Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/bose-frames-im-test-sonnenbrille-mit-musik-1906-141953.html    Veröffentlicht: 24.06.2019 09:30    Kurz-URL: https://glm.io/141953

Bose Frames im Test

Sonnenbrille mit Musik

Bose bringt seine Sonnenbrille Frames pünktlich zum Sommeranfang auf den Markt: Sie hat eingebaute Lautsprecher, die überraschend gut klingen, für Musikgenuss ist sie dennoch nur eingeschränkt nutzbar. Interessant sind auch einige der Audio-AR-Apps.

Mit der Bose Frames hat sich der US-amerikanische Hersteller auf neues Terrain gewagt und erstmals eine Sonnenbrille auf den Markt gebracht. Allerdings handelt es sich nicht um eine einfache Brille: In den Bügeln sind eine Reihe von Lautsprechern eingebaut, über die der Träger Musik hören kann.

Wir haben uns im Test angehört, ob diese Art der Tonübertragung im Alltag etwas taugt. Der Klang überrascht uns durchaus positiv, je nach Anwendungsszenario hat die verwendete Technik aber ihre Nachteile: So ist es auf dem Fahrrad zwar vorteilhaft, die Umgebungsgeräusche hören zu können, in einem lauten Straßencafé aber nicht unbedingt, wenn wir nur die Musik hören wollen. Als Medium für Musikgenuss sehen wir die Frames insgesamt eher nicht - auch Bose bewirbt die Brille diesbezüglich mit Einschränkungen.

Auf den ersten Blick eine normale Sonnenbrille

Auf den ersten Blick sind bei der Bose Frames nicht sofort die eingebauten Lautsprecher zu erkennen. Trotz der verbauten Technik ist die Brille mit 47 Gramm nicht zu schwer, sie sitzt angenehm auf der Nase. Im Unterschied zu einer normalen Sonnenbrille bemerken wir zwar die breiteren Bügel beim Tragen an den Schläfen, nach kurzer Zeit fällt uns das aber nicht mehr auf.

Unser Testgerät ist das Modell Alto, das mit seiner eckigen Form an den Sonnenbrillenklassiker von Ray-Ban erinnert. Das zweite Modell Rondo hat runde Gläser. Die verbaute Technik ist in beiden Brillen identisch: Die Frames verwendet für die Übertragung von Audiosignalen keinen Körperschall wie manch andere offene Kopfhörer, sondern eine Reihe herkömmlicher Lautsprecher, die in den Bügeln stecken. Diese beschallen die beiden Ohren mit Audiosignalen, die ab einer gewissen Lautstärke auch für Außenstehende hörbar sind. Die Ohren bleiben dafür beim Musikhören komplett frei.

Obwohl wir den Ton nicht wie bei herkömmlichen Kopfhörern direkt ins Ohr eingespielt bekommen, klingen die über die Frames ausgegebenen Audiosignale überraschend voluminös. Die Lautsprecher schaffen es, ein plastisches Klangbild zu erschaffen. Wir stellen aber beim Test verschiedener Musikstile fest, dass generell die Bässe deutlich zu kurz kommen. Verglichen mit herkömmlichen In-Ear- und Over-Ear-Kopfhörern klingt die Frames zudem etwas topfig. Den Klang der Sonnenbrille würden wir insgesamt als mittelmäßig bezeichnen: Für ein derart offenes System ist der Sound gut, verglichen mit herkömmlichen Kopfhörern aber schlechter.

Der Klang leidet zudem sehr unter Außengeräuschen, was angesichts der fehlenden Ohrstöpsel verständlich ist. Kurzgefasst: Je lauter es um uns herum ist, desto weniger hören wir von den abgespielten Inhalten. In einer Straßenbahn beispielsweise ist die Frames auch bei höchster Lautstärke nicht in der Lage, unsere Ohren ausreichend zu beschallen. Wir hören dann höchstens noch einzelne Frequenzspitzen, Details von Liedern oder gesprochene Worte sind für unsere Ohren nicht mehr erkennbar; das Gleiche passiert uns im Straßenverkehr, wenn wir uns an einer lauten Kreuzung befinden. Im Straßenverkehr auf dem Fahrrad ist es zwar sinnvoll, die Umgebung zu hören, um die anderen Verkehrsteilnehmer besser wahrnehmen zu können; auf dem Nachhauseweg wollen wir den Lärm der Bahn aber eigentlich nicht hören.

Kopfhörer für diskreten Musikgenuss

Je länger wir uns mit der Frames auf der Nase in Berlin bewegen, desto häufiger fragen wir uns, was Bose mit dem Konzept eigentlich vorhat. Eine Sonnenbrille wird - ihrem Zweck folgend - wohl hauptsächlich draußen getragen. Draußen ist aber auch der Bereich, in dem die eingebaute Musikbeschallung am wenigsten gut funktioniert. Wer mit der Frames halbwegs anständig Musik hören will, sollte sich in ruhigeren Innenräumen aufhalten. Dort sind Sonnenbrillen tendenziell aber eher nicht so sinnvoll.

Denkbar ist für uns ein Einsatz am Strand, wo wir im Hintergrund Musik hören und gleichzeitig das Rauschen des Meeres genießen können, oder bei anderen Freizeitaktivitäten ohne viele Hintergrundgeräusche. Bei derartigen Einsatzszenarien würden wir aber nicht von Musikgenuss sprechen, sondern eher von Hintergrundberieselung. Diese Einsatzzwecke kommen Boses Vorstellung für die Nutzung der Frames aber wohl am nächsten: Der Hersteller spricht davon, dass sich die Sonnenbrille für "diskretes" Musikhören eignen soll. Der Gesprächspartner soll dabei noch verstanden werden. Ein Ersatz für echte Kopfhörer ist die Frames für uns nicht.

Betrachten wir die Frames jedoch nicht als Kopfhörer zum Musikhören, erscheint uns die Brille sinnvoller. Über die Bose-Connect-App können wir einige Augmented-Reality-Apps mit der Sonnenbrille verwenden, bisher allerdings nur in Verbindung mit einem iPhone. Hier gibt es eine App, die uns im Alltag tatsächlich hilft: die Routennavigation, die allerdings bisher nur auf Englisch erhältlich ist.

Mehr Sicherheit im Straßenverkehr

Fahren wir beispielsweise Fahrrad und tragen die Frames, können wir uns bequem den Weg ansagen lassen. Das funktioniert gut, in den meisten Situationen können wir die Ansagen trotz Straßenlärms ausreichend gut verstehen - Ausnahmesituationen wie das Fahren neben einem lauten Lkw mal ausgenommen. Dass wir die Umgebungsgeräusche hören können, ist ein nicht zu unterschätzender Sicherheitsvorteil gegenüber herkömmlichen Kopfhörern. Alternativ zur Bose-App können wir natürlich auch einfach die Navigation von Google Maps verwenden, die eine deutsche Sprachausgabe hat - und damit die Frames auch mit einem Android-Smartphone für die Navigation verwenden.

Die weiteren AR-Apps sind im Bereich Spielerei einzusortieren, aber durchaus interessant. Sie sind jedoch nicht speziell für die Frames entworfen, sondern können auch mit anderen Bose-Kopfhörern verwendet werden. Als Musikliebhaber finden wir diejenigen Apps interessant, die es uns ermöglichen, uns die Teile verschiedener Musikstücke durch Umherlaufen in einem Raum einzeln anzuhören. So können wir beispielsweise die einzelnen Tonspuren von Elvis' Suspicious Minds genauer unter die Lupe nehmen.

Gut funktionieren die Frames zudem als Headset zum Telefonieren. Die Sprachqualität ist in beide Richtungen gut, unser Gesprächspartner konnte uns gut verstehen. Auch wir hatten keine Probleme mit dem Verständnis, allerdings nur, solange wir uns nicht in einer etwas lauteren Umgebung aufgehalten haben. In einem lauten Bus etwa taugt die Sonnenbrille genauso wenig zum Telefonieren wie zum Musikhören. Beim Telefonieren finden wir es zudem etwas bedenklich, dass Umstehende in einer Umgebung ohne viele Hintergrundgeräusche unseren Gesprächspartner durchaus hören können. Zudem müssen wir beim Telefonieren mit den mitleidigen Blicken der umstehenden Passanten leben, die uns aufgrund der fehlenden Kopfhörer wohl für etwas irre halten.

Lange währt der Spaß mit der Frames leider nicht: Der eingebaute Akku soll Bose zufolge eine Laufzeit von bis zu 3,5 Stunden ermöglichen, was wir bestätigen können. Das ist für drahtlose Kopfhörer sehr wenig. Geladen wird die Sonnenbrille über ein USB-Kabel mit magnetischen Pins. Zum Lieferumfang gehört ein stabiles Etui, in dem die Frames sicher aufbewahrt, aber nicht geladen werden kann - drahtloses Laden wird nicht unterstützt. Den Ladestand können wir zudem nur über die Bose-Connect-App auf unserem Smartphone ablesen.

Die Gläser schützen vor UV-A- und UV-B-Strahlen. Für die Bedienung steht ein einzelner Knopf am rechten Brillenbügel zur Verfügung. Hierüber schalten wir die Brille ein, können die Wiedergabe stoppen und Lieder überspringen. Ausschalten tut sich die Sonnenbrille von selbst. Die Lautstärke lässt sich nicht direkt am Gerät regulieren, sondern nur am Smartphone selbst.

Wir haben Bose gefragt, ob es die Frames auch für Brillenträger mit geschliffenen Gläsern geben wird - aktuell ist die Brille nur ohne Sehstärke verfügbar. Der Hersteller hat uns geantwortet, dass dieses Thema für ihn sehr interessant sei und bald eine entsprechende Ankündigung gemacht werde.

Verfügbarkeit und Fazit

Die Frames kosten bei Bose 230 Euro. Der Preis gilt sowohl für das von uns getestete eckige Modell Alto als auch für das runde Rondo-Modell.

Fazit

Die eingebauten Lautsprecher machen aus der Bose Frames eine Sonnenbrille mit Musikwiedergabe. Der Klang der Richtlautsprecher ist überraschend gut, vor allem die Räumlichkeit gefällt uns. An die Klangqualität richtiger In-Ear- oder Over-Ear-Kopfhörer kommt die Frames aber nicht heran.

Das liegt an mehreren Faktoren: Zum einen erlaubt das offene Lautsprecherkonzept keine ausreichend gute Basswiedergabe. Entsprechend klingt Musik eher dünn in den tiefen Frequenzen, insgesamt würden wir den Klang als etwas topfig beschreiben.

Zum anderen ist die Audiowiedergabe aufgrund der offenen Konstruktion sehr anfällig gegenüber Störgeräuschen. Wollen wir Musik hören, empfinden wir die Umgebungsgeräusche in den meisten Fällen als störend: In der Straßenbahn beispielsweise können wir auch bei höchster Lautstärke nicht mehr erkennen, welches Lied wir gerade hören.

In anderen Situationen ist die Möglichkeit, die Umgebungsgeräusche zu hören, hingegen praktisch - im Straßenverkehr beispielsweise. Beim Fahrradfahren ist ein offener Kopfhörer weitaus sicherer als ein In-Ear- oder Over-Ear-Kopfhörer, bei deren Nutzung wir im Zweifel die anderen Verkehrsteilnehmer nicht mehr hören.

Bose bewirbt die Frames als Audiogerät, um "diskret" Musik hören zu können. Nutzer können Musik hören, gleichzeitig aber noch mit anderen Menschen kommunizieren. Dieses Konzept überzeugt uns allerdings nicht komplett: Wenn wir uns Musik anhören, wollen wir das an irgendeinem Punkt immer bewusst tun; dafür eignet sich die Frames einfach aufgrund ihrer Klangqualität einfach nicht. Die Sonnenbrille bietet keine Möglichkeit, sich doch komplett auf das Musikhören zu konzentrieren, da wir die Umgebungsgeräusche natürlich nicht ausblenden können. Viele Noise-Cancelling-Kopfhörer hingegen bieten umgekehrt einen Social-Modus an, in dem die Außenmikrofone aktiviert werden und Gesprächspartner verstanden werden können.

Wer 230 Euro für die Frames ausgibt, sollte sich bewusst sein, dass die Sonnenbrille kein vollständiger Ersatz für einen guten Kopfhörer ist. Das liegt am Klang und den einstreuenden Nebengeräuschen, aber auch an der nur geringen Akkulaufzeit von nur knapp über drei Stunden. Dafür halten wir den Preis aktuell für ein wenig zu hoch.  (tk)


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