Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/upbus-ein-e-bus-der-faehrt-und-schwebt-1907-142256.html    Veröffentlicht: 24.07.2019 09:59    Kurz-URL: https://glm.io/142256

Upbus

Ein E-Bus, der fährt und schwebt

Neue Lösung für den städtischen Verkehr: Ein autonomer Bus rollt abwechselnd über die Straße oder ist als Seilbahn unterwegs. Eine Kupplung, entwickelt für Satelliten, macht den schnellen Wechsel möglich.

Um von einem Ort zum anderen zu kommen, nutzen die meisten Menschen immer noch das eigene Auto. Gerade in Städten ist das oft ein Problem: verstopfte Straßen, Staus, schlechte Luft. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es zwar einige, der so genannte motorisierte Individualverkehr macht aber immer noch den größten Teil des Personentransports aus. Um Städte von dieser Art des Individualverkehrs zu entlasten, könnte man mehr U-Bahnen oder Straßenbahnen bauen. Erstere sind aber extrem teuer und für Letztere fehlt oft der Platz, vor allem in historischen Innenstädten wie der von Aachen. Dort, in Deutschlands westlichster Großstadt, ist nun eine Idee entstanden, die das Problem lösen könnte: eine Kombination aus autonom fahrendem Elektrobus und einer Seilbahn.

35 Fahrgäste sollen in das Gefährt passen, das sich Professor Kai-Uwe Schröder und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Tobias Meinert ausgedacht haben. Beide arbeiten am Institut für Strukturmechanik und Leichtbau (SLA) der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. In der dortigen Werkstatt entstand ein verkleinertes Holzmodell, das auf Messen wie der Internationalen Automobilausstellung im September in Frankfurt am Main präsentiert werden soll.

Wechsel von der Straße zum Seil ohne Stopp

Eine Fahrstrecke könnte zum Beispiel so aussehen: Die Fahrgäste steigen an Aachens Hauptbahnhof in den Bus. Der bringt sie zur 500 Meter entfernten Seilbahnstation. In die rollt das Fahrzeug langsam hinein und fährt eine Kupplung aus, die im Dach versteckt ist. Das Gegenstück befindet sich am Drahtseil der Bahn. Die Geschwindigkeit wird synchronisiert und die Kupplungsteile vereinigen sich. Nach wenigen Metern schwebt der Bus seinem Ziel entgegen. Das Fahrgestell samt Batterien bleibt in der Seilbahnstation zurück, um aufgeladen zu werden.

Am Ziel angekommen wird der Bus auf ein neues Fahrgestell gesetzt und vom Seil abgekoppelt. Den Rest des Weges legt er auf der Straße zurück, "am besten auf einer eigenen Spur", sagt Meinert im Gespräch mit Golem.de. Die Kombination von Bus und Seilbahn ist nötig, um sehenswerte Innenstädte nicht zu verschandeln. "Man kann die Seilbahn doch nicht am Dom oder am gotischen Rathaus der Stadt Aachen vorbeiführen", sagt Meinert. Die Seilbahn soll zentrale Punkte, etwa große Vororte oder Nachbargemeinden, ansteuern. Die Feinverteilung findet auf der Straße statt.

"Seilbahnen sind das mit Abstand sicherste Verkehrsmittel", erklärt Schröder. Zudem seien die Investitionskosten vergleichsweise gering und das System könne flott erweitert werden. "Tragmasten sind schnell aufgestellt."

Der Upbus, wie die Forscher ihr Konzept nennen, soll im 30-Sekunden-Takt verkehren. Dann hat er eine Kapazität von 4.000 bis 6.000 Personen pro Stunde und Richtung. Als Bus käme eine vergrößerte Version des e.Go Mover in Frage, der von einem Spin-off der Hochschule entwickelt wurde. Doch so konkret ist die Planung noch nicht. Seilbahnen, auch horizontal verkehrende, werden von Unternehmen wie Leitner in Italien und Doppelmayr in Österreich hergestellt. Da müsste also nichts neu entwickelt werden.

iBoss für kleine würfelförmige Satelliten

Die Idee für den Upbus kommt aus einem anderen Projekt: iBoss ist eine Kupplung für Satelliten, die von mehreren deutschen Instituten, darunter das SLA, entwickelt wurde. Sie ist rund und so dick wie ein Essteller. Sie überträgt Lasten, Strom, Daten und Wärme, und soll würfelförmige Kleinsatelliten im Weltraum sekundenschnell miteinander verbinden. Jeder der Satelliten hat in der Regel nur eine einzige Aufgabe, etwa spezielle Bilder von der Erdoberfläche aufzunehmen. Gemeinsam vereinen sie in sich alle Funktionen von manchmal tonnenschweren Satelliten.

Der Vorteil des modularen Aufbaus: Wenn einer der Würfel auf seiner Reise um die Erde ausfällt, lässt er sich durch einen anderen ersetzen. "Wenn eine Komponente eines heutigen komplexen Satelliten ausfällt, ist möglicherweise das gesamte Gerät funktionsuntüchtig", sagt Meinert. Dann sind schnell ein paar 100 Millionen Euro futsch.

"Wir haben überlegt, wie man die Kupplung auf der Erde nutzen könnte", sagt Meinert. "So kamen wir auf den Upbus." Bis 2023 soll eine Teststrecke aufgebaut werden, auf welcher der Upbus verkehrt und tatsächlich Fahrgäste befördert.  (wke)


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