Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ricoh-gr-iii-im-test-kompaktkamera-mit-riesensensor-aber-ohne-zoom-1907-142390.html    Veröffentlicht: 12.07.2019 09:05    Kurz-URL: https://glm.io/142390

Ricoh GR III im Test

Kompaktkamera mit Riesensensor, aber ohne Zoom

Kann das gutgehen? Ricoh hat mit der GR III eine Kompaktkamera im Sortiment, die mit einem APS-C-Sensor ausgerüstet ist, rund 900 Euro kostet und keinen Zoom bietet. Wir haben die Kamera ausprobiert.

Die Kompaktkamera Ricoh GR III gilt als kleinste APS-C-Kompaktkamera. Ihr Sensor ist beweglich aufgehängt und soll verwackelte Foto- und Filmaufnahmen verhindern. Über einen Touchscreen wird die Aufnahme gesteuert und kontrolliert. Einen Sucher oder einen eingebauten Blitz gibt es ebensowenig wie ein Zoomobjektiv. Das Objektiv mit einer Kleinbild-Brennweite von 28 mm und f/2,8 besteht aus sechs Linsen, die in vier Gruppen angeordnet sind.

Die Kamera wirkt unscheinbar matt. Sie ist mit Akku und Speicherkarte bestückt schwerer als sie aussieht: 257 Gramm bringt das kleine Gerät (109 x 62 x 33 mm) auf die Waage.

Soviel Minimalismus, wie die Kamera nach außen versprüht, gibt es bei den Menüs nicht. Das mag der eine oder andere als störend betrachten, doch alles ist wohlsortiert und wie bei anderen Digitalkameras auch über mehrere Bildschirme thematisch sinnvoll gruppiert. Eine Funktionstaste lässt sich zudem an der Kamera als Schnellzugriff frei belegen.

Für die anderen Funktionen gibt es ein Wahlrad (PASM für Programmwahl, Blenden- und Zeitvorwahl oder einen rein manuellen Modus) sowie ein Drehrad vorn und hinter dem Auslöser, die sich gut bedienen lassen, sich aber auch leicht verstellen. Das sorgt dann beispielsweise für eine ungewollte Justage der Belichtungskorrektur. Es wäre sicher eine Option, die Räder softwareseitig zu sperren, damit dies nicht passieren kann. Auf der Kamerarückseite ist zudem ein Vier-Wege-Schalter und ein drumherum liegender Ring zu finden, mit dem in Menüs gestellt werden kann.

Der Kamera fehlt eine 4K-Videoaufnahmefunktion, dafür gibt es einen Touchscreen auf der Rückseite sowie WLAN und Bluetooth.



Die Bedienung

Der Touchscreen ist nicht so sehr für das Steuern der Menüs, sondern vielmehr für die Festlegung des Autofokus-Punktes gedacht, was sehr gut funktioniert. Alternativ lässt sich dieser mit dem Vier-Wege-Schalter verschieben, was besonders im Winter mit behandschuhten Händen eine gute Alternative darstellt. Wer will, kann einige Tasten nach eigenen Wünschen belegen - die Fn-Taste, die ISO- und die Drive-Taste.

Der Bildschirm ist ausreichend hell, doch bei Hochformataufnahmen haben wir eine Schwäche entdeckt: Polarisierende Sonnenbrillen sorgen dafür, dass der Bildschirm in dieser Lage schwarz erscheint. Ein systembedingtes Manko, das mangels Sucher einen kleinen Komfortverlust bedeutet.

Die Scharfstellung ist fix

Die Fokussierung funktioniert übrigens dank Phasenautofokus und Kontrastautofokus enorm schnell - wenn das Firmware-Update aufgespielt ist, das Ricoh einige Monate nach Veröffentlichung der Kamera nachgeschoben hat. Die Motive werden nach den Produktangaben innerhalb von 0,3 Sekunden scharf gestellt. Das ist jedoch nur möglich, wenn die Kamera überhaupt eine Fokussierung vornehmen kann - und das klappt leider nicht immer, besonders bei schlechtem Licht oder niedrigem Kontrast. Im Makrobereich ist das Verhalten oder besser gesagt: das Unvermögen sofort scharfzustellen, besonders nervig.

Scharf ohne Autofokus

Normalerweise ist das manuelle Scharfstellen bei Kompaktkameras eher eine Spielerei als eine sinnvoll nutzbare Funktion, denn zum Ablesen ist ein guter Sucher oder ein leicht ablesbares Display erforderlich. Das hat die Ricoh beides nicht. Es gibt aber mehrere sinnvolle Einstellungen wie einen Fixfokus auf diverse Distanzen, was dann die Kameraparameter so steuert, dass beispielsweise alles von 2,5 Metern Distanz bis Unendlich scharf abgebildet wird, ohne dass der Autofokus anspringen muss und die Reaktionszeit der Kamera deutlich steigert. So etwas muss der Fotograf natürlich auch ausnutzen können, beispielsweise im Bereich der Straßenfotografie.

Die nervige Kehrseite der Kompakten

Problematisch ist beim Fotografieren eher, dass es keinen optischen Sucher gibt, um die Schärfe zu kontrollieren und dadurch passiert es nicht selten, dass Fehlfokussierungen gerade im Nahbereich erst zuhause am großen Bildschirm bemerkt werden.

Übrigens gibt es auch keinen eingebauten Blitz, sondern einen Blitzschuh, mit dem sich alle Pentax-Blitze nutzen lassen - bis hin zu den richtig großen Kalibern. Pentax gehört seit einigen Jahren zu Ricoh.

Apropos Schnelligkeit: Die GR III macht nur 4 Bilder pro Sekunde im Serienbildmodus. Zwar wird vermutlich niemand Sportaufnahmen mit einem 28-mm-Objektiv aufnehmen wollen, aber vielleicht zur Sicherheit bei besonderen Ereignissen viele Bilder in schneller Folge hintereinander machen. Filmen kann die Kamera auch, allerdings nur in maximal Full-HD mit 1.920 x 1.080 Pixeln Auflösung mit 60 Bildern pro Sekunde und wie zu erkennen ist in einer ziemlich einfachen Qualität. Eine 4K-Aufnahmefunktion, wie sie mittlerweile selbst bei hochpreisigen Smartphones Standard ist, fehlt der Kamera leider.



Stabilisierte Aufnahmen

Was natürlich besonders interessiert, ist die Bildstabilisierung. Die GR III kann mit diesem System freihändig noch mit etwa 1/10 Sekunde Belichtungszeit verwacklungsfreie Aufnahmen manchen. Das hängt natürlich auch vom Geschick des Fotografen ab, der ohne Bildstabilisierung sonst etwa bis 1/40 Sekunde verwacklungsfreie Fotos mit der Kamera machen konnte.

Die Akkulaufzeit

Was uns ziemlich genervt hat, war die Akkulaufzeit der Kamera, die über USB aufgeladen wird. Mit dem Akku DB-110 lassen sich etwa 200 Fotos machen, was sehr wenig ist und wohl auf den Strombedarf der Bildstabilisierung und des LC-Displays zurückzuführen ist.

Dafür lässt sich die Kamera mit jeder handelsüblichen Powerbank wieder aufladen, was natürlich ein Vorteil ist. Das Aufladen dauert etwa 3 Stunden.

Die Bildqualität

Die Hoffnung, dass ein APS-C-Sensor, der sonst eher in digitalen Spiegelreflexkameras zu finden ist, auch bei einer Kompaktkamera für eine überragende Bildqualität sorgt, erfüllt sich größtenteils. Die Ricoh GR III ermöglicht eine Aufnahmequalität ähnlich der einer deutlich größeren Kamera, mit dem Nachteil eines starren Objektivs.

Ein bisschen ärgerlich ist die Tatsache, dass die Rauschunterdrückung der Kamera auch auf Rohdatenbilder angewendet wird. Die Bildqualität ist bei gutem Licht hervorragend, wenn der ISO-Wert aber über 400 gestellt wird, ist die Rauschunterdrückung auch in den Rohdaten deutlich zu erkennen. Üblicherweise kann der Fotograf bei diesem Format selbst Korrekturen in diesem Bereich vornehmen - aber am Rechner. Diese Eingriffsmöglichkeit ist durch die interne Verbesserung leider ausgeschlossen.

Bei JPEGs sind die Fotos weniger überschärft als bei Sonys Kompaktkameras der RX-Serie. Außerdem fiel uns mehrmals auf, dass es leichte Farbtonverschiebungen gibt. Wer will, kann auch unterschiedliche Farbmodi auf die Fotos anwenden, die dann beispielsweise in Schwarz-Weiß mit hohem Kontrast erscheinen oder mit besonders leuchtenden Farben.

Das Objektiv ist bis in die Ränder hinein scharf. Eine Verzerrung an den Rändern, eine Lichtabfall oder chromatische Aberrationen haben wir nicht entdeckt, doch das kann die Kamera natürlich auch alles elektronisch beheben, bevor das Bild den Nutzer erreicht.



Fazit und Verfügbarkeit

Wir haben etwas gemischte Gefühle, was die GR III betrifft. Hinsichtlich der Bildqualität hat Ricoh ein kleines Wunderwerk geschaffen. Doch es gibt andere Aspekte wie den Bildschirm, der keine präzise Aussage über die Fokussierung zulässt oder die der kleinen Bauweise geschuldeten winzigen Bedienungselemente und nicht zuletzt der hohe Preis und die geringe Akkulaufzeit, die es nicht immer zum Vergnügen machen, mit der Kamera zu arbeiten.

Sie macht wesentlich bessere Aufnahmen als ein Smartphone, doch ist sie natürlich ein weiteres Gerät, das mitgeführt werden muss, auch wenn sie problemlos in der Jacken- oder Hosentasche verschwinden kann.

Mit einem Marktpreis von 900 Euro bei vertrauenswürdigen Händlern ist die Kamera kein Schnäppchen und unserer Ansicht nach viel zu teuer, um sie zur Kaufempfehlung zu machen, denn sie bewegt sich leistungsmäßig unter dem Niveau einer Sony Cyber-shot RX100 V, die zudem ein Zoomobjektiv, 4K-Video und sogar einen elektronischen Sucher mitbringt.

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