Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/5g-report-nicht-jedes-land-braucht-zur-frequenzvergabe-auktionen-1906-141855.html    Veröffentlicht: 13.06.2019 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/141855

5G-Report

Nicht jedes Land braucht zur Frequenzvergabe Auktionen

Die umstrittene Versteigerung von 5G-Frequenzen durch die Bundesnetzagentur ist zu Ende. Die Debatte darüber, wie Funkspektrum verteilt werden soll, geht weiter. Wir haben uns die Praxis in anderen Ländern angeschaut.

Es kommt nicht häufig vor, dass die in der Regel trockenen, technischen und juristischen Themen der Bundesnetzagentur so viel Beachtung finden wie anlässlich der aktuellen Frequenzauktion und 5G allgemein. "Öffentlichkeit und Medien diskutieren den nächsten Mobilfunkstandard zum Teil mit hohen und zum Teil mit zu hohen Erwartungen", sagt der Präsident der Regulierungsbehörde, Jochen Homann. "Industrie 4.0 und digitalisierte Landwirtschaft - aber auch der Wunsch, alle Funklöcher zu schließen" werde mit der Versteigerung verbunden.

Eine Schieflage in der Debatte um schnelles sowie flächendeckendes mobiles Netz liegt in einer Eigenheit von 5G und den jetzt versteigerten Frequenzen begründet. Je höher der Bereich des zu vergebenden Spektrums ist, desto kürzer sind die Funkwellen und damit ihre Reichweite. Die vergleichsweise hohen Frequenzen rund um 3,6 GHz, um die es nun vor allem geht, reichen so nur, um pro Sendemast einen Radius von bis zu einem Kilometer mit vergleichsweise kleinen Funkzellen zu überbrücken. Damit die ganze Republik zu versorgen, "geht schlicht nicht", erläutert Homann. Deutschland wäre sonst mit strahlenden Telespargeln gepflastert.

Generell lässt sich zwischen Flächenfrequenzen unterhalb von 1 GHz, mit denen möglichst große Regionen wie etwa ländliche Gebiete abgedeckt werden, und Kapazitätsfrequenzen unterscheiden. Letztere liegen oberhalb von 1 GHz und helfen, mit großer Leistung eine hohe Nachfrage zu bewältigen, wie sie etwa in Städten besteht. Die Regulierungsbehörde schätzt, dass mit den nun angebotenen Frequenzen rund viermal so viele Basisstationen benötigt werden, um eine Fläche abzudecken wie bei Funkbereichen unterhalb von 1 GHz. Im Klartext: Für das Schließen der weißen Flecken taugen sie - zumindest bei einem verhältnismäßigen Aufwand - nicht.

Würde man von den Netzbetreibern verlangen, 5G nach der über drei Monate laufenden Auktion flächendeckend auszubauen, müsste jedes Unternehmen noch einmal "zweistellige Milliardenbeträge" auf den Tisch legen, rechnet Homann vor. Dies stünde "in keinem Verhältnis zu einem möglichen Ertrag".

Umkämpfte Versorgungsauflagen

Eine wichtige Größe bei einer Frequenzvergabe sind generell die daran geknüpften Versorgungsauflagen. Diese waren bei der jetzigen Auktion schon zuvor heftig umstritten angesichts der nervenden Funklöcher. Der letztlich von der Netzagentur erarbeitete Kompromiss legt fest, dass die Mobilfunker bis Ende 2022 mindestens 98 Prozent aller Haushalte je Bundesland, die ICE-Trassen, Autobahnen und wichtige Bundesstraßen mit mindestens 100 MBit/s und höchstens zehn Millisekunden Latenz versorgen müssen.

Bis Ende 2024 sollen die übrigen Bundesstraßen mit gleicher Qualität folgen. Für Landes- und Staatsstraßen, Seehäfen und das "Kernnetz der Wasserstraßen" sowie die restlichen Schienenwege sind bis dahin mindestens 50 MBit/s vorgesehen - ohne Vorgaben für die zulässige Verzögerung von Datenübertragungen.

Mit 5G hat das zunächst nichts zu tun. Denn mit 4G, das mit einem mobilen DSL-Anschluss vergleichbar ist, lässt sich eine Empfangsrate bis zu 100 MBit/s gerade noch erreichen, die geforderte Latenz ebenfalls. 5G soll dagegen mit einer Übertragungsgeschwindigkeit zwischen 1 und 20 GBit/s schnell wie Glasfaser sein, die Verzögerungszeit bei einer Millisekunde oder darunter liegen. Damit soll eine Fülle von Echtzeitanwendungen möglich werden.

Das einzige 5G-Ziel bei den neuen Versorgungsauflagen lautet, dass Netzbetreiber bis Ende 2022 je 1.000 einschlägige Basisstationen aufbauen müssen. Aktuell betreibt allein die Deutsche Telekom rund 27.000 Antennenstandorte. Für potenzielle Neueinsteiger heißt es abweichend, bis Ende 2023 mindestens 25 Prozent der Haushalte und zwei Jahre später 50 Prozent zu versorgen - bei 1.000 5G-Masten bleibt es.

Eine lückenlose 5G- oder LTE-Abdeckung ist damit keineswegs zu erwarten: Selbst mit 98 Prozent angeschlossener Haushalte werden nicht mehr als 75 bis 85 Prozent des Gebiets der Republik abgedeckt, schätzen Experten.

Dauerbaustelle Funkloch

2015 erbrachte die Auktion von insgesamt 270 MHz Spektrum im Bereich zwischen 700 und 1.800 MHz aus der "digitalen Dividende" knapp 5,1 Milliarden Euro für die Staatskasse. 2010 konnte der Finanzminister für insgesamt 360 MHz 4,4 Milliarden Euro erlösen. Den großen Hype hatte es im Jahr 2000 gegeben, als die Mobilfunker angesichts des Starts in die UMTS-Ära (3G) über 50 Milliarden Euro für nicht mehr als insgesamt 145 MHz zahlten.

Dafür musste sich die Branche verschulden und hatte dadurch zu wenig Geld für einen umfassenden Netzausbau zur Verfügung. Damals nicht versorgte Funklöcher bestehen bis heute und führten zu einem der größten Dauerärgernisse der mobil telefonierenden Republik. Nicht nur Achim Berg, Chef des IT-Branchenverbands Bitkom, rügte daher die neuen Ausbauregeln zum Start der Versteigerung als "Auflagenkorsett".

Der Digitalfonds wird gefüllt

Sehr besorgt zeigte sich Mitte April auch der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Timotheus Höttges, weil die laufende Versteigerung zu diesem Zeitpunkt schon bei 4,6 Milliarden Euro angelangt war. Dies sei zwar "gut für den Finanzminister und die Finanzämter". Das Geld stehe aber auch für "23.000 Mobilfunkantennen, die wir nicht mehr bauen können". Es sei ein Skandal, dass das Geld "den Firmen, den Bürgern und den Betreibern weggenommen wird". In anderen Ländern werde das Spektrum einfach den Akteuren zugewiesen.

Ganz bei den Fakten blieb der Chef des Bonner Konzerns in seiner Wutrede nicht. Die Einnahmen aus der Versteigerung sollen nach den Plänen des Gesetzgebers in einen Digitalfonds fließen und für den Breitbandausbau sowie die digitale Ausstattung von Schulen ausgegeben werden. Zumindest von der einen in die andere Tasche der beteiligten Unternehmen könnte das Geld folglich so gelangen.

Bereits im Vorfeld hatte die Gewerkschaft Verdi gefordert, die Frequenzblöcke gratis zu vergeben. So könne die Wirtschaft am besten mehr Geld für Investitionen in den Netzausbau freischaufeln.

Wie sieht die Situation in anderen Ländern weltweit aus, die eine führende Rolle bei 5G anstreben und die nächste Mobilfunkgeneration als wichtige strategische Ressource betrachten?



Ausreißer Italien und Vergaben in der EU

Um es vorwegzunehmen: Derart lange und aufgeregte Debatten rund um die Vergabe erster Frequenzanteile für den Standard wie hierzulande gibt es fast nirgendwo auf der Welt.

Einige Regierungen teilen freiwerdendes und für 5G geeignetes Spektrum den Netzbetreibern vor Ort einfach zu, verknüpft mit mehr oder weniger umfassenden Ausbauvorschriften. Findet ein Bieterprozess rund um einschlägige Frequenzen statt, fallen die Erlöse in der Regel deutlich bescheidener aus - selbst wenn man sie ins Verhältnis setzt zum vergleichsweise großen Telekommunikationsmarkt hierzulande.

Ausreißer ist Italien, wo der Staat von den vier nationalen Netzbetreibern Anfang Oktober 6,55 Milliarden Euro bekam. Dafür erhielten die Mobilfunker aber auch vergleichsweise große Blöcke in den Bereichen 700 MHz, 3,6 GHz sowie 26 GHz. Vodafone-Chef Nick Read vermisste im Anschluss eine gesunde Balance zwischen den finanziellen Forderungen des Staates und den nötigen Investitionen in die Mobilfunktechnik.

EU: Pionierbänder für 5G sind koordiniert

Die aktuellen internationalen Vergabe- und Auktionsrunden sind recht unterschiedlich gefasst. Gerne wird zwar - wie hierzulande - in vielen Nationen der Bereich rund um 3,6 GHz für 5G favorisiert. Das ist das klassische Mobilfunkspektrum, zu dem in den vergangenen Jahren niedriger angesiedelte Flächenfrequenzen aus dem Rundfunksektor hinzukamen, die durch die Digitalisierung des vormals analogen Senders frei wurden. Die USA etwa setzen aber für 5G auf den Bereich rund um 30 GHz, in dem auch die Mikrowelle strahlt. Dieser ist sehr kapazitätsstark, hat aber eine geringe Reichweite.

Die EU, in der bisher rund die Hälfte der Mitgliedstaaten Frequenzen für 5G versteigert haben, hat ebenfalls Pläne in diese Richtung. Die Kommission hat dazu Mitte Mai einen Plan zur Harmonisierung des 26-GHz-Frequenzbandes für drahtlose Netze angenommen. Sie sprach in diesem Zusammenhang von einem "weiteren großen Schritt hin zur europaweiten Einführung des schnellen mobilen Internets" mit 5G. Mit der Entscheidung hat die Brüsseler Regierungsinstitution zugleich die EU-weite Koordinierung aller drei auf mobile Datenverbindungen ausgerichteten Pionierbänder (700 MHz, 3,6 GHz und 26 GHz) abgeschlossen, die für die 5G-Einführung erforderlich sind.

Diese Harmonisierung der Funkfrequenzwellen ist laut der Kommission die Basis für grenzüberschreitende drahtlose Kommunikationsdienste und legt gemeinsame technische Bedingungen für die Nutzung dieser Bänder fest. Insbesondere von der Verfügbarkeit des 26-GHz-Bandes verspricht sich die Exekutivinstanz bessere Bedingungen für den Start innovativer Dienste wie hochauflösende Videokommunikation sowie Virtual und Augmented Reality.

Die Harmonisierung des 26-GHz-Bandes muss in allen Mitgliedstaaten bis Ende März 2020 abgeschlossen sein, während die effektive Nutzung von mindestens 1 GHz dieses Spektrums dem Plan zufolge spätestens Ende 2020 erfolgen soll. Die bessere Frequenzkoordination wird nach Angaben der Kommission zusammen mit dem neuen Regulierungspaket für die "elektronische Kommunikation" dazu beitragen, "den künftigen Konnektivitätsbedarf der europäischen digitalen Wirtschaft und Gesellschaft zu decken".

America will bei 5G first sein

"Das Rennen um 5G ist ein Rennen, das Amerika gewinnen muss", hat US-Präsident Donald Trump als Parole ausgegeben. Den Ausbau will der Republikaner vor allem dem Markt überlassen, so dass Washington dafür "nicht viel Geld ausgeben" müsse. Großen Wert legt Trump aber darauf, dass vor allem chinesische Anbieter wie Huawei außen vor bleiben: "Wir dürfen es keinem anderen Land erlauben, die USA bei dieser mächtigen Zukunftsindustrie auszustechen."

Im Frühjahr hat die US-Regulierungsbehörde FCC in zwei Etappen ein erstes Frequenzspektrum für 5G von insgesamt 1,55 GHz Breite im Millimeterband von 28 GHz versteigert. Knapp 6.000 Lizenzen haben dabei insgesamt etwas über 2,7 Milliarden US-Dollar eingespielt. Von einem großen Bieterrennen wie hierzulande war dabei aber keine Spur: Die Marktbeobachter von Telecom Advisory Services hatten 14,5 Milliarden Dollar Einnahmen für "wahrscheinlich" gehalten und die Höchstlatte sogar bei knapp 30 Milliarden angesetzt.

Für den Breitbandausbau in ländlichen Regionen heißt das nichts Gutes: Zehn Prozent der Einnahmen will der Staat für Subventionen in diesem Bereich freimachen, wofür nun zunächst nur eine überschaubare Summe bereitsteht. FCC-Chef Ajit Pai sieht sich deswegen veranlasst, einen Hilfsfonds in Höhe von 20,4 Milliarden US-Dollar aufzulegen. Damit sollen bis zu vier Millionen Haushalte auf dem Lande mit schnellem Internet versorgt werden.

Zu dem recht niedrigen Auktionsergebnis dürfte beigetragen haben, dass Sprint nicht mitgeboten hat: Der Netzbetreiber setzt darauf, dass die FCC die von T-Mobile US angestrebte Fusion der beiden Marktgrößen trotz Befürchtungen bald genehmigt. Neben der Tochter der Deutschen Telekom beteiligten sich so nur AT&T sowie Verizon an der Versteigerung.

Vermutlich wollten die großen US-Mobilfunker auch ihre Ressourcen aufsparen für die im April angekündigte größte Frequenzauktion in den USA. Es geht um die staatliche Signalbreite von 3.400 MHz von Millimeterwellen-Frequenzen rund um 37, 39 und 47 GHz. Die FCC will das Spektrum vom 10. Dezember 2019 an in Blöcken von 100-MHz-Bereichen versteigern und dabei auch Teile erst für 5G tauglich machen.

Das Vorhaben ist an sich umstritten, da sich mit dem Millimeterspektrum nur kleine Bereiche in Städten ausleuchten lassen. Neville Ray, Cheftechnologie von T-Mobile in den USA, hat bereits dafür geworben, möglichst viele Frequenzbereiche für 5G umzuwidmen. Der hochfrequente Bereich biete zwar ein großes Potenzial hinsichtlich Geschwindigkeit und Kapazität, bewege sich jedoch nicht weit vom Zellstandort weg und dringe nicht in Materialien ein. Ein landesweites superschnelles Netz lasse sich damit nicht stricken.

Zumindest zeitlich sind erste Mobilfunkversorger in den USA schon weit vorn beim Start von 5G. Verizon nahm Anfang April erste Antennen für das schnelle Netz in Teilen Chicagos und Minneapolis in Betrieb und gehörte damit weltweit zu den führenden einschlägigen Anbietern. Bis Ende 2019 will der Provider kommerzielle 5G-Netze in 30 US-Städten haben. AT&T hatte zunächst zwölf Städte geplant.

Südkorea, China und Japan sind vorn dabei

Etwas schneller als Verizon waren Betreiber in Südkorea, die wenige Tage vor den US-Amerikanern ihre Netze für den neuen Standard freigaben. In dem südostasiatischen Land haben die drei Netzbetreiber Korea Telecom (KT), SK Telecom und LG Uplus nach Angaben von Branchenvertretern bereits je eine zumindest vierstellige Anzahl von 5G-Basisstationen verteilt und damit sehr weit in die Fläche gehende einschlägige Netze in Betrieb. Allein SK Telecom deckt schon mit 34.000 Sendemasten 85 Städte und Ortschaften ab. Zugleich verfügt Südkorea über ein sehr gut ausgebautes Glasfasernetz, über das bandbreitenhungrige Dienste abgeleitet werden können.

Vor allem der heimische Konzern Samsung will und soll mit dem Vorsprung auf dem Weltmarkt punkten und künftig neben Smartphones und anderen Endgeräten auch Netzwerktechnologie verkaufen. Die Südkoreaner haben dazu mit NEC aus Japan eine Allianz geschlossen, um den angestammten großen Ausrüstern Ericsson, Nokia und Huawei Paroli zu bieten. Vom Markt ausgeschlossen ist der chinesische Konzern in Korea nicht: Er soll für den kleinsten Anbieter des Landes über 10.000 Basisstationen errichten.

Südkoreas Regierung hat 5G-Frequenzen im Juni 2018 für insgesamt 2,9 Milliarden Euro versteigert. Alle Beteiligten machten dabei kurzen Prozess und beendeten die Auktion nach einer guten Woche. Verfügbar waren 280 MHz im 3,5-GHz-Spektrum sowie beachtliche 2.400 MHz im Bereich 28 GHz. Das Ganze war unterteilt in 28 sowie 24 Blöcke, von denen die drei Provider je maximal zehn ersteigern durften.

SK Telecom und KT schnappten sich 100 MHz bei 3,5 GHz, während LU Uplus sich hier 80 MHz sichern konnte. Im 28-GHz-Spektrum bekamen alle 800 MHz Signalbreite. Sie können das Spektrum für zehn beziehungsweise fünf Jahre nutzen.

Parallel zu den Einnahmen stützte die Regierung den Mobilfunksektor mit Steuererleichterungen und schränkte kartellrechtliche Vorgaben ein. Der Staat förderte nicht nur die technische 5G-Entwicklung, sondern mahnte die Netzbetreiber auch zu Kooperationen beim Infrastrukturausbau. Um zudem noch die Marketingkosten zu drücken, drängte er auf einen gleichzeitigen Start der neuen Generation.

Der chinesische Staat treibt 5G voran

Ähnlich wie in Südkorea ist auch in China der Staat bei 5G stark involviert. Die Staatsführung hat viel mit dem neuen Standard vor und beschreibt den Bereich in ihrem 13. Fünfjahresplan als "strategische, sich entwickelnde Industrie" und Wachstumstreiber. In der Agenda Made in China 2025 verspricht die Regierung einen baldigen "Durchbruch in der fünften Generation der Mobilkommunikation". Nachdem Europa bei 2G alias GSM, Japan bei 3G (UMTS) und die USA bei LTE (4G) jeweils die Nase vorn hatten, sieht Peking nun mit 5G die Chance, erstmals die Mobilfunkentwicklung auf globaler Ebene anzuführen.

In China kontrolliert die Regierung mit China Mobile, China Telecom und China Unicom alle drei Mobilfunkanbieter. Ähnlich wie bei vielen anderen Techkonzernen handelt es sich im Prinzip um halbstaatliche Konzerne. Angesichts der enormen Bedeutung, die das Regime 5G zumisst, hat es die Netzbetreiber angewiesen, großflächige Pilotprojekte in Dutzenden Großstädten wie Peking, Schanghai und Shenzhen durchzuführen. China Telecom nimmt mittlerweile für sich in Anspruch, das weltweit größte 5G-Testfeld zu betreiben.

In Xiong'an, einer auf dem Reißbrett geplanten Trabantenstadt 80 Kilometer von Peking entfernt, soll der kommende Mobilfunkstandard seine Fähigkeiten für Experimente mit selbstfahrenden Autos und Smart-City-Zonen unter Beweis stellen. Webfirmen wie Baidu erproben in den Testregionen zudem das Live-Streaming großer Events und Virtual-Reality-Anwendungen. Ähnlich wie in anderen Ländern soll 5G außerdem bei Telemedizin und in der Industrie 4.0 eingesetzt werden.

Im chinesischen System versteht es sich mehr oder weniger von selbst, dass die Regierung den Betreibern einfach Spektrum für 5G zuteilt. Insgesamt haben sie in einem ersten Schritt Ende 2018 dafür 360 MHz Spektrum erhalten. Der Marktführer China Mobile erhielt davon 260 MHz in den Bändern 2,6 und 4,8 GHz, China Telecom und Unicom teilen sich weitere 100 MHz im Bereich 3,6 GHz.

Die Mobilfunker des Landes wollen die ersten kommerziellen 5G-Angebote zwar nicht vor 2020 auf den Markt bringen und hinken damit insbesondere Südkorea und den USA bei der frühzeitigen Verfügbarkeit hinterher. Der Ausrüster China Tower, der die Infrastruktur für die drei Provider betreibt, hat aber angegeben, das gesamte Land drei Jahre nach der Frequenzvergabe mit 5G-Funkmasten abdecken zu können. 2023 sollen demnach alle Chinesen prinzipiell das schnelle Handynetz nutzen können.

Die Vereinigten Staaten werden da kaum mithalten können. Im Gegensatz zu den USA dürfte sich für China in dem Wettrennen auch bezahlt machen, dass in den vergleichsweise niedrigen GHz-Frequenzen für die Flächenversorgung weniger Basisstationen errichtet werden müssen als in den jenseits des Pazifiks versteigerten Millimeterbändern. 2025 könnte die Hälfte aller 5G-Anwender weltweit in China leben, glauben Analysten von CCS Insights.

Japan hat es ohne Frequenzversteigerung geschafft

Japan steht mit an der Spitze in der 5G-Welt und hat ebenfalls auf eine Versteigerung verzichtet. Das dortige Ministerium für Inneres und Kommunikation hat im April stattdessen im Rahmen einer Art Schönheitswettbewerb allen vier Antragstellern je 400 MHz Signalbreite in den Hochfrequenzbereichen zwischen 27 und 29,5 GHz zugeteilt. Die drei etablierten Betreiber NTT Docomo, KDDI und Softbank haben zudem je 200 MHz zwischen 3,6 und 3,9 GHz erhalten, der Neueinsteiger Rakuten Mobile hatte als Tochter des großen Online-Händlers hier 100 MHz beantragt und auch bekommen.

Im Gegenzug für die Nutzungsrechte müssen die Anbieter aber recht weitgehende Versorgungsauflagen erfüllen. So sollen sie mit dem Spektrum binnen zwei Jahren in jeder japanischen Präfektur 5G-Dienste starten und Funkmasten dafür in mindestens der Hälfte aller 4.500 speziell abgesteckten Flächenzonen innerhalb von fünf Jahren hochgezogen haben. NTT Docomo und KDDI haben zudem zugesichert, bis dahin je über 90 Prozent der Bevölkerung mit dem neuen Standard zu erreichen, Softbank und Rakuten haben ihre Vorgaben bei 64 beziehungsweise 56 Prozent gesetzt. Insgesamt hat die Branche zugleich versprochen, 14,4 Milliarden US-Dollar zu investieren, um diese Ziele zu erreichen.

5G-Dienste sollen spätestens zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio bereitstehen. Tests und die Infrastruktur sind schon weit fortgeschritten. In einzelnen Städten wollen Betreiber den künftigen Standard noch in diesem Jahr anbieten.

Auch Frankreich, UK und Skandinavien sind schon weiter

Ein ähnliches Modell wie Japan hat Frankreich für LTE eingeführt und dafür viel Lob auch von deutschen Netzbetreibern erhalten. Die sind es leid, für Frequenzen tief in die Tasche greifen zu müssen. Beim Funkspektrum für 5G plant die Regierung aber eine Auktion, die im 4. Quartal 2019 starten soll. Die Details will die Regulierungsbehörde Arcep noch im Sommer bekanntgeben. Telekommunikationsministerin Agnes Pannier-Runacher dämpfte in einem Interview mit Le Monde jüngst die Erwartungen. Ihr zufolge liegt die Herausforderung darin, den richtigen Ausgleich zwischen den angestrebten Einnahmen des Staates und den Investitionen zu finden, die die Telcos tätigen sollen.

Pannier-Runacher hat ferner klargestellt, dass Frankreich im Gegensatz zu Deutschland kein Spektrum für private Firmen- oder Campusnetzwerke reservieren wolle. Es gebe dafür keinen "klaren" Bedarf bei französischen Organisationen, sagte sie der Zeitung. Es könnte zudem Probleme mit dem Management der Frequenzen geben sowie zu Interferenzen kommen, wenn die verfügbare Signalbreite zwischen zu vielen Akteuren aufgeteilt werde. Den großen einheimischen Betreibern Orange, Altice, Bouygues und Iliad dürfte dies gefallen, da ihnen so keine weitere Konkurrenz auf lokaler Ebene erwächst.

Einen allgemeinen 5G-Fahrplan hat die Arcep im Juli vorigen Jahres aufgestellt. Der Regulierer will demnach den neuen Standard 2020 in ersten Städten am Start wissen und bis 2025 die hauptsächlichen Verkehrswege abgedeckt sehen. 5G-Dienste sollen in den Bereichen 1,5 GHz, rund um 3,6 GHz sowie mittelfristig 26 GHz funken. Die Behörde liebäugelt mit Vorgaben zum Teilen von Infrastruktur, damit die Bürger rascher versorgt werden. Seit 2018 laufen 5G-Pilotprojekte in mehreren französischen Städten wie Paris, Lyon, Bordeaux oder Montpellier.

Großbritannien hat schon lange eine Auktion abgeschlossen

Der britische Regulierer Ofcom schloss schon im April 2018 eine Auktion von Spektrum in den Bändern 2,3 und 3,5 GHz ab. Dabei konnten sich alle vier Mobilfunker des Königreichs neue Frequenzen sichern. O2 (Telefónica) zahlte über 200 Millionen britische Pfund für 40 MHz im Bereich 2,3 GHz und rund 318 Millionen für genauso viel Signalbreite bei 3,4 GHz. Vodafone kaufte sich einen 50-MHz-Block für gut 378 Millionen Pfund allein im 3,4-GHz-Band. EE holte dort 40 MHz für etwas über 300 Millionen. Three begnügte sich mit 20 MHz ebenfalls in diesem Band und gab dafür 151 Millionen Pfund aus, wollte bei 5G-Tests aber Erster sein in Londons Tech City.

In der zweiten Hälfte 2019 will die Ofcom nun noch Frequenzen im 700-MHz-Band versteigern, wo in vielen anderen europäischen Ländern schon wieder alles vergeben ist. Hier zeichnet sich laut einem Bericht der Financial Times eine Mischung aus dem französischen Modell der Gratisvergabe unter hohen Auflagen und einer Auktion ab. Die vier Wettbewerber wollen dazu eine gemeinsame, von der Ofcom beaufsichtigte Betreiberfirma gründen sowie sich selbst zum hundertprozentigen Ausbau in der Fläche und zum Teilen von Infrastruktur verpflichten. Der Regulierer, der sich prinzipiell offen für die Idee zeigt, soll im Gegenzug auf weitere Auflagen verzichten sowie die jährlichen Lizenzierungsgebühren für das versteigerte Spektrum reduzieren.

Skandinavische Länder setzen schon lange auf Glasfaser

Die nordeuropäischen Staaten gelten generell mit als führend beim Netzausbau und setzen seit langem auf Glasfaser. So haben die Premierminister von Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden bereits 2018 ein Bündnis geschlossen, um "die erste und am besten integrierte 5G-Region der Welt" zu bilden. Die entsprechenden Frequenzbänder sollen demnach gemeinsam technisch koordiniert und zunächst länderübergreifende Tests durchgeführt werden.

Dänemark absolvierte so zwischen Februar und April eine Auktion für die 700-, 900- und 2.300-MHz-Bänder, die dem Staat insgesamt knapp 300 Millionen Euro einbrachte. Sonderlich viel Signalbreite erhielten die Anbieter dafür nicht: Three bekam zweimal 10 MHz, TT Network als Joint Venture von Telia und Telenor zweimal 5 MHz und TDC zweimal 15 und einmal 20 MHz.

In Finnland mussten die dortigen drei Netzbetreiber ebenfalls nicht sonderlich tief in die Tasche greifen für 3,5-GHz-Frequenzen. Telia, Elisa und DNA zahlten bei der Versteigerung 2018 zusammen 77,6 Millionen Euro. Die Vergabe von 700-MHz-Frequenzen war bereits ähnlich unspektakulär im November 2016 verlaufen. 26-GHz-Frequenzen sollen im Frühjahr 2020 verkauft werden, Teile davon können die Betreiber aber bereits testweise gemeinsam nutzen.

In rekordverdächtigem Tempo hat Norwegen gerade Blöcke in den Bereichen 700 MHz und 2,1 GHz versilbert. Die Auktion startete am 3. Juni und war zwei Tage später beendet, mit einem Gesamtergebnis von umgerechnet gut 75 Millionen Euro. Bei den allein verfügbaren zweimal 15 MHz im Bereich 2,1 GHz erhielt Ice den Zuschlag. Der Betreiber sowie die Konkurrenten Telia und Telenor sackten zudem alle je zweimal 10 MHz im 700-MHz-Band ein. Für die beiden Letztgenannten ging damit die Auflage einher, gewisse Schienenwege beziehungsweise die Autobahnen zu versorgen. Bis zu 90 Prozent der fälligen Summe können die Telcos zwei Jahre später zahlen, wenn sie dafür parallel die Netze schneller ausbauen.

Der schwedische Regulier PTS gab die Ergebnisse für die Versteigerung erster 700-MHz-Frequenzen im Dezember bekannt. Insgesamt 40 MHz ließen sich die Anbieter Telia, Tele2 und Telenor nach sieben Tagen insgesamt umgerechnet rund 274 Millionen Euro kosten. Tre ging als einziger Provider leer aus. Die Firma hatte sich im Vorfeld über das Auktionsdesign beklagt und kritisierte im April auch die Pläne von PTS, 2,3- und 3,5-GHz-Frequenzen ebenfalls in ähnlicher Form zu versteigern. Dieses Verfahren schwäche den Wettbewerb und führe zu höheren Preisen für die Kunden sowie zu schlechterem Service. Versteigert werden sollen auch Millimeterwellen-Frequenzen rund um 26 GHz. Für 5G-Pilotprojekte gab die Regulierungsbehörde schon 2017 gut 1.200 MHz in verschiedenen Bändern frei. Ähnlich wie die Bundesnetzagentur will sie rund 100 MHz für lokale Netze etwa an interessierte Firmen vergeben.

Übernehmen sich die deutschen Mobilfunker?

Hierzulande fordern die Betreiber derweil noch immer, dass ihnen der Staat künftig freiwerdende Frequenzen im Rahmen eines "Beauty Contest" wie etwa in Japan weitgehend gratis überlassen wird. Zumindest die Opposition haben sie auf ihrer Seite: Der Staat sollte kein oder nur wenig Geld nehmen für das Spektrum, "die Vergabe aber an schärfere Auflagen knüpfen für die Mobilfunkkonzerne", sagt Reinhard Houben, Wirtschaftsexperte der FDP-Bundestagsfraktion und Mitglied im Beirat der Bundesnetzagentur. Der Liberale fordert hier auch eine Neuausrichtung: "Sich an Haushalten zu orientieren, war ein Denkfehler. Dadurch landet man immer wieder in Funklöchern in Deutschland." Künftig sollte die Fläche der Orientierungspunkt sein.

Oliver Krischer, Vize der Grünen-Bundestagsfraktion, sieht dies ähnlich: "Je tiefer die Netzbetreiber in die Tasche greifen müssen, desto höher werden die 5G-Tarife sein" und umso schleppender laufe der Ausbau. Er wirbt zudem dafür, mit den Erlösen den LTE- und 5G-Mobilfunkausbau auf dem Land zu fördern und nicht das Breitband-Festnetz, wo die Fördermilliarden schon vor sich hinschimmelten und kaum abgerufen würden.

Für den Vizepräsidenten der Bundesnetzagentur, Wilhelm Eschweiler, ist dagegen klar: Die Nachfrage für das öffentliche, aber knappe Gut der Frequenzen übersteigt in der Regel das Angebot. Deswegen werde man in begehrten Bereichen wohl kaum an Auktionen vorbeikommen. Der Marktbeobachter Torsten Gerpott hält das Argument, dass sich die Netzbetreiber bei den 5G-Lizenzen übernehmen könnten, zudem für weit hergeholt. Die Mobilfunker kämen hierzulande zusammen auf 25 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr und seien hochprofitabel. Zudem könnten sie die Frequenzen 20 Jahre lang nutzen und in dieser Zeit 500 Milliarden Euro umsetzen.  (skr)


Verwandte Artikel:
Mobilfunk: Trump will Apple als Ausrüster für 5G in den USA   
(21.11.2019, https://glm.io/145148 )
5G: Huawei verliert Ausschreibung für Kernnetz der Telekom   
(21.11.2019, https://glm.io/145145 )
Industrieverbände: 5G-Campusnetze sollen WLAN in Industrie ersetzen   
(20.11.2019, https://glm.io/145118 )
Digital-Staatsministerin: Bär nennt Huawei-Debatte "scheinheilig"   
(20.11.2019, https://glm.io/145103 )
Pirelli Cyber Tyre: Vernetzter Reifen warnt andere Autos vor Gefahren   
(19.11.2019, https://glm.io/145079 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/