Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/s-4-hana-sap-reagiert-auf-probleme-bei-seinem-wichtigsten-produkt-1907-142852.html    Veröffentlicht: 30.07.2019 13:00    Kurz-URL: https://glm.io/142852

S/4 HANA

SAP reagiert auf Probleme bei seinem wichtigsten Produkt

Für Konzernchef Bill McDermott ist S/4 Hana das zentrale Produkt im Portfolio. Die Einführung läuft aber schleppend. SAP baut daher den Bereich um.

Als SAP im Juli zu einem "Industrie 4.0 Gipfel" nach Walldorf einlud, präsentierte Hala Zeine, was der Softwarehersteller unter diesem Schlagwort konkret versteht. Gemeinsam mit einem Manager des Roboterbauers Kuka erklärte sie, wie Unternehmen ihre Maschinen einfach und schnell vernetzen können - auch dank Lösungen von SAP. Im Publikum hörten Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und mehrere Granden aus der Welt der Wirtschaft der Chefin des Geschäftsbereichs Digital Supply Chain aufmerksam zu.

Die Managerin steht jedoch vor großen Veränderungen, ebenso wie SAP selbst: Der Konzern plant nach Informationen des Handelsblatts eine Umstrukturierung: Neben S/4 Hana - eine Software zur Steuerung von Geschäftsprozessen - liegt nun auch der Bereich Digital Supply Chain in der Verantwortung von Thomas Saueressig. Das Produktmanagement für S/4 Hana liegt in einer Hand bei Jan Gilg. Zudem wird das Qualitätsmanagement enger angebunden. Mehrere Manager, darunter Zeine, geben in diesem Zuge ihre Verantwortung ab.

"Mit dem Umbau wollen wir die Bedarfe unserer Kunden noch stärker in den Mittelpunkt rücken", teilte der Softwarehersteller auf Anfrage mit. Es gehe darum, dass die Produkte den Bedürfnissen der Unternehmen entsprechen, speziell S/4 Hana. Vier Jahre nach der Ankündigung richtet SAP mit dem Produktmanagement das Kernprodukt neu aus.

Experten beurteilen die Pläne positiv. "Wenn SAP vier Jahre nach der Einführung von S/4 Hana wieder Produktstrategie und -management zusammenführt, sieht das nach einem Neustart aus", sagt Holger Müller, Analyst bei der Firma Constellation Research.

Es ist eine Maßnahme mit großer Tragweite: S/4 Hana ist für SAP das wichtigste Produkt. Und die Integration von Geschäftsprozessen über die Grenzen einzelner Programme hinweg ist das wichtigste Verkaufsargument des Softwarekonzerns - er wirbt mit der Vision der "Intelligent Enterprise", in der die Technik immer mehr Routineaufgaben übernimmt und die Mitarbeiter dank aktueller Daten bessere Entscheidungen treffen.

In der Zentrale in Walldorf und den vielen Büros in aller Welt bleibt es damit unruhig. SAP ist noch mit einer Restrukturierung beschäftigt, über die schätzungsweise 4.400 Stellen wegfallen sollen, davon mindestens 1.200 in Deutschland.

Das Management hat ein Gremium eingesetzt, das Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung finden soll, wie die Investoren sie verlangen. Gleichzeitig will es mit Initiativen wie "Customer First" die Kundenzufriedenheit stärken. Beim wertvollsten Konzern im Dax ist viel in Bewegung.



Unverzichtbar für globale Konzerne

S/4 Hana ist die Essenz von SAP. Der Softwarehersteller steht für Programme, mit denen Unternehmen ihre Geschäftsprozesse steuern können. Es geht um den Einkauf und die Materialbedarfsplanung, um Auftragseingang und Rechnungsstellung, um Buchführung und Budgetplanung.

Die Software hält die Informationen bereit, automatisiert Routineaufgaben und erleichtert die Analyse von Zahlen. In der Technologiewelt ist vom Enterprise Resource Planning (ERP) die Rede.

Diesen Markt dominiert SAP seit den späten 1990er Jahren. Damals war in Vorstandssitzungen, auf Konferenzen und in Managementkursen vom "Business Process Reengineering" die Rede, es ging darum, Geschäftsprozesse auf dem Flipchart neu zu entwerfen und mit Software nachzubauen.

Diese sollte Transparenz über Mitarbeiter, Warenströme und Finanzen schaffen. Der Softwarehersteller aus der deutschen Provinz lieferte mit R/3 das beste Produkt - und machte sich so bei vielen multinationalen Konzernen unverzichtbar.

Mit der Nachfolgeversion S/4 Hana will SAP eine moderne Version liefern. Das Programm reduziert die Zeit zur Erstellung von Geschäftsberichten und Prognosen von Stunden oder gar Tagen auf Minuten. Gewährleisten soll das die Datenbank Hana, die alle Informationen im Zentralspeicher verarbeitet. Zudem ist die Software jetzt auch aus der Cloud verfügbar - der Konzern verspricht mehr Flexibilität und schnellere Innovationen.

Die Einführung zieht sich hin

Für SAP geht es darum, mit S/4 Hana das zentrale Geschäftsfeld zu stärken. Denn das ERP-Geschäft ist für den Konzern sehr einträglich. Hält SAP die Beziehungen zu den Kunden, kaufen die ständig die Folgeprodukte. "Wenn das nicht funktioniert, sind wir tot", sagte Hasso Plattner, Mitgründer und Chefkontrolleur von SAP, bei der Vorstellung von S/4 Hana im Februar 2015.

Es funktioniert durchaus. Nach Einschätzung des Analysehauses Gartner ist SAP im globalen ERP-Markt mit einem Anteil von 21,7 Prozent die Nummer eins, wozu verschiedene Programme beitragen. Der Umsatz mit dem Verkauf von Lizenzen für S/4 Hana summierte sich im ersten Halbjahr 2019 auf mehr als eine Milliarde Euro, obendrauf kommen Erlöse aus langfristigen Wartungsverträgen sowie regelmäßige Gebühren für die Cloud-Version - die genauen Zahlen schlüsselt das Unternehmen nicht auf.

Es könnte allerdings noch besser funktionieren. Zwar haben inzwischen 11.500 Unternehmen einen Vertrag für S/4 Hana abgeschlossen, die Einführung zieht sich bei vielen aber hin. "Für viele Unternehmen steht die Einführung eines neuen ERP-Systems derzeit nicht ganz oben auf der Agenda", sagt Ralf Peters, Vorstand bei der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG).

Sie seien mit anderen Themen beschäftigt, etwa der Einführung neuer Geschäftsmodelle - S/4 Hana spiele in den Überlegungen erst in zweiter Linie eine Rolle: "Das wird als Infrastrukturprojekt gesehen, nicht als Initiative für die Digitalisierung."

"SAP muss den Wert von S/4 Hana besser herausarbeiten", sagt auch Analyst Holger Müller. Derzeit werde ERP bei vielen Kunden nicht als strategisch wichtiges Thema gesehen. Eine höhere Produktivität und die schnelle Bereitstellung von Informationen allein reichen nicht. "Es fehlt der Steve-Jobs-Moment", sagt Müller. "Das ist ein Problem der gesamten Industrie, aber SAP als Marktführer ist besonders davon betroffen."

Und so muss der Weltmarktführer aus Walldorf nicht nur die Konkurrenz auf Abstand halten - Oracle etwa, das mit dem Zukauf von Netsuite die Mittelständler gewinnen will, oder Workday, das mit einem Programmpaket aus der Cloud schnell wächst. Er muss auch die Vorstände und CIOs davon überzeugen, dass sie in ihren Budgets neben der Einführung einer Salesforce-Software oder der Vernetzung der Fabriken mit Amazon Web Services auch S/4 Hana berücksichtigen.



Eine Einheit für den Kundenerfolg

Diese Aufgabe obliegt SAP-Vorstand Christian Klein, der Anfang des Jahres die Verantwortung für S/4 Hana und weitere Anwendungen von Bernd Leukert übernommen hat. Es sei zentral, sich an die Marktumgebung anzupassen und wettbewerbsfähig zu bleiben, erklärte er in einer E-Mail an die Mitarbeiter, die dem Handelsblatt vorliegt.

Ziel sei es, "vollintegrierte Geschäftsprozesse" abzubilden, etwa vom Kundenkontakt bis zur Lieferkette. Die Organisation müsse mit dieser Vision in Einklang stehen, betonte der 39-jährige Manager.

Zwischen den Zeilen lässt sich lesen: SAP hat in den vergangenen Jahren zu wenig getan, um dieses Versprechen wahr zu machen. Klein plant nun nach einigen Monaten im Amt eine Umstrukturierung, die einem Neustart für S/4 Hana gleichkommt. Umfangreiche Änderungen am Organigramm sollen dafür sorgen, dass die 3.000 Mitarbeiter die Kunden mehr in den Blick nehmen.

Ein neues Team wird zum Beispiel mit Unternehmen und Partnern zusammenarbeiten. Ziel, so erklärt SAP gegenüber dem Handelsblatt, sei "der Aufbauƒ einer Einheit, die sich dezidiert um Kundenerfolg und Co-Innovation mit ERP-Kunden kümmert", also die gemeinsame Entwicklung von Neuerungen.

Zudem zentralisiert SAP die Produktentwicklung - durchaus ein ungewöhnlicher Schritt in dem traditionell dezentral organisierten Konzern. Bereiche wie die Digital Supply Chain sind künftig eng an die S/4-Organisation angebunden.

Für die Integration der verschiedenen Lösungen sei die Verknüpfung des ERP-Systems mit der Lieferkette wichtig, schrieb Thomas Saueressig, Präsident der Entwicklungsabteilung und Vertrauter von Vorstand Christian Klein, den Mitarbeitern.

Hintergrund: SAP verspricht den Unternehmen, dass die verschiedenen Lösungen des Softwarekonzerns reibungslos zusammenarbeiten. Das ist ein wichtiges Verkaufsargument - statt die Lösungen verschiedener Anbieter zusammenzuführen, können IT-Chefs im besten Fall ein Paket einführen.

Ein Beispiel zeigte SAP im April auf der Hannover Messe: Am Stand des Softwarekonzerns war zu sehen, wie ein Industriebetrieb ein Regelungsventil am Computer entwirft, es dann fertigt und das digitale Modell für die Überwachung und Wartung des Geräts nutzt. "Design to Operate" wird dieser Prozess genannt, den Industriebetriebe komplett mit SAP-Software abwickeln können sollen.

"Seien wir ehrlich, Veränderung ist nie einfach", schrieb Klein an seine Kollegen. "Aber nur, wenn wir unsere Kunden und ihre Bedürfnisse an die erste Stelle setzen und so flexibel sind, wie es der Markt erfordert, können wir unser Geschäft vergrößern und der vertraute Partner sein, den unsere Kunden verdienen."

Experten halten die organisatorische Neuausrichtung für sinnvoll. Die Zusammenfassung des Produktmanagements erleichtere es, ein integriertes Programmpaket zu entwickeln, sagt Analyst Holger Müller, der Unternehmen zu IT-Produkten berät. "Das ist in der frühen Phase des Produktzyklus richtig", urteilt der Softwareexperte - so komme der Konzern schneller zu Resultaten.

Die Umstrukturierung ist mittlerweile abgeschlossen. Allerdings könnte es zu weiteren Personalwechseln kommen. Durch die Zentralisierung verlieren etliche Manager ihre Hoheit - so wie Hala Zeine. Was sie künftig machen wird, ist offen. Sie dürfte jedoch keine Schwierigkeiten haben, einen anderen Job zu finden. Eine Frau, die sich mit Industrie 4.0 und Digitalisierung auskennt, dürfte auch anderswo gefragt sein.  (hb-cke)


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