Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/super-mario-maker-2-co-vom-spieler-zum-gamedesigner-1907-142365.html    Veröffentlicht: 15.07.2019 09:06    Kurz-URL: https://glm.io/142365

Super Mario Maker 2 & Co.

Vom Spieler zum Gamedesigner

Dreams, Overwatch Workshop und Super Mario Maker 2: Editoren für Computerspiele werden immer mächtiger, inzwischen können auch Einsteiger komplexe Welten bauen. Ein Überblick.

Gute Nachrichten: Super Mario Maker 2 kommt auf die Playstation 4! Und nein, Nintendo und Sony haben nicht überraschend ihre Konzernfusion bekanntgegeben. Dass nun auch Playstation-Besitzer Level für den schnauzbärtigen Klempner bauen können, haben sie vielmehr einem User namens Claptrap9 zu verdanken. Der ist offenbar erst 14 Jahre alt und hatte die glorreiche Idee, Super Mario Maker 2 im Playstation-Actionspiel Little Big Planet 3 nachzubauen. Ein Level-Editor im Level-Editor sozusagen. Mit dem man dann womöglich wieder neue Level-Editoren bauen könnte ...

Das Beispiel zeigt zweierlei: Erstens kennt die Kreativität der Community keine Grenzen. Und zweitens werden dieser Kreativität auch immer weniger Grenzen gesetzt. Klar, Modding von Computerspielen ist kein neues Phänomen, auch Level-Editoren gibt es schon lange und zuhauf. Bereits in den 1980ern erschienen sogenannte Construction Sets, mit denen Level und ganze Games gebaut werden konnten.

Und welcher Doom-Fan erinnert sich nicht mit nostalgischer Freude an die zahlreichen Editoren, mit denen man neue Wads zusammenzimmern konnte? Längst haben Spielefirmen begriffen, dass von Usern erzeugter Content die Lebenszeit ihrer Titel massiv verlängern kann und es deshalb Sinn macht, die Voraussetzungen dafür zu schaffen.

Mit Minecraft wurden nutzergenerierte Inhalte endgültig zum Mainstream, die Nutzer bauten alles - vom Todesstern bis zum Kontinent Westeros. Landmark (Sony) und Project Spark (Microsoft) versuchten, die Bau-Begeisterung auf die Konsolen zu transportieren, scheiterten aber unter anderem daran, dass die beiden Editoren keine starken Marken im Rücken hatten.

Sehr viel besser machten es Little Big Planet und das erste Super Mario Maker: Spieler schufen in ihnen teils brillante Werke, darunter voll funktionsfähige Computer und ein Remake von Final Fantasy 7.

Heute leben kreative Spieler in geradezu paradiesischen Zeiten. Ende Juni hat Nintendo den Super Mario Maker 2 herausgebracht, Sonys Spielewerkstatt Dreams ist bereits seit Mitte April 2019 im Early Access und auch Blockbuster wie Fortnite und Overwatch besitzen einen Editor. In unserem Special stellen wir kurz deren Stärken und Schwächen vor, was Zugänglichkeit, Bedienbarkeit und kreative Offenheit betrifft.

Super Mario Maker 2 (Nintendo Switch): Klempnern mit Mario

Die Stärke von Super Mario Maker 2 liegt in der schier unendlichen Variation des Wohlbekannten. Wie schrieb schon The Verge sehr treffend anlässlich des ersten Teils? "Das Bauen von Leveln in Super Mario Maker ist, als ob man eine Sprache lernt, von der man schon die meisten Vokabeln kennt." Gerade aus dieser Grundvertrautheit heraus lassen sich Bausteine, Gegner und Effekte virtuos zu etwas Neuem kombinieren. Mit der Neuauflage ist das Ganze noch etwas virtuoser geworden.

Zu den besten neuen Funktionen zählen Abhänge, flutbare Level, vertikale Parcoursverläufe sowie das Vorgeben bestimmter Erfolgsbedingungen. Man kann jetzt etwa festlegen, dass Spieler nicht einfach nur das Levelziel erreichen, sondern auch eine bestimmte Anzahl Gegner besiegen oder Münzen sammeln müssen. Auch der neue An-Aus-Knopf kommt mittlerweile in so vielen Levels zum Einsatz, dass man sich fragt, warum es ihn nicht schon früher gegeben hat.

Natürlich ist die Variation des Bekannten auch ein Nachteil, weil sie bestimmte Designideen einfach nicht zulässt. Beispielsweise kann man weder Figuren selbst modellieren noch wirklich neue 3D-Welten erschaffen. Mit anderen Worten: Super Mario Maker 2 ist kein offenes Gamedesign-Tool, sondern ein - wenn auch sehr hübscher - Walled Garden. Theoretisch könnte man in Dreams oder Little Big Planet 3 ein Super-Mario-Level bauen - aber eben nicht umgekehrt.

Was Nintendo am Unterhaltsamsten hinbekommt, ist die Heranführung der Nutzer an die Materie. Zum einen umfasst das Tutorial eine Reihe gut gemachter Videos, die jeden Aspekt der Levelgestaltung beleuchten. Zum anderen lassen sich die Level im Kampagnenmodus on-the-fly editieren: Wer an einer bestimmten Stelle nicht weiterkommt, fügt einfach ein hilfreiches Element - einen Pilz, einen Stern oder Ähnliches - hinzu. Das schärft das Verständnis dafür, wie ein Level funktioniert und an welchen Stellschrauben gegebenenfalls gedreht werden muss: Learning by Playing sozusagen.

Nintendo Switch; rund 50 Euro

Dreams, Overwatch Workshop und Fortnite Creative

Dreams: Das mächtigste Werkzeug

Das britische, zu Sony gehörende Entwicklerstudio Media Molecule (Little Big Planet 1 bis 3) hat sich für Dreams ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Mit dem Editor sollen User wirklich jedes Game erschaffen können. Der Creator Early Access ist seit dem 10. April 2019 im Playstation Store erhältlich. Eine handlungsbasierte Kampagne fehlt noch, soll aber nachgereicht werden. Ähnlich wie Super Mario Maker 2 setzt Dreams auf das Teilen und Remixen der nutzergenerierten Inhalte: Im sogenannten Dreamiverse können Spieler nicht nur ganze Games, sondern auch einzelne Elemente (Figuren, Landschaftsteile, Sounds etc.) zur Verfügung stellen.

Die Datenbank ist nach Stichworten durchsuchbar, teilweise fehlt es dennoch an Übersichtlichkeit. Der Einstieg ins Leveldesign ist anspruchsvoller als bei Super Mario Maker 2 - was natürlich auch daran liegt, dass Dreams viel mehr Möglichkeiten bietet.

In einigen grundlegenden Tutorialvideos lernen wir, wie man Würfel, Dreiecke oder Kugeln anlegt, bestehende Körper im Freihandmodus erweitert und organisch wirkende Landschaften gestaltet. Weitere Videos widmen sich Triggern - etwa dem Absenken einer Zugbrücke per Knopfdruck - und dem Einbinden externer Kreationen.

Dreams bettet diese Aufgaben in ein Minispiel ein: Mit unserem Wichtel-Avatar müssen wir jedes Mal eine Plattform erreichen, auf der ein Wichtelkollege wartet. Das macht die Tutorialbüffelei etwas spielerischer, gleichwohl dürfte Dreams gerade auf Einsteiger etwas einschüchternd wirken. Reichlich Motivation liefern die Games, die User bereits in den ersten Monaten geschaffen haben. Kostproben gibt es auf Youtube (hier ein weiteres Beispiel). Beeindruckend ist auch ein HD-Remake von Metal Gear Solid, das User Bearskopff mit Unterstützung anderer Gamer geschaffen hat .

Die Beispiele zeigen, welch enormes Potenzial in Dreams steckt. Allerdings muss Media Molecule in den kommenden Monaten nachlegen, will es die User auch weiterhin zufriedenstellen. Einiges fehlt noch, darunter unter anderem Unterstützung von Maus und Tastatur, Tutorials und Masterclasses für bestimmte Genres, weitere Templates und bessere Suchfunktionen. Wenn Media Molecule hier liefert, ist Dreams auf dem besten Weg, das einflussreichste Spielemacher-Spiel aller Zeiten zu werden.

Playstation Store; rund 30 Euro (nur Download, Early Access)

Overwatch Workshop: Der Baller-Bastler

Der Script Editor für den Shooter-Blockbuster kam selbst für eingefleischte Fans überraschend. Zwar hatte sich die Overwatch-Community schon lange einen Map Editor gewünscht, war von Blizzard aber immer wieder vertröstet worden. Der im April 2019 veröffentlichte Workshop ist ein noch mächtigeres Werkzeug: Spieler können darin eigene Multiplayermodi mit komplexen Regeln erstellen und sogar debuggen.

Der Editor ist für Windows-PC, Playstation 4 und Xbox One verfügbar; User können ihre selbstentwickelten Scripts auch plattformübergreifend teilen. Auf Programmier-Laien wirken die Rulesets reichlich trocken und abstrakt, doch wer sich die Youtube-Anleitungen engagierter Overwatchler (ein Beispiel) anschaut, wird schnell Geschmack am Experimentieren finden.

Die Möglichkeiten des Editors sind jedenfalls gewaltig, das zeigen die Custom Games, die bereits erschaffen wurden. Ein brennender oder eisglatter Levelboden ist da noch eine vergleichsweise leichte Übung. Andere Games imitieren Super Smash Bros, inszenieren Dogfights im Weltraum oder verwandeln Overwatch in ein Battle-Royale-Game. Schade nur, dass Blizzard nicht den Import von Assets erlaubt.

Windows-PC, Playstation 4 und Xbox One; kostenlos

Fortnite Creative: Bauen auf der Insel

Das Battle-Royale-Flaggschiff Fortnite segelt nach wie vor auf einer sagenhaften Erfolgswelle. Dennoch hat Epic bereits vorgesorgt, um Spieler auch künftig bei Laune zu halten: Seit Dezember 2019 gibt es den Editor Fortnite Creative, in dem sich die Nutzer auf einer Privatinsel schöpferisch austoben können. Bis zu 16 Spieler dürfen anschließend ausprobieren, ob die Kreationen auch spielerisch etwas taugen.

Fortnite Creative orientiert sich stark an Minecraft und soll sich sogar zum Konkurrenten des Klötzchenspiels mausern. Epic fördert das Ganze seit April mit einem wöchentlichen Preisgeld-Turnier. Die bisherigen Maps - vom Portal-Klon über den Skatepark bis zum Bowser-Schloss - wissen durchaus zu beeindrucken.

Windows-PC, Playstation 4 und Xbox One; kostenlos

 (afe)


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