Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/frauen-in-der-it-software-entwicklung-ist-nicht-nur-maennersache-2003-141982.html    Veröffentlicht: 12.03.2020 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/141982

Frauen in der IT

Software-Entwicklung ist nicht nur Männersache

Frauen wollen gar nicht in der IT arbeiten? Quatsch, finden diese sieben Entwicklerinnen. Sie erklären, warum sich immer noch so wenige Frauen für Softwareentwicklung entscheiden und was man dagegen tun kann.

Wenn wir über Frauen in der IT schreiben, tauchen in unserem Forum einige Argumente immer wieder auf. Wir haben uns die häufigsten vorgenommen und hinterfragt: Stimmen sie?

Diesmal: Frauen wollen doch eh nicht in der IT arbeiten.

TLDR: Stimmt nicht! Allerdings sind viele von ihnen nicht über ein klassisches Informatikstudium in ihren Beruf gekommen.

Eine in diesem Jahr zum Weltfrauentag veröffentlichte Studie des Branchenverbandes Bitkom hat erneut das Geschlechter-Ungleichgewicht in der Techwelt mit Zahlen belegt: Nach wie vor sind nur 17 Prozent der Mitarbeiter in IT-Unternehmen Frauen. Woher kommt diese geringe Anzahl? Und wie fühlen sich diese 17 Prozent?

Golem.de hat sieben Entwicklerinnen aus unterschiedlichen Bereichen dazu befragt. Die Frauen entwickeln erfolgreich Apps für internationale Fluglinien, bauen Webshop-Plattformen für Konzerne oder veranstalten in ihrer Freizeit ehrenamtlich Programmier-Workshops für Mädchen. Das Verblüffende: Fast alle sind Quereinsteigerinnen, kaum eine von ihnen hat klassische Informatik studiert. Gleichzeitig ist für sie alle klar: Technik ist keine Männersache.

Für die Backend-Entwicklerin Anita Schüttler ist Programmiererin ein guter Beruf für Frauen. Sie war schon in der Schule in ihrem Leistungsfach Mathematik vorn, wusste aber auch, dass sie sich als junge Frau mit dieser Wahl in der Minderheit befinden würde. "Das Bild, dass Mathe nichts für Mädchen sei, hatten damals viele stark verinnerlicht, auch ich", sagt sie. Das hielt Schüttler jedoch nicht davon ab, Medieninformatik zu studieren, nachdem sie im Berufswahlheft der Arbeitsagentur auf den Studiengang gestoßen war. Die 37-Jährige arbeitet seit knapp 15 Jahren in der Software-Entwicklung, seit neun Jahren entwickelt sie mit agilen Methoden E-Commerce im Backend für große Kunden bei der Firma Neuland - Büro für Informatik.



"Ich kam ohne jede Vorerfahrung ins Studium und musste erst mal lernen, 'informatisch' zu denken", erzählt sie. Will heißen: Sich ein grobes Vorgehen überlegen und das Problem dann Stück für Stück in seine Einzelteile zerlegen, um der Maschine exakt sagen zu können, was sie tun soll. Ein bisschen sei Programmieren so, wie eine Reise für ihre fünfköpfige Familie vorzubereiten. "Das ist auch immer erst mal eine riesige Aufgabe, also überlegen wir vorher, wer von uns in welchem Kontext welche Dinge braucht und woher wir die bekommen." Am Ende füge sich alles zu einer großen Packliste, die dann einfach von jemandem abgearbeitet werden könne.

Bei Neuland arbeitet sie mit ihrem Team und über 100 weiteren Menschen aus verschiedenen anderen Firmen daran, eine neue E-Commerce-Plattform für die 18 internationalen Marken des Klingel-Konzerns zu entwerfen. Zum Beispiel baut sie jene Seite des Shops, auf der sich der Kunde ein Produkt im Detail anschauen und sich für den Kauf entscheiden kann. Dafür programmiert sie in Scala oder Java.

Schüttler findet es schade, dass immer noch wenige Frauen Software-Entwicklerinnen werden. "Es ist ein Beruf, für den Frauen eigentlich sehr gut geeignet sind und der sich super mit dem Privatleben vereinbaren lässt. Man kann den Job zu jeder Zeit und von jedem Ort der Welt ausüben. Das ist ein großer Vorteil, wenn man etwa wie ich kleine Kinder hat und während der Elternzeit arbeiten möchte. Außerdem macht Programmieren echt Spaß!"

Letzten Herbst gründete Schüttler mit Kolleginnen eine Frauengilde, um sich firmenintern mit anderen Entwicklerinnen auszutauschen und Bewusstsein für Probleme im Arbeitsalltag zu schaffen. "Wir können uns gegenseitig unterstützen und Erfahrungen teilen, was sehr wertvoll ist. Als Gruppe versuchen wir auch, mit verschiedenen Aktionen Mädchen und junge Frauen zu erreichen, damit die vielleicht Interesse für den Beruf entwickeln."

Gründe für den Mangel an Frauen in der Informatik gibt es aus ihrer Sicht viele. "Aber das Fehlen von Vorbildern, vor allem aus dem persönlichen Umfeld, ist sicher eine der gewichtigeren Ursachen." Seit ihre Tochter vier Jahre alt ist, macht sie gelegentlich mit ihr Programmierspiele und wird so selbst zum Vorbild. "Jetzt erzählt mein Kind immer ganz stolz, dass es schon programmieren kann", sagt sie lachend.

''Theorie? Von wegen!''

"Hätte ich mich früher einfach mal hingesetzt und nachgedacht, wäre ich vielleicht schon eher auf Informatik gekommen", sagt Liliana Lietz. Die italienisch-deutsche iOS-Entwicklerin hat, wie viele Programmierinnen, über Umwege in die Software-Entwicklung gefunden. Sie studierte erst Ingenieurwesen, graduierte dann in Fotografie, zog nach Deutschland und war über den Studiengang Medieninformatik zum ersten Mal mit Programmiersprachen konfrontiert. Heute stellt Software-Entwicklung für sie das beste Fach der Welt dar, denn: "Es ist die praktischste unter allen technischen Disziplinen: Nirgendwo kann man so logisch-technisch denken und setzt sein Denken sofort in eine Handlung um."



In ihrer Kindheit hätten ihre Eltern sie in der Erforschung technischer Gegebenheiten stets unterstützt, erzählt sie, inzwischen entwickelt sie Apps für die meisten Konzerngesellschaften der Otto Group. "Ich liebe Programmieren, denn ich liebe es, Probleme zu lösen - ganz generell im Leben. Es ist für mich wie Puzzle spielen. Man muss die beste Lösung für ein Problem finden und aus Tausenden möglichen Lösungen auswählen."

In ihrem Studiengang Medieninformatik waren die Geschlechter ausgeglichen. Erst als Liliana Lietz auf den Arbeitsmarkt kam, sah sie plötzlich nur noch männliche Entwickler. "Für mich ist das kein Problem, ich fühle mich von ihnen gleich behandelt. In meinem Berufsalltag habe ich nicht mit Vorurteilen zu kämpfen."

Die Vorurteile findet sie eher im Alltag, wo Partybekanntschaften erstaunt klingen, wenn sie sagt, was sie beruflich macht - und ihr dann attestieren, sie sehe gar nicht so aus wie eine Informatikerin. Das Klischee vom männlichen Nerd-Entwickler nervt sie ein wenig. "Aber etwas ändert sich jetzt: Gerade bei meiner Arbeit sehe ich neuerdings viele Azubinen und Praktikantinnen. Die Zukunft wird weiblicher." In ihrem Youtube-Kanal Liliana - The STEMinist stellt sie berühmte Entwicklerinnen vor. Damit will sie mehr Frauen animieren, sich zumindest zu überlegen, ob sie Informatik studieren wollen.

Von Pantoffeln zur Poesie des Programmierens

Eine ungewöhnliche Art Schuhe half Saskia Lund dabei, Entwicklerin zu werden: Pantoffeln, die mit Körnern aufgefüllt werden und die Füße wärmen. Das Produkt war der Renner in einem Außenhandelsunternehmen, in dem sie während ihres Studiums arbeitete.



"Irgendwann fragte mich mein Chef, ob ich nicht einen Onlineshop für dieses Produkt aufsetzen wolle", beschreibt sie den Beginn ihrer Karriere als Programmiererin. Das kann doch nicht so schwer sein, dachte sie sich, setzte sich hin und vertiefte sich in verschiedene Open-Source-Anwendungen. Außer ein paar Kursen Wirtschaftsinformatik hatte sie keine Erfahrung. Durch ihren Vater, der mit ihr als Kind an Computern herumbastelte, hatte sie aber zumindest ein positives Verhältnis zu Technik.

"Ich habe mir in der Software-Entwicklung alles von der Pike auf selbst beigebracht", sagt Lund. Irgendwann gründete sie mit dem Körnerkissenpantoffel-Shop eine eigene Firma. Da die Pantoffeln nur im Winter gefragt waren, hatte sie den Sommer über Zeit, sich in Javascript und PHP zu vertiefen und die Entwicklung ihrer Shop-Website voranzutreiben. "Ich wollte von Excel unabhängig werden und eigene Schnittstellen zu Ebay oder meinem Buchhaltungsprogramm entwickeln."

Irgendwann begann sie zudem, ihr eigenes Wordpress-Theme zu gestalten und merkte, wie viel Spaß ihr die kreative Art der Umsetzung schöner Webdesigns machte. "Code is poetry" - der berühmte Satz von Wordpress wurde ihr Slogan.

Seit 2015 arbeitet sie als Frontend-Webentwicklerin mit Schwerpunkt Wordpress. Nachdem sie für Qatar Airways eine eigenständige Microsite programmiert hatte, die während einer speziellen Kampagne auf der Startseite der Hauptwebsite der Fluglinie verlinkt war, begann sich das Engagement auch finanziell zu lohnen.

Über mangelnde Kundenaufträge kann sie sich nach eigenen Angaben nicht beschweren. Sie ist sich sicher: "Wenn man mit Know-how überzeugt, ist dem Kunden egal, welches Geschlecht man hat."

Lund würde gerne selbst weitere Full-Stack- oder Frontend-Entwicklerinnen ausbilden - nur hat die IHK diese Tätigkeiten trotz der hohen Nachfrage noch nicht als offizielle Ausbildungsberufe zugelassen. "Ich würde mich freuen, wenn in der Schule mehr über die Möglichkeiten unseres Berufsbilds informiert wird - dann würden es sich auch viel mehr Mädchen zutrauen", glaubt sie.

''Weibliche Werte sind wichtig''

In ihrem Studienjahrgang waren nur 14 Frauen. Anna Lundemo erinnert sich, dass ein Professor ihr öfter mal das Gefühl gab, eine dumme Frage gestellt zu haben. "Ich denke, es sind schon diese kleinen Dinge, die gefährlich sind, und die erklären, warum es weniger Frauen im Tech-Bereich gibt", sagt sie. "Wir wachsen mit der Vorstellung auf, dass Frauen emotional und Männer gut in Technik sind." Deshalb müsse eine Frau in der Tech-Welt erst mal gegen Vorurteile angehen - genauso wie ein Mann gegen Vorurteile kämpfen müsse, wenn er mit Kindern oder in der Altenpflege arbeiten möchte.



Lundemo interessierte sich schon während der Schulzeit in Schweden für logisches Denken und war Fan des Fachs Mathematik. Nach dem Abitur wollte sie ihr Interesse an Logik vertiefen und begann, Ingenieurwesen und technische Physik in Stockholm zu studieren. Ein Besuch eines obligatorischen Java- und Python-Kurses während des Studiums weckte Lundemos Interesse an Software-Entwicklung: "Anders als in Mathematik sieht man sofort das Ergebnis seiner logischen Operationen. Nachdem man eine Anwendung entwickelt hat, erscheint sie sofort auf dem Bildschirm."

Als Data Scientist zog Anna Lundemo nach Deutschland und arbeitete in einer Beratungsfirma. Hier war sie für die Optimierung von Datenströmen innerhalb eines Unternehmens zuständig. In der Backend-Programmierung arbeitete sie mit Python im Framework Flask und kümmerte sich um Textanalyse und NLP. Doch nach anderthalb Jahren entschloss sie sich wegen des Arbeitsklimas, die Firma zu verlassen. Obwohl ihr die Software-Entwicklung an sich sehr viel Spaß bereitete. Die Arbeitsatmosphäre sei, so sagt sie, von Schweigen geprägt gewesen. Es sei vermieden worden, Schwierigkeiten zu besprechen.

"Wenn es Probleme gibt, muss man reden, man muss kommunizieren", so Lundemo. "Wenn im Unternehmen kein Wert auf diese traditionell weiblichen Attribute wie Empathie oder wertschätzende Kommunikation gelegt wird, ist das sehr schade." Gerade in der Software-Entwicklung seien Teamarbeit und die damit verbundenen Sozialkompetenzen wichtig. "Wir können uns in der IT-Welt nicht leisten, auf diese Werte zu verzichten."

Jetzt sucht Lundemo nach einer neuen Stelle, in der das Menschliche mit dem Technischen im Unternehmensziel vereint ist. "Ethik von künstlicher Intelligenz, Medizin- oder Umwelttechnologie, das kann ich mir jetzt gut vorstellen", sagt sie.

Coderin und Influencerin

Julia Heidinger ist ein gutes Beispiel dafür, dass Programmierer nicht für das Klischee vom Kellerkind steht. Selbstbewusst und humorvoll veröffentlicht die Hamburgerin Fotos aus ihrem Alltag als Frontend-Developerin. Zum Beispiel mampft sie einen Schokoladen-Weihnachtsmann vor dem Bildschirm und lässt ihre Follower an den Vorbereitungen ihres React/GraphQL-Kurses teilhaben. Oder sie preist Blaubeermuffins als Voraussetzung für einen erfolgreich bestandenen Grid-CSS-Kurs an. Ob auf Konferenzen mit Mikrofon in der Hand oder mit einer Mateflasche im Café: Ihr Laptop als ständiges Arbeitswerkzeug begleitet sie überall hin.



"Ich erhalte durch meine Social-Media-Präsenz viele private Nachrichten von IT-interessierten Mädchen", sagt Heidinger. Weil ihr Alltag für eine Abiturientin in Hamburg greifbarer ist als etwa ein Elon Musk im Silicon Valley, könne sie junge Frauen durchaus inspirieren, einen Beruf als Entwicklerin zu ergreifen, glaubt sie. Und die Programmierinnen von morgen folgen ihr tatsächlich in Scharen: Mittlerweile hat sie 30.000 Follower.

Julia Heidinger kam durch einen Pflichtkurs HTML in ihrem Studium Medien und Information zum Programmieren und war sofort begeistert. "Selbst eine Webseite gestalten zu können, ist ein sehr emanzipatorisches Gefühl."

Durch den eigenständigen Besuch weiterer Programmierkurse und der Arbeit als Werkstudentin in der Software-Entwicklung verschiedener Unternehmen landete sie bei ihrem heutigen Beruf als Web-Entwicklerin bei Gruner und Jahr. "Ich mag, dass ich immer gefordert werde. Je komplexer das Problem, desto besser", sagt sie.

Im März 2019 gründete Heidinger gemeinsam mit einer Mentorin für Webentwicklung, Sabrina Jodexnis, den Social Developers Club. Die beiden Frauen organisieren Veranstaltungen, in denen sich Entwickler zusammen mit Tech-Enthusiasten über neue Trends informieren und austauschen können.

Auf Vorurteile stößt sie in der Tech-Szene kaum. Ihre Erfahrung ist: "Den meisten Entwicklern geht es um die Leistung." Anders als im Alltag, wo sie bei der Nennung des Berufs Webentwicklerin oft auf überraschte Gesichter stößt. "Mir wird oft gesagt: 'Boah, du und Informatik, das hätte ich jetzt nicht gedacht.' Ich versuche, es mit Humor zu nehmen."

App-Entwicklung mit Philosophie-Hintergrund

Der Lebenslauf von Existenzialistin und App-Entwicklerin Mira Jago ist so abwechslungsreich wie eine Spiele-App. Jago studierte Philosophie, gab sudanesischen Flüchtlingskindern in Kenia Mathe-Unterricht, gründete ein Künstlerkollektiv in Berlin und schenkte nachts Whiskey in einer Neuköllner Bar aus - bevor ihr die Idee kam, es mal mit Technik zu versuchen.



Logik war schon während ihres Studiums ihr bevorzugtes Fach, inspiriert von einer Professorin, die in logischen Seminaren ihr Denken weiter herausforderte. Nach dem Abschluss hatte sie aber erstmal genug von Büchern und arbeitete als Managerin im legendären Coworking-Space St. Oberholz in Berlin.

Dort stieß sie auf digitale Nomaden, die, nur mit Handy und Laptop ausgerüstet, von jedem Ort der Welt arbeiten konnten. "Das will ich auch", dachte sich Jago und begann, sich abends nach ihrem Job mit Online-Kursen in Programmiersprachen weiterzubilden.

Sie merkte, dass Software-Entwicklung philosophische Logik in der Praxis ist. Also konzentrierte sie sich auf Software für Smartphones und gründete 2017 eine eigene Firma, die Cuckoo Coding GmbH, die iOS- und Android-App-Entwicklung als Dienstleistung anbietet.

"Apps zu programmieren ist eine abwechslungsreiche Herausforderung, weil du immer auf dem Stand der neuesten Technik sein und dir oft jede Woche neue Frameworks und Programmiersprachen aneignen musst", sagt Jago. Momentan beschäftigt sie sich mit dem Open-Source-Framework Flutter und mit Progressive-Web-Apps.

Der Anfang war aber selbst für jemanden wie sie, die keine Scheu vor Neuem hat, schwer. "Man braucht viel Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten - sonst wird man schnell entmutigt", sagt sie. Einen Grund dafür gebe es eigentlich nicht. "Informatik wird gerne als Raketenwissenschaft dargestellt, dabei ist es nicht so schwer, coden zu lernen."

Eine hohe Frustrationstoleranz müsse man allerdings schon mitbringen. "Vielleicht sind hier Frauen eher entmutigt und denken sich schneller als Jungen, dass sie es nicht könnten", sagt sie. Jago hält deswegen spezielle Angebote für Mädchen wie Girl Code Summercamps und ein starkes Netzwerk von Entwicklerinnen für sehr wichtig. Sie selbst ist fleißig dabei, leitet die Google Developer Group in Hannover und gibt ehrenamtlich Workshops, um Erwachsenen und Jugendlichen Programmieren beizubringen - damit vor allem Mädchen nicht so schnell frustriert sind.

Entmutigung als Ansporn

"Kämpfen ist meine zweite Natur" - unter diesem Motto hat es Sarah Amsellem bis zum Senior Software Engineer bei Google gebracht. Anders als viele andere Entwicklerinnen hatte sie keine mathematische Begabung. "Meine Mathe-Lehrerin sagte mir, ich solle mir einen Beruf ohne Mathematik suchen. Aber ich fand technische Logik schon immer faszinierend und dachte mir: jetzt erst recht".



Ihre Mutter bestärkte sie, ihren Weg zu gehen, gegen alle Widerstände. Nach der knapp bestanden Matura konnte die gebürtige Schweiz-Französin sich der Leidenschaft für Technik widmen und studierte Informatik an der Ingenieurschule in Belfort. "Ich hatte schon das Gefühl, gerade auf der Universität, dass ich mir überall den Respekt verdienen musste", so Amsellem. "Man ist ständig von Männern umgehen und ich glaube, dass ich mehr leisten musste, um Anerkennung zu erhalten."

Amsellem wandelte den Druck in Motivation um. Sie wurde im letzten Jahr Studiengangbeste und absolvierte in Belfort und an der ETH Zürich ihren Master in Computer Graphics, nahm am French Robotics Cup teil. "Jedes Mal, wenn mir weniger zugetraut wurde, war das ein extra Ansporn für mich, mehr zu leisten." Quasi ein erfolgreich antrainierter Überlebensmechanismus. "Ich glaube, andere Frauen halten diesem Druck vielleicht weniger stand und werfen dementsprechend eher das Handtuch im IT-Bereich. Das ist schade, denn die besten Teams sind die gemischten Teams."

Amsellem arbeitete als Software-Entwicklerin in verschiedenen Startups in Zürich, bevor sie zu Apple wechselte und für das iPhone das Tracking von Gesichtsausdrücken für 3D-Emojis in San Francisco konzipierte. Als Projektleiterin war sie dafür verantwortlich, die Smileys in das iPhone zu integrieren.

Jetzt arbeitet sie in der Forschungsabteilung für Deep Learning bei Google und ist Vorstandsmitglied von "We Shape Tech", einem Netzwerk für mehr Diversität in der Tech-Welt. Mit der "Big Boss Lady Speaker"-Serie schaffen sie beispielsweise mehr Sichtbarkeit von weiblichen IT-Führungskräften. Das Ziel ist hochgesteckt: "Wir wollen eine 50/50-Verteilung von Frauen und Männern auf allen Ebenen unserer Partnerfirmen und Sponsoren erzielen", so Amsellem. Aber Kämpfen ist sie ja gewohnt.  (lux)


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