Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/google-maps-in-berlin-wenn-aus-aussetzfahrten-eine-neue-u-bahn-linie-wird-1907-142415.html    Veröffentlicht: 09.07.2019 11:12    Kurz-URL: https://glm.io/142415

Google Maps in Berlin

Wenn aus Aussetzfahrten eine neue U-Bahn-Linie wird

Kartendienste sind für Touristen wie auch Ortskundige längst eine willkommene Hilfe. Doch manchmal gibt es größere Fehler. In Berlin werden beispielsweise einige Kleinprofil-Linien falsch gerendert. Dabei werden betriebliche Besonderheiten dargestellt.

Wer in Berlin mit Google Maps im ÖPNV navigiert, der bekommt schon seit einer Weile neue U-Bahn-Linien angezeigt. Doch diese existieren in Teilen gar nicht und bieten einen interessanten Einblick, wie Google den ÖPNV (falsch) interpretiert. Dazu muss man allerdings etwas ausholen und betonen, dass die Anzeige in der Regel zuverlässig ist. Derzeit werden aber U-Bahn-Linien angezeigt, die es so nicht gibt, wenngleich sie betrieblich durchaus vorhanden sind.

Hintergrund ist anscheinend ein recht lange in der Vergangenheit liegender Fahrplanwechsel in Berlin. Die Berliner Verkehrsbetriebe BVG haben sich vom linienreinen Betrieb der U-Bahn verabschiedet und führen zwei Linien zusammen: Die U3 aus Zehlendorf trifft in der West-City auf die U1 vom Ku'damm, sie fahren im Wechselspiel zur Warschauer Straße gen Osten. Dazu fährt auf einem kurzen Abschnitt die U2 parallel zu diesen beiden Linien. Schaut man allerdings genau auf diesen Kartenausschnitt, zeigt sich eine Verästelung der Linien U2 und U3 mit der jeweiligen Nutzung der anderen Linie.

Möglich ist das prinzipiell, denn die Linien U1 bis U4 gehören in Berlin zum Kleinprofil, das sehr viel stärker betrieblich miteinander verknüpft wird. Beim Großprofil (U5 bis U9) ist das nur begrenzt möglich und wird im Fahrgastbetrieb so gut wie nie ausgenutzt, sieht man von Baustellen oder Cabrio-Fahrten im Tunnel ab.

Auf dem Kleinprofil zeigt Google aber mehr an, als es eigentlich sollte. So zweigt die U2 angeblich am Wittenbergplatz nach Süden in Richtung Zehlendorf zum Breitenbachplatz ab und nutzt die Gleise der U3. Auf der anderen Seite verwendet die U3 ab Wittenbergplatz das südliche Hochbahnviadukt der U2 zum Gleisdreieck. Zudem fährt die U3 auch zum Zoologischen Garten - und hier wird es kompliziert. Vereinzelt fahren Züge nämlich tatsächlich diese Wege. Doch das wissen in Berlin nur Kenner. Beworben wird das weder von der BVG noch vom Verkehrsverbund in den jeweiligen Netzspinnen. Dementsprechend existieren diese Linienwege eigentlich auch nicht.

Ein genauer Blick auf den Fahrplan hilft

Wer in den Fahrplan schaut oder auf besondere Fahrten in der Praxis achtet, findet aber schnell heraus, wie das zustande kommt. Von der Linie U3 werden morgens beispielsweise kurz vor sechs Uhr zwei Züge aus ihren Abstellanlagen auf die U2 Richtung City Ost geschickt. Dementsprechend wird hinter dem Wittenbergplatz das Gleis gewechselt. Es gibt also eine Direktverbindung aus betrieblichen Gründen.

Am Abend passiert das gleiche auf dem Rückweg, um 20 Uhr herum. Dann werden sogar drei Züge der U2 auf den Linienweg der U3 geschickt. Zwei davon fahren bis zum Breitenbachplatz, einer fährt nur bis zum Fehrbelliner Platz. Diese Züge werden nicht umgeschildert und verwirren selbst Berliner ab und an, weil sie so selten fahren. Es handelt sich hierbei morgens um Einsetzfahrten, abends sind es Aussetzer. Statt sie ab dem Linienwechsel leer fahren zu lassen, sind sie als zusätzliches Angebot vor beziehungsweise nach dem Berufsverkehr unterwegs.

Bei der Fahrt der U3 zum Zoo dürfte Ähnliches gelten, vermutlich aber eher zu Betriebsbeginn oder -schluss. Aufgrund von Bauarbeiten und wegen des ausgedünnten Ferienfahrplans können wir den exakten Grund dafür im Fahrplan nicht herausfinden.

Solche betrieblich notwendigen Fahrten gehören zur täglichen Regel im ÖPNV. Verstärkerfahrten enden ein bisschen früher, und wenn die dichte Zugfolge am Abend nicht mehr notwendig ist, müssen die zusätzlichen Züge irgendwie aus dem Netz genommen werden. Dafür finden sich bei U-Bahnen zahlreiche Abstell- und Kehranlagen. Sie müssen dann nicht in die großen Depots oder Betriebswerkstätten und können orts- und zeitnah zur nächsten Verdichtung der Zugfolge eingesetzt werden. Die Endpunkte der U-Bahn-Linien haben zumindest in Berlin nicht genug Platz, um alle Züge aufzunehmen.

Apple stellt diese betrieblichen Besonderheiten in Berlin interessanterweise nicht dar. Allerdings unterstützt Apple kaum Städte. Berlin ist weiterhin die einzige deutsche Stadt, die eine ÖPNV-Navigation erlaubt. Dafür sind die ÖPNV-Daten, dort wo sie unterstützt werden, in der Regel von sehr hoher Qualität. Bei Google lässt sich hingegen im Durchschnitt sehr viel leichter navigieren. Das kann allerdings auch schiefgehen, wie wir selbst einmal erfahren mussten: In der ungarischen Stadt Kekcskemét werden Buslinien angezeigt, die schlicht nicht existieren. Und das, obwohl eine Fehlermeldung schon vor einem Jahr abgeschickt wurde.

Nachtrag vom 10. Juli 2019, 10:15 Uhr

Wie sich aus verschiedenen Lesermeldungen ergab, betrifft das Problem auch andere Verkehrssysteme. In Berlin werden beispielsweise auch S-Bahn-Aussetzfahrten als Linie eingestuft. Es gibt vom S-Bahn-Ring über die eingleisige Halenseekurve vereinzelte Fahrten zum Ein- und Aussetzen. Auch Straßenbahndaten können so teils falsch übernommen werden. Das betrifft auch andere Städte.  (ase)


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