Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/sony-wf-1000xm3-im-test-anc-technik-in-hoerstoepseln-bleibt-nutzlos-1907-142863.html    Veröffentlicht: 31.07.2019 08:58    Kurz-URL: https://glm.io/142863

Sony WF-1000XM3 im Test

ANC-Technik in Hörstöpseln bleibt nutzlos

Geräusche unterdrücken Sonys neue Bluetooth-Hörstöpsel leider nicht wie versprochen. Doch das macht sie nicht zu einem schlechten Produkt.

Nach dem WF-1000X bringt Sony einen neuen Bluetooth-Hörstöpsel mit Active-Noise-Cancelling (ANC) auf den Markt. Beim ersten Modell war Geräuschunterdrückung quasi nicht zu bemerken. Um so gespannter waren wir, ob es Sony beim neuen Modell besser hinbekommt.

Der Hersteller selbst hatte zur Produktankündigung der True-Wireless-in-Ears geworben, er erreiche damit ANC-Leistung vergleichbar mit dem WH-1000XM3-Kopfhörer. Wir können es kurz machen: Das klappt nicht. Obwohl die Hörstöpsel noch weitere kleine Schwächen haben, überzeugen sie uns aber aufgrund anderer Qualitäten.

Geräusche klingen mit ANC nur anders

ANC sollte es Nutzern ermöglichen, Außengeräusche mindestens so weit auszublenden, dass sie nicht mehr stören. Mit den WH-1000XM3-Kopfhörern können wir tatsächlich in der S-Bahn Musik hören, ohne von den Fahrgeräuschen gestört zu werden, oder im Büro zum Arbeiten die Kollegen ausblenden. Zwar kann ANC technisch Stimmen weniger gut filtern als niederfrequente Bereiche, aber mit dem großen Sony-Modell WH-1000XM3 werden Stimmen im gleichen Raum so stark gedämpft, dass wir sie sogar ohne laufende Musik kaum mehr verstehen können und sie somit auch weniger stark ablenken.

Ganz anders ist das Erlebnis mit den Sony-Hörstöpseln. In der Anleitung zum WF-1000XM3 heißt es: "Mit der Funktion zur Rauschunterdrückung können Sie ohne Beeinträchtigung durch Umgebungsgeräusche Musik hören." Doch in der Berliner S-Bahn sind die Fahrgeräusche mit den Stöpseln laut und deutlich zu vernehmen. Wenn wir die ANC-Funktion bei der Fahrt umschalten, ist nur eine Veränderung in Nuancen auszumachen. Einen Ventilator neben uns hören wir mit und ohne Stöpsel fast gleich laut, ebenso eine Dunstabzugshaube. Während Sonys ANC-Kopfhörer beide Geräusche deutlich dämpft, ist es beim Hörstöpsel egal, ob wir ANC an- oder ausgeschaltet haben - oder ob wir sie überhaupt im Ohr haben.



Wir haben die Hörstöpsel mit allen beiliegenden Aufsätzen getestet, aber dabei wurde nie eine Geräuschreduzierung erreicht, wie wir sie mit dem WH-1000XM3 erhalten.

Immerhin kann in der zu den Hörstöpseln gehörenden App ein Modus aktiviert werden, mit dem Windgeräusche wirksam eliminiert werden. Das ist auch gut so: Ohne ihn sind Windgeräusche wie beim Vorgängermodell deutlich zu hören. Eine automatische Windreduzierung wie bei Jabras Elite 85h gibt es von Sony leider weiterhin nicht und auch keine Möglichkeit, die Windreduzierung ohne die App zu aktivieren.

Wer gute Hörstöpsel sucht und nicht unbedingt ANC braucht, sollte hier dennoch weiterlesen.



Guter Klang, fantastische Akkulaufzeit

Klanglich liefern die neuen Sony-Stöpsel ein gutes Ergebnis. Sie haben ein ausgewogenes Klangbild mit gut abgestimmten Höhen und Mitten. Der Bassbereich ist gut, allerdings fehlt der Tiefbass-Bereich, mit dem etwa Apples Airpods überzeugen können. Aber auch viele andere Hersteller schaffen es nicht, mit ihren Hörstöpseln den guten Tiefbassbereich der Airpods zu erreichen.

Anders als beim Vorgängermodell sind Telefonate endlich auf beiden Seiten zu hören. Das ist deutlich angenehmer als wenn der Anrufer nur in einem Ohr zu hören ist.

Die Akkus halten und halten

Vorzüglich schneiden Sonys WF-1000XM3 bei der Akkulaufzeit ab. Sogar mit aktiviertem ANC halten die Hörstöpsel für diese Geräteklasse lange durch. Sony selbst gibt mit ANC eine Laufzeit von 6 Stunden an. Wir erreichen sogar 6,5 Stunden.

Da ANC ohnehin nichts bringt, schalten wir es lieber ab und können die Akkulaufzeit noch einmal verlängern. Mit abgeschaltetem ANC werden 8 Stunden versprochen, aber wir können sogar 9 Stunden damit Musik hören. Das sind vorzügliche Werte, andere Modelle sind spätestens nach 5 Stunden leer, viele müssen auch schon nach 3 bis 4 Stunden wieder geladen werden.



Ein Problem ist die Akkulaufzeit in der Praxis allerdings nur selten, weil die Stöpsel immer im Ladeetui geladen werden, wenn sie nicht verwendet werden. Wer die Stöpsel lange am Stück benutzen will, wird sich aber freuen.

Ladeetui mit USB-C

Das Ladeetui der Sony-Stöpsel ist vergleichsweise klobig und nicht ganz so hosentaschenfreundlich wie bei den Vorgängern. Mit dem Etui können wir die Stöpsel bis zu dreimal aufladen und kommen so auf eine Gesamtlaufzeit von 36 Stunden - bei ausgeschaltetem ANC. Manch anderer Hörstöpsel kann schon nach 15 Stunden nicht mehr verwendet werden.

Das Ladeetui hat einen zeitgemäßen USB-C-Anschluss und die Stöpsel werden angenehmerweise magnetisch gehalten. Ein versehentliches Herausfallen wird damit verhindert. Falls die Akkus im Stöpsel erschöpft sind, dauert der Ladevorgang 1,5 Stunden, das Ladeetui selbst ist nach 3,5 Stunden geladen, falls es komplett leer ist.

Der Tragekomfort der Stöpsel ist gut, sie werden ins Ohr hineingedreht und sitzen dann sicher, ohne zu drücken. Den Stöpseln liegen sieben verschiedene Aufsätze bei, sodass für jeden die passende Größe dabei sein sollte. Die Stöpsel sind allerdings nur bedingt wintertauglich: Da sie recht weit aus dem Ohr herausragen, werden die Stöpsel durch eine Mütze ziemlich stark in das Ohr gedrückt, was dann schmerzt.



Kleine Schwächen bei Sensorsteuerung und Ohrerkennung

Anders als bei den WF1000-X gibt es diesmal keine Druckknöpfe, sondern die Steuerung erfolgt über Sensorbereiche. Standardmäßig sind diese so belegt, dass die rechte Seite zur Musiksteuerung genutzt wird und auf der linken Seite der ANC gesteuert wird. In der zugehörigen App kann die Belegung auch getauscht werden. Leider gibt es keine Option, die Lautstärke direkt am Hörstöpsel zu steuern. Das sehen wir als erhebliche Komforteinbuße, weil es einfach lästig ist, jedes Mal zum Smartphone greifen zu müssen.

Das Sony-Modell hat vergleichbare Probleme wie viele andere Hörstöpsel mit Sensorsteuerung. Da auf einer Sensorfläche mehrere Befehle liegen, ist die gesamte Steuerung ziemlich fehleranfällig. Gerne wird ein Doppel- oder Dreifachentippen auch mal falsch verstanden.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Nutzer tunlichst drauf achten muss, die Flächen beim Einstecken ins Ohr oder beim Herausnehmen nicht zu berühren. Andernfalls könnten ungewollt Befehle ausgeführt werden. In der Anleitung zu den Stöpseln wird zwar behauptet, dass die Sensorflächen gesperrt seien, wenn sich die Stöpsel nicht im Ohr befinden. Bei uns funktioniert das aber nicht. Jeder Stöpsel kann auch einzeln verwendet werden, falls das gewünscht ist.

Ohrerkennung mit Schwächen in der Umsetzung

Die Sony-Stöpsel haben eine abschaltbare Ohrerkennung, die aber nicht ganz so arbeitet, wie wir das erwarten. Wird einer der Stöpsel aus dem Ohr genommen, pausiert die Wiedergabe und wird fortgesetzt, wenn wieder beide Stöpsel im Ohr stecken. Nehmen wir beide Stöpsel aus dem Ohr, wird die Wiedergabe zwar pausiert, aber nicht wieder fortgesetzt, wenn sich diese wieder im Ohr befinden. Die Sony-Stöpsel erlauben keine zwei parallelen Bluetooth-Verbindungen.

Für die WF-1000XM3 nutzt Sony die gleiche App wie auch für die großen ANC-Kopfhörer. Diese könnte übersichtlicher sein und bereitet vor allem auf iOS-Geräten Probleme: Obwohl die App im Hintergrund geöffnet ist, wird jedes Mal erneut eine Verbindung zu den Stöpseln aufgebaut.



Das ist zwar auch beim großen ANC-Kopfhörer so, fällt da aber nicht weiter negativ auf, weil der Verbindungsaufbau nach einer Sekunde erledigt ist. Bei den Stöpseln vergehen aber gerne mal 10 Sekunden, bis die App nutzbar ist. Wenn wir also mal eben eine Einstellung in der App ändern wollen, müssen wir Geduld haben. Diese Probleme gibt es mit Android-Geräten nicht, hier bleibt die Verbindung bestehen, wenn die App im Hintergrund läuft.

Verfügbarkeit und Fazit

Sony verkauft den WF-1000XM3 zum Preis von 250 Euro. Die Bluetooth-Hörstöpsel gibt es in Schwarz oder Weiß.

Fazit

Mit den WF-1000XM3 bietet Sony tolle Bluetooth-Hörstöpsel mit einem guten Klang und einer vorzüglichen Akkulaufzeit. Sie sitzen schmerzfrei und angenehm im Ohr, solange wir keine Mütze oder ähnliches tragen, mit denen die Stöpsel noch weiter ins Ohr gepresst werden. Bei der Bedienung müssen wir Abstriche machen, weil die Ohrerkennung nicht ganz so funktioniert, wie es sein sollte. Zudem gibt es keine Möglichkeit, die Lautstärke direkt am Hörstöpsel zu ändern.

Die Geräuschunterdrückung enttäuscht allerdings. Der Hersteller bewirbt die WF-1000XM3 mit einer ANC-Leistung, die vergleichbar mit dem WH-1000XM3 sein soll. Aber diese beiden Geräte trennen Welten. Während wir die WH-1000XM3 auch nutzen können, um einfach mal Krach auszublenden und ohne Musikbeschallung bei möglichst viel Ruhe arbeiten zu können, ist das mit den neuen Sony-Hörstöpseln ausgeschlossen.

Die ANC-Leistung ist so schwach, dass Außengeräusche bei aktiviertem ANC zwar anders klingen, aber nicht bedeutend leiser sind oder gar ganz ausgeblendet werden.



Wer also gut klingende Hörstöpsel mit einer langen Akkulaufzeit sucht, kann getrost zu den WF-1000XM3 greifen, wenn er keine Lautstärkeregelung an den Stöpseln benötigt. Aber Käufer sollten sich im Klaren sein, dass die beworbene ANC-Funktion keinen Effekt hat.

Nachtrag vom 16. August 2019

Golem.de hat im Anschluss an den Test von Sonys WF-1000XM3 ein grob vergleichbares Konkurrenzprodukt von Bose ausprobiert, den Quiet Control 30, der schon länger auf dem Markt ist. Dabei handelt es sich zwar nicht um komplett kabellose Bluetooth-Hörstöpsel, sondern um Ohrhörer mit Nackenbügel, sie haben aber ebenfalls keine Hörmuschel.

Beim Test von Boses Quiet Control 30 fielen sofort deutliche Unterschiede zum Sony WF-1000XM3 auf. Während wir mit dem Sony-Stöpsel keinen ANC-Effekt bemerken konnten, war das bei der Bose-Konkurrenz ganz anders: Sobald wir den ANC einschalteten, wurden Umgebungsgeräusche deutlich verringert.

Wir haben das Bose-Produkt - wie die Sony-Stöpsel - unter anderem in der Berliner S-Bahn, mit einem Ventilator und einer Dunstabzugshaube getestet. Mit dem Bose-Ohrhörer war ein Ventilator kaum mehr zu hören, der neben uns lief. Die auf maximaler Stufe laufende Dunstabzugshaube war merklich leiser und auch die Fahrgeräusche in der S-Bahn wurden stark verringert. Wenn wir die ANC-Funktion deaktivierten, waren die Außengeräusche wieder laut zu hören.

Die ANC-Leistung des Quiet Control 30 ist als hoch einzustufen. Außengeräusche wurden ähnlich gut gedämmt wie mit Boses Quiet Comfort 30, der unterstützend noch isolierende Hörmuscheln hat. Im direkten Vergleich bekommen wir mit dem großen Comfort-Modell noch etwas mehr Stille, aber die reine ANC-Leistung erscheint uns auf einem ähnlich hohen Niveau.

Warum Sonys WF-1000XM3 dagegen beim ANC so schwach abschneiden, bleibt unklar. Sony hat unser Testmodell technisch untersucht und konnte dabei "keine Fehlfunktion beim Noise Cancelling feststellen".

 (ip)


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