. Erst im Rahmen der Bologna-Prozesse zur Schaffung eines europäischen Hochschulraums in den 2000ern schufen die Mitgliedstaaten leichtere Verbindungen zwischen Hochschulen und Berufsbildung.

"Weil Bildung Ländersache ist, hat die Umsetzung etwas gedauert. Ab 2012 waren dann in allen Bundesländern die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen", sagt Nickel. Die Regeln werden in den Hochschulgesetzen der Länder definiert, aber überall gilt: Berufserfahrung berechtigt zum Studium.

Auch andere Faktoren wie beispielsweise die letzten Durchschnittsnoten in den naturwissenschaftlichen Fächern oder die Teilnahme an Forschungswettbewerben haben Einfluss auf die Zulassung. Wer sich für ein Studium ohne Abitur interessiert und herausfinden will, ob er die Voraussetzungen erfüllt, findet auf der Website des Centrums für Hochschulentwicklung Informationen und Hilfe.

Wer wie Fricke Informatik studieren möchte, muss aber Berufserfahrung in diesem Bereich sammeln. Ein Meister gilt hingegen in manchen Bundesländern sogar wie ein Abitur. So könnte ein Bäckermeister Jura studieren, ohne jemals juristische Erfahrung gesammelt zu haben.

Aber funktioniert das? Oder fallen die ohne Abitur doch öfter durch Prüfungen?



Gute Erfahrungen mit den Studenten ohne Abitur

Ein Anruf bei der Technischen Universität München (TUM): Gerhard Müller ist Vizedirektor für Forschung und Lehre. Er ist überzeugt von dem Konzept, das Studium für verschiedene Bildungshintergründe zu öffnen: "Die Entwicklung eines jungen Menschen kann nun mal unterschiedlich ablaufen. Die Zulassung über die berufliche Qualifikation ist ein sinnvolles Element im deutschen Bildungssystem."

An der TUM sind von den 3.700 Immatrikulierten in der Informatik knapp 160 über die berufliche Erfahrung qualifiziert. Die Quereinsteiger sind nicht weniger erfolgreich als ihre Kommilitonen mit Abitur. " Beispielsweise lliegt die Quote der Studierenden ohne Abitur, die einen Bachelorstudiengang in Informatik abschließen, nur leicht unter der Quote aller Informatik-Bachelorstudierende", sagt Müller.

Fricke hat kaum Probleme mit den Studieninhalten. "Aus der Ausbildung kann ich aber trotzdem nicht so viel mitnehmen. Es ist mehr so, dass ich die Grundlagen gelernt habe und es an der Uni alles viel akademischer ist. Aber das wollte ich ja genau so", erzählt er.

Dass an der TUM die Unterschiede zwischen Abiturienten und Nichtabiturienten so gering sind, liegt laut Müller auch daran, dass die Hochschule die Bewerber vorher in Gesprächen auf ihre Eignung prüft. Dort wird nicht Wissen abgefragt, es ist kein echter Test. Vielmehr geht es um die Motivation der Interessenten. Ob sie sich klar darüber sind, welches Fach sie studieren werden und wie das Studium aufgebaut ist. Aber auch das Durchhaltevermögen bei komplexen Problemen wird erfragt.

Für Menschen ohne Abitur ist das die Gelegenheit zu zeigen, dass sie das Zeug zu einem Studium haben. " Manches Eignungsgespräch hilft auch, Fächer zu erkennen, die besser den Neigungen und Interessen der Bewerber entsprechen", erzählt Müller.

Seit die TUM 2000 das Zulassungsverfahren vom Numerus Clausus auf die Eignungsgespräche umgestellt hat, sei die Erfolgsquote stetig nach oben gegangen. Inzwischen brechen nur noch knapp 20 Prozent aller Studenten in der Informatik ab - über alle Universitäten gerechnet sind es mehr als doppelt so viele.

Unter seinen Kommilitonen hat Fricke keine Sonderstellung, keiner sieht sein fehlendes Abitur als Makel. Die meisten wüssten gar nicht, dass er kein Abitur habe, erzählt Fricke. Er ist nicht einmal viel älter als seine Kommilitonen.

Müller von der TUM betont jedoch, dass die Öffnung der Universitäten den Fachkräftemangel kaum beheben könne. Dafür seien die Fallzahlen schlicht zu gering. Es gehe vielmehr um die Möglichkeit, sich auch in späteren Jahren weiterbilden und frei entwickeln zu können. "Es kann ja nicht die Lösung sein, einfach alles zu akademisieren. Es fehlen ja nicht nur studierte Fachkräfte, sondern auch solche mit Ausbildung."

 (taba)


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