Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/it-fachkraeftemangel-freie-sind-gefragt-1907-142366.html    Veröffentlicht: 31.07.2019 11:58    Kurz-URL: https://glm.io/142366

IT-Fachkräftemangel

Freie sind gefragt

Vom Fachkräftemangel in der IT profitieren vor allem die Freiberufler - und das vergrößert wiederum den Mangel an Festangestellten. Die Lösung des Problems muss von außen kommen.

Geht es um das Thema Fachkräftemangel, wendet sich der sorgenvolle Blick vor allem auf die IT-Branche. Dieser Bereich ist nach Handwerk und Vertrieb am stärksten davon beeinträchtigt. Von dem Mangel profitieren Selbstständige und Firmen im Ausland, wohin immer mehr Projekte ausgelagert werden. Andererseits konkurrieren beide auch miteinander. Die vielen IT-Selbstständigen können sich also nicht auf der derzeitig guten Situation ausruhen.

Die Zahlen sprechen zunächst einmal für sie: Denn derzeit sind laut dem Digitalverband Bitkom in Deutschland 82.000 IT-Stellen unbesetzt. In einer vielzitierten Umfrage unter 800 Geschäftsführern und Personalverantwortlichen vom Dezember 2018 sagten 82 Prozent, sie hätten einen Mangel an IT-Spezialisten, Tendenz steigend. Die Berechnung der Zahl freier Stellen beruht auf offenen Stellenausschreibungen, nach der Form des Anstellungsverhältnisses wurde nicht explizit gefragt. Dem stehen laut Agentur für Arbeit 23.000 Arbeit suchende IT-Leute gegenüber, Tendenz sinkend.

Dieses Missverhältnis liegt zu großen Teilen daran, dass sich immer weniger IT-Fachkräfte fest anstellen lassen wollen. Das belegt die kürzlich veröffentlichte Studie IT-Freiberufler von IDG Research Services. Demnach ist der Anteil an Angestellten rückläufig. 46 Prozent sind noch angestellt, 54 Prozent sind Freiberufler.

Lieber Freiberufler als Angestellter

Bastian Pauly vom Branchenverband Bitkom geht davon aus, dass viele ehemals fest angestellte IT-Spezialisten in die Selbständigkeit gehen, weil dort mehr Geld und spannendere Projekte locken. Eine These, die der Freelancer Edgar Warnking teilweise stützt: "Viele der jungen, ehrgeizigen Freiberufler springen gerne von Projekt zu Projekt und schätzen Abwechslung und Herausforderung." Wichtiger noch als die Herausforderung sind für viele Freiberufler jedoch andere, profanere Aspekte: keine längere Bindung, Selbstverantwortung, bessere Bezahlung, Zeitsouveränität.

Für Kaya Taner von der Jobvermittlungsplattform Honeypot liegt ein zentrales Problem darin, dass Unternehmen und Fachkräfte lange brauchen, um herauszufinden, ob sie überhaupt zusammenpassen. "Entwickler werden überhäuft mit irrelevanten Angeboten", sagt Taner im Gespräch mit Golem.de.

Oft kommen sie am Ende nicht zusammen. Das liegt laut der Bitkom-Studie oft an unterschiedlichen Gehaltsvorstellungen (76 Prozent) oder fehlender Qualifikation (38 Prozent). Diese Punkte müssen geklärt sein, ehe sich beide Parteien miteinander unterhalten, so der Ansatz von Vermittlungsplattformen wie Honeypot oder 4Scotty, die sich auf Tech-Berufe spezialisiert haben.

Dass Freiberuflichkeit in der IT einträglich ist, steht außer Zweifel. "Grundsätzlich gehören Jobs für IT-Spezialisten zu den lukrativsten auf dem Arbeitsmarkt", sagt Bastian Pauly vom Bitkom. Die regelmäßigen Erhebungen durch den Freelancer-Kompass gehen von einem in der IT-Branche üblichen Stundensatz von rund 80 Euro aus. Wer das Jahr hindurch arbeite, könne ein Jahreseinkommen von 100.000 Euro erreichen, sagt Pauly. Im direkten Vergleich betrage das durchschnittliche Gehalt eines Angestellten in der IT-Branche laut Statistiken rund 43.000 Euro.

Um langfristig auf dem Arbeitsmarkt mithalten zu können, ist allerdings die Eigeninitiative der Freiberufler gefragt.

Anforderungen an Freiberufler sind heute groß

Den Trend zu mehr Freiberuflichkeit in IT-Berufen beobachtet Matthias Teichmann schon einige Jahre. Er arbeitet seit fast 20 Jahren als Marktforscher und Analyst. Schon als er im Jahr 2000 begann, boomte die Branche; Stichwort New Economy. "Und seitdem wird auch vom IT-Fachkräftemangel gesprochen", erzählt er. "Es ist nichts, was sich erst seit zwei, drei Jahren auf den IT-Freiberuflermarkt auswirkt." Allerdings seien die Anforderungen an Freiberufler derzeit besonders groß.

"Voraussetzung für den Erfolg der IT-Freiberufler ist, dass sie sich auf die richtigen IT-Projektfelder einrichten", sagt Teichmann. Sie müssen es also schaffen, sich trotz vieler Projekte weiterzubilden und Trends frühzeitig zu erkennen. "Das betrifft IT-Skills, aber auch die Herangehens- und Arbeitsweisen." Bastian Pauly vom Bitkom befürchtet, dass aber genau hier ihre große Gefragtheit den Freiberuflern schaden könnte: Wenn sie nämlich vor lauter Erfolg ihre eigene berufliche Fortbildung verpassen.

Bei der Arbeit weiterbilden

Edgar Warnking, der sich vor zehn Jahren als DevOps- und Software-Entwickler selbständig gemacht hat, sieht diese Gefahr als nicht sehr groß an: "Natürlich hat man als Freiberufler Zeit. Wenn man will, sogar viel, und in der kann man sich fortbilden", sagt er. Nur müsse das eben in Eigenregie und auf eigene Kosten passieren. Bei der komplexen und volatilen Materie sei eine große Portion Training "on the job" ohnehin Standard, aber: "Ob man am Ball bleibt, hängt in der IT oft vom persönlichen Engagement ab."

Auch der Freiberufler Klaus Adelmann verneint die Frage, ob es Freiberuflern an Zeit für die Weiterbildung fehle. Zumindest für gut bezahlte IT-Fachkräfte gelte das nicht, sagt er. Er selbst habe bei der freiberuflichen Arbeit zum Beispiel viel über Testautomatisierung oder agiles Arbeiten gelernt, erzählt er. "Man hat dann zwar kein Zertifikat, dafür aber konkrete Praxiserfahrung."

Voraussetzung sei jedoch, dass man als Freier die Bereitschaft mitbringe, auch nach Feierabend hin und wieder Fachliteratur in die Hand zu nehmen. "Ohne diese Bereitschaft geht es nicht, denn wenn einem Freien die Kompetenzen fehlen, wird sich der Auftraggeber schneller von ihm trennen", sagt Adelmann.

IT-Jobs wandern ins Ausland

Zudem müssen Selbstständige ohne großes, aktuelles Wissen und starke Fachgebiete in höherem Maß mit Anbietern aus dem Ausland konkurrieren. Denn Outsourcing von Standard-IT-Leistungen ist als Option in den Unternehmen allgegenwärtig. Für eine Studie befragte die Unternehmensberatung Axxcon 200 Geschäftsführer, CIOs, IT-Leiter und Sicherheitsbeauftragte aus Unternehmen mit mindestens 500 Mitarbeitern. Sie nutzen die Auslagerung, um Geld zu sparen.

Darüber hinaus sehen sie darin aber auch eine Möglichkeit, auf den Fachkräftemangel zu reagieren. "Inzwischen spielt auch der demografische Wandel eine Rolle", sagt Stefan Wendt, Partner bei der Microfin-Unternehmensberatung. "Insbesondere bei mittelständischen Unternehmen beobachten wir schon seit Längerem eine Trendwende: Der Mittelstand öffnet sich vor allem wegen des Fachkräftemangels dem Thema IT-Outsourcing."

Das kann auch aus Sicht derer Sinn ergeben, die eigentlich daran interessiert sind, möglichst viele Jobs in Deutschland zu halten. So sagt Kaya Taner, der Tech-Jobs in Deutschland vermittelt: "Wenn man ein komplett neues Produkt will, das in sich geschlossen ist, kann man das gut outsourcen und in einer Agentur herstellen lassen."

Doch nicht jeder Job könne gut extern vergeben werden. "Wenn man die Technologie als Kern des Unternehmens versteht, um damit wettbewerbsfähig zu sein, wie im Internet of Things oder wenn es um Anbindungen in der Automobilbranche geht, dann lässt sich das nicht einfach outsourcen", sagt Taner. Man könne sich aber gezielt Freelancer in bestehende Teams holen, um ein gewisses Know-how dazuzugewinnen. Freiberufler, gerade aus dem KI-Bereich, sind also begehrte Anschubhilfe, um das Wissen auch in den Unternehmen zu verbreiten.

Weder Freie noch Outsourcing lösen den Fachkräftemangel

So attraktiv die Jobaussichten für IT-Fachkräfte auch sind und so viel auch ins Ausland outgesourct wird: Das Problem des Fachkräftemangels ist dadurch nicht gelöst. Derzeit sind in Deutschland etwa eine halbe Million Stellen in MINT-Berufen unbesetzt - neben den Informatikern gehören dazu Naturwissenschaftler, Ingenieure und IT-Fachkräfte.

Bis 2021 benötigt Deutschland durchschnittlich 258.600 neue MINT-Fachkräfte pro Jahr, damit die Arbeit erledigt werden kann. Ab 2027 müssten es 287.000 sein, hat das Institut der deutschen Wirtschaft (iwd) ermittelt (PDF). Das iwd fordert deshalb "eine Stärkung der dualen Ausbildung, gezielte Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte und die Verbesserung der MINT-Bildung in Schulen".

Letztlich wird es wohl eine zielgerichtete Zuwanderungspolitik und Bildungsinvestitionen brauchen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Denn angesichts der demografischen Entwicklung verschärft sich die Situation weiter. Taner von Honeypot meint: Würde sich Deutschland mehr ausländischen IT-Spezialisten öffnen, gäbe es keinen Mangel. "Lokal gibt es in Deutschland einen Mangel an IT-Spezialisten, global nicht wirklich", sagte er kürzlich Heise.de. Wenn sich ein deutsches Unternehmen internationalen Mitarbeitern öffne, könne es vakante IT-Positionen auch besetzen.

Doch dem steht nach Meinung aller befragten Experten noch die deutsche Unternehmenskultur entgegen, die stark auf die deutsche Sprache ausgerichtet ist. "Man muss sich öffnen. Die innovativen Tech-Firmen in Hamburg, München und Berlin haben verstanden, dass man sonst niemanden gewinnen kann. In den Mittelstandsfirmen oder in den größeren Konzernen, die sich auch langsam modernisieren, ist die Firmenkultur noch sehr deutschsprachig", sagt Kaya Taner. Aber dort seien bereits erste vielversprechende Schritte zu sehen, indem in Innovation Hubs oder einzelnen Projekten Englisch als gemeinsame Sprache eingeführt werde.

"Deutschland ist nach wie vor kein Einwanderungsland. Es ist nie gelungen, in großem Stil internationale IT-Fachleute nach Deutschland zu locken", sagt auch Analyst Matthias Teichmann. Die USA, Kanada, Großbritannien oder Australien strahlten da eine andere Faszination aus. "Ab 2020 wird das Einwanderungsgesetz in Kraft treten. Mal schauen, welche Anreize es geben wird."

 (ako)


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