Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/sea-of-solitude-im-test-welt-aus-einsamkeit-1907-142447.html    Veröffentlicht: 10.07.2019 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/142447

Sea of Solitude im Test

Welt aus Einsamkeit

Das Monster im Wasser hasst und frisst uns, die Welt ist düster und wir haben Angst: Das vom Berliner Entwicklerstudio Jo-Mei produzierte Sea of Solitude verbindet Gefühl mit Game - und misstraut leider seinen eigenen Stärken.

Das Wasser steht uns bis zum Hals! In Sea of Solitude ist das wörtlich gemeint: Mit der Hauptfigur, einer jungen Frau namens Kay, sind wir in einer fast vollständig überfluteten Stadt unterwegs. Was wir dort machen und warum die Gebäude mitsamt Straßen, Bussen und anderen Einrichtungen versunken sind, finden wir erst später heraus. Vorerst haben wir andere Probleme, nämlich von einem noch gerade so begehbaren Hausdach auf das nächste zu gelangen.

Die paar Meter kann Kay zwar schwimmen. Aber wenn sie nicht aufpasst, wird sie vor Erreichen des Ziels von einem Monster gefressen. Das riesige Biest mit den glutroten Augen - genau wie die von Kay - dreht seine Runden zwischen den Gebäuden. Sobald wir als Kay ins Wasser springen und nicht schnell genug sind, ist es zur Stelle und wir sind der Hauptgang.

Um das Ganze jetzt mal zügig aufzuklären: Die wichtigste Aufgabe von Kay in dem Spiel ist es, einem mysteriösen Lichtball zu folgen. Das machen wir in der Third-Person-Perspektive, indem wir dem Monster und anderen Gefahren ausweichen und einige von ihnen bekämpfen. Manchmal lösen wir einfache Schalterrätsel und suchen ansonsten schlicht den Weg in dem letztlich linearen Abenteuer.

Eine der Besonderheiten von Sea of Solitude ist die düstere Stimmung. Stellenweise sind wir in fast vollständiger Dunkelheit unterwegs, das Wasser steht uns wirklich bis zum Hals, während es relativ glaubwürdig durch die Gegend schwappt und immer wieder sinkt und hochsteigt. Gelegentlich kommen wir aber auch in helle und freundliche Umgebungen und sogar in eine von Schnee bedeckte Landschaft.

Ein anderes wichtiges Element ist, dass die Welt den Seelenzustand von Kay widerspiegelt, ebenso wie die Monster etwas mit ihrem Inneren zu tun haben. Das Wasserbiest etwa beschimpft uns aufs Übelste - und scheint uns schon sehr lange zu kennen ... Was das alles zu bedeuten hat, ahnen und lernen wir ein Stück weit ganz intuitiv. Vieles erklärt aber auch das Programm, und wir bekommen per Sprachausgabe von übernatürlichen Stimmen und den Kreaturen erklärt, dass es Zoff zwischen unseren Eltern gab, und dass wir ebenso wie unser Bruder in der Schule dicke Probleme hatten.

Das klingt nicht nur hier banal, sondern auch im Spiel: Ab und zu verlässt Sea of Solitude die märchenhafte Stimmung, stattdessen geht es um Alltag inklusive Smartphones, Mobbing und Ähnlichem - sogar zu einem zwar gelungenen, aber irgendwie nicht ins Szenario passenden Scherz lässt sich die Protagonistin hinreißen.

Echte Kämpfe mit Waffen gibt es nicht. Das Monster muss Kay beobachten und erst dann schwimmen, wenn es möglichst weit weg ist. Andere Gegner locken wir ins Helle, was sie zerstört. Kay kann das, indem sie eine Art Energiestrahl beschwört. Mit einer klassischen Waffe hat das nichts zu tun, im Normalfall saust das Licht in die Richtung, die wir selbst einschlagen sollten.

Sea of Solitude ist für Windows-PC, Xbox One und Playstation 4 erhältlich und kostet rund 20 Euro. Das auf der Unity-Engine basierende Programm des Berliner Entwicklerstudios Jo-Mei Games bietet nur englische Sprachausgabe (übrigens trotz Förderung durch den deutschen Steuerzahler) plus Untertitel. Mikrotransaktionen oder einen Multiplayermodus gibt es nicht. Von der USK hat das Programm eine Freigabe ab zwölf Jahren erhalten.

Fazit

Ein Monster ist in Sea of Solitude nicht einfach nur ein Monster - sondern etwas, das mit uns und unseren Ängsten zu tun hat: Sea of Solitude ist großartig darin, das Seelenleben von Heldin Kay in andere Figuren und in Welt zu übersetzen. Das meiste davon wirkt intuitiv verständlich und funktioniert auch ohne Worte. Deshalb kann das Spiel stellenweise sehr direkt unsere Gefühle ansprechen.

Oft haben wir uns sogar gewünscht, dass die Entwickler dieser Wirkungsweise mehr vertraut hätten. Stattdessen liefern sie immer wieder Erklärungen, die wir gar nicht brauchen. Oder, schlimmer: die uns trivial vorkommen und die unsere Immersion stören, etwa wenn es um die Eltern von Kay oder um ihren Bruder geht. In vielen Games wünschen wir uns mehr Elemente aus dem echten Leben, hier wäre weniger mehr gewesen.

Die Spielmechaniken fühlen sich nicht wichtig an. Das Schwimmen im Wasser mit dem Monster im Nacken fanden wir meist spannend. Einige der anderen Auseinandersetzungen haben uns genervt, auch wegen der Kameraprobleme in engen Räumen. Sea of Solitude ist vor allem für Gamer spannend, die sich gerne mit ihrem Gefühlsleben auseinandersetzen und es spannend finden, so etwas mal als Spiel zu sehen.  (ps)


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