Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/vorwurf-von-reparaturbetrieben-google-schadet-klimaschutz-durch-werbeblockade-1906-142087.html    Veröffentlicht: 26.06.2019 07:00    Kurz-URL: https://glm.io/142087

Vorwurf von Reparaturbetrieben

Google schadet Klimaschutz durch Werbeblockade

Seit mehreren Wochen blockiert Google die Werbeanzeigen freier Reparaturbetriebe. Der "Runde Tisch Reparatur" erwartet von der EU-Kommission, aus Gründen des Wettbewerbs und Klimaschutzes gegen das US-Unternehmen vorzugehen.

Seit einigen Wochen klagen freie Reparaturbetriebe darüber, dass sie keine Werbeanzeigen mehr auf Google-Suchseiten schalten könnten. Der sogenannte Runde Tisch Reparatur sieht darin eine unzulässige Wettbewerbsverzerrung, da Hersteller und ihre autorisierten Partner weiterhin für sich werben dürfen. Er hat sich deshalb an die EU-Kommission gewandt, die Google zur Rechenschaft ziehen soll. Der Runde Tisch sieht Google als Hersteller eigener Smartphones sowie wichtiger Geschäftspartner des Smartphone-Herstellers Apple in einem Interessenskonflikt.

Google hat im August vergangenen Jahres eine Werberichtlinie vorgestellt. Sie bezieht sich auf unabhängige Anbieter von technischem Support. Demnach soll die Möglichkeit, Werbeanzeigen zu schalten, für diese Anbieter weltweit eingeschränkt werden. Als Grund nennt David Graff, der bei Google für die weltweite Produktpolitik zuständig ist, "den Missbrauch in diesem Bereich", den Google schon "seit vielen Jahren" gemeinsam mit Strafverfolgungsbehörden und anderen Behörden bekämpfe. Aufgrund betrügerischer Aktivitäten sei es "zunehmend schwierig, die schlechten Akteure von den legitimen Anbietern zu trennen". Ein Verifizierungsprogramm solle sicherstellen, dass nur "legitime" Anbieter die Werbeplattform nutzen dürfen.

Google will mit neuer Werberichtlinie Missbrauch verhindern

Im Frühjahr begann Google mit der Umsetzung seiner neuen Richtlinie, wie beispielsweise diese Supportanfrage eines Unternehmens zeigt. Demnach dürfen alle Drittanbieter von technischen Dienstleistungen an Verbraucherprodukten keine käuflichen Werbeanzeigen mehr schalten, bis ihre Seriosität geprüft ist. Die Meldung seitens Google lautet: "Werbung für Folgendes ist nicht zulässig: Durch Drittanbieter geleisteter technischer Support für Produkte und Onlinedienste im Bereich 'Verbrauchertechnologie'." Laut dem Runden Tisch Reparatur schaltet Google weiterhin die Anzeigen von Herstellern und deren autorisierten Werkstätten.

Wie der Austausch betroffener Unternehmen unter dieser Support-Anfrage zeigt, nimmt das Problem seit Mai im deutschsprachigen Raum zu. Nach Beobachtung von Franz Streibl, Autor des Ingenieur-Blogs Resumer sowie Vorstandsmitglied des Runden Tischs Reparatur sind die Bedingungen für die Freischaltung auch Monate nach der Richtlinienveröffentlichung nicht klar. Es ließen sich auch keine entscheidungsbefugten Ansprechpartner bei Google finden. Ein Betroffener berichtet, dass Google mitgeteilt habe, als "unabhängiger Dienstleister" die "Interessenkonflikte zwischen Herstellern und Drittanbietern" lösen zu wollen. Außerdem versuche Google, die Regelungen länderspezifisch durchzusetzen. Für Franz Streibl jedenfalls kommt das Vorgehen Googles einem "Werbeverbot für unabhängige Reparaturdienstleister" gleich.

Runder Tisch Reparatur sieht rechtswidriges Verhalten

Der Runde Tisch Reparatur sieht Tausende unabhängige Werkstätten und Meisterbetriebe betroffen. In einem offenen Brief wendet er sich deshalb an die EU-Kommissare für Wettbewerb und Umwelt, damit diese das mutmaßlich rechtswidrige Vorgehen von Google ahnden. Der 2015 eingerichtete Runde Tisch Reparatur setzt sich für die Förderung von Reparatur und die Belange des reparierenden Sektors ein. Der Brief wird von weiteren Organisationen wie der Association Halte à l'Obsolescence Programmée, Blitzblume, BUND, Germanwatch, Mac&Egg, Macaufrüsten, Öko-Institut und Vangerow getragen. Vangerow repräsentiert 700 unabhängige Reparaturbetriebe.

Der Runde Tisch erwartet, dass die EU-Kommission gegen die Werbeblockade vorgeht. Sie hatte anlässlich einer Geldbuße gegen Google in Höhe von 1,49 Milliarden Euro bereits einschlägige Grundsätze festgehalten: So dürfe eine marktbeherrschende Stellung nicht missbraucht werden, um den Wettbewerb auf dem beherrschten Markt oder auf anderen Märkten einzuschränken. Google sei verpflichtet, Personen und Unternehmen, die von dem wettbewerbswidrigen Verhalten betroffen sind, Schadenersatz zu leisten.

Reparaturmarkt kratzt an den Umsätzen der Hersteller

Im Schnitt nutzen deutsche Verbraucher alle zwei Jahre ein neues Smartphone. Wenn die Nutzungsdauer der Geräte dank Reparaturen und Upgrades verlängert werden kann, entgeht jedoch den Herstellern Geräte-Umsatz. Der Smartphone-Markt gilt als gesättigt, seit 2016 kämpft etwa Apple mit Absatzrückgängen. Entsprechend haben die Smartphone-Hersteller selbst großes Interesse daran, den Reparaturmarkt zu dominieren. Ein Bericht aus Australien verweist darauf, dass Google auch als Hersteller der Smartphones Google Nexus und Google Pixel ein eigenes Interesse daran hat, einen höheren Marktanteil im Reparaturgeschäft zu erzielen. Für seine Smartphones bietet Google einen Reparaturdienst und Reparaturhinweise an.

In den USA und Kanada arbeitet es dafür mit einer Reparaturdienst-Kette zusammen. In den USA sind mittlerweile in 20 Bundesstaaten Gesetzesverfahren in Gang gebracht worden, die Verbrauchern mehr Rechte in Sachen Reparatur einräumen sollen. Apple, das eine sehr strikte Reparaturpolitik verfolgt, indem es zum Beispiel durch eine spezielle Verschraubung verhindert, dass Nutzer die Batterien von Geräten nicht selbst wechseln können, soll sich massiv gegen den Vorstoß aussprechen.

Doch auch mit Geschäftsdeals versucht Apple den Reparaturmarkt zu beeinflussen: Mit Amazon einigte sich Apple laut Vice darauf, dass auf dem führenden Online-Marktplatz keine "unautorisiert" aufgearbeiteten Apple-Geräte verkauft werden sollen.

Google veröffentlichte überdies seine Reparatur-Richtlinie einen Monat, bevor es sich mit Apple im Rahmen eines 12 Milliarden US-Dollar schweren Vertrags darauf einigte, dass die Google-Suche auf Apple-Geräten für ein weiteres Jahr die Standardsuche bleiben soll. Laut einem Bericht von Fortune generiert Apple für Google massiv Traffic. Absatzeinbrüche bei Apple wirken sich damit bei Google unmittelbar umsatzmindernd aus.

Runder Tisch: Reparatursektor wichtig für Klimaschutz

Für Christine Ax, Vorstandsmitglied des Runden Tisches Reparatur, ist klar: "Google greift mit seinem Vorgehen massiv in den Markt für Reparaturen ein und gefährdet die Existenz unabhängiger Reparaturbetriebe." Sie sieht darin auch "eine Katastrophe für den Klimaschutz". Denn ohne den Reparatursektor könnten weder das Klima geschützt noch die Ressourcenschutzziele erreicht werden. Der Runde Tisch Reparatur weist zudem darauf hin, dass die Existenz der freien Reparaturwerkstätten prekär ist. Im vergangenen Jahr unterstützte er die Beschwerde eines Mitglieds beim Bundeskartellamt, das nachweisen konnte, dass Werkstätten Ersatzteile gar nicht oder nur zu überhöhten Preisen erhalten. Das Vorgehen von Google sei nun ein "weiterer Angriff auf die Existenz unabhängiger Reparaturwerkstätten", da er dazu beitrage, "das Monopol der Hersteller auf dem Reparaturmarkt durchzusetzen".

Mit seinem Vorgehen begebe sich Google in die Rolle des Marktregulierers beziehungsweise lasse sich von den Herstellern instrumentalisieren, kritisiert der Runde Tisch. "Wenn Google fast nur noch Werbung von Herstellern, Partnerbetrieben und einigen wenigen Unternehmen schaltet, findet ganz eindeutig eine Wettbewerbsverzerrung statt", sagt Christine Ax. Es gebe keinen Beleg dafür, dass es in der Reparaturbranche mehr "schwarze Schafe" gibt als in anderen Branchen. Untersuchungen der Stiftung Warentest konnten überdies nicht belegen, dass die Vertragspartner der Hersteller in Deutschland besser arbeiten als freie Werkstätten. In Deutschland sei der Anteil an Meistern und Technikern in dieser Branche sehr hoch.  (csh)


Verwandte Artikel:
Ölförderung: Wie Google, Amazon und Microsoft das Klima anheizen   
(28.02.2019, https://glm.io/139655 )
Sicherheit: Google Kalender übernimmt Termine aus Spam-E-Mails   
(24.06.2019, https://glm.io/142095 )
Werbung: AR-Lippenstift für Youtube-Influencer   
(19.06.2019, https://glm.io/142000 )
Apollo Lite: Baidu fährt hochautomatisiert nur mit Kameras   
(21.06.2019, https://glm.io/142077 )
Google: Gebrauchte Nest-Kameras ließen Ex-Eigentümer mitgucken   
(21.06.2019, https://glm.io/142063 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/