Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/valve-vs-riot-games-kampf-um-das-naechste-grosse-spieleding-1906-142198.html    Veröffentlicht: 27.06.2019 16:47    Kurz-URL: https://glm.io/142198

Valve vs Riot Games

Kampf um das nächste große Spieleding

Vorbild Fortnite: Im Rekordtempo haben Valve und Riot Games (League of Legends) ihre eigene Version von Auto Chess programmiert - in der Hoffnung, mit Dota Underlords und Teamfight Tactics rasch Milliarden zu verdienen. Golem.de hat die beiden Spiele ausprobiert und zeigt sie im Video.

Unser kleiner süßer Steingolem steht auf verlorenem Posten. Seine Kampfgefährten sind gefallen, nun prügeln drei schwertschwingende Drachenritter auf ihn ein. In Dota Underlords können wir dem Steingolem nicht helfen: Die Kämpfe im neusten Spiel von Valve laufen bis zum Sieg oder der Niederlage automatisch ab. Vor allem deshalb heißt das neue Genre auch Autochess (der Verweis auf Schach folgt aus dem Spielfeld) oder Autobattler - so richtig durchgesetzt hat sich noch keiner der Begriffe in der Community.

Das dürfte sich bald ändern, denn mit Valve und Riot Games setzten zwei der bekanntesten Großstudios mit voller Kraft auf das Spiel mit den automatisch ablaufenden Partien. Das Tempo erinnert an Battle Royale, und da insbesondere an Fortnite: Epic Games hatte nach dem Auftakterfolg von Playerunknown's Battlegrounds (Pubg) mit ungeheurem Tempo ein eigenes Spiel in den Markt gedrückt und damit nur wenig später Milliardenumsätze erzielt.

Besonders überraschend ist, dass ausgerechnet Riot Games mitspielt: Das kalifornische Entwicklerstudio hat - von einigen Minigames abgesehen - bislang nur ein einziges Spiel auf den Markt gebracht, nämlich 2009 das extrem erfolgreiche League of Legends. In diesen Tagen erscheint weltweit das zweite Game, nämlich Teamfight Tactics. Das ist direkt über den kostenlosen Client von League of Legends für Windows-PC und MacOS erhältlich und nutzt dessen Helden, ist davon abgesehen aber ein eigenständiges Spiel.

Es ist gut denkbar, dass sich entweder Dota Underlords oder Teamfight Tactics nach dem Muster "the winner takes it all" durchsetzt. Ebenso scheint denkbar, dass sich beide Games ungefähr gleichstark im Markt etablieren. Derzeit ist das noch schwer abzusehen. Einen riesigen Vorteil hat Valve: Underlords ist nicht nur für Windows-PC, MacOS und SteamOS/Linux, sondern auch für mobile Endgeräte unter iOS und Android erhältlich, sogar in einer eigenen Version für Tablets und mit voller Unterstützung für Crossplay.

Der Erfinder des neuen Genres dürfte es schwer haben, langfristig zu bestehen. Die Idee für das Spielprinzip stammt vom kleinen chinesischen Entwicklerstudio Drodo, das im Januar 2019 eine Mod namens Auto Chess für das von Valve stammende Dota 2 veröffentlicht hatte. Weil Auto Chess bei Spielern enorm gut ankam, hatte Valve das Team im Februar 2019 zu sich nach Seattle eingeladen.

Nach Gesprächen über eine Kooperation beschlossen Valve und Drodo dann aber, getrennte Wege zu gehen. Es existiert noch eine lebendige Community rund um das Original, aber wegen der Marktmacht von Valve und Riot Games - und angesichts der Qualität von Dota Underlords und Teamfight Tactics selbst als Betaversion - dürften die Chinesen zumindest im Westen langfristig nicht den Hauch einer Chance haben.

Viele grundlegende Elemente haben Dota Underlords und Teamfight Tactics gemein, das Wichtigste sind die automatisch ablaufenden Kämpfe. Die Aufgabe des Spielers ist es stattdessen, ein möglichst gut aufeinander abgestimmtes Heldenteam in die Kloppereien zu schicken. Dieses Element erinnert an Sammelkartenspiele, in denen wir ein Deck mit Sammelkarten benötigen.

Allerdings wirken die Gefechte und das ganze Drumherum in den beiden Games wesentlich dynamischer und sind wegen der detailreichen, aufwendig animierten Grafiken schön anzuschauen. Es hat seinen Reiz, wenn sich in Szenen wie mit unserem Steingolem erst in den letzten Augenblicken entscheidet, welche der beiden Seiten letztlich gewinnt.

Mehr als eine Handvoll Helden...

In Dota Underlords können wir in einem bislang nur mittelprächtigen Tutorial sowie gegen Bots und gegen menschliche Onlinekonkurrenten antreten, in Team nur Online. Die Partien sind in beiden Spielen wesentlich größer als es zuerst scheint: Pro Kampf sind zwar nur zwei Opponenten beteiligt, die ganze Runde besteht in beiden Programmen aber aus acht Teilnehmern, die parallel ihre Duelle austragen (lassen). Wer mag, kann per Mausklick jederzeit zu einem anderen Match springen und zuschauen.

Bei beiden Spielen verlieren die Teilnehmer unter anderem durch Niederlagen allmählich Punkte - wer zuerst keine mehr hat, scheidet aus. Sieger ist ähnlich wie in einem Battle Royale, wer am längsten durchhält - was im Normalfall um die 30 bis 60 Minuten dauert. Ein bisschen Zeit muss man also für Matches gegen menschliche Spieler einplanen.

In Teamfight Tactics sind wir wegen der Videoaufnahmen einige Male vorzeitig ausgestiegen und wurden dann (verständlicherweise) von anderen Teilnehmern für neue Matches abgelehnt. Von diesem Problem abgesehen hat das Matchmaking aber bei beiden Titeln tadellos funktioniert.

Die wichtigste Herausforderung für uns als Spieler ist das schon genannte Zusammenstellen der Helden - das übrigens unter Zeitdruck erfolgt. Es wird Bücher geben, die sich nur damit beschäftigen: Manchmal ist eine gute Mischung aus Nah- und Fernkämpfern sinnvoller als ein Rudel Haudraufs. Dazu kommen Zauberer mit magischen Spezialfähigkeiten und weitere Besonderheiten, etwa dass drei gleiche Charaktere einen höherstufigen Charakter ergeben. Das Balancing haben wir in beiden Games als derzeit recht ausgewogen erlebt, nur im Teamfight Tactics haben Fernkämpfer momentan spürbare Vorteile.

Eine echte Besonderheit ist in Teamfight Tactics, dass es alle paar Runden in einen Spezialmodus wechselt, in dem besonders starke Champions neu verteilt werden. Wenn wir die (nicht gut erklärte) Sache richtig verstehen, geht es darum, dass sich der gerade schwächste Spieler den stärksten Kämpfer schnappen kann, damit die folgenden Partien wieder etwas ausgeglichener ablaufen.

Von derartigen kleinen und großen Details abgesehen, sind sich die beiden Titel erstaunlich ähnlich. Uns kommt derzeit Dota Underlords etwas ausgereifter und übersichtlicher vor. Die Kämpfe laufen minimal langsamer ab, außerdem ist das Schachbrettmuster immer sichtbar - wir finden es deshalb einfacher, die Stärken und Schwächen der Einheiten kennenzulernen. Wer schnelle und heftige Partien bevorzugt, ist bei Teamfight Tactics besser aufgehoben. Allerdings dürften beide Games in den kommenden Monaten noch spürbar erweitert und überarbeitet werden.

Das größte Verbesserungspotenzial sehen wir darin, wie übersichtlich die Informationen über die Helden präsentiert werden. Hier sind derzeit noch viele Klicks nötig, die bei der Auswahl der eingeblendeten Unterstützungslinien finden wir teilweise eher verwirrend als hilfreich. Allerdings lebt das Genre gerade von der Vielfalt, sodass sich eine gewisse Einarbeitungszeit für Neulinge wohl nicht ganz vermeiden lässt.

Unser kleiner Steingolem hat zwar seine erste Partie verloren, aber weil die Figuren nach jeder Partie wieder auferstehen, hat er sich seitdem mehrfach gerächt und zu einem unserer wackersten und liebsten Helden weiterentwickelt. Wir freuen uns schon auf die nächsten Kämpfe mit ihm!  (ps)


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