Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/techgenossen-arbeiten-unter-freunden-1907-142742.html    Veröffentlicht: 29.07.2019 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/142742

Techgenossen

Arbeiten unter Freunden

Einst waren es "Kinder der Not", heute machen manche eine Tugend daraus. Genossenschaften erleben seit Jahren eine Renaissance - auch in der IT-Branche. Gleiches Recht, gleiche Pflichten, gleicher Verdienst. Ein Modell mit Zukunft?

"What do we want? Climate Justice! When do we want it? Now!" So dröhnt es auch an diesem Freitag im Juli wieder aus Lautsprechern über den Marienplatz in München. Die Sonne brennt auf die unermüdlichen Demonstranten, unter ihnen Vicky Eichhorn, Stefan Verhey und Robert Curth. "Es ist mir schon fast peinlich, dass es die erste Fridays-for-Future-Demonstration ist, an der ich teilnehme", sagt Verhey. Anders als viele der anderen Teilnehmer haben er und seine beiden Begleiter keine Dreadlocks, laufen nicht barfuß. Verhey trägt Chino-Hose und Lederschuhe, Vicky Eichhorn schiebt einen Kinderwagen vor sich her. Um sich für den Klimaschutz zu engagieren, haben sie nicht Stift und Schulblock niedergelegt, sondern Remote Desktop und Analysetools.

Für den selbstständigen Programmierer und Softwareentwickler und die Produktmanagerin ist die Demo sinnvoller und wirkmächtiger als die Retrospektive, an der sie eigentlich heute teilnehmen sollten. Den Segen ihrer Kollegen haben sie. Es wurde zuvor abgestimmt und der Termin verschoben. Eichhorn, Verhey und Curth sind Genossen - drei, der insgesamt neun Techgenossen. Vergangenes Jahr haben die Münchener ITler diese gleichberechtigte Kooperation gegründet. Nun sind sie gemeinsam selbstständig, wie sie es nennen. Ihr oberstes Credo: Sie setzen nur noch Digitalprojekte um, die sie für nachhaltig und sinnvoll halten.

"Genossenschaften sind urdemokratisch"

Immer mehr Menschen in der IT-Branche beginnen, die eigene Arbeitsweise, aber auch die der Unternehmen zu hinterfragen, wie Organisationsentwickler Torsten Scheller erzählt. Er kennt die Techgenossen noch aus ihrer Anfangszeit 2015. "Das Bewusstsein wandelt sich zunehmend. Es geht in Richtung: weg von den profitgetriebenen, inhabergeführten GmbHs, hin zu nachhaltigen, sinnhaften Unternehmungen." Genossenschaften seien noch längst kein Massenphänomen, die Techgenossen sieht er eher als Vorreiter oder Impulsgeber, das Konzept hat in seinen Augen Zukunft.

"Genossenschaften sind urdemokratisch, es geht uns um eine wirklich solidarische Zusammenarbeit", erklärt Oskar Hallensleben, einer der Gründer und Vorstand der Techgenossen. Diese Art des rechtlichen Verbundes ist längst bekannt aus dem Banken- oder Wohnungswesen oder durch große Unternehmen in der IT, wie die Datev eG und Denic, den Verwalter der deutschen Internetdomains. Auch immer mehr Freiberufler schließen sich in Projektgenossenschaften zusammen.



Nie wieder nine to five

Hallensleben war zuvor fünf Jahre lang festangestellter Programmierer bei einem großen Internetanbieter, wie andere der heutigen Techgenossen auch.

Der Programmierer startete seine Karriere im Hamsterrad. Das Team nahm an zahlreichen Workshops teil, arbeitete agil und steigerte kontinuierlich seine Produktivität, nicht aber den Umsatz. "Ich habe eigentlich nur noch geschaut, wo ich Werbung möglichst gewinnbringend platzieren kann - und ich hasse Werbung". Für die damaligen Geschäftsführer war die Abteilung nicht rentabel. Es folgt eine Kündigungswelle und für Hallensleben der Wendepunkt seines Lebens.

Was ihn zunächst völlig kalt erwischte und in ein Loch fallen ließ, stellte sich als erster großer Befreiungsschlag heraus. Ein gut funktionierendes Team an fähigen Programmierern und Entwicklern war plötzlich arbeitslos, aber nicht hoffnungslos. Dank der Abfindungen hatten sie Zeit, einen Plan zu schmieden. In Zukunft wollten sie selbst bestimmen, wie sie arbeiten. Und das bedeutete: keine zwielichtigen Aufträge mehr, kein nine to five, kein Verkaufen der eigenen Arbeitskraft und damit keine Lebenszeit mehr für die Idee der Profitmaximierung.

Es ist die Geburtsstunde der Techgenossen eG. IT-Fachkräfte, Content-Gestalter und Produktmanager - gemeinsam realisieren sie softwarebasierte Produkte, die zur Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft beitragen sollen, also primär gemeinwohlorientiert sind. Das Portfolio reicht mittlerweile von einer App des Bayrischen Rundfunks für Geflüchtete über den Relaunch der Ökotest-Webseite bis hin zur Unterstützung des Volksbegehrens Artenvielfalt.

"Tauschen und teilen, statt sinnlos konsumieren"

Hallensleben hat den Solidargedanken derart verinnerlicht, dass er sein gesamtes Leben heute danach ausrichtet. Bei einem Landshuter Kollektiv engagiert er sich für eine solidarische Lebensmittelversorgung. Für das Alter möchte er eine Pflegegenossenschaft gründen und seine Familie lebt seit drei Jahren offiziell im Konsumstreik. Das bedeutet, Neuanschaffungen gibt es für sie nicht mehr, "tauschen und teilen, statt sinnlos konsumieren" ist die Devise der vierköpfigen Familie.

Nur noch zwei Tage in der Woche verbringt der Programmierer mit Erwerbsarbeit, den Rest seiner Zeit kümmert er sich um solidarische Unternehmungen und Herzensprojekte - Dinge, die der Seele gut tun. Und der siebte Tag der Woche bleibt frei. Da macht Hallensleben einfach nichts. So ist er glücklich.

Der Solidargedanke - ein Luxus?

Doch noch, so gesteht auch Hallensleben ein, sei es ein Luxus, den sich jemand aus der IT-Branche leisten könne, weil dort die Gehälter hoch seien. So können die Techgenossen auch bei den Kunden wählerisch sein. Stehen nicht mindestens zwei Mitglieder voll hinter einer Projektidee, wird der Auftrag nicht angenommen. Selbst wenn eine Idee oder ein Produkt gut sei - Firmen, wie Philip Morris würden die Techgenossen nicht unterstützen, sagt Robert Curth.

Er will seinen Traumberuf nur für Projekte nutzen, die der folgenden Generation nicht schaden. Was das genau bedeutet, wird unter den Genossen stets verhandelt. Arbeit in einem ständigen Anpassungsprozess. Arbeit ohne formale Führungsebene. Arbeit nach dem agilen Manifest.

Jedes Projekt braucht einen gemeinsamen Grund

In den Projekten selbst hat sich lediglich eine informelle Hierarchie etabliert. So bringt jeder Techgenosse sein spezifisches Fachwissen in den Entscheidungsfindungsprozess ein. Jedes Mitglied hat eine gleichwertige Stimme, soll und darf seine Meinung sagen, bis das bessere Argument zum Konsens führt.

Jedes halbe Jahr wird zudem über das große Ganze gesprochen. Wofür stehen die Techgenossen? Welchen Sinn sieht jeder persönlich in seiner Arbeit und in welche Richtung soll es gehen? Ohne diese gemeinsame Basis, ohne einen gemeinsamen Grund für die Arbeit funktioniere es nicht, sagt Hallensleben.

Darin sieht Andreas Wieg, Sprecher des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes (DGRV) den besonderen Reiz von Genossenschaften. Im Unterschied zu anderen Gründungsarten fördertn sie die Entwicklung eines ausgeprägten Gemeinschaftssinns, der durch gleichberechtigte Abstimmungen bei den grundsätzlichen Entscheidungen gefestigt werde. Nicht die Höhe der Kapitaleinlagen zähle, sondern die einzelne Stimme der Mitglieder. Das steigere die Motivation und fördere damit auch die gemeinsamen unternehmerischen Ziele. Genossenschaften seien auch eine besonders sichere Rechtsform.

Außer an der Fokussierung auf die Mitgliederinteressen liegt das auch an der genossenschaftlichen Prüfung. Zudem können externe Investoren nicht einfach das Unternehmen aufkaufen. So sind Genossenschaften, im Gegensatz zu GmbHs, besonders langlebig. Laut DGRV sind lediglich Einzelfälle von Insolvenz oder Auflösung bekannt. Und immerhin verzeichnete dieser 2018 rund 5.500 genossenschaftliche Vereinigungen mit über 20 Millionen Mitgliedern. Gemessen an dieser Größe sind Genossenschaften die wirtschaftlich stärkste Organisationsform Deutschlands.



Reden, reden, reden und immer wieder reden



Die Techgenossen leben Demokratie und die braucht vor allem eines: Kommunikation. Konflikte bleiben dabei nicht aus. "Wir kritisieren uns, hinterfragen ständig unsere Arbeit - Oskar nennt es immer, 'Hosen runterlassen'. Unsere gegenseitige Kritik ist direkt und unverblümt, aber auch immer auf Augenhöhe" - ohne diese direkte Offenheit ginge es nicht, sagt Robert Curth.

Für Stefan Verhey, den kritischen Geist unter ihnen, geht dieses Konzept nur auf, weil es sich für ihn anfühlt, wie "Arbeiten unter Freunden, man muss bei uns gerne etwas zusammen machen wollen". Die Entgrenzung von privatem und beruflichem Bereich ist bei den Techgenossen gewollt, wer das nicht mag, wird kein Techgenosse.

Ähnlich radikal ist ihr Ansatz in Bezug auf ihre Kunden. Schriftliche Verträge existieren nicht. Das Vertrauen muss da sein, dass mündliche Verabredungen eingehalten werden. Die Konditionen sind dabei denkbar einfach, denn von Content bis Backend, jedes Mitglied erhält den gleichen Stundensatz. Jeder weitere Schritt wird mit den Kunden von Beginn an sehr eng abgestimmt, Arbeitsschritte transparent über ein Time-Banking-System zugänglich gemacht.

Nicht jeder Kunde bleibt

"Probleme müssen sich aber auch zeigen dürfen, um sie zu lösen", sagt Curth, der Programmierer aus Leidenschaft. Trotz der monatlichen Abrechnung wurden sie aber auch schon von Kunden enttäuscht, die nicht gezahlt haben, das sind dann aber auch nicht die richtigen Kunden. Nicht jeder wird ein Techgenosse und nicht alle Kunden sind geblieben. Für Curth bedeutet das nicht, dass die Idee der Techgenossen nicht funktioniert, sondern es ist lediglich eine Art natürlicher Filter, der für Vertrauen und Stabilität sorgt, denn die, die es wirklich wollen, die bleiben.

Ständiges Aushandeln und Hinterfragen kann anstrengend sein, aber es ist genau so, wie die Techgenossen es haben wollen. "Es ist ultraprogressiv, ich kann es mir nicht mehr anders vorstellen. In meinem alten Job würde ich durchdrehen", sagt Hallensleben.

Damit ist er nicht der Einzige. Waren es 2005 noch 95 Konsum- und Dienstleistungsgenossenschaften in Deutschland, so sind es heute bereits viermal so viele. Obwohl Genossenschaften schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts als "Kinder der Not" in Krisenzeiten entstanden, erleben sie seit der Finanzkrise 2007 eine Art Renaissance. Die Idee von Solidarität, Respekt und Gleichheit unter Genossen wird 2016 sogar zum immateriellen Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Genossenschaften würden in besonderer Weise das Gemeinwesen stärken und innovative Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen liefern, so die Begründung des Auswahlkomitees.

"Ich würde mir wünschen, dass unsere Art zu arbeiten als eine Art Blaupause für andere dienen kann, ich weiß aber auch, dass nicht jedes Team die Voraussetzungen für eine solche freundschaftliche Basis und auch nicht die Zeit hat, so langsam und organisch zu wachsen, wie wir", sagt Verhey. Und trotz aller innovativen Ideen und idealistischer Ansprüche - noch können sich die Techgenossen nicht ohne externe Auftraggeber finanzieren und nur drei der neun Genossen können ihren Lebensunterhalt ausschließlich durch diese Arbeit bestreiten. Der Rest arbeitet weiterhin selbstständig in anderen Arbeitsverhältnissen - der eine, weil er es will, der andere, weil er es muss.  (spa)


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