Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/filmkritik-apollo-11-echte-mondlandung-als-packende-kinozeitreise-1907-142259.html    Veröffentlicht: 05.07.2019 09:27    Kurz-URL: https://glm.io/142259

Filmkritik Apollo 11

Echte Mondlandung als packende Kinozeitreise

50 Jahre nach Apollo 11 können Kinozuschauer das historische Ereignis noch einmal miterleben, als wären sie live dabei - in Mission Control, im Kennedy Space Center, sogar auf der Mondoberfläche. Möglich machen das nicht etwa moderne Computereffekte, sondern kistenweise wiederentdeckte Filmrollen.

Jeder Golem.de-Leser wird sich noch an die Liveübertragung der ersten bemannten Mondlandung erinnern oder zumindest die einschlägigen Fotos und Dokumentationsfilme kennen. Mit all dem hat der Kinofilm Apollo 11 allerdings nur das historische Thema gemein. Anhand unverbrauchter Perspektiven, authentischer Klangkulisse und hochwertig restaurierter 70-mm-Aufnahmen versetzt er Zuschauer nicht nur überzeugend ins Jahr 1969 zurück, sondern bringt sie auch ganz nah an die vielen Protagonisten der Apollo-11-Mission heran, die nicht an Bord der Eagle waren.

Da sind die Techniker, die vor dem Start fieberhaft ein defektes Ventil reparieren. Voll besetzte Pulte in der Hauptzentrale Mission Control, an denen wir Reihe für Reihe vorbeiwandern. Oder schlicht Aufpasser, die beim Einfahren der Saturnrakete mit prüfenden Blicken und stoischer Ruhe vor den monströsen Raupenrädern hergehen. In diesen Bildern wird uns nicht nur die immense Dimension der Apparaturen und des ganzen Vorhabens Mondlandung vermittelt, sondern auch, wie viele Köpfe und Hände tatsächlich für jeden noch so kleinen Schritt dieser Mission nötig waren, deren Mittel und Gelder zu diesem Zeitpunkt bekanntlich längst stark gekürzt wurden.

Dass 1969 in Zusammenarbeit mit dem Filmstudio MGM dennoch Budget für ausführliche Dreharbeiten im damals hochwertigsten Großformat möglich war, wurde im Jahr 2017 zum Glücksfall für Regisseur Todd Douglas Miller. Auf Anfrage nach Archivaufnahmen für ein CNN-Filmprojekt bot ihm die amerikanische National Archives and Records Administration (Nara) zu seiner Überraschung jenes Filmmaterial an, das einst für den 1972 erschienenen Imax-Kinofilm Moonwalk One gedreht, darin nur teilweise verwendet und seitdem schlichtweg vergessen worden war.

168 Rollen Panavision-70-mm-Film von mehreren Apollo-Missionen, dazu 18.000 Stunden Mission-Control-Funksprüche auf 30 Kanälen - solche Mengen Material überhaupt zu sichten, ist ein Unterfangen, das die Nara selbst logistisch nicht bewältigen konnte. Darüber hinaus fehlte es an technischer Ausstattung und Know-how, um das analoge Filmmaterial und die Tonspuren qualitativ hochwertig zu digitalisieren. Miller und sein Team übernahmen diese Aufgaben, wandten sich für die Videotechnik an das Post-Produktions-Unternehmen Final Frame aus New York und holten sich Unterstützung von dem Tonexperten Ben Feist, der für eigene Projekte schon Software zur Audiorestauration alter Nasa-Aufnahmen entwickelt hatte.

Dass gar nicht mal so wenige der besonders interessanten 70-mm-Szenen aus Apollo 11 auch schon in Moonwalk One zu sehen waren, ist nicht schlimm. Bildschärfe und farbliche Klarheit der neu restaurierten Version lassen die Aufnahmen viel echter wirken. Das stellt besonders bei Halbtotalen von Astronauten, Nasa-Mitarbeitern und Schaulustigen ein ganz neues, nahbares Seherlebnis dar, wo vorher der Look einer veralteten Fernsehdokumentation vorherrschte. Die Anspannung des gesamten Teams, das Staunen der Menschen am Flugfeld beim Start - fasziniert nehmen wir jedes Blinzeln wahr. Und die Tatsache, dass sich der allgemeine Modegeschmack seit 1969 offensichtlich stark verändert hat.

Filmrollen aus der Konserve, Spannung bleibt frisch

Auf überstilisiertes Hollywood-Color-Grading verzichtet Apollo 11 glücklicherweise genauso wie auf den Versuch, die typische Farbcharakteristik des Originalmaterials, ganz besonders bei Hauttönen, komplett wegzukorrigieren. So bleibt ein Hauch Nostalgie, als kleine Erinnerung, dass wir eigentlich gerade in die Vergangenheit blicken. Für den Mittelteil des Films, wenn sich die Astronauten im Weltraum und auf dem Mond befinden, gilt das sowieso. Hier konnte Miller in manchen Momenten nur auf das von der Crew mitgebrachte 16-mm-Material und einige Fotos zurückgreifen, deren Bildqualität nicht nur im direkten Vergleich mit den 70-mm-Aufnahmen oft unter Belichtungsproblemen, Rauschen und Unschärfe leidet. Oder sind es eben die üblichen Weltraumaufnahmen in Außenperspektive, wie wir sie so ähnlich schon sehr oft gesehen haben.

Trotzdem ist auch dieser Teil von Apollo 11 absolut sehenswert. Denn neben den - zwar immer noch begeisternden, aber doch schon ziemlich bekannten - Bildern von der Mondlandung gibt es noch die ständige Interaktion zwischen Mission Control und den Astronauten. Nicht nur Funksprüche im Hintergrund zu hören, sondern den Capcom (Capsule Communicator) auf der Erde synchron dazu sprechen zu sehen, trägt enorm zum packenden Gefühl bei, die ganze Mission gerade noch einmal live mitzuerleben. Im Splitscreen verfolgen wir Grafiken über Flugbahnen oder Gesundheitswerte der Crew auf Monitoren passend zum Gesprochenen - der Detailgrad und die Ruhe der Montage gehen so weit, dass wahre Nerds aufleuchtende Anzeigen im Bild mit Sicherheit schon vor den Protagonisten entdecken und dann befriedigt beobachten, wie sie als Reaktion darauf genau die richtigen Knöpfe auf den wunderbar gefilmten Armaturen drücken.



Wo manch anderer Film mit vielen Schnitten und Wackelkamera künstlich Spannung erzeugen würde, lässt Miller Einstellungen besonders dann lange stehen, wenn das Geschehen für sich selbst ohnehin schon sehr spannend ist. Auf die Spitze treibt er dies bei der tatsächlichen Mondlandung, wo er uns minutenlang ohne Schnitt nur die nach unten gerichtete Außenkamera der Eagle-Raumkapsel zeigt. Obwohl der Ausgang bekannt ist, halten wir nicht zuletzt aufgrund der Funksprüche im Hintergrund den Atem an, wenn sich die Geschehnisse überschlagen und Neil Armstrong mit manueller Steuerung einen anderen Landeplatz ansteuern muss.

Überhaupt ist die Klangkulisse ein guter Grund, für Apollo 11 ins Kino zu gehen. Neben Nasa-Funksprüchen und Umgebungsgeräuschen der Originalaufnahmen fügt sich der experimentelle Soundtrack von Matt Morton geradezu hypnotisch ein, ohne sich aber ständig in den Vordergrund zu spielen. Um den authentischen Ansatz des Films zu wahren, hat der Musiker eigenen Angaben zufolge nur mit Synthesizern, Geräten und Instrumenten gearbeitet, die spätestens im Jahr der Mondlandung hergestellt wurden.

Die Geschichte erzählt sich selbst

Bei ihrer streng linearen Erzählweise zeigen Todd Douglas Miller und Archivar Stephen Slater, die gemeinsam an Schnitt und Konzept gearbeitet haben, chronologisch den Ablauf der Ereignisse vom Morgen des 16. Juli bis zur Willkommensparade in Chicago am 13. August 1969. Was sie von den meisten anderen Dokumentationen abhebt, ist der Ansatz, das Originalmaterial für sich selbst sprechen zu lassen - also auf nachgestellte Szenen, Interviews oder einen nachträglich geschriebenen Kommentar aus dem Off zu verzichten. Einzig historische Aufnahmen, etwa von den US-Präsidenten John F. Kennedy und Richard Nixon oder der Nachrichtenikone Walter Cronkite, der die Mondmission damals live kommentiert hat, liefern etwas gesprochenen Kontext.

In ganz wenigen Momenten bricht Miller mit seinem Konzept, uns als Zuschauer wie nüchterne Zeitzeugen mitten im Geschehen zu behandeln. Etwa am Anfang, wenn er während letzter Checks vor dem Abflug Familienfotos von Armstrong und Co. übers Bild einblendet. Gerade in diesen Sekunden war die offene Frage "Was denken sie wohl gerade?" für uns Zuschauer das eigentlich Interessante. Damit und mit dem unverdeckten Blick auf die Männer in Raumanzügen, die sich gleich auf ihre riskante Mondmission begeben, wären wir gerne alleine gelassen worden. Eine künstlerische Interpretation der Gefühlswelt von Neil Armstrong haben wir ja unter anderem schon im letztjährigen Hollywood-Film Aufbruch zum Mond zur Genüge geboten bekommen - den wir als Ergänzung zur Doku an dieser Stelle übrigens tatsächlich durchaus empfehlen wollen.

Ob es an anderer Stelle unbedingt nötig gewesen wäre, Aufnahmen vorangegangener Nasa-Missionen wie Apollo 8 zu nutzen, wo passendes Material fehlte, darüber lässt sich streiten. Zumal der Film andere Lücken mit Retroanimationen im Stile von Atari-Klassikern wie Lunar Lander schließt, was wir weitaus charmanter finden. Die Grafiken wurden übrigens bewusst als Hommage an ähnliche Sequenzen aus dem Vorgängerfilm Moonwalk One so gewählt.



Ein reiner Triumph

Im Großen und Ganzen gelingt es Regisseur Miller mit Apollo 11 trotzdem meisterhaft spannend, eines der wichtigsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte authentisch und durchweg faszinierend zum Leben zu erwecken. Viel wichtiger noch ist sein Beitrag, diese einmaligen Film- und Tonaufnahmen, auch abseits des letztendlich verwendeten Materials, für die Nachwelt zu erhalten und zu katalogisieren. Handwerklich beeindruckt uns besonders, dass die gesamte Mission im Film zwar auf rund eineinhalb Stunden komprimiert wurde, es aufgrund des nie ablassenden Spannungsbogens aber nur wenige spürbare, offensichtliche Zeitsprünge in der Nacherzählung gibt.

Geschichte als sehr fokussiertes Erlebniskino hat jedoch eine große Schwäche, besonders wenn sich ein Film nur auf den Moment des Triumphs beschränkt. Jeglichen Kontext zu den politischen Hintergründen rund um das Space Race zwischen den USA und der Sowjetunion müssen Zuschauer selbst mitbringen. Ebenso wie ein Bewusstsein für die vorangegangenen Rückschläge und Todesopfer der Raumfahrt, im Speziellen des Apollo-Projekts, ohne die es die feierlichen Pressekonferenzen und Paraden aus dem Abspann von Apollo 11 vielleicht nie gegeben hätte. Wer dieses Wissen als Zuschauer nicht hat, sieht zwar 93 Minuten wiedererweckte Menschheitsgeschichte, beinahe zum Anfassen authentisch restauriert, verliert aber dennoch die Realität aus den Augen.

Apollo 11 startet am 7. Juli 2019 in Deutschland und wird auch als Imax-Version gezeigt. Ben Feist hat parallel zu seiner Mitarbeit an der Audiorestauration des Films ein interaktives Apollo-11-Onlineprojekt gestartet, auf das wir ebenfalls hinweisen möchten.  (dp)


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